in Wissenschaft & Frieden 2010-4: Konflikte zivil bearbeiten, Seite 7–10

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Kriege: Definitionen, Formen, Folgen

von Lotta Mayer

Krieg ist ein sehr alter Gegenstand der Sozialwissenschaft, mit dem sich schon Thukydides auseinandersetzte. Entsprechend gibt es eine Vielzahl von konkurrierenden Kriegsdefinitionen. Dieser Artikel gibt einen Überblick über verschiedene Definitionen und Formen des Krieges und verdeutlicht knapp dessen Folgen auf die Machtrelationen von Akteuren und seinen Einfluss auf verschiedene Gesellschaftsbereiche. Abschließend wird die Bedeutung entsprechender Zusammenhänge für mögliche Interventionen skizziert.

Kriegsdefinitionen

Während die moderne Soziologie soziale Konflikte in einem weiten Sinn als Grundtatbestand der Gesellschaft begreift und deren Ursachen sowie negative und positive Folgen analysiert (vgl. Bonacker, 2002), vernachlässigt sie Krieg und andere Formen kollektiver Gewalt weitgehend (vgl. Joas/Knöbl, 2008). In der Politikwissenschaft dagegen ist die Kriegsforschung fest etabliert; dafür wird das Thema mit jeweils ganz spezifischen Verengungen behandelt. So konzentrierte sich die bis zum Ende des Ost-West-Konflikts dominante Theorieschule des (Neo-)Realismus gemäß ihres Axioms, nur Staaten als Akteure im internationalen System anzuerkennen bzw. dieses als Staatensystem zu konstruieren, ausschließlich auf zwischenstaatliche Kriege.

Nach dem Ende des Ost-West-Konflikts entdeckte die Politikwissenschaft innerstaatliche Kriege für sich; dies war angesichts ihrer zahlenmäßigen Dominanz gegenüber den zwischenstaatlichen Kriegen seit dem II. Weltkrieg überfällig (vgl. Schlichte, 2002, S.155). Während der Blockkonfrontation galten innerstaatliche Gewaltkonflikte als »Stellvertreterkriege«. An die Stelle dieser schon damals fragwürdigen gewordenen Erklärung trat danach der Begriff der »Neuen Kriege« (vgl. u.a. Kaldor, 2000; Münkler, 2002). Sie unterschieden sich, so die Vertreter des Ansatzes, von Staatenkriegen wie von »klassischen Bürgerkriegen« (vgl. Münkler, 2002, S.24ff und S.44ff): Der Krieg werde von der „Fortsetzung der Politik mit andern Mitteln“ (von Clausewitz, I/24) zur „Fortsetzung der Ökonomie mit anderen Mitteln“ (Lock, 2002, S.271). Hiermit ist eine wesentliche Verkürzung benannt, auf der dieser Ansatz beruht: die Reduktion menschlichen Handelns auf das Zweckrationale (vgl. Joas/Knöbl, 2008, S.320f).

In der quantitativen Konfliktforschung definieren einige wenige Ansätze Kriege über formale Kriegserklärungen (vgl. Richardson, 1960), mit denen heute jedoch kaum ein Krieg beginnt. Die vorherrschende Schule definiert Kriege im Anschluss an das »Correlates of War«-Projekt als bewaffnete Konflikte unter Beteiligung mindestens eines Staates, die 1.000 oder mehr Kriegstote pro Jahr fordern (vgl. Small/Singer, 1982). Das scheint zunächst wenig, doch ist der Schwellenwert willkürlich und stößt auf Datenprobleme – umso mehr, als die Mehrheit der kriegerischen Konflikte in unzugänglichen Gebieten ausgefochten wird, wo selten neutrale Beobachter die Toten im Kampf dokumentieren (die Opfer von Flucht und Hunger werden ohnehin nicht gezählt). Die Grenze ist implizit am »klassischen Staatenkrieg« orientiert, weshalb andere Kriegsformen teilweise nicht erfassbar sind. So aber erscheint die Welt in der Statistik friedlicher, als sie ist.

Letztlich kommen bei den genannten politikwissenschaftlichen Ansätzen jeweils nur bestimmte Kriegsformen in den Blick, und eine systematische theoretische Auseinandersetzung mit nicht-kriegerischen und nicht-gewaltsamen Konflikten fehlt weitgehend. Dadurch aber ist es nicht möglich zu verstehen, wann und warum Konflikte zu Kriegen eskalieren, wiederum deeskalieren und oft erneut eskalieren.

Diese Entwicklungen sind nur erfassbar, wenn Kriege als spezifische dynamische Form sozialer Konflikte begriffen werden. Ein solches Verständnis findet sich in Ansätzen in den Hamburger und Heidelberger Traditionen der Konfliktforschung.1 Das Heidelberger Institut für Konfliktforschung (HIIK) geht von einer qualitativen Definition von Konflikten aus, auf deren Basis fünf Intensitätsstufen unterschieden werden: Zwei nicht gewaltsame, eine sporadisch gewaltsame und zwei hoch gewaltsame (vgl. HIIK, 2003, S.2). Die beiden letzteren, genannt »ernste Krise« und »Krieg«, bezeichnen Formen des organisierten Gewalteinsatzes in größerem Ausmaß. Dabei unterscheiden sich Kriege von ernsten Krisen, der schwächeren Form hochgewaltsamer Konflikte, durch ihre Systematik, die in großem Umfang eingesetzten Mittel sowie das schwerwiegende und nachhaltige Ausmaß an Zerstörung. Diese Definitionen sind so flexibel, dass sie verschiedene Formen von Konflikten und des »Chamäleons« Krieg (von Clausewitz, I/28) erfassen können.

Formen des Krieges

Zumeist erfolgt die Definition der Kriegstypen über die Akteurskonstellation, womit zwischen- und innerstaatliche Kriege unterschieden werden. Die quantitativ ausgerichteten Forschungsinstitute unterscheiden zusätzlich »extra-systemische« bzw. Dekolonialisierungskonflikte sowie »non-state wars«, die ausschließlich zwischen nichtstaatlichen Akteuren ausgetragen werden. Beide können als Formen innerstaatlicher Konflikte begriffen werden.

Qualitativ werden jene unter Heranziehung weiterer Merkmale in die o.g. »klassischen« Bürgerkriege, bei denen eine armeeähnliche Rebellengruppe gegen den Staat agiert (vgl. Waldmann, 2002), und die »neuen« Kriegen unterschieden, bei denen der Staat gegen verschiedene Warlords, Milizen oder »terroristische Gruppierungen« kämpfe; diese seien eine Mischung aus regulärem Krieg, organisiertem Verbrechen und Menschenrechtsverletzungen, ihre Folge Staatszerfall und ihre Kriegsökonomien in die globalisierte Wirtschaft eingebunden (vgl. Münkler, 2002).2 Häufig ist auch die Rede von »ethnischen« Konflikten und Kriegen; doch welche Rolle »Ethnizität« in einem Konflikt spielt, hängt davon ab, wie sie von den beteiligten Akteuren konstruiert wird, denn »Ethnien« sind keine »natürlichen« Gemeinschaften, die sich in Kriegen aus »uraltem« Hass gegenüberstehen, sondern soziale Konstrukte (grundlegend Barth, 1969). Diese Konstruktionen können (müssen aber nicht!), bspw. aufgrund der Manipulation durch »ethnische Unternehmer«, antagonistisch oder gar entmenschlichend sein und folglich polarisierend sowie enthemmend wirken (vgl. Bar-Tal, 2000, S.74).

Alle genannten Elemente und damit die Form des Krieges sind dynamisch; die Parteien, ihre Motivationen, die Gegenstände, der Konfliktaustrag unterliegen einem stetigen Wandel, tendenziell in Richtung einer zunehmenden »Entregelung« (vgl. Waldmann, 2002).

Der Einfluss verschiedener Akteure im Krieg

Ein ungeregelter Konfliktaustrag in innerstaatlichen Kriegen aber führt dazu, dass der Staat an Kohäsion und Legitimität verliert, während die nichtstaatlichen Gewaltakteure an beidem gewinnen (vgl. Daase, 2000, S.216ff). Die Auswirkungen der Gewalt auf die Zivilgesellschaft sind uneindeutig: Krieg kann die Bevölkerung einschüchtern und stört deren sozialen Aufbau, andererseits kann er Anlass zur Gründung von Initiativen gegen den Krieg geben (vgl. Dudouet, 2008). Jedoch sind zivilgesellschaftliche Akteure allein nicht in der Lage, innergesellschaftliche Gewaltkonflikte zu regulieren oder zwischenstaatliche zu verhindern (vgl. Knöbl, 2006. S.12ff). Denn in Kriegssituationen gewinnen »Falken« gegenüber »Tauben« an Macht und Einfluss (vgl. Waldmann, 2002, S.380).

Bezüglich externer Akteure glaubte man während des Ost-West-Konflikts, dass sie Konflikte in »Drittweltstaaten« beliebig entfachen, steuern und beenden könnten; doch dazu haben Kriege zu komplexe Ursachen und eine zu große Eigendynamik (vgl. ebd., S.382). »Anheizen« können Drittstaaten wie private Akteure sie jedoch sehr wohl, z.B. durch Rüstungsexporte, finanzielle und militärische Unterstützung einer Konfliktpartei oder den Kauf von (nur selten sanktionsbelegten) Ressourcen, die den Konflikt finanzieren. UN-Einsätze v.a. in Bürgerkriegen dagegen zeigen die immensen Schwierigkeiten der Kriegsbeendigung von außen (vgl. Bellamy, 2004, S.162ff, 168f und 183ff). Ob insgesamt die möglichen mäßigenden Einflüsse externer Akteure größer oder geringer sind als die negativen, ist unklar (vgl. Waldmann, 2002, S.382).

Gesellschaftliche Auswirkungen von Kriegen

Krieg ist ein Motor des sozialen Wandels. Der Schwerpunkt bei dieser knappen Übersicht soll auf den kurz- bis mittelfristigen negativen Auswirkungen liegen, die mit dem »zivilisatorischen Hexagon« Dieter Senghaas’ kontrastiert werden. Dessen sechs miteinander in Wechselwirkung stehende Komponenten sollen einen dauerhaften Frieden garantieren:

1. das legitime Gewaltmonopol des Staates, das jedoch

2. rechtsstaatlich eingehegt werden muss;

3. eine aus den Interdependenzen komplexer Gesellschaften erwachsende Affektkontrolle der Individuen;

4. demokratische Teilhabe und

5. Bemühungen um soziale Gerechtigkeit;

6. eine Kultur konstruktiver Konfliktbearbeitung, welche sich erst im Laufe der Zeit auf der Grundlage der anderen Komponenten herausbilden kann (vgl. Senghaas, 2004., S.30ff).

Alle diese Elemente unterliegen potentiell einer Beeinflussung durch Krieg.

Zu 1. Zwischenstaatliche Kriege stellen nicht zwangsläufig (sondern erst z.B. nach sehr langer Dauer) eine Gefährdung des Gewaltmonopols dar; anders innerstaatliche Konflikte, die damit beginnen, dass dasselbe herausgefordert wird (vgl. Genschel/Schlichte, 1997, S.514f). Gelingt dem Staat die Verteidigung des Gewaltmonopols nicht, kann er zu einem Gewaltakteur unter vielen werden (vgl. Schneckener, 2007, S.377). Ein solcher Staatszerfall kann sowohl Ursache wie Folge von Krieg sein; in vielen Fällen verstärken sich die beiden Phänomene wechselseitig. Im Extremfall hört der Staat faktisch auf zu existieren, Warlord-Konfigurationen oder Parastaaten treten an seine Stelle (vgl. ausf. Bakonyi/Stuvøy, 2006). Parastaaten bilden konkurrierende Machtzentren, die einen Teil der Souveränitätsrechte des Staates „an sich gezogen“ haben (von Trotha, 2000, S.269). Jedoch können sie auch einen Faktor der Stabilität darstellen (vgl. Bakonyi/Stuvøy, 2006, S.50f) – vielleicht gerade in den Regionen, in denen der kolonial exportierte moderne Nationalstaat nie fest Fuß gefasst hat.

Zu 2. Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit werden im Krieg auf vielfältige Weise gefährdet oder missachtet: durch die Einführung des Kriegsrechts oder anderer rechtlicher Regelungen, die den Rechtsstaat einschränken, indem die Staatsgewalt selbst von den Herrschenden als Terrorinstrument missbraucht wird (»Staatsterrorismus«) oder indem die Schwächung des Gewaltmonopols der Herrschaft von Warlords, Faustrecht und Selbstjustiz Vorschub leistet (vgl. Tetzlaff, 2003, S.367f).

Zu 3. Kriege, insbesondere innerstaatliche, können die gesellschaftliche Arbeitsteilung empfindlich stören, etwa wenn Subsistenzwirtschaft und lokale Kriegsökonomien an die Stelle der komplexen Friedenswirtschaft treten (vgl. ebd.). Auch andere soziale Netze werden im Zuge der sozialen und räumlichen Polarisierung (vgl. Waldmann, 1998, S.111ff), d.h. Flucht und Vertreibung, zerrissen. Damit aber werden die Interdependenzen, die den Zusammenhalt der arbeitsteiligen Gesellschaft sichern, zumindest partiell aufgelöst, und der Gesellschaft droht Anomie bzw. ein Zerfallen in Kleingruppen. Die Auswirkungen von Kriegen auf Sozialisationsprozesse sind bisher kaum erforscht (vgl. Kizilhan, 2004, S.358), doch führt kriegsbedingte Extremtraumatisierung zu fundamentalen Erschütterungen des Selbst- und Weltverständnisses der Betroffenen. In der Folge sind Sozialverhalten und Affektkontrolle häufig stark gestört, viele Betroffene neigen zu Aggressionen etwa gegenüber Familienmitgliedern (vgl. Gurris, 2004, S 369ff).

Zu 4. In der Regel haben die Kriegsparteien, denen die Bedeutung der medialen Arena für die Landes- und Weltöffentlichkeit nur zu bewusst ist, kein Interesse an objektiv-neutraler, geschweige denn kritischer Berichterstattung (vgl. ausf. Luostarinen/Ottosen, 1998). Kriegsbedingungen bieten die Möglichkeit zu vielfältigen Einschränkungen der Medienfreiheit und anderer demokratischer Prinzipien, etwa durch Wahlaufschiebungen, Manipulationen der Öffentlichkeit, Unterdrückung oppositioneller Bewegungen bis hin zum Mord an Journalisten, Gewerkschaftern etc.

Zu 5. Krieg bedeutet die Konzentration gesellschaftlicher und ökonomischer Ressourcen auf die Kriegführung. Dies betrifft erstens die Menschen, die als Soldaten rekrutiert und eingesetzt werden. Da überproportional viele Soldaten aus den »unteren« Schichten stammen,3 ist folglich das Risiko, im Krieg verwundet oder getötet zu werden, gerade für die ohnehin Unterprivilegierten erhöht.

Zweitens gilt dies für die Finanzmittel, Rohstoffe, Fertiggüter und Nahrungsmittel, die für Kriegszwecke aus der normalen Wirtschaft oder dem Sozialstaat abgezogen werden (vgl. Bircan et al., 2010, S.5). Insbesondere in innerstaatlichen Kriegen entstehen in die globale Ökonomie eingebundene Kriegsökonomien verschiedener Art, insbesondere Schmuggel, Drogenkartelle, illegaler Abbau von Rohstoffen, Plünderung, »Besteuerung« von Hilfslieferungen (vgl. Jean/Rufin, 1999). Teilweise funktionieren diese Ökonomien direkt vermittels Gewalt und Sklavenarbeit (vgl. Tetzlaff, 2003, S.367). In der Folge bleibt häufig „eine ruinierte Wirtschaft und Infrastruktur, leere Staatskassen und eine verarmte Bevölkerung“ (Waldmann, 2002, S.382) zurück, während einige Wenige sehr gut am Krieg verdienen.

Zu 6. An der demokratischen Partizipation und der sozialen Gerechtigkeit hängt, so Senghaas, die Möglichkeit der Entwicklung einer Kultur friedlicher Konfliktbearbeitung. Krieg geht oft mit einem Wertewandel einher, der, auch über Verherrlichung der eigenen »Helden«, in Richtung einer Gewaltspirale weist (vgl. Joas, 2000, S.39). So entsteht eine »Kultur der Gewalt« (Bar-Tal, 2000), die über den aktuellen Konflikt hinaus in die Gemeinschaftsstrukturen, in Beziehungen zu Dritten und in die Zukunft hineinwirkt (vgl. Kizilhan, 2004, S.364ff).

All diese Beeinträchtigungen einer oder mehrerer Komponenten des Hexagons haben negative Auswirkungen auf die übrigen, selbst wenn diese nicht direkt vom Krieg betroffen sind. Im Extremfall droht, was Rainer Tetzlaff (2003, S.366ff.) als »Hexagon der Entzivilisierung« oder der Entmenschlichung beschrieben hat: das Versagen aller Komponenten des Hexagons.

Interventionen

Eine solche Entwicklung bedeutet, dass die Voraussetzungen, einen durch Intervention von außen erzielten Friedensschluss in einen dauerhaften Frieden umzusetzen, fehlen. Prinzipiell steht eine ganze Bandbreite von Interventionsmöglichkeiten zur Verfügung: militärische Intervention (Peace Keeping oder Peace Enforcement), Vermittlung, Reformen bzw. der Aufbau staatlicher oder zivilgesellschaftlicher Institutionen, humanitäre Hilfe etc.. Ebenso bieten sich außer der UN noch diverse Regionalorganisationen und Allianzen, u.a. die Afrikanische Union, die Europäische Union oder die NATO, und einzelne Staaten an, militärisch zu intervenieren oder Vermittlungsversuche zu unternehmen. Darüber hinaus ist im zivilen Bereich eine Vielzahl von staatlichen oder nichtstaatlichen Entwicklungsorganisationen tätig.

Sie alle stehen allerdings vor einer ganzen Reihe von Schwierigkeiten. Die notwendige Stabilisierung des Gewaltmonopols ist, insbesondere bei militärischer Intervention, kostspielig und voraussetzungsvoll: Der Einsatz muss völkerrechtliche Legitimität besitzen sowie den Betroffenen als legitim gelten, und die benötigten finanziellen und militärischen Mittel sind immens. Auf 1.000 EinwohnerInnen sollten (was selten der Fall ist) 20 SoldatInnen kommen, für mindestens fünf Jahre (vgl. Preble/Logan, 2006, S.17). Zudem ist die von außen erzwungene Waffenruhe auf jeden Fall instabil, wenn sie nicht von einer politischen Lösung begleitet ist. Doch auch Verhandlungen führen in zwischenstaatlichen Kriegen nur in gut der Hälfte, in innerstaatlichen nur in einem Fünftel der Fälle zum Ende der Gewalt (vgl. Waldmann, 2002, S.383).

Selbst im Fall des Gelingens sind zweitens die übrigen Komponenten des Hexagons noch nicht wiederhergestellt. Militärische Intervention vermag dies nicht zu leisten, eine zivile muss hinzukommen. Doch zwischen diesen beiden bestehen Ziel- und Mittelkonflikte, und jede Intervention, selbst humanitäre Hilfe, kann konfliktverlängernde oder -verschärfende Nebenfolgen haben, etwa indem sie zum Teil der Kriegsökonomie wird (vgl. Jean/Rufin, 1999, S.441ff). Vor allem lässt sich das zivilisatorische Hexagon in keiner Gesellschaft einfach von außen implementieren:

„Wollte man solches versuchen, so wäre in der Regel das Scheitern in etwa so prognostizierbar wie beim Transfer von fortgeschrittener Technologie in Entwicklungsländer: Übrig blieben […] Investitionsruinen, nur dass es sich in diesem Zusammenhang um ›soft technology‹-Ruinen, also nicht arbeitsfähige Regelwerke und Institutionen der öffentlichen Ordnung handelte.“ (Senghaas, 2004, S.132)

Möchte man nicht folglich auch die schlimmsten Bürgerkriege sich selbst überlassen, bleibt nur, die Quadratur des Kreises zu versuchen, indem man sich darauf beschränkt, diejenigen Institutionen (wieder-)aufzubauen, bei denen dies die Mehrheit der Bevölkerung vor Ort tatsächlich wünscht.

Literatur

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Bakonyi, J./Stuvøy, K. (2006): Zwischen Warlordkonfiguration und Quasi-Staat – Ansätze zu einer Typologie bewaffneter Gruppen, in: Bakonyi, J. et al. (Hrsg.): Gewaltordnungen bewaffneter Gruppen. Ökonomie und Herrschaft nichtstaatlicher Akteure in den Kriegen der Gegenwart, Baden-Baden, S.38-54.

Barth, F. (1969): Ethnic Groups and Boundaries. The Social Organization of Culture Difference, Bergen.

Bellamy, A. J. et al. (2004): Understanding peacekeeping, Oxford.

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Anmerkungen

1) Hamburg: Klaus Jürgen Gantzel, www.akuf.de; Heidelberg: Frank R. Pfetsch, www.hiik.de. Zur Dynamik ausführlich Schwank, 2010.

2) Diese Thesen haben zu Recht vielfältige Kritik auf sich gezogen (u.v.a. Gantzel, 2002; Choijnacki, 2004).

3) Vgl. am Beispiel der US-Soldaten im Vietnam-Krieg Joas, 2000, S.168f.

Für Kritik und Anregungen danke ich Peter Schlotter, Nicolas Schwank und Jan Deuter; für den Inhalt und eventuelle Fehler trage ich jedoch allein die Verantwortung.

Lotta Mayer, M.A., studierte in Heidelberg Soziologie, Politikwissenschaften und Philosophie, promoviert derzeit in Marburg und ist seit 2005 Mitglied des Vorstandes des Heidelberger Instituts für Internationale Konfliktforschung (HIIK).

in Wissenschaft & Frieden 2010-4: Konflikte zivil bearbeiten, Seite 7–10

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