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Religionen und Weltfrieden

Internationales Symposium zum Friedens- und Konfliktlösungspotenzial von Religionsgemeinschaften, Osnabrück, 20.-23. Oktober 2010 in Osnabrück

von Janina Sentner

Die friedensfördernden und -stiftenden Potenziale von Religionen und Religionsgemeinschaften finden in den öffentlichen und wissenschaftlichen Debatten über das Verhältnis von Religion und Gewalt häufig nur eine sehr marginale Beachtung. Es überwiegt die Wahrnehmung von Religion als gewalteskalierendem Faktor. Nur allzu schnell werden Gewaltkonflikte, deren Akteure unterschiedlichen Religionsgemeinschaften angehören, in die Kategorie »religiöse Konflikte« eingeordnet. Zu dieser Einseitigkeit trägt nicht zuletzt auch der transnationale Terrorismus dabei, der seine Terrorakte mit religiösen Formeln zu legitimieren sucht.

Das Internationale Symposium »Religionen und Weltfrieden«, das vom 20.-23. Oktober 2010 in Osnabrück stattfand, richtete den Blick deshalb gezielt auf die Rolle von Religionen bei der Gewaltprävention, der Deeskalation von Gewaltkonflikten und in Friedensprozessen. Mit diesem Perspektivwechsel sollten neue Impulse sowohl für die wissenschaftliche Forschung, insbesondere für die Friedensforschung, als auch für die öffentliche Debatte über Religion und Konflikt gegeben werden. Wenn Religionsgemeinschaften aber, so die Ausgangshypothese des Symposiums, einen konstruktiven Einfluss auf gewaltförmig ausgetragene Konflikte sowie auf die Friedenskonsolidierung und Gewaltprävention nehmen können, dann ergibt sich hieraus nicht nur die Aufgabe, dieser Thematik eine deutlich größere wissenschaftliche Aufmerksamkeit zu widmen, sondern auch ein politisches Interesse, dieses Potenzial weiterzuentwickeln und effektiver in Friedensprozesse einzubringen.

Die Deutsche Stiftung Friedensforschung hat das Symposium gemeinsam mit dem Forschungsverbund Religion und Konflikt1 sowie mit dem Wissenschaftlichen Rat der Osnabrücker Friedensgespräche2 konzipiert und ausgerichtet. Die großzügige Förderung durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung machte es möglich, die Tagung hochkarätig zu besetzen und sie für ein breitgefächertes Publikum aus Wissenschaft und Praxis zu öffnen. Hierbei erwies sich die Zweiteilung des Symposiums in einen wissenschaftlichen Kernbereich und in öffentlichkeitswirksame Begleitveranstaltungen als überaus hilfreich, da hierdurch unterschiedliche Zielgruppen für eine Teilnahme gewonnen werden konnten.

Den Eröffnungsvortrag des Symposiums hielt der Theologe Prof. Dr. Hans Küng, der sich als Gründer und Präsident der Stiftung Weltethos seit vielen Jahren für den Dialog und Frieden zwischen den Weltreligionen einsetzt. Er mahnte in seinem Beitrag nachdrücklich an, dass die Religionen eine gemeinsame Vision vom Frieden in der Welt entwickeln müssten. Dass hierin ein großes Potenzial liege, verdeutlichten zahlreiche Beispiele von praktischer Friedensarbeit von Religionsgemeinschaften. Küng appellierte an gemeinsame Verantwortung von Religionsgemeinschaften und Politik, sich für friedliche Lösungen von Konflikten einzusetzen.

Die große Beachtung, die dem Symposium zuteil wurde, spiegelte sich auch in der Videobotschaft von Prinz Hassan bin Talal aus Jordanien wider, die bei der Eröffnungsveranstaltung abgespielt werden konnte. Auch der ehemalige Staatspräsident des Iran, Mohammad Chatami, der seiner Einladung zum Symposium nicht folgen konnte, ließ es sich nicht nehmen, eine Grußbotschaft zu senden. Beide Dokumente sind auf der Internetseite des Symposiums einzusehen.

Der erste Tag des Symposiums stand ganz im Zeichen der Auseinandersetzung mit den Friedensbotschaften der fünf großen Weltreligionen Buddhismus, Hinduismus, Islam, Christentum und Judentum. Hierbei richteten die Referenten nicht nur den Blick auf die religiösen Quellen von Friedensvorstellungen und Konzepten, sondern auch auf die ambivalenten Einstellungen zu Toleranz und Gewalt. Zu diesen Themenkomplexen referierten renommierte Experten wie Scott Appleby vom Kroc Institute for International Peace Studies, University of Notre Dame, der sich mit dem Christentum auseinandersetzte, sowie Peter Harvey, ein Buddhismusforscher von der University of Sunderland, der in seinem per Videokonferenz eingespielten Vortrag eindrücklich die buddhistischen Friedenskonzepte vorstellte. Der Vortrag von Ayse Kadayifci-Orellana, American University Washington, zu den Friedensvorstellungen im Islam fand auch deshalb große Beachtung, weil sie sich auf ihre praktischen Erfahrungen mit interreligiösem Dialog und religiöser Friedensarbeit stützen konnte. Mit dem Hinduismus, insbesondere seinem Einfluss auf das Denken Mahatma Gandhis, befasste sich Joseph Prabu, California State University. Ben Mollov, Bar Ilan University, referierte über religiös motivierte Friedenskonzeptionen in wichtigen Strömungen in der jüdischen politischen Ideengeschichte.

Am zweiten Tag des Symposiums richteten die Referenten und Referentinnen die Aufmerksamkeit auf den Stand der Forschung zum Friedenspotenzial von Religionsgemeinschaften und diskutierten Erklärungsansätze für das ambivalente Verhältnis zu Frieden und Gewalt. Den einführenden Plenumsvortrag hielt David Little, Harvard Divinity School, der sein Analysemodell zur Untersuchung ethnisch-religiöser Konflikte vorstellte. Hierbei rückte er vor allem die Rolle von religiöser Toleranz und Intoleranz für das Entstehen von Gewaltkonflikten sowie ihre jeweiligen Ursachen ins Zentrum seiner Analyse. Religion könne einerseits Unterdrückung und Intoleranz auslösen, was insbesondere in autoritären Staaten zum Missbrauch von Religion führe. Demokratische Strukturen hingegen förderten den Schutz von Minderheiten, die Wahrung der Religionsfreiheit und eine Verringerung von ethnisch-religiös motivierter Gewalt.

Das friedensfördernde Potenzial der Religionsgemeinschaften wurde auf den folgenden Panels aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet. Gerhard Robbers hob hervor, dass die Kooperation zwischen Staat und Religionsgemeinschaften der Schlüssel für eine friedliche Koexistenz sei. Der Staat sei der Garant religiöser Freiheit, weshalb seine Aufgabe darin bestehe, den interreligiösen Dialog und Respekt zu fördern. Am Beispiel der zahlreichen Gewaltkonflikte auf dem afrikanischen Kontinent wiesen Mustafa Ali, African Council of Religious Leaders, und Matthias Basedau, GIGA – Institut für Afrika-Studien, darauf hin, dass es auf das Zusammenwirken verschiedener Konfliktfaktoren ankomme, ob Religion Gewalt oder Frieden begünstige. Mangels einschlägiger Forschung fehlten realistische Einschätzungen dazu, wie das friedensfördernde Potenzial von Religionen besser genutzt werden könne. Shanta Premawardhana setzte sich mit der Frage auseinander, unter welchen Bedingungen Religion in Konfliktkonstellationen für politische Zwecke negativ instrumentalisiert wird und wie solchen Entwicklungen entgegengewirkt werden kann. Den Widersprüchen zwischen dem universalistischen Anspruch der Menschenrechte, ihren friedenspolitischen Grundwerten und religiösen Positionen widmete sich der Beitrag von Javaid Rehman, Brunel University London. Hierbei fokussierte er insbesondere auf die Diskussionen im Islam. Daniel Philpott, University of Notre Dame, hob hervor, dass Religionen sowohl in der Theorie als auch in der Praxis einen wesentlichen Beitrag zu Versöhnungsprozessen nach Gewaltkonflikten geleistet hätten. Das in den Religionen verwurzelte Prinzip der Versöhnung beeinflusse maßgeblich einschlägige politische Konzeptionen und Handlungsstrategien.

Der dritte Tag des Symposiums hatte seinen Schwerpunkt auf ausgewählten Beispielen der praktischen Friedensförderung in verschiedenen Weltregionen. In seinem einführenden Plenumsvortrag verdeutlichte Jeffrey Haynes, London Metropolitan University, dass Religion eine noch immer starke, teilweise sogar zunehmende Bedeutung für die Identität von Individuen und sozialen Gruppen, insbesondere in den Entwicklungsländern, habe. Insofern habe der Faktor Religion einen nicht unwesentlichen Einfluss auf die Entwicklung von Gewalt- und Friedensprozessen in der internationalen Politik. In parallel stattfindenden Workshops wurden Erfahrungen aus dem ehemaligen Jugoslawien, dem Irak, Kolumbien, Mozambique und Südafrika in sehr eindrücklicher Weise vorgestellt. Der Generalsekretär von Sant‘ Egidio, Cesare Zucchoni, machte auf die vielseitigen Möglichkeiten informeller Vermittlungsaktivitäten durch Religionsgemeinschaften in akuten Konfliktsituationen oder bei der Beilegung von Konflikten aufmerksam. Positive Erfahrungen hatte seine Organisation insbesondere in Mozambique gesammelt. Der Gründer der buddhistischen Sarvodaya-Bewegung in Sri Lanka, A. T. Ariyaratne, berichtete über sein Fünf-Punkte-Programm zur Konfliktlösung, das auch längerfristige wirtschaftliche, psychologische und spirituelle Auswirkungen von Gewalt berücksichtigt. Susan Hayward, United State Institute for Peace, schilderte in ihrem Beitrag am Beispiel des Irak, wie der interreligiöse Dialog einen Beitrag dazu leisten kann, Gewaltbereitschaft durch den Abbau von religiösen Stereotypen und kulturellen Missverständnissen zu überwinden. Einen anschaulichen Einblick in die psychologisch begleitete Arbeit zur Aufarbeitung von Gewalttraumata und zur Versöhnungsarbeit in Südafrika gab Pumla Gobodo-Madikizela. Der Workshop von Mauricio García Durán aus Kolumbien galt der Rolle von Religionsgemeinschaften in verschiedenen Friedensprogrammen in seinem vom Bürgerkrieg zerrütteten Land. Hierbei hob er insbesondere die Schaffung von Partizipationsmöglichkeiten und die Frage der Gerechtigkeit hervor. Ivo Markovic berichtete über seine interreligiösen Dialogprojekte auf Gemeindeebene im ehemaligen Jugoslawien, mit denen er den Versöhnungsprozess zwischen den verfeindeten Bevölkerungsgruppen unterstützt.

Den Schlusspunkt des Symposiums setzte der Direktor des Kulturwissenschaftlichen Instituts in Essen, Claus Leggewie, der einen großen Bogen vom internationalen System nach dem Westfälischen Frieden bis zur aktuellen innenpolitischen Debatte über Integration und multikultureller Gesellschaft sowie über die Rolle des Islam spannte. In der jüngeren Zeit sei eine wachsende Politisierung von Religionen im Rahmen sozialer Bewegungen zu beobachten, die sie nicht zuletzt auch durch transnationale Organisationsformen zu einem wichtigen politischen Faktor machten. Infolgedessen habe sich zudem die Wahrnehmung von Religion als Konfliktfaktor geändert, was in neue Bedrohungs- und Konfliktszenarien münde, die die innenpolitischen Integrationsdebatten in den westlichen Staaten stark beeinflussten. Leggewie unterstrich jedoch, dass das friedensfördernde Potenzial noch zu wenig Beachtung finde. In Bezug auf die innergesellschaftlichen Konflikte, insbesondere mit den islamischen Gemeinden, plädierte Leggewie dafür, die Gegensätze nicht auf eine grundsätzliche Ebene zu ziehen, sondern diese in »teilbare« Konflikte zu verwandeln, um sie dann im Dialog – und unter Aufgabe hegemonialer Ansprüche – lösen zu können.

Zum Symposium wird eine 15-minütige Videodokumentation erstellt, die auf der Internetseite3 zur Verfügung stehen wird. Darüber hinaus ist die Veröffentlichung der Beiträge in einem Tagungsband in Vorbereitung.

Anmerkungen

1) Der Forschungsverbund Religion und Konfliktf wird von Dr. Markus Weingardt, Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft (FEST) in Heidelberg, koordiniert. Siehe www.religionundkonflikt.de.

2) Siehe www.friedensgespraeche.de.

3) www.religionenundweltfrieden.de.

Janina Sentner

in Wissenschaft & Frieden 2011-1: Moderne Kriegsführung, Seite 60–62

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