in Wissenschaft & Frieden 2010-1: Intellektuelle und Krieg, Seite 4

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Kirche und Staat

von Jürgen Nieth

„Bischöfin Käßmann löst Empörung aus“ (Welt am Sonntag, 03.01.10., S.1), „Streit über den Sinn des Afghanistan-Einsatzes - Scharfe Kritik an Käßmann“ (FAZ 05.01.10., S.1) „Käßmann will das Militär schon lange überflüssig machen“ (FAZ 05.01.10., S.5) „Soldaten fürchten um kirchlichen Rückhalt“ (taz, 05.01.10, S.7), „Klare Worte von der Kanzel“ (Süddeutsche Zeitung 07.01.10, S.2) „Populistische Fundamentalkritik“ (Spiegel, 11.01.10, S.17). So einige Schlagzeilen nach dem Neujahrsgottesdienst der EKD-Ratsvorsitzenden, Bischöfin Margot Käßmann, in der Dresdner Frauenkirche.

Kritik und Unterstellungen

Für den Vorsitzenden des Auswärtigen Ausschusses des Bundestages, Ruprecht Polenz (CDU), macht es sich Frau Käßmann „zu einfach“, wenn sie die Botschaft vermittele, man könne kurzfristig aus Afghanistan abziehen, „ohne sich schuldig zu machen“ (FAZ 04.01., S.1). Der Wehrbeauftragte des Deutschen Bundestages, Reinhold Robbe (SPD), wirft der Bischöfin vor, sie übe „populistische Fundamentalkritik“ und vermittle Tausenden von Soldaten das Gefühl, in Afghanistan gegen Gottes Gebot zu verstoßen. Es sei naiv in Afghanistan mit „Gebeten und Kerzen“ Frieden schaffen zu wollen wie vor 20 Jahren in der DDR, „aber niemand hindert Frau Käßmann daran, sich am Hindukusch mit den Taliban in ein Zelt zu setzen und über ihre Phantasien zu diskutieren, gemeinsame Rituale mit Gebeten und Kerzen zu entwickeln.“ (Spiegel 11.01., S.17)

Ähnlich zynische Töne schlägt der Vorsitzende der grünen Heinrich-Böll-Stiftung, Ralf Fücks, in der Welt am Sonntag (03.01., S.8) an: „»So rasch wie möglich« sollen die deutschen Truppen abziehen (wer sollte da widersprechen?), aber »nicht völlig überhastet«, nein, vielmehr sollte über einen »ruhigen und geordneten Rückzug nachgedacht werden«. Irgendjemand soll freilich den »Waffen- und Drogenhandel« unterbinden, alldieweil »religiös motivierte Vermittler« zwischen den Fronten pendeln und eine friedliche Lösung stiften. So malt sich die Ratsvorsitzende der EKD den Weg zum Frieden aus... Sie (Frau Käßmann) vermehren damit die Inflation politischer Stellungnahmen von Kirchenoberen, die selten über gut gemeinte Banalitäten hinauskommen.“

Mit den in Anführungszeichen gesetzten Passagen (»...«) vermittelt Fücks den Eindruck die Bischöfin zu zitieren. Ein Blick in die Predigt zeigt, dass dem nicht so ist.

Die Neujahrspredigt

In ihrer Neujahrspredigt hat die Bischöfin der banalen Floskel »Alles ist gut« ein »Es ist nichts gut« in Sachen Klima, Kinderarmut, Armutsscham und Leistungsdruck entgegengesetzt. Und eben auch ein: „Nichts ist gut in Afghanistan.“ Weiter heißt es dann: „All diese Strategien, sie haben uns lange darüber hinweggetäuscht, dass Soldaten nun mal Waffen benutzen und auch Zivilisten getötet werden. Das wissen die Menschen in Dresden besonders gut! Wir brauchen Menschen, die nicht erschrecken vor der Logik des Krieges, sondern ein klares Friedenszeugnis in der Welt, gegen Gewalt und Krieg aufbegehren und sagen: Die Hoffnung auf Gottes Zukunft gibt mir schon hier und jetzt den Mut von Alternativen zu reden und mich dafür einzusetzen. Manche finden das naiv. Ein Bundeswehroffizier schrieb mir, etwas zynisch, ich meine wohl, ich könnte mit weiblichem Charme Taliban vom Frieden überzeugen. Ich bin nicht naiv. Aber Waffen schaffen offensichtlich auch keinen Frieden in Afghanistan. Wir brauchen mehr Fantasie für den Frieden, für ganz andere Formen, Konflikte zu bewältigen. Das kann manchmal mehr bewirken als alles abgeklärte Einstimmen in den vermeintlich so pragmatischen Ruf zu den Waffen.“

Nicht gelesen aber verstanden?

Frau Käßmann hat also Recht, wenn sie einigen Kritikern „perfide Unterstellungen“ vorwirft. „Ich denke, viele haben meine Predigt gar nicht gelesen“, sagte sie gegenüber dpa (03.01.). Vielleicht ist es aber auch so, dass die Kritiker die Predigt verstanden haben - auch ohne genau nachzulesen - und sich getroffen fühlen. „Die Aufregung hat etwas mit dem schlechten Gewissen der so pragmatisch-schlauen Truppenentsender zu tun, die offenbar mit ihrem kriegerischen Latein am Ende sind“, schreibt Friedrich Schorlemmer im Freitag (07.01., S.1). Das Medienecho zeigt, dass viele die von Käßmann angeregte Grundsatzdebatte fürchten und deshalb mit allen Mitteln zurückgeschlagen. Wie S. Löwenstein in der FAZ (05.01., S.5): Frau Käßmann war „von Anfang an dagegen, dass Deutschland sich an diesem Einsatz beteiligt... als Präsidentin der Zentralstelle für Kriegsdienstverweigerung, die sie seit 2003 ist, (will sie) langfristig das Militär überflüssig machen.“ Er selbst spricht statt Krieg von Einsatz, kritisiert aber, dass die Bischöfin von »Einsatztruppen« spreche (ein Wort, das in der Neujahrspredigt nicht vorkommt): „Hört sich doch »Einsatztruppen« fast so an wie die »Einsatzgruppen« der nationalsozialistischen SS.“

Für den SPD-Außenpolitiker Klose ist es schon „problematisch“, dass Frau Käßmann sich als EKD-Ratsvorsitzende überhaupt zum Thema Afghanistan geäußert hat. „Sie hat sich mit ihrer Äußerung in Gegensatz zur Mehrheit des Bundestages gesetzt“ und vertritt „die Position der Linkspartei“ (Welt am Sonntag 03.01., S.1). Davon abgesehen, dass die Zeit, in der die Kirche das Handeln der Herrschenden abzusichern hatte - und die Waffen segnete - vorbei ist, hat Klose offensichtlich auch noch nicht gemerkt, dass die Mehrheit im Bundestag in dieser Frage gegen die Mehrheit der Bevölkerung handelt. Im jüngsten Votum „sprechen sich 71 Prozent für einen schnellen Abzug deutscher Soldaten aus, mehr als je zuvor.“ (FR 11.01.)

Darf die Kirche das?

Inzwischen mehren sich aus beiden Kirchen die Stimmen, die eine offene Diskussion über Afghanistan fordern: „Natürlich geht es dabei langfristig um eine Exitstrategie.“ (Stephan Ackermann, kath. Bischof von Trier, FR 06.01.). Ein „realistisches Ausstiegsszenario“ fordert auch der Präses der Ev. Kirche im Rheinland. Der Präsident von Pax Christi, Bischof Algermissen, fordert einen Kurswechsel in der Afghanistanpolitik und „den schrittweisen Abzug der Bundeswehr“ (PE Pax Christi, 19.01.).

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