in Wissenschaft & Frieden 2011-2: Kriegsgeschäfte, Seite 7–8

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Kosten des Krieges

Die Folgen der US-Antwort auf 9/11

von Andrea Mazzarino

In einer Rede , die der damalige US-Präsident George W. Bush am 28. Juni 2005 auf dem Armeestützpunkt Fort Bragg in North Carolina hielt, sagte er Folgendes über den Irakkrieg: „Angesichts all dieser Gewalt bin ich mir der Frage vieler Amerikaner bewusst: Sind es die Opfer wert? Sie sind es wert, und sie sind unverzichtbar für die zukünftige Sicherheit unseres Landes.“ Als Gründe benannte Bush u.a. die Schaffung von Frieden und Demokratie im Nahen und Mittleren Osten und die Niederwerfung religiöser Extremisten, die zur Durchsetzung ihrer Ideologie bereit seien, Zivilisten zu töten.1 Solange keine vollständige Bilanz der Kosten vorliegt, können wir allerdings nicht abschließend erörtern, ob es die Kriege im Irak und Afghanistan wert waren oder nicht.

Die Ergebnisse des Projektes »Costs of War« (Kosten des Krieges), eines interdisziplinären Forschungsverbundes am Eisenhower Research Project der Brown Universität, legen nahe, dass die Kosten der drei Kriege der USA in Afghanistan und Pakistan (seit 2001) und im Irak (seit 2003) ungeheuer groß sind, sich jeweils unterscheiden und in den beteiligten Ländern sowie den Ländern der internationalen Koalition noch lange nachwirken werden. In diesem Beitrag sollen einige Kernergebnisse des fortlaufenden Projekts erläutert werden.

Humanitäre Kosten

Unter humanitären Gesichtspunkten schließen die Kosten des Krieges auch Todes- und Verletzungsfälle von Soldaten und Zivilisten sowie massive interne und externe Vertreibungen ein. Bis heute2 sind 11.431 Angehörige der US-amerikanischen und Koalitionsstreitkräfte in direkter Folge der genannten Kriege ums Leben gekommen; bei 147.987 wurden Verletzungen und medizinische Probleme diagnostiziert.3

Neben enormen Fluchtbewegungen der Zivilbevölkerung in allen drei Nationen haben die Kriege zum gewaltsamen Tod vieler Zivilisten geführt: 12.000 in Afghanistan, 120.000 in Irak und 20.000 in Pakistan. Es sind viel mehr Menschen den Kriegen zum Opfer gefallen als den Terroranschlägen vom 11. September 2001, 91 Prozent davon Zivilisten.4 Das Missverhältnis der Opferzahlen in diesen Ländern schmälert nicht die Bedeutung jener 2.752 Menschen, die durch die Terrorangriffe vom 11. September in den USA ums Leben kamen oder verletzt wurden.5 Gleichwohl verdeutlichen die Vergleichszahlen die Ironie, die in Bushs Verurteilung derjenigen liegt, die zur Durchsetzung ihrer eigenen Ziele Zivilisten töten.

Soziale Kosten

Die sozialen Kosten der Kriege betreffen in den USA im weitesten Sinne den Verlust von Bürgerrechten an Universitäten,6 die Betreuung von Veteranen durch ihre Familien und Gemeinden,7 die drastische Zunahme häuslicher Gewalt in Familien von Militärs8. Für die in den Kriegsgebieten lebenden Zivilisten gehören zu den Kosten u.a. die Zerstörung von öffentlicher Infrastruktur wie z.B. Krankenhäusern sowie der Verlust der Existenzgrundlage und der Sicherheit.9

In diesem Kontext verdient das Gender-Thema besondere Aufmerksamkeit, weil es in der Begründung der Regierung Bush für die Invasion in Afghanistan und Irak eine zentrale Rolle spielte. Auf einer Pressekonferenz im Jahr 2005 sagte Bush, „die Tatsache, dass Irak eine demokratische Verfassung haben wird, die den Frauen und Minderheiten Rechte einräumt, wird im Nahen und Mittleren Osten einen wichtigen Wendepunkt markieren“.10 Die Realität zeigt ein anderes Bild des Lebens von irakischen Frauen nach dem Beginn des Krieges. Vor dem Golfkrieg 1991 und den Sanktionen in den nachfolgenden 13 Jahren waren sie die ersten arabischen Frauen, die Positionen im akademischen Bereich, im Rechtswesen, der Medizin und der Regierung einnahmen.11 Irakische Frauen wiesen mit 23% der bezahlten Arbeitskräfte im Irak die höchste Beschäftigungsrate von Frauen in der arabischen Welt auf.12 Sie stellten die überwiegende Mehrheit der Angestellten im staatlichen Bereich, z.B. im Gesundheits-, Ingenieurs- und Erziehungswesen.13 Mit Zunahme der Arbeitslosigkeit im staatlichen Bereich in den 1990er Jahren, hatten Männern weit bessere Chancen als Frauen, der Arbeitslosigkeit durch Gründung eigener Unternehmen zu entkommen.14

Nach Kriegsbeginn 2003 waren Beschäftigte der öffentlichen Hand besonders stark betroffen, weil ehemalige irakische Staatsbetriebe infolge des wachsenden Wettbewerbs mit ausländischen Unternehmen oder der Übernahme durch ausländische Investoren von der Bildfläche verschwanden.15 2006 waren mehr als 70% der irakischen Frauen arbeitslos, und ihre Arbeitslosenquote war deutlich höher als die der Männer.16 Im Januar 2009 waren nur noch 17% der irakischen Frauen im aktiven Berufsleben,17 gegenüber 42% im Iran und 29% in Jordanien.18 Ein Hauptargument der Regierung Bush zur Begründung dieser Kriege ist damit nicht haltbar.

Volkswirtschaftliche Kosten

Zusätzlich zu den Kriegslasten, die die Menschen und das Gemeinwesen tragen müssen, sind die volkswirtschaftlichen Kosten der Kriege bei weitem höher, als von der US-Regierung prognostiziert. Seit 2001 hat die amerikanische Regierung aus dem Verteidigungshaushalt schätzungsweise zwei Billionen US-Dollar ausgegeben.19 Dabei ist eine weitere Billion US-Dollar noch gar nicht eingerechnet, die in den nächsten 40 Jahren voraussichtlich für die Gesundheitsversorgung von Veteranen, Invaliditätszahlungen sowie Pensionen fällig werden.20 Diese Kosten ziehen Mittel von anderen Ausgaben für soziale Zwecke ab.

Zwischen 2000 und Ende 2009 hat die Regierung ihre Ausgaben für militärische Aktivposten auf 341 Mrd. US-Dollar erhöht. Würde der gleiche Betrag in die öffentliche Infrastruktur investiert, würde dies aufgrund der gesteigerten Profitabilität einem zusätzlichen Zuschuss um 7,4% an den Privatsektor gleich kommen (das entspricht ca. 150 Mrd. US-Dollar).21 Und auf internationaler Ebene ist keineswegs sichergestellt, dass die Wiederaufbauhilfen, die die USA für die Kriegsgebiete zur Verfügung stellt, wirklich eingesetzt werden, um das Leben der Menschen zu verbessern. Mehr als die Hälfte der 126,5 Mrd. US-Dollar, die die USA für internationale Hilfsmaßnahmen bereit stellte, muss dem nationalen Sicherheitshaushalt zugerechnet werden und wurde z.B. für Militärdienstleister ausgegeben anstatt für das Gesundheitswesen und den Wiederaufbau der Infrastruktur.22

Die US-Regierung und die Zivilbevölkerung in Afghanistan, Pakistan und dem Irak müssen infolge der Invasionen und Besatzungen nach 9/11 viele unvorhergesehene Kosten tragen. Am 1. September 2010 erklärte Präsident Obama den Krieg im Irak offiziell für beendet, nachdem im vorangegangenen August knapp 100.000 amerikanische Soldaten aus dem Land abgezogen worden waren: „Die USA haben einen hohen Preis bezahlt, um die Zukunft des Irak in die Hände seines Volkes zu legen. Wir haben unsere jungen Männer und Frauen entsandt, um enorme Opfer zu bringen, und in Zeiten knapper Kassen im eigenen Land gewaltige Mittel im Ausland aufgewandt […] Nun ist es an der Zeit, das Kapitel abzuschließen.“ 23 Bevor wir das Kapitel dieser Kriege abschließen, brauchen wir eine gründliche Prüfung der Kosten, weil nur dann eine wirklich demokratische Diskussion über die Folgen einsetzen kann.

Anmerkungen

1) Transcript: Bush Speech on Iraq. 28. Juni 2005; www.foxnews.com/story/0,2933,160969,00.html.

2) Dieser Artikel wurde bei W&F am 23. Februar 2011 eingereicht.

3) Catherine Lutz (2011): U.S. and Coalition Casualties for The Burdens of War. An Accounting of the U.S. Military Response to 9/11. Unveröffentlichtes Manuskript vom 5.2.2011, S.3, 5.

4) Catherine Lutz und Neta Crawford (2011): Human Consequences. The Body Counts. Eisenhower Study Group. Unveröffentlichtes Manuskript vom 18.2.2011, S.2.

5) David W. Dunlap: September 11 Death Toll Rises by One, to 2,752. The New York Times, 16. Januar 2009.

6) Hugh Gusterson (2011): The Education System and the Costs of War. Unveröffentlichtes Manuskript vom 3.1.2011.

7) Alison Howell (2011): Who Bears the Burden? Shifting the Responsibility of Care. Uunveröffentlichtes Manuskript vom 29.12.2010.

8) Zoe Wool (2011): The War Comes Home. Unveröffentlichtes Manuskript vom 16.1.2011, S.5-6. Da das Verteidigungsministerium und der Rechnungshof der USA keine verlässlichen Daten über entsprechende Vorfälle in Militärfamilien und -gemeinschaften vorlegen, gibt es keine eindeutigen Beweise, dass dieser Anstieg mit dem Krieg im Irak in Zusammenhang steht.

9) Vgl. z. B. Dahr Jamail (2011): A Wounded Country. Unveröffentlichtes Manuskript vom 5.2.2011; dort werden einige der sozialen Kosten des Irakkriegs aufgelistet.

10) T.G.: Iraqi women? No worries, says Bush. Salon, 23. August 2005; www.salon.com/news/politics/war_room/2005/08/23/women.

11) (B)Russell(s) Tribunal Dossier (2006): Iraqi Women Under Occupation; www.brussellstribunal.org/pdf/Women.pdf.

12) United Nations Development Fund for Women (UNIFEM): Iraq. Country Profiles, Reports, and Fact Sheets on Iraq. 18. Mai 2007.

13) Cynthia Enloe (2010): Nimo’s War, Emma’s War: Making Feminist Sense of the Iraq War. Berkeley: University of California Press, S.24-25.

14) Enloe, a.a.O., S.29.

15) Enloe, a.a.O., S.31.

16) (B)Russell(s) Tribunal Dossier, a.a.O.

17) United Nations Office for the Coordination of Humanitarian Affairs: Iraq Labor Force Analysis 2003-2008. Januar 2009.

18) Tina Susman: Iraq. Unemployment Bad and Getting Worse, Los Angeles Times Blog, 15. Februar 2009.

19) Wheeler, Winslow: The Uncertain but Larger Pentagon Costs of the Post-9/11 Wars. Unveröffentlichtes Manuskript vom 19.2.2011.

20) Bilmes, Linda: Costs of Caring for Veterans of the Iraq and Afghanistan Wars. Unveröffentlichtes Manuskript vom 31.1.2011.

21) Heintz, James: Military Assets and Public Investment. Unveröffentlichtes Manuskript vom 2.2.2011.

22) Anita Dancs (2011): International Assistance Spending Due to War. Unveröffentlichtes Manuskript vom 28.1.2011.

23) Ewen MacAskill: Barack Obama ends the war in Iraq. Guardian online, 1. September 2010.

Andrea Mazzarino ist Kulturanthropologin. Ihre Schwerpunktthemen sind Gender in Politik, Geschäftsleben und Unternehmerschaft sowie Russland und die ehemalige Sowjetunion. Sie promovierte 2010 an der Brown University in Antrophologie und lehrt momentan an der Brown University und am Connecticut College. Übersetzt von Andreas Henneka

in Wissenschaft & Frieden 2011-2: Kriegsgeschäfte, Seite 7–8

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