in Wissenschaft & Frieden 2010-2: Frieden und Krieg im Islam, Seite 2

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Im Haus der Vernunftflucht

von Sabine Korstian

„Immer wenn es um die Iren ging, ist bei den Briten die Vernunft aus dem Fenster geflogen.“ An diesen Spruch einer nordirischen Bekannten muss ich oft denken, wenn über den Islam diskutiert wird. Nicht wegen Iren und Briten, sondern wegen der Vernunftflucht, die offenbar einsetzt, sobald das Stichwort Islam fällt. Im multikulturell bewohnten Haus der Vernunftflucht wimmeln die üblichen Verdächtigen – Intoleranz, Ignoranz, verzerrte Wahrnehmung, Neid, Vorurteile, Aus- und Abgrenzung, Fremdenfeindlichkeit, Chauvinismus, Rassismus – meist geschmückt als Kulturdeterminismus – und ähnlich hässliche Hausgenossen, die verstärkt und ermuntert seit 9-11 mit einem neuen Jargon ihren Hass- und Projektionsobjekten religiöse Etikette anheften. Da Menschen im Guten wie im Bösen gleich sind, sollte das nicht überraschen, sondern eher die Frage aufwerfen, ob es nicht weniger das »Anderssein« ist, an dem man sich stört, als vielmehr das hässliche Spiegelbild des Eigenen. So verwundern weitere Gemeinsamkeiten nicht, wie Demokratiefeindlichkeit, Gewaltverherrlichung, Sexismus, Homophobie und Antisemitismus.

Islamkritische Argumente erinnern an frühere Debatten über die angeblich ebenso chronische wie automatische Rückständigkeit, Autoritätsgläubigkeit usw. von Katholiken, wie sie sowohl im angelsächsischem Raum als auch in Deutschland mit größter Selbstverständlichkeit geführt wurden, während gleichzeitig katholische Reaktionen oft genauso wenig als Sternstunden der Vernunft gelten können. Das in den 60er Jahren populär gewordene »katholische Arbeitermädchen vom Lande« war z. B. keineswegs zufällig katholisch. War dies ein sozialwissenschaftliches Konstrukt, um verschiedene Dimensionen von Benachteiligung in einem Schlagwort zu benennen, so beschäftigten sich einige Mieter im Haus der Vernunftflucht mit der Vermischung von Dimensionen ohne Analyse: Soziale Fragen werden zu kulturellen, kulturelle zu religiösen, religiöse zu politischen, politische zu individuellen, individuelle zu kollektiven und umgekehrt und weiter beliebig vermischbar bis man entweder gar nicht mehr weiß, worüber gesprochen wird oder nur allzu genau: Der Islam und die Muslime. Sind sie friedlich? Sind sie kriegerisch? Gibt es blöde Fragen? Ja!

Denn auch die anderen beiden Fragen sind schnell beantwortet: Ja und nein; nein und ja; sowohl als auch; mal so, mal so. Inhaltsleere Antworten ergeben sich aus inhaltsleeren Fragen, denn was ist »der Islam« und wer ist »der Muslim«? Das essentialistische Denken ist das Hobby weiterer Mieter und daher sind beide überzeugt, die Essenz des Islam gefunden zu haben. Der eine hat den Muslim an sich durchschaut, der andere weiß genau, wie ein echter Muslim zu sein hat. Vielfalt, Kontextualisierungen, innerislamische Debatten und sonstige Differenzierungen erscheinen ihnen überflüssig, wenn nicht sogar gefährlich. Doch sie haben einen Vetter, der es nicht einmal böse meint, allerdings dazu neigt, alles unschöne auszublenden. So kann dieser zum Beispiel sagen »Islam heißt Frieden«. Als persönliches Bekenntnis und als theologischer Standpunkt ist dagegen nichts einzuwenden, ebenso wie man glauben kann, »Christentum heißt Nächstenliebe«. In jedem anderen Zusammenhang sind solche Floskeln allerdings nicht nur eine Unverschämtheit gegenüber den unzähligen Opfern religiös begründeter Gewalt, sondern Unsinn, wie historisch und aktuell unschwer feststellbar ist. Erschwerend kommt hinzu, dass »Frieden« und »Nächstenliebe« nicht selbsterklärend sind. Schon manch einer hat aus lauter Nächstenliebe jemanden den Schädel eingeschlagen oder so Frieden hergestellt. Weder sind andere Religionen besser, noch ist Gewalt ein Merkmal, das Religionen auszeichnet. Man kann Religionen als Versuche interpretieren, Gewalt als omnipräsente Handlungsoption des Menschen einzudämmen, aber sie können ebenso das Gegenteil befördern.

Schließlich will ich eine WG im Hause nicht unerwähnt lassen. Dort ist man gerne und ausdauernd mit den eigenen Gefühlen beschäftigt oder den angeblichen Gefühlen anderer. Manche fühlen sich bedroht und überfremdet, manche bedroht und nicht respektiert. Alle sind sich ganz sicher, dass es Millionen anderen genauso geht und haben sich gegenseitig von der Richtigkeit dieser Einschätzung überzeugt: Welcher echte Deutsche wacht demnach morgens nicht schweißgebadet vor Islamangst auf und welcher echte Muslim ist nicht schon beim Aufwachen beleidigt? Das Gerede über Gefühle hat Vorteile: Es ist nicht überprüfbar, muss sich von Fakten nicht stören lassen und lenkt von tatsächlichen Problemen ab.

Kann mal jemand im Haus die Fenster schließen und statt dessen die Tür öffnen? Mit dieser Ausgabe, versuchen wir einen kleinen Beitrag dazu zu leisten.

Ihre Sabine Korstian

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