in Wissenschaft & Frieden 2009-4: Russlands instabile Südflanke

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Konferenz »Repertoires of Violence«

von Stephen Gibson

Die erste Konferenz, die vom 1.-2. Juli am Centre for Peace Studies der York St John University stattfand, befasste sich unter dem Titel »Repertoires of Violence: Multidisciplinary Analyses of the Representation of Peace and Conflict« mit der Repräsentation von Frieden und Konflikt in verschiedenen Kontexten und bot ForscherInnen aus den Kunst-, Human- und Sozialwissenschaften die Möglichkeit, ihre Forschungsergebnisse vorzustellen.

Während Konferenzberichte in der Regel unvollständig sind, weil nicht alle Veranstaltungen besucht werden können, ist der vorliegende Bericht insofern anders als ich als Mitglied des Centre for Peace Studies an der Organisierung der Konferenz beteiligt war. Dies gibt mir die Gelegenheit, nicht nur die Konferenz vorzustellen, sondern auch die Gründung und Entwicklung des Zentrums.

Aus Sicht des Zentrums war die Konferenz ein Erfolg und bot ein Forum gelegentlich sehr lebhafter Debatte, die freilich nie Gefahr lief überzukochen – darin unterschied sie sich wohl von vielen TeilnehmerInnen, die in Konferenzräumen ohne Klimaanlage ausharrten und zwei ungewöhnlich heiße Tage englischen Sommers zu ertragen hatten. Es ist immer ein Vergnügen, KollegInnen verschiedener Disziplinen zu treffen, und für das Zentrum ist es aus wissenschaftlicher Perspektive besonders zufriedenstellend, wenn ForscherInnen mit unterschiedlichem Hintergrund zusammen kommen. Es muss jedoch erwähnt werden, dass es die aktuellen Visabestimmungen des Vereinigten Königreichs für viele KollegInnen aus Afrika und Asien schwer machen an der Konferenz teilzunehmen. Dies sollte nicht nur die akademische Gemeinde dieser Kontinente mit Sorge erfüllen; sie drohen auch zur Verarmung der akademischen Welt beizutragen, indem der Westen auch weiterhin vor allem zu sich selbst spricht, während vielen Personen mit einer genuin radikalen Perspektive und mit der Fähigkeit, die behagliche Atmosphäre der westlichen Hochschulen zu irritieren, der Zugang durch unnötig stringent Beschränkungen verweigert wird. Aus der Sicht des Organisators ist dies der bedauernswerte Aspekt der Konferenz.

Trotz dieser bedeutenden Leerstelle war das Niveau der Präsentationen und Diskussionen hoch. In ihrem Eröffnungsbeitrag stellte Corinna Peniston-Bird (Lancaster University) ihre Forschung zur Schaffung eines Denkmals für die Frauen des Zweiten Weltkrieges in Whitehall, London, vor. Sie verdeutlichte, wie die nahezu unmögliche Aufgabe, die zahlreichen und unterschiedlichen Beiträge von Frauen im Zweiten Weltkrieg angemessen darzustellen, zum Streitgegenstand wurde, weil zahlreiche Interessengruppen versuchten durchzusetzen, dass ihre spezifische Perspektive am deutlichsten zur Geltung kam. Aufgrund dieser Debatten wurde die ursprüngliche Idee, ein einziges Gedenkmal zu schaffen, das diesen Interessen gleichsam entsprochen hätte, nachhaltig in Frage gestellt.

Annelies Verdoolaege (Ghent University) hielt die programmatische Rede des zweiten Tages; darin stellte sie ihre Untersuchungen der südafrikanischen Wahrheits- und Versöhnungskommission (Truth and Reconciliation Commission; TRC) vor. Unter Verwendung eines an der Kritischen Diskursanalyse geschulten analytischen Zugriffs zeigte sie, wie eine genaue Betrachtung der Sprache, die in der TRC verwendet wurde, das eigentliche Verständnis von »Wahrheit und Versöhnung« konstruiert und profiliert hat. Obwohl Annelies Verdoolaege grundsätzlich optimistisch hinsichtlich der Wirkung der TRC war, betonte sie, dass die Notwendigkeit zur Betonung von Versöhnung und Wahrheit zum Teil dazu geführt hat, dass die Wahrheit weniger aufgedeckt und die Versöhnung weniger ermöglicht als vielmehr beide sozial konstruiert wurden (vgl. Verdoolaege 2008).

Zu den anderen Höhepunkten der Konferenz gehörte der Vortrag von Rachel Woodward (Newcastle University) und ihren Kollegen über eine photo-basierte Befragung von SoldatInnen der englischen Streitkräfte. Diese Studie warf eine Reihe von Fragen bezüglich der beruflichen Tätigkeit im Militär auf, indem sie eine innovative Methode verwandte, bei der Soldaten ihre Sicht auf das Militär anhand von Photos ihrer selbst diskutierten. Die Unmittelbarkeit vieler Aufnahmen in Verbindung mit den von den Soldaten vorgenommenen Reflektionen verweisen darauf, dass es nicht nur wichtig ist, Repräsentationen von Frieden und Konflikten zu untersuchen, sondern diese auch zu kontextualisieren mit denen, die sie geschaffen haben.

Ein Symposium, zu dem Mauro Sarrica (University of Padua) und Giovanna Leone (Sapienza University of Rome) eingeladen hatten, präsentierte die Arbeit einer Forschergruppe, die den sozialpsychologischen Ansatz der sozialen Repräsentationstheorie (SRT; vgl. Moscovici 1981) verwendet, um Fragen von Frieden und Konflikt zu untersuchen. Mit Hilfe einer anregenden Analyse so unterschiedlicher Ereignisse wie der G8-Proteste in Genua und der italienischen Kolonialkriege in Afrika haben Sarrica, Leone und KollegInnen ein zwingendes Beispiel dafür vorgelegt, wie mit der SRT Repräsentationen von Frieden und Konflikt untersucht werden können, die von den Angehörigen einer Gesellschaft geteilt werden und die in kulturellen Produkten wie Medien und Schulbüchern realisiert werden.

Eines der herausforderndsten Papiere, die auf der Konferenz präsentiert wurden, kam von Ross McGarry (Liverpool Hope University), der dafür eintrat, dass die SoldatInnen der britischen Armee genauso unter dem Aspekt der Opferrolle zu betrachten seien wie jene, die ahnungslos in Krieg und Konflikt verwickelt würden. Diese kontroverse These rief eine der hitzigsten Debatten der Konferenz hervor und bot wohl ein notwendiges Korrektiv zu der vorhandenen sozialwissenschaftlichen Forschung, die möglicherweise dazu tendiert, die Komplexität der gesellschaftlichen Position von SoldatInnen in westlichen Armee herunter zu spielen.

Die Tagung profitierte auch von der Anwesenheit von Peter Nias and Julie Obermeyer (The Peace Museum, Bradford), die eine Reihe von Präsentationen und Vorführungen über die Tätigkeit ihrer Institution, dem einzigen Friedensmuseum in Großbritannien, zeigten. Von besonderem Interesse war Obermeyers Darstellung der Probleme und Möglichkeiten, die sich aus der Zusammenarbeit zwischen dem Friedensmuseum und den zahlreicheren und traditionell auf Krieg und Militaria ausgerichteten Museen ergeben. Es scheint, als sei das Anliegen der letztgenannten nicht immer inkompatibel mit denen eines Friedensmuseums, aber die unterschiedliche Gewichtung von Krieg bzw. Frieden in diesen beiden Typen verweist zumindest auf die kulturelle Dominanz von Repräsentationen des Krieges gegenüber solchen, die sich besonders dem Frieden widmen.

Diese kurze Zusammenfassung ist – wie eingangs bereits erwähnt – notwendig unvollständig. Der Erfolg der Konferenz bestand auch in der Beteiligung so vieler am Thema interessierter ForscherInnen, so dass in der Regel drei Panel parallel liefen. Die thematische Breite der Beiträge kann auch an den Vorträgen ermessen werden, die von Kleidung und Wahrnehmung über Protestmusik, der Dichtung von Tennyson bis hin zu Theater, Sport und vielem anderem reichten.

Es ist zwar immer gewagt, einen roten Faden zu unterstellen, der sich durch die verschiedenen Papiere zog; die im Rahmen der Konferenz vorgestellten Forschungen verwiesen jedoch alle auf die Bedeutung von Forschung, die in den Blick nimmt, wie Frieden und Konflikt in einer Vielzahl von Kontexten repräsentiert werden. Es ist daher möglicherweise überraschend, dass Repräsentationen von Frieden und Konflikt nur selten in die Charakterisierung der Disziplin Friedensforschung zu finden sind, wenn diese nicht ohnehin interdisziplinär sein sollte. Statt dessen liegt der Schwerpunkt auf strategischen Betrachtungen, internationalen Beziehungen und der Politikwissenschaft. Diese Bereiche sind alle wichtig, aber deren Überbetonung führt möglicherweise zu einer Lücke im Verständnis, die die Verbindungen zwischen sozialen und politischen Makrostrukturen und dem Alltagsbewusstsein betrifft. Die Erforschung der Repräsentationen – wie auch immer diese aussehen – erlaubt es, diese Verbindungen in den Blick zu nehmen, denn Repräsentationen bilden die entscheidende Brücke zwischen dem Offiziellen und dem Alltäglichen, zwischen der Elite und dem Populären, und – ganz wesentlich – für die Konstruktion und Übertragung von Ideen über Krieg und Frieden bei den Angehörigen einer Kultur. Bei der Entwicklung des Centre for Peace Studies an der York St John University haben wir wiederholt diskutiert, welchen besonderen Beitrag das Zentrum im Feld der Friedensforschung leisten kann und wie dies die Kompetenz jener verdeutlichen kann, die sich mit dem Zentrum identifizieren. Während eine Schwerpunktsetzung auf Repräsentationen eine Engführung sein könnte, so verweist diese doch auf die Nützlichkeit für einen Ansatz der Friedensforschung, der – informiert durch Sozial- und Kulturtheorie – zumindest in Großbritannien tendenziell vernachlässigt worden ist.

Die LeserInnen dieser Zeitschrift müssen da nicht überzeugt werden; bei anderen hingegen ist es weiterhin nötig deutlich zu machen, dass die Art wie Kulturen des Krieges und des Friedens fortlaufend in einem weiten Feld von Kontexten, wie sie in den Analysen auf der Konferenz vorgestellt wurden, produziert und reproduziert werden, auf dem Weg zu einer friedfertigeren Welt kritischer Beobachtung bedürfen.

Weitere Informationen zur Konferenz finden sich auf der Internet-Seite: www.yorksj.ac.uk/peaceconference

Literatur

Moscovici, S. (1981): On social representation. In: J. Forgas (ed.): Social cognition: Perspectives on everyday understanding. London: Academic Press.

Verdoolaege, A. (2008): Reconciliation discourse: The case of the Truth and Reconciliation Commission. Amsterdam: John Benjamins.

Stephen Gibson

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