in Wissenschaft & Frieden 2011-1: Moderne Kriegsführung, Seite 2

zurück vor

Kriegsführung 3.0

von Regina Hagen

Die Angreifer hungern die Stadt nicht durch monate- oder jahrelange Belagerung aus, sondern bauen hölzernen Türme mit Rädern, schieben diese an die Stadtmauer heran und beschießen die Verteidiger von oben. Gleichzeitig setzen sie Rammböcke ein und schleudern mit Katapulten schwere Steine gegen den Verteidigungswall und in die Stadt hinein.

Mit dieser innovativen Kriegsführungsmethode erlangten die Karthager im vierten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung die militärische Überlegenheit und nahmen die Stadt Selinunt ein.

Die Angreifer schweben weit entfernt in einem »Apache«-Kampfhubschrauber und sind für die Zielpersonen unsichtbar. Sie verfolgen die Szenerie am Boden über die Einblendung auf ihrem Helmvisier, fordern den Schussbefehl an, steigen auf und erschießen unter zynischen Kommentaren zwölf »feindliche Kämpfer«. Anschließend stellt sich heraus, sie töteten unbewaffnete Zivilisten, darunter zwei irakische Journalisten von Reuters. Das geschah im Juni 2007 in Bagdad und wurde erst drei Jahre später durch die Videodokumentation »Collateral Murder« auf Wikileaks weltbekannt.

In Afghanistan schwebt ein Hubschrauber über Zivilisten. Da tritt ein Kämpfer aus der Ansammlung heraus, legt einen Raketenwerfer über die Schulter und feuert ihn ab. Die Waffe spürt mit Infrarotsensoren die Wärme des Hubschraubermotors auf und schießt das teure High-Tech-Gerät des US-Militärs zielsicher ab. Das ist in den letzten Jahren immer wieder geschehen.

Moderne Kriegsführung in Zeiten des asymmetrischen Krieges – ist das darunter zu verstehen?

Alvin und Heidi Toffler beschrieben in ihrem Buch »Überleben im 21. Jahrhundert« (die englischsprachige Ausgabe ist treffender mit »War and Anti-War« überschrieben), im Golfkrieg von 1991 sei die neue, zukünftige Art der Kriegsführung erkennbar geworden, „mit Waffen der Dritten Welle geführt, die auf absolute Treffgenauigkeit, »maßgeschneiderte« Zerstörung und minimale »Kollateralschäden« getrimmt waren. […] Die Konzepte des »erweiterten Gefechtsfelds« und der »Interdiktion« […] spielten von Anfang an eine große Rolle. Auch wurde dem Faktor Information und dem Einsatz intelligenter Waffen“ eine große Bedeutung zugestanden.

Moderne Kriegsführung, modernes Militär „mit Waffen der dritten Welle“ ist also das Gebot unserer Zeit? NATO-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen scheint das genau so zu sehen. Im Oktober 2010 erläuterte er beim German Marshall Fund in Brüssel die „Evolution“ der NATO: „Jetzt ist die Zeit gekommen für NATO 3.0. Ein Bündnis, das die 900 Millionen Bürger der NATO-Länder schützt vor den Bedrohungen von heute und des kommenden Jahrzehnts.“ Und er ergänzt: „Das Strategische Konzept ist die Blaupause für diese neue NATO.“

3.0 klingt ziemlich modern, und die Überschrift des neuen Bündnis-Konzepts wird dem gerecht: „Aktives Engagement, moderne Verteidigung“. Letzteres (um eigene Angriffskriege geht es in den NATO-Verlautbarungen niemals) scheint dringend vonnöten, denn „[i]n vielen Regionen und Ländern auf der ganzen Welt werden moderne substanzielle militärische Fähigkeiten beschafft“. „Angriffe auf Computernetze“, die „Entwicklung von Laserwaffen“, „elektronische Kriegsführung und Technologien, die den Zugang zum Weltraum verhindern“ – so beschreibt die NATO nicht etwa ihr eigenes Arsenal, das potentielle Gegner ihrerseits zur Aufrüstung treibt, sondern anstehende Bedrohungen, gegen die sich das Bündnis noch besser wappnen soll.

Waffentechnologische Konsequenz der transatlantischen Allianz: „Abschreckung auf der Grundlage einer geeigneten Mischung aus nuklearen und konventionellen Fähigkeiten“ (wie modern ist denn das?), „robuste, mobile und dislozierbare konventionelle Kräfte“, „Raketenabwehr“ und sonstige „Fähigkeiten“ zur Verteidigung oder zum Schutz vor den oben genannten und vielen weiteren »Bedrohungen«. Nicht verwunderlich also, dass die NATO „gewährleisten [wird], dass das Bündnis bei der Bewertung der Auswirkungen neuer Technologien auf die Sicherheit eine Vorreiterrolle spielt“.

In einer 1997 erstellten Studie stellte das Fraunhofer Institut Naturwissenschaftlich-Technische Trendanalysen fest, Streitkräfte und Rüstungsverantwortlichen reagierten auf die Gefahr »neuer Bedrohungen« „einerseits dadurch, dass sie eine einmal vorhandene Fähigkeit nur dann aufgeben, wenn jeder vernünftige Zweifel ausgeräumt ist, und andererseits durch breit angelegte vorhaltende Sicherung von wehrtechnischen Optionen.“

Und doch: Trotz High-Tech-Waffen stimmt wohl, was Martin van Creveld in »Zukunft des Krieges« (1991) prognostiziert: „Es wird ein Krieg der Abhörgeräte und der Autobomben sein, Männer werden sich aus nächster Nähe gegenseitig umbringen, und Frauen werden in ihren Handtaschen Sprengstoffe mit sich herumtragen mitsamt den nötigen Drogen, um sie zu bezahlen. Der Krieg wird langwierig, blutig und grauenvoll sein.“

Das klingt wie Afghanistan heute. Ist das modern?

Ihre Regina Hagen

in Wissenschaft & Frieden 2011-1: Moderne Kriegsführung, Seite 2

zurück vor

weitere Informationen dieses Fenster ausblenden