in Wissenschaft & Frieden 2010-4: Konflikte zivil bearbeiten, Seite 68–69

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Gute Gründe für Nuklearwaffen?

Gespräche mit politischen Akteuren und Akteurinnen

von Sarah Maria Koch

Die Frage nach den »guten Gründen« von Nuklearwaffen scheint eine rhetorische zu sein und wird von der Leserschaft vermutlich – wie einst von der Autorin – reflexartig zurückgewiesen: „Es gibt keine guten Gründe für Nuklearwaffen!“ Wie aber kann es dann sein, dass die Anzahl der Nuklearwaffenstaaten seit dem Ende des Kalten Krieges nicht ab-, sondern zugenommen hat, nukleare Abschreckung in den nationalen Sicherheitsstrategien immer noch salonfähig ist und nach wie vor über 23.000 nukleare Sprengköpfe existieren? Im Rahmen ihrer Diplomarbeit suchte die Autorin das Gespräch mit politischen AkteurInnen und RegierungsvertreterInnen und ging der Frage nach, aus welchen Gründen manche von ihnen zögern, sich aktiv für nukleare Abrüstung einzusetzen, oder nukleare Rüstung gar befürworten.

Die Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges (IPPNW) mahnen: „Das nukleare Erbe des Kalten Krieges ist nicht überwunden.“ Sie verweisen auf die Tatsache, dass weltweit noch immer über 23.000 Nuklearwaffen in den Arsenalen lagern.1 20 dieser Waffen sind nach wie vor in Deutschland stationiert.

Nuklearwaffen werden von den Besitzstaaten als (noch) unverzichtbare Garanten für nationale Sicherheit und Frieden bezeichnet. Gleichzeitig steht fest, dass der Einsatz dieser Waffen ein unvorstellbares Maß an Zerstörung, Tod und Leid verursachen würde und im Extremfall das Überleben der gesamten Menschheit gefährden könnte.2 Zwar haben Nuklearwaffen in der öffentlichen Wahrnehmung heute im Vergleich zur Zeit des Kalten Krieges eine relativ geringere Bedeutung, doch in den nationalen Sicherheitsstrategien der Nuklearwaffenstaaten und ihrer Verbündeten spielen sie noch immer eine wesentliche Rolle.

Im Unterschied zu den biologischen und chemischen Waffen gibt es bis heute keinen völkerrechtlich verbindlichen Vertrag, der Nuklearwaffen ächtet.3 Der Nichtverbreitungsvertrag4 von 1970, welcher aufgrund seiner strukturellen Schwäche und mangelnden Wirksamkeit in der Kritik steht (vgl. Hall und Steffen, 2010, S.64, sowie Müller, 2009, S.12), gibt den rechtlichen Rahmen für die internationalen Verhandlungen über nukleare Abrüstung vor. Bei der diesjährigen Überprüfungskonferenz des Vertrages in New York waren nach jahrelangem Stillstand zwar hoffnungsvolle Bewegungen zu beobachten, zugleich machte sich in Anbetracht altbekannter Argumente und Konfliktstellungen aber auch Ernüchterung breit: Noch längst wird der nuklearen Abrüstung und dem Ziel einer nuklearwaffenfreien Welt nicht die Priorität eingeräumt, die ihnen in Anbetracht des ungeheuerlichen Zerstörungspotentials von Nuklearwaffen zustehen müsste. Woher kommt das? Warum zögern politische AkteurInnen, sich für die Abschaffung von Nuklearwaffen einzusetzen? Mit welcher Begründung können Waffen mit einem unvorstellbaren Zerstörungspotential in der heutigen Sicherheitspolitik eine Option sein? Diesen Fragen wollte ich mich im Rahmen meiner psychologischen Diplomarbeit widmen und nach den »guten Gründen« für Nuklearwaffen suchen.

Ziele und Methoden der Arbeit

Inspiriert wurde ich dabei durch die IPPNW, welche im Rahmen ihres Programms »Dialogue with Decision-makers« regelmäßig mit PolitikerInnen und DiplomatInnen über die medizinischen Folgen eines Atomkrieges und über nukleare Abrüstung diskutieren.5 Die ÄrztInnen beziehen sich dabei auf ihr medizinisches Berufsethos, stellen nukleare Sicherheitsstrategien in Frage und versuchen, bei ihren GesprächspartnerInnen eine Einstellungsänderung zu Nuklearwaffen zu erreichen.6

Ziel der Diplomarbeit war es, Argumente und Assoziationen zu diesem sicherheits- und abrüstungspolitischen Thema zu kategorisieren und ein »System persönlicher Argumentationslinien« zu erstellen, das zur Vorbereitung von friedenspolitischen Dialogen genutzt werden kann. Denn, so die Vermutung, um ein glaubwürdiges und nachhaltiges Lobbying für nukleare Abrüstung zu betreiben, sollten NuklearwaffengegnerInnen die vielfältigen Gründe der EntscheidungsträgerInnen verstehen. Ein weiteres Ziel der Arbeit bestand darin, Erkenntnisse aus der psychologischen Forschung und Praxis auf die Abrüstungs- und Nichtverbreitungsdebatte zu übertragen.

Für die Datenerhebung führte ich qualitative Interviews mit 13 Abgeordneten des Deutschen Bundestages (aus den Ausschüssen für Auswärtiges, Verteidigung sowie Abrüstung und Nichtverbreitung) sowie mit zwei RegierungsvertreterInnen.7

Das System persönlicher Argumentationslinien

Auf einer inhaltlich-thematischen Ebene können verschiedene Argumentationslinien für und gegen Nuklearwaffen unterschieden werden. So kann z.B. unter einem kognitiv-funktionalen Gesichtspunkt argumentiert werden, dass Nuklearwaffen in einer multipolaren Welt weder sinnvoll eingesetzt werden können noch wirksam abschrecken. Eine ethisch-moralische Begründung verneint jegliche Legitimität der unterschiedslos tötenden Waffe und verweist auf übergeordnete Werte wie Menschlichkeit und Gerechtigkeit.8

Die kontextuelle Ebene bezieht sich auf Strukturen und Entscheidungsprozesse des politischen Systems und somit auf Aspekte, die das Thema Nuklearwaffen indirekt betreffen. Hier zeigt sich, dass abhängig von der politischen Agenda das Thema als mehr oder weniger wichtig sowie als unterschiedlich geeignet für die öffentliche Diskussion eingeschätzt wird. Die Zugehörigkeit zur Regierungspartei führt u.U. dazu, dass aufgrund von Koalitionsvereinbarungen Anträge der Oppositionsparteien trotz inhaltlicher Zustimmung abgelehnt werden.9

Auf einer weiteren Ebene werden psychologische Phänomene der sozialen Kognition und der Informationsverarbeitung angesiedelt, so z.B. die Wahrnehmung anderer, die Bereitschaft zur Selbstreflexion und Perspektivenübernahme. Es zeigen sich auch unterschiedliche Strategien im Umgang mit der thematischen Komplexität: Komplexe Vorgänge werden auf lineare Ursache-Wirkung-Zusammenhänge reduziert oder abgesichertes Wissen wird durch Spekulationen ersetzt. Manche GesprächspartnerInnen thematisierten dagegen offen ihr Nicht-Wissen und mahnten zur Demut hinsichtlich der Komplexität des Themas.

Schließlich verdeutlicht eine persönliche Ebene, dass jede/r EntscheidungsträgerIn einen individuellen Bezug zum Thema »Nuklearwaffen« hat, abhängig von biographischen Ereignissen, persönlichen Idealen, politischen Ambitionen oder Befürchtungen und Gefühlen, die mit dem Thema in Verbindung gebracht werden.

Nuklearwaffen – ein „lyrisches Thema“?

In den Gesprächen dominierte oft eine rationale, verhandlungstaktische Denkweise. So wurden Nuklearwaffen z.B. als ein „lyrisches Thema“ beschrieben, taktische Nuklearwaffen werden als „Verhandlungsmasse“ gesehen, oder es wird gegen einen Abzug der Nuklearwaffen aus Deutschland argumentiert, weil dies Vorteile im internationalen Beziehungsgeflecht gefährden könnte. Durch das nüchterne Abwägen von Vor- und Nachteilen geraten im sicherheitspolitischen Diskurs die humanitären Folgen eines Nuklearwaffeneinsatzes in den Hintergrund. Bei der Lobbyarbeit für nukleare Abrüstung erscheint daher eine Rückbesinnung auf das konkret Menschliche und auf übergeordnete Werte wichtig. Es stellt sich allerdings die Frage, unter welchen Umständen diese »Appelle an die Menschlichkeit« von EntscheidungsträgerInnen angenommen und nicht als »zu emotional« verworfen werden.

Ein Fazit der Diplomarbeit ist, dass ein Dialog, der menschliches Leid und ethische Werte in den Vordergrund stellen will, auf einer persönlichen Ebene und in einer vertrauensvollen Atmosphäre stattfinden sollte. Durch offene Fragen und aufmerksames Zuhören können altbekannte Argumente, diplomatische Floskeln und polarisierende Schuldzuweisungen überwunden werden. Der positive Effekt des empathischen Zuhörens ist aus der psychologischen Beratung und Therapie bekannt (vgl. z.B. Rogers 2006), und er kann auch im Dialog mit EntscheidungsträgerInnen genutzt werden, um eine vertrauensvolle Atmosphäre zu schaffen – die im besten Falle auch im Gegenüber den Wunsch nach Verständnis fördert und eine Einstellungsänderung erzeugt. In den Gesprächen mit meinen InterviewpartnerInnen habe ich wiederholt die Erfahrung gemacht, dass sich die Atmosphäre positiv veränderte, wenn ich eine offene und persönliche Frage stellte, z.B. nach biographischen Erinnerungen, persönlichen Idealen oder konkreten Ängsten.

Die perspektivische Attributionstendenz

Ein aus der sozialpsychologischen Forschung bekanntes Phänomen beschreibt die Tendenz, fremdes Verhalten mit Verweis auf Charakter und Persönlichkeit zu verstehen (er ist aggressiv), das eigene Verhalten dagegen vor dem Hintergrund kontextueller Zwänge zu erklären (ich musste mich verteidigen). Im Bereich der internationalen Beziehungen wird dieses Phänomen als »perspektivische Attributionstendenz« bezeichnet (Fiedler 2004, S.108) und verweist auf den Doppelstandard, eigenes und gegnerisches Verhalten unterschiedlich zu interpretieren. Ganz in diesem Sinne erklärte ein Interviewpartner, dass es vernünftig sei, eigene Nuklearwaffen zu besitzen oder durch einen nuklearen Schutzschirm der Verbündeten geschützt zu sein, solange es Nuklearwaffen gäbe – und nannte etwas später die Bestrebungen mancher Nationen nach Nuklearwaffen ein Zeichen von Machtgelüsten und Geltungsdrang.

Direkte vs. strukturelle Gewalt

Einer der Begründer der Friedensforschung, Johan Galtung, unterscheidet »direkte Gewalt« von »struktureller Gewalt« (Fuchs und Sommer 2004, S.8) und beklagt, dass das Konfliktgeschehen (direkt beobachtbare Gewalt, Vertragsverletzungen einzelner) meist mit der Konfliktformation verwechselt wird, die alle Beteiligten umfasst, welche an einer Lösung des Konfliktes interessiert sind (Galtung et al. 2003, S.38). Vergleichbar zeigte sich in den Interviews, dass Fragen nach spontanen Assoziationen zum Thema Nuklearwaffen meist im Hinblick auf ihren Einsatz und ihre Zerstörungskraft beantwortet wurden. Wenn also im Gespräch über Nuklearwaffen und nukleare Abrüstung vor allem die Gefahren und mögliche Vertragsverletzungen im Zentrum stehen (z.B. nuklearer Terrorismus oder Vermutungen über ein iranisches Atomwaffenprogramm), strukturelle Faktoren (z.B. die Tatsache, dass die fünf offiziellen Nuklearwaffenstaaten zugleich die ständigen Mitglieder des UN Sicherheitsrates sind) hingegen vernachlässigt werden, kann dies einem Erfolg von Abrüstungsbemühungen im Wege stehen.

Auch die »positive Sicherheitsgarantie«, die im NATO-Vertrag verankert ist und den Bündnispartnern ohne Nuklearwaffen einen »nuklearen Schutzschirm« verspricht, birgt bei genauem Hinsehen Aspekte struktureller Gewalt. Die Begründung der USA lautet, man dürfe die Bündnispartner nicht im Stich lassen, da sie sonst versucht seinen, selbst Nuklearwaffen zu entwickeln (vgl. Hall und Steffen 2010, S.13). Dies klingt nach einem Schutzversprechen, das weniger auf Kooperation und Vertrauen zwischen den Bündnispartnern, sondern vielmehr auf Angst und Misstrauen gegenüber dem eigenen Schützling beruht.

Die Frage nach dem Warum

Mit Rothman (1997) lässt sich argumentieren, dass die Frage nach dem Warum und nach den »guten Gründen« helfen kann, diese weniger offensichtlichen, strukturellen Aspekte in den Vordergrund zu rücken und somit altbekannte Argumentationsmuster aufzubrechen und Verhandlungen voranzubringen. Rothman betont – wie viele andere Experten der Konfliktforschung – die Wichtigkeit, Motive und Bedürfnisse zu erkennen, welche den kontroversen Positionen zugrunde liegen. Dies gilt besonders, wenn es sich um einen so genannten Identitätskonflikt handelt, der nicht nur Ressourcen und Interessen sondern auch tiefer liegende Aspekte wie Würde, Stolz und Sicherheit betrifft (Rothman 1997, S.10). Die meisten meiner InterviewpartnerInnen verbanden mit dem Thema Nuklearwaffen sowohl Macht- und Statussymbolik wie auch Sicherheits- und Schutzbedürfnisse, und es kann deshalb angenommen werden, dass die Kontroverse um Abrüstung und Nichtverbreitung identitätsrelevante Aspekte beinhaltet. Der iranische Präsident Ahmadinejad verwies in seiner Rede auf der diesjährigen Überprüfungskonferenz des Nichtverbreitungsvertrages genau auf diese Aspekte: „Das Streben nach nachhaltiger Sicherheit ist ein inhärenter und instinktiver Wesenzug der Menschen und ein historisches Trachten. Kein Land kann es sich leisten, seine Sicherheit zu ignorieren.“ 10

Zur konstruktiven Bearbeitung eines Identitätskonfliktes schlägt Rothman vor, nach einer Phase der Polarisierung und gegenseitigen Beschuldigungen eine Phase der analytischen Empathie und Selbstreflexion einzuleiten. In dieser zweiten Phase wenden sich die Beteiligten den Gründen und Bedürfnissen ihres Gegenübers zu und hinterfragen die eigenen Positionen. Zwei Zitate, wiederum aus Reden der Überprüfungskonferenz 2010, veranschaulichen die polarisierende Haltung: „Diejenigen, die den ersten Atombombeneinsatz verübten, werden zu den am meisten Gehassten in der Geschichte gezählt“, zeigte Ahmadinejad in seiner Rede auf die USA. Sich selbst präsentierte er als Vertreter „einer großartigen, zivilisierten und kulturreichen Nation Iran, welche schon immer der Herold war für die Verehrung Gottes, für Gerechtigkeit und Frieden in der Welt.“ 11 US-Außenministerin Clinton merkte im Gegenzug an, dass sie einen Präsidenten und ein Land repräsentiere, die für die Vision einer nuklearwaffenfreien Welt stehen, zeigte ihrerseits auf die Außenseiter, die die Regeln des Systems verletzten, und tadelte den Iran als das einzige Land im Konferenzsaal, das sich nicht an die Regeln des Systems halte – und wiederholte: „das einzige!“ 12

Dieser bilderbuchartige Schlagabtausch mag amüsieren, doch er ist auch Grund zur Besorgnis, wenn davon ausgegangen werden kann, dass gegenseitige Schuldzuweisungen nicht den benötigten fruchtbaren Boden bilden, auf dem die vielen konstruktiven Lösungsvorschläge gedeihen könnten, die bereits in die Debatte eingebracht wurden.

Es ist fraglich, ob der Zeitpunkt kommen wird, an dem eine der Konfliktparteien innehält und sagt: „Wir haben Angst vor Euch. Wir fühlen uns in unserer Würde verletzt“ und offen fragt: „Warum verstoßt ihr gegen die Regeln? Was sind Eure Ängste und Wünsche?“ und sich dann die Antwort wirklich anhört.

Der Teufelskreis der Nicht-Abrüstung und Weiterverbreitung

Teufelskreis der Nicht-Abrüstung und Weiterverbreitung

Abb. 1. Der Teufelskreis der Nicht-Abrüstung und Weiterverbreitung stellt in vereinfachter Weise dar, wie Akteure des Abrüstungs- und Nichtverbreitungsregimes sich gegenseitig wahrnehmen und aufeinander reagieren; nach dem Teufelskreisschema von Schulz von Thun (2001)

Das Teufelskreisschema aus der Kommunikationspsychologie (Schulz von Thun, 2001, S.28), das zur Beschreibung zwischenmenschlicher Beziehungsdynamik dient, könnte helfen, diese Polarisierung und die Suche nach dem Hauptschuldigen zu überwinden (siehe Abb. 1).

In der systemischen Psychotherapie werden Ursachen von Kommunikationsschwierigkeiten oder psychischen Störungen nicht in erster Linie dem Individuum, sondern einem (Fehl-)Funktionieren des ganzen Regelsystems zugeschrieben (z.B. der Familie oder der Firma). In ähnlicher Weise kann ein meta-perspektivischer Blick auf die Kontroverse in der Abrüstungsdebatte helfen, gegenseitige Schuldzuweisungen zu überwinden und die Verantwortung aller beteiligter Parteien für Erfolge in der Abrüstung und Nichtverbreitung herauszustreichen.

Visionäre Abrüster und kontrollierende Realisten

Abb. 2. Visionäre Abrüster und kontrollierende Realisten - wie sie sich selber sehen und was sie ihren Gegnern vorwerfen; nach dem Werte- und Entwicklungsquadrat von Schulz von Thun (2001)

Daran schließt die Frage an, welche Vorgehensweisen und welche konkreten Maßnahmen Erfolg versprechen. In manchen Interviews wurde darauf hingewiesen, dass Abrüstungsziele „realistisch“ formuliert und Vorgehensweisen „rational“ durchdacht sein sollten. Andere Gesprächspartner betonten wiederum die Wichtigkeit von Vertrauen, Mut und Visionen. Das Werte- und Entwicklungsquadrat (Schulz von Thun, 2001, S.42) kann hier zur schematischen Veranschaulichung dienen, wie »Realisten« und »Visionäre« ihre eigenen Werte hochhalten und bejubeln, während sie die Werte und Prioritäten der anderen belächeln oder gar verabscheuen (siehe Abb. 2).

Die Forderung der Visionäre wird von den Rationalisten als unrealistisch oder naiv bezeichnet, umgekehrt prangern die Visionäre die Mutlosigkeit und das imperialistische Gehabe ihrer Kontrahenten an. Keine der Parteien fragt nach, warum die Gegenpartei eine bestimmte Vorgehensweise bevorzugt. Dabei wird übersehen, dass beide Seiten wichtige Aspekte einer konstruktiven Herangehensweise verkörpern, die in ihrer Kombination der Komplexität des Themas gerecht werden könnten: in der Balance zwischen einer wohlüberlegten Einschätzung der existierenden Gefahren und einer mutig-visionären Haltung, die die Wahrscheinlichkeit erhöht, neue Lösungswege zu finden – hin zu einer Welt ohne Nuklearwaffen.

Literaturverzeichnis

Blum, Inga (2008): Evaluation von Dialogen und Gesprächen über Nuklearwaffen zwischen Hamburger Studierenden, Ärzten der IPPNW, Politikern und Diplomaten. Carl Friedrich von Weizsäcker-Zentrum für Naturwissenschaft und Friedensforschung der Universität Hamburg, Occasional Paper No. 6.

Fiedler, Klaus (2004): Soziale Kognition und internationale Beziehungen. In: Sommer, Gert und Fuchs, Albert (Hrsg.), Krieg und Frieden. Handbuch der Konflikt- und Friedenspsychologie (S.103-115). Weinheim: Beltz.

Fuchs, Albert (1998): Wo bleibt die Moral bei der Geschicht’? Parteizugehörigkeit und politisch-moralische Situationsbeurteilung als Determinanten der Entscheidung zum Einsatz der Bundeswehr in Ex-Jugoslawien. Institut für Friedensarbeit und Gewaltfreie Konfliktaustragung, Arbeitspapier Nr. 8.

Fuchs, Albert & Sommer, Gert (2004): Ansatz – Ziele und Aufgaben – Kontroversen. In: Sommer, Gert & Fuchs, Albert (Hrsg.), Krieg und Frieden. Handbuch der Konflikt- und Friedenspsychologie (S.3 – 30). Weinheim: Beltz.

Galtung, Johan, Jacobsen, Carl G. & Brand-Jacobsen, Kai Frithjof (2003): Neue Wege zum Frieden. Konflikte aus 45 Jahren: Diagnose, Prognose, Therapie. Minden: Bund für Soziale Verteidigung.

Hall, Xanthe & Steffen, Jens-Peter (2010): Wenn Worten nicht die richtigen Taten folgen. Vorraussetzungen für den Erfolg der Überprüfungskonferenz in New York. In: W&F-Dossier 64, Next Stop New York 2010 – Hintergründe zu den NVV-Verhandlungen, April 2010.

Müller, Harald (2009): Die Zukunft der nuklearen Ordnung. In: Staack, Michael (Hrsg.): Die Zukunft der nuklearen Ordnung. Bremen: Edition Temmen.

Rogers, Carl (2006): Die Entwicklung der Persönlichkeit. Stuttgart: Klett-Cotta.

Rothman, Jay (1997): Resolving Identity-Based Conflict in Nations, Organization, and Communities. San Francisco, California: Jossey Bass.

Schulz von Thun, Friedemann (2001): Miteinander reden 2. Stile, Werte und Persönlichkeitsentwicklung. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt.

Anmerkungen

1) http://www.ippnw.de.

2) Vgl. Pressemittelung der IPPNW vom 9. April 2008; http://www.ippnw.de/atomwaffen/gesundheitliche-folgen.html.

3) Einige Nichtregierungsorganisationen arbeiteten einen Modellentwurf für eine Nuklearwaffenkonvention aus, Verhandlungen über ein völkerrechtliches Verbot von Nuklearwaffen fanden bislang aber nicht statt; siehe http://www.atomwaffena-z.info/fileadmin/user_upload/pdf/nwc.pdf.

4) Der Wortlaut des Vertrags sowie Informationen zu seiner Geschichte und zur Überprüfungskonferenz finden sich in W&F-Dossier 64, Next Stop New York 2010 – Hintergründe zu den NVV-Verhandlungen, April 2010.

5) Blum (2008) evaluierte mehrere dieser IPPNW-Dialoge und zeigte auf, dass eine systematische Vorbereitung und eine klare Zielsetzung Bedingung für einen erfolgreichen Dialog darstellen.

6) Einen Einblick in das Programm »Dialogues with Decision-makers« der IPPNW sowie eine ausführliche Darstellung der Ergebnisse meiner Diplomarbeit finden sich in der Publikation »Dialogues on nuclear disarmament with decision-makers«, die anlässlich des IPPNW-Weltkongresses 2010 in Basel veröffentlicht wurde.

7) Die Interviews wurden im Mai und Juni 2009 durchgeführt, während der 16. Legislaturperiode und kurz vor den Neuwahlen des Deutschen Bundestages am 27. September 2009.

8) Die Einstellungsdimensionen »kognitiv-funktional« und »ethisch-moralisch« beziehen sich auf die Militarimus-Pazifismus-Skala von Cohrs, Christopher J. (2004). In: Sommer, Gert und Fuchs, Albert: Krieg und Frieden. Handbuch der Konflikt- und Friedenspsychologie. Weinheim u.a.: Beltz.

9) So zeigte auch Fuchs (1998, S.1), dass bei der Entscheidung über den Einsatz der Bundeswehr im Ehemaligen Jugoslawien die Regierungsnähe der Parteien „um ein Vielfaches bedeutsamer war für das Entscheidungsverhalten als die moralische Perspektive.“

10) Die Rede des iranischen Präsidenten ist einsehbar unter http://www.reachingcriticalwill.org/legal/npt/revcon2010/statements/3May_Iran.pdf. Das Zitat wurde von der Autorin aus dem Englischen übersetzt und lautet im Originaltext: „The pursuit of sustainable security is an inherent and instinctive part of human being and a historical quest. No country can afford to ignore its security“.

11) Im Original: „Those who committed the first atomic bombardment are considered to be among the most hated in history […] Presenting a great, civilized and rich-in-culture nation of Iran, who has always been the herald of worshiping God, justice and peace in the world […]“.

12) Die Rede von US-Außenministerin Hillary Clinton vor der Überprüfungskonferenz ist einsehbar unter http://www.reachingcriticalwill.org/legal/npt/revcon2010/statements/3May_US.pdf.

Sarah Maria Koch ist diplomierte Gebärdensprachdolmetscherin, studierte in Bern und Hamburg Psychologie und lebt zurzeit in Wien. Ihre Diplomarbeit entstand unter der Betreuung von Prof. Alexander Redlich und Prof. Martin Kalinowski am Psychologischen Institut der Universität Hamburg in Kooperation mit dem Carl Friedrich von Weizsäcker-Zentrum für Naturwissenschaft und Friedensforschung (ZNF) und wurde mit dem Gert-Sommer-Preis 2010 des Forums Friedenspsychologie auszeichnet. Die Arbeit ist einsehbar unter http://www.znf.uni-hamburg.de/diplomKoch.pdf. Die Autorin würde sich über Rückmeldungen und fachlichen Austausch sehr freuen: sarah.maria.koch@gmail.com.

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