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Theoretische Herangehensweisen der Friedens- und Konfliktforschung

IV. Workshop des AK Theorie der Arbeitsgemeinschaft für Friedens- und Konfliktforschung, 15.-17. Juli 2010 in Augsburg

von Sina Birkholz und Andreas Jacobs

Mit der expliziten Thematisierung der theoretischen Grundlagen der Friedens- und Konfliktforschung (FuK) knüpfte der IV. Workshop des AK Theorie der Arbeitsgemeinschaft für Friedens- und Konfliktforschung (AFK) direkt an die Debatten der drei vorausgegangenen Workshops des AK an. Im Laufe der von der Berghof Stiftung für Konfliktforschung finanzierten Workshop-Reihe hatte sich herauskristallisiert, dass viele der teilweise heftig geführten Diskussionen um konkrete Gegenstände von den unausgesprochenen Standpunkten der TeilnehmerInnen zu den großen meta-theoretischen Fragen von Normativität, Epistemologie und Methodologie bestimmt waren.

Entsprechend erschien die dezidierte Thematisierung genau dieser Grundlagen der Theoriebildung in der FuK dringend geboten. Diese Einschätzung, soviel sei vorweg genommen, sollte sich bestätigen: Auch wenn reichlich Zündstoff für zukünftige Theorie-Workshops über divergierende Epistemologieverständnisse und Methodenpräferenzen übrig blieb, so wurde doch mit Blick auf die Rolle von Normativität in der Theoriebildung, aber eben auch hinsichtlich des Selbstverständnisses der FuK an sich, ein weitgehender Konsens erzielt.

Zwischen den Zeilen lesen

Am IV. Workshop in Augsburg nahmen 28 Friedens- und KonfliktforscherInnen unterschiedlicher geistes- wie sozialwissenschaftlicher Disziplinen teil. In drei Panels wurden erstens »Die Aufgaben und Ziele der Theoriebildung in der Friedens- und Konfliktforschung« diskutiert, zweitens »Die normativen Dimensionen der Theoriebildung« ergründet sowie drittens »Wege zu friedenswissenschaftlicher Einsicht« mit Blick auf Epistemologie und Methodologie gesucht.

Die textuelle Ausgangsbasis für den Workshop bildeten sechs Diskussionspapiere. Bereits im ersten Panel konstatierte Michael Henkel, dass keines der Papiere explizit Position bezieht zu den Zielen friedenswissenschaftlicher Theoriebildung. In guter alter AFK-Tradition wurde diese Frage daher von außen (namentlich von Christoph Weller) an die Texte herangetragen. Während Gertrud Brücher prospektive Normprüfung in ihrem Papier als zentrale Aufgabe der FuK identifiziert, steht für Michael Berndt das Erklären und Verstehen bzw. die Kritik der Reproduktion von Gewaltverhältnissen im Vordergrund. Für Eva Herrschinger soll die Theoriebildung an zentraler Stelle die Schließung von Diskursen, z. B. über Gerechtigkeit, beobachten. Sabine Jaberg definiert die Reflexion der normativen Prämissen als Aufgabe der Theoriebildung, während Eva Senghaas-Knobloch auf die policy-Orientierung fokussiert. Der Beitrag von Peter Schlotter und Simone Wisotzky schließlich enthält sich der teleologischen Bestimmung und verweist auf die Pluralität und die dennoch bestehenden gemeinsamen Charakteristika der Theorieansätze.

Alle Papiere, so Henkel in seiner Einleitung zum ersten Panel, befassen sich zumindest implizit mit dem Selbstverständnis der FuK. Dies veranlasste ihn zu der provokanten Frage, ob – wenn die FuK in den 40 Jahren seit ihrem Bestehen primär um die Frage der eigenen Identität kreist – es »die« FuK überhaupt gibt. Davon angestoßen wurde diskutiert, was die FuK abhebt von anderen Disziplinen bzw. was sie eigentlich zu einer eigenständigen Disziplin werden lässt: Etwa ihr spezifisches Thema, also »der Friede«? Oder ihre Methodologie bzw. ihr besonderes »Methodenarsenal«? Oder ist die FuK primär deshalb eine Disziplin, weil sie sich in den letzten Jahrzehnten zunehmend institutionalisiert hat? Etwa durch die Einrichtung spezifischer Stiftungen und Lehrstühle oder durch die Schaffung eigener friedenswissenschaftlicher (Master-)Studiengänge im Zuge der Bologna-Reform?

Interessanterweise spiegelte die Zusammensetzung und Positionierung der Teilnehmer des Workshops genau diese Institutionalisierung wieder. Jörg Calließ, der Historiker, betrachtete die FuK ebenso wie andere, der Friedensbewegung entstammenden Forscher als akademische »Zweitwohnung«, die sich primär durch die normative Orientierung am Thema Frieden auszeichnet. Mit Julika Bake bspw. hingegen wohnte dem AK Theorie wohl erstmals eine Forscherin bei, die ihre akademische Sozialisation in der institutionalisierten FuK durchlaufen hat.

Unentrinnbare Normativität

Während die identitätsprägende Institutionalisierung also faktisch voranschreitet, bleibt das spezifische Thema der FuK, wie im Laufe der Diskussion sehr deutlich formuliert wurde, aber nach wie vor der entscheidende identitätsstiftende Faktor: Die Aufgabe der FuK sei in jedem Fall eine normative, nämlich die Entscheidung »für« den Frieden (was immer der Begriff für den/die Einzelne/n auch bedeuten mag) und somit die Orientierung des Wissenschaftszweigs an, im Sinne dieser normativen Grundentscheidung wirkender, gesellschaftlicher Einflussnahme.

Diesem Postulat wurde nicht widersprochen, ganz im Gegenteil fand sich zunehmend ein Konsens dahingehend, dass die Gemeinsamkeit friedenswissenschaftlicher Forschung darin bestehe, dass an ihrem Ausgang stets das Bekenntnis zu Gewalttransformation und zur Vision einer Welt der zivilen Konfliktaustragung stehe. Dieser normative Grundimpuls sei der Kern der »unentrinnbaren Normativität«, welche alle Friedens- und KonfliktforscherInnen teilen. Damit konstituieren sich die primären Aufgaben für die Theoriebildung darin, zum Einen die unausgesprochenen Voraussetzungen der eigenen normativen Position zu klären und zum Anderen, die eigene Involviertheit auf möglichst allen Analyseebenen im Forschungsprozess zu reflektieren.

Allein: Was diese Einsicht für die konkrete Forschung, zuvorderst für die Methodologie und Methode, aber z. B. auch für den Friedensbegriff bedeutet, blieb hoch umstritten. Für Jaberg besteht die Konsequenz darin, offensiv mit der eigenen Normativität umzugehen, um neue Erkenntnisse im Schlagabtausch der Positionen zu gewinnen. Lothar Brock treibt diese Offensivität so weit, dass er die diskurstheoretisch inspirierte »Schließung« des Friedensbegriffs zur Notwendigkeit für die FuK erklärt. Die von ihm vorgeschlagene »Füllung« des Begriffs orientiert sich dabei an seiner Position in der akademischen Debatte um den erweiterten Sicherheitsbegriff und des neuen liberalen Interventionismus: Als anzustrebender Wert steht die Eliminierung physischer Gewalt als Regulativ menschlicher Beziehungen im Fokus. Die kontroversen Diskussionen um einen umfassenden Friedensbegriff würden durch eine solche Begriffsfüllung ad acta gelegt (zumindest solange diese Füllung im friedenswissenschaftlichen Diskurs eine hegemoniale Position einnimmt). Als Normen für die FuK gelten für Brock das Primat der zivilen Konfliktbearbeitung und die rechtsstaatliche Einbindung von Gewalt, die zugrunde liegende ontische Prämisse besteht in der – kontroversen – Annahme eines universalisierbaren Interesses aller Menschen, nicht der Willkür Anderer ausgesetzt zu sein.

Zwar erleichtert ein derart starker, »geschlossener« Friedensbegriff die Profilierung in der Wissenschafts-Community und die Etablierung von Frieden als Gegengewalt. Nichtsdestotrotz steht er im krassen Gegensatz zu der von Herrschinger geforderten »gerechten Praxis«, da Schließungsversuche in Diskursen immer zugleich – notwendigerweise – von der Exklusion abweichender Positionen und ihrer Träger begleitet werden.

Auch wenn Andreas Herberg-Rothe in Anlehnung an eine frühere Studie Helma Paschs zum Friedensbegriff in afrikanischen Sprachen die Existenz eines »Körpers der Bedeutungsvarianten« für Begriffe wie Frieden, Demokratie, Gewalt behauptete, hegte Weller Zweifel, ob eine solche Füllung des Begriffs tatsächlich sowohl inter-kulturell als auch inter-subjektiv zustimmungsfähig sei. Darüber hinaus forderte er, dass wenn der geschlossene Friedensbegriff die Basis für das Selbstverständnis der FuK als Wissenschafts-Community darstellen soll, diese Schließung in jedem Fall wissenschaftlich begründet werden müsse. Die wissenschaftlichen Kriterien für die inhaltliche Setzung des Begriffs seien erst zu entwickeln.

Glaubwürdigkeit durch Reflexion

Für Weller schienen die eigentlich relevanten Fragen, welche aus obiger epistemologischer Positionierung erwachsen, jedoch auch ganz andere zu sein: Wie kann im Forschungsprozess Distanz gewonnen und die eigene Involviertheit reflektiert werden? Wie kann die Erkenntnis der eigenen Involviertheit in der FuK oder, noch besser, in den (Sozial-)Wissenschaften im Allgemeinen integriert werden, so dass wissenschaftliche Analyseergebnisse nicht als vorhersehbare bloße Reproduktionen der eigenen normativen Prämissen diskreditiert werden können?

Mit diesen Fragen wurde der Kreis geschlossen, da sie sowohl an die Debatte um den Disziplinstatus der FuK anknüpften, als auch Themenfelder für die zukünftige Arbeit des AK Theorie eröffneten: Zwar kann die eigene, spezifische Methode kein notwendiges Kriterium für die Existenz einer akademischen Disziplin sein (wie Pasch unter Verweis auf etablierte Fächer wie die Romanistik oder Afrikanistik deutlich machte). Wenn die FuK aber das Postulat von der »unentrinnbaren Normativität« und den Verweis auf die zwangsläufige Involviertheit des Forschers als gesellschaftliche Konfliktpartei und wahrnehmendes Subjekt anerkennt und diese auch noch zum Identität stiftenden Faktor erhebt, dann ist sie nicht nur vollständig im Konstruktivismus angekommen, sondern muss sich auch systematisch Gedanken über die method(olog)ischen Konsequenzen dieser epistemologischen Einsichten machen.

Erste Ansätze hierzu wurden gegen Ende des dritten Panels unternommen. Max Webers bereits zum Klassiker avancierte Empfehlungen, das eigene Erkenntnisinteresse offen zu legen, und die Möglichkeit, Emotionen als Vorform der Erkenntnis oder als Gegenstand der Forschung in den Erkenntnisprozess einzubringen, wurden ebenso diskutiert, wie die Möglichkeit, von anderen Disziplinen, namentlich der Ethnologie und Geographie, zu lernen.

Während Weller auf die von ihm bereits angewandte Vorgehensweise verwies, das eigene Beobachten zu reflektieren, um dann mehrere Beobachtungsweisen alternativ darlegen zu können, wartete Brock mit einer Skizze zur »Ethik des wissenschaftlichen Arbeitens« auf. Aus der Position der Forscher, die mit »Wir in der Welt« zu charakterisieren ist, resultiere nach seinem Wissenschaftsverständnis die Notwendigkeit, im Forschungsprozess Forderungen nach Redlichkeit, Offenheit, Liebe zur Sache und gesellschaftlicher Nützlichkeit gerecht zu werden. Auch wenn diese Skizze gerade aufgrund ihres Konzept-Charakters und der Brock eigenen Entschlossenheit begeistern konnte, wurde schnell klar, dass sie ohne die konkretere Befassung mit der Frage der Methodik bloßer Appell bleiben müsse.

Methodenfragen sind Zukunftsfragen

Dementsprechend angeregt wurden die Debatten um die der Forderung nach wissenschaftlicher Reflexivität angemessenen Methoden auch in der Pause nach dem letzten inhaltlichen Panel fortgeführt. Nur folgerichtig griff die Abschlusssitzung des Workshops, in dem die Weiterarbeit des AK Theorie inhaltlich wie organisatorisch geregelt wurde, diese Themen wieder auf. Große Einigkeit bestand darin, dass, um es mit Simone Wisotzkys Worten zu sagen, „die Methodenfrage reizt“ und dass nur interdisziplinäre Betrachtungen und Erfahrungsaustausch dieser Thematik gerecht werden können.

So war schnell klar, dass der nächste Workshop des AK Theorie sich mit der Methodenfrage auf einer breiten interdisziplinären Basis auseinandersetzen soll. Heftig umstritten blieb, ob solch ein „Wettstreit der Methoden“ (Christina Schües) an einem einzigen oder zumindest einer kleinen Auswahl von konkreten Gegenständen vorgenommen werden soll, oder ob die vorausgegangenen Tagungen nicht gerade den Bedarf an abstrakteren Debatten belegt hatten.

Die genaue inhaltliche Ausgestaltung des nächsten Workshops wird dem neu gewählten Sprecherteam des AK Theorie, bestehend aus Julika Bake, Andreas Bock und Christina Schües obliegen, die Christoph Weller und Sabine Jaberg nach langjähriger erfolgreicher Tätigkeit als Sprecher-Team des AK Theorie ablösen.

Sina Birkholz und Andreas Jacobs

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