in Wissenschaft & Frieden 2010-1: Intellektuelle und Krieg, Seite 67–68

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Climate Change, Social Stress and Violent Conflict

19.-20. November 2009 - Universität Hamburg

von Janpeter Schilling, Michael Link und Jürgen Scheffran

»Kampf um Wasser, Gewalt durch Hunger, Klimakriege« - in den Medien wird zunehmend ein Zusammenhang zwischen Klimawandel und gewalttätigen Konflikten hergestellt. Seitens der Wissenschaft besteht hier jedoch noch erheblicher Forschungsbedarf. Wie stark bedroht der Klimawandel die gesellschaftliche Stabilität? Wo sind die Risiken am größten? Welche Schlüsse lassen sich daraus für die Politik ableiten?

Um diese Fragen zu diskutieren, kamen im November 2009 mehr als 50 Experten aus 25 Nationen zur Konferenz »Climate Change, Social Stress and Violent Conflict« am KlimaCampus der Universität in Hamburg zusammen. Die konfliktrelevanten Auswirkungen des Klimawandels wurden dabei aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet und mit geeigneten methodischen Zugängen analysiert.

Migration als mögliche Reaktion auf sich verschärfende Umweltbedingungen wurde in verschiedenen Kontexten untersucht, wobei bisherige Schätzungen über die Zahl von Klimaflüchtlingen keine hinreichende wissenschaftliche Grundlage haben, wie Cord Jakobeit und Chris Methmann zeigten. Koko Warner und Lars Wirkus von der United Nations Universität in Bonn betonten die Wichtigkeit von funktionierenden lokalen Institutionen im Umgang mit Migration in Afrika. Den Ergebnissen von Úrsula Oswald Spring (National University of Mexico) zufolge verschärfen in Mexiko insbesondere Dürren den bestehenden „Krieg niedriger Intensität“ (ebd.), der an der Grenze zu den USA geführt wird. Beide Studien weisen auf die generelle Schwierigkeit hin, den Einfluss des Klimawandels auf das Entstehen von Konflikten von sozioökonomischen Faktoren zu unterscheiden.

Offensichtlicher beeinflussen veränderte Umweltbedingungen dagegen das soziale Gefüge im Norden Kenias. Hier zeigte Beth Njeri Njiru (Kenyatta University), wie die Kombination aus langen Dürreperioden und Starkregenereignissen zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Viehzüchtern und Bauern um knapper werdendes Land führen kann. Paul Mukwaya (Makerere University Uganda) untersuchte Möglichkeiten zur Stärkung verwundbarer Bevölkerungsgruppen in wachsenden Städten am Beispiel des Katastrophenmanagements in Kampala. In Bangladesh bedrohen Überflutungen, tropische Zyklone und der ansteigende Meeresspiegel die Lebensgrundlage von mehreren Millionen Menschen. Befragungen in Slumgebieten von Dhaka, durchgeführt von Sujan Saha (Norwegian University of Science and Technology), deuten darauf hin, dass Überflutungen den sozialen Stress für die arme Bevölkerung deutlich erhöhen und zu Auseinandersetzungen mit Schusswaffengebrauch beitragen. Weitere Fallstudien beschäftigten sich unter anderen mit dem Einfluss des Faktors Wasser auf den Israel-Palästina Konflikt (Clemens Messerschmid) und den Mittelmeerraum (Hans-Günter Brauch), mit der Rolle von Naturschutzgebieten als Rückzugsraum für bewaffnete Kräfte in Kolumbien (Guillermo Andrés Ospina) und mit Ressourcenkonflikten um Öl und Gas im Niger-Delta (Felix Olorunfemi).

Neben den genannten qualitativen Studien wurde eine Reihe von quantitativen Zugängen präsentiert. Mit Hilfe von Klimadaten und dem Aufbau einer globalen Konfliktdatenbank versuchen Halvard Buhaug (International Peace Research Institute Oslo) und Ole Magnus Theisen (Norwegian University of Science and Technology), die Zusammenhänge zwischen Klimawandel und Konflikten zu erfassen. Josh Busby und Todd Smith von der University of Texas demonstrierten, wie es mit Geographischen Informationssystemen gelingen kann, besonders anfällige Regionen (»Hot Spots«) in Afrika zu identifizieren. Demzufolge sind vor allem Staaten in der Sahelzone sowie der Norden und Süden der Demokratischen Republik Kongo durch eine Faktorenkombination aus Ressourcenausstattung, Regierungsstruktur und Bevölkerungsdichte in ihrer Stabilität bedroht. Wo und in welchen Kontexten soziale Instabilitäten weltweit auftreten, wird in einem umfassenden Projekt an der Universität von Illinois erfasst (Peter Nardulli), das Ereignisse wie Demonstrationen, Attentate und Unruhen in Medienberichten auswertet.

Genutzt werden solche Daten beispielsweise von Forschungsgruppen wie CLISEC (Climate Change and Security) in Hamburg, die den Themenkomplex Klimawandel und Sicherheit mit integrierten Ansätzen untersuchen. Instrumente wie agentenbasierte Modellierung und die Analyse sozialer Netzwerke werden hier dazu genutzt, die Reaktion von Akteuren und Gesellschaften auf veränderte Umweltbedingungen zu untersuchen.

Bei der theoretischen Betrachtung des Konferenzthemas wurden verschiedene Aspekte hervorgehoben. Während Anastasios Karafoulidis (National and Kapodistrian University of Athens) die Akteure und Wirkungsmechanismen der öffentlichen Debatte ins Auge fasst, bemerkt Julia Trombetta (Delft University of Technology), dass sich das ursprüngliche Interesse an klimainduzierten Konflikten zu einer Diskussion um Ressourcenknappheit entwickelt hat. In diesem Zusammenhang wird auch die Debatte um eine Versicherheitlichung (»Securitization«) des Klimawandels geführt, also die Interpretation des Klimawandels als sicherheitspolitisches Problem, was die Gefahr in sich birgt, dass die vom Klimawandel Betroffenen als Bedrohung angesehen werden könnten, wie Angela Oels und Delf Rothe (Hamburg) bemerkten. Avinash Godbole (Institute for Defense Studies and Analyses, Neu-Dehli) argumentiert, dass diese Sicht nicht zielführend ist, da dem Klimawandel nur mit regionaler und multilateraler Kooperation begegnet werden kann.

Dies wurde auch während der öffentlichen Diskussionsrunde deutlich, die Friedenswissenschaftler sowie Vertreter der Politik und der Bundeswehr zusammen brachte. Die Frage nach der Stabilität von Gesellschaften wurde kontrovers diskutiert. Einig waren sich die Diskussionsteilnehmer jedoch darüber, dass das Militär für die Bewältigung des Klimawandels ungeeignet ist. Wichtiger ist es hingegen, international vermittelnde Institutionen wie die Vereinten Nationen zu reformieren und zu stärken, wie Botschafter Bo Kjellén (Stockholm Environment Institute) feststellt. Alexander Carius (Adelphi Research Berlin) stellt mit Blick auf Kooperationsmöglichkeiten der internationalen Politik im Energie- und Wassersektor fest, dass der Klimawandel sich von einem Konflikt verschärfenden »threat multiplier« zum stabilisierenden »peace catalyst« entwickeln kann, wenn die sich bietenden Chancen entsprechend genutzt würden. Verschiedene Strategien diskutierte Oli Brown vom International Institute of Sustainable Development in seinem Beitrag. Frank Biermann (Vrije Universität Amsterdam) forderte eine „global adaptation governance“, die es erlaubt, schneller und effektiver auf die Herausforderungen des Klimawandels zu reagieren.

Mit ihrem breitgefächerten Spektrum an Themen, Perspektiven und Methoden trug die Konferenz der Komplexität des Themas Rechnung. Unabhängig von den unterschiedlichen Kontexten, weisen die präsentierten Fallbeispiele zwei Gemeinsamkeiten auf. Zum einen stellt es sich als grundlegend schwierig heraus, den Einfluss des Klimawandels von sozioökonomischen Faktoren zu unterschieden. Zum anderen war der Klimawandel in keinem der Fälle der einzige Grund für soziale Instabilität oder gewaltsame Konflikte. Vielmehr hat er als verschärfende Kraft gewirkt, welches die Auffassung vom »threat multiplier« stärkt.

Weiter hat die Konferenz gezeigt, dass insbesondere bei der Validierung des Zusammenhangs von Klimawandel und Konflikten noch erheblicher Forschungsbedarf besteht (Michael Brzoska). Hier sind vielversprechende Ansätze zu erkennen. Die theoretische Auseinandersetzung mit der Thematik hat für Veränderungen in der Diskussion sensibilisiert und verdeutlicht wie diese politisch instrumentalisiert werden können. Es gilt zu verhindern, dass der Klimawandel als Rechtfertigung von militärischen Einsätzen herangezogen wird. Stattdessen müssen alle Staaten mit Hinblick auf zukünftige Klimaverhandlungen kooperative Lösungen forcieren, die unter anderem im Bereiche der Energieversorgung möglich sind. Wie wichtig Austausch und Kooperation über Grenzen hinweg beim Thema Klimawandel sind, hat die Konferenz gezeigt. Die Beiträge sind dokumentiert auf der Website http://clisec.zmaw.de und werden in Buchform veröffentlicht.

Janpeter Schilling, Michael Link und Jürgen Scheffran

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