in Wissenschaft & Frieden 2009-3: Okkupation des Zivilen

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Wie friedfertig sind die Deutschen?

von Wolfram Wette

In den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg gab es viele Anzeichen dafür, dass die deutsche Gesellschaft den Militarismus, der nicht nur den Bevölkerungen der ehemaligen Feindmächte, sondern auch ihr selbst so viel Unheil gebracht hatte, gründlich satt hatte. Es herrschte damals eine radikal antimilitaristische Stimmung. Hatten die großen Kundgebungen der Friedensbewegung in der Weimarer Zeit noch unter der Parole »Nie wieder Krieg!« gestanden, so wurde nach dem Zweiten Weltkrieg die sehr viel konkretere und deutlich antimilitärische Forderung »Nie wieder deutsche Soldaten!« artikuliert. Der sozialdemokratische Politiker Carlo Schmid rief 1946 aus: „Wir wollen unsere Söhne nie mehr in die Kasernen schicken!“ Und der christlich-soziale Politiker Franz Joseph Strauß, der spätere Bundesverteidigungsminister, sekundierte Carlo Schmid 1947 mit dem markigen Spruch: „Wer noch einmal ein Gewehr in die Hand nimmt, dem soll die Hand abfallen!“ Bekanntlich sollten diese Beteuerungen nicht von langer Dauer sein. Gleichwohl symbolisierten sie eine weit verbreitete Stimmung.

Im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland von 1949 wurden friedenspolitische Normen festgeschrieben, die es in dieser Entschiedenheit in der deutschen Verfassungsgeschichte bislang noch nicht gegeben hatte: Friedensgebot, Recht auf Kriegsdienstverweigerung, Verbot des Angriffskrieges.

Obwohl der Zeitgeist von dem zentralen Wunsch nach Frieden und der Abneigung gegen alles Militärische geprägt war, strebte die erste Regierung der Bundesrepublik Deutschland unter Kanzler Konrad Adenauer (CDU) eine Wiederbewaffnung des westdeutschen Teilstaates an. Er verstand es, seine Politik gegen den Willen der Mehrheit der westdeutschen Bevölkerung durchzusetzen. Das Wirtschaftswunder überlagerte und relativierte die Bedeutung der massenhaften Proteste gegen die Wiederbewaffnung. In der machtpolitisch vorgegebenen Konstellation – Kriegsrecht, Besatzungsrecht, US-Einfluss, Westintegration, Wiederbewaffnung – gerieten sämtliche außerparlamentarischen Friedensinitiativen des ersten Nachkriegsjahrzehnts unter den Druck der Feindkonstellation des Kalten Krieges. Trotz der Restauration traditioneller Machtpolitik hat sich der antimilitaristische Geist der ersten Nachkriegsjahre in Westdeutschland keineswegs verflüchtigt. Wenn man den größeren Zeitraum von einigen Jahrzehnten in den Blick nimmt, so fällt auf, dass sich in der Einstellung der Westdeutschen – auf andere Weise auch der Ostdeutschen – zu Frieden und Krieg ein tief greifender Wandlungsprozess vollzogen hat. Man könnte gar von einer stillen Revolution sprechen. Sie vollzog sich als mehrstufiger Lernprozess. Er lässt sich in erster Linie als ein Mentalitätswandel begreifen, das heißt, als eine Zivilisierung der Einstellungsmuster, Verhaltensweisen und Umgangsformen.

Von zentraler Bedeutung war die Abkehr von der tradierten Kriegsmetaphysik. Endlich begannen die Menschen in Deutschland zu verstehen, dass der Krieg kein unvermeidliches und immer wiederkehrendes »Schicksal« ist. So aber war es vielen Generationen von Deutschen »von oben«, von den politischen und militärischen Eliten, aber auch von den Kirchen, bedeutet worden. Die Abkehr der Deutschen vom Kriegsglauben stellte den entscheidenden Schritt auf dem Wege zu einer Friedenskultur dar.

Während der beiden Golf-Kriege in den 1990er Jahren fielen die – inzwischen wieder in einem gemeinsamen Staat lebenden – Deutschen weltweit durch demonstrative Friedfertigkeit auf. Als im Februar 2003 abzusehen war, dass die Regierung George W. Bush beabsichtigte, den Irak anzugreifen, protestierten in Deutschland Millionen von Menschen gegen den drohenden Krieg. In der Regel geschah dies unter dem Motto: »Krieg ist keine Lösung!«

Nach dem welthistorischen Umbruch von 1990 begannen die Bundesregierungen unter dem Einfluss der USA einen neuen Kurs zu steuern. Die Außenpolitik der militärischen Zurückhaltung wurde Schritt für Schritt aufgegeben. Im Jahre 1999 beteiligte sich Deutschland erstmals aktiv an einem Krieg, und zwar ausgerechnet an dem völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen Serbien-Montenegro, dem sogenannten Kosovo-Krieg. Die irritierte deutsche Bevölkerung protestierte diesmal nicht, sondern nahm den Krieg hin, wahrscheinlich, weil das vorgetragene Argument des Menschenrechtsschutzes weithin überzeugte. Der Kosovo-Krieg war ein Präzedenzfall und ein Sündenfall zugleich. Er leitete die »Enttabuisierung des Militärischen« in der deutschen Außenpolitik ein.

Der neue Kurs kollidiert mit dem erreichten Stand gesellschaftlicher Friedfertigkeit in Deutschland. Das bedeutet, dass auch künftig jeder Schritt in Richtung Kriegsverhinderung und Friedensgestaltung innenpolitisch und innergesellschaftlich erkämpft werden muss. Die aus historischer Erfahrung gewachsene Friedfertigkeit ist ein hohes Gut, das nicht verspielt werden darf.

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