in Wissenschaft & Frieden 2009-2: Ressourcen: Ausbeutung, Krieg, Elend

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Zur Situation nach dem Gazakrieg

Stimmen zur Diskussion

von Daniel Bar-Tal und Amr Hamzawy

Der jüngste Gazakrieg hat die Gewaltspirale im israelisch-palästinensischen Konflikt erneut gesteigert; die Aussichten auf eine friedliche Konfliktbearbeitung scheinen weiter entfernt denn je. Als Beitrag zur Diskussion druckt W&F die folgenden beiden Beiträge ab: Der offene Brief des israelischen Sozialpsychologen Daniel Bar-Tal basiert auf einem Brief des Autors nach dem Ende des jüngsten Gazakriegs u.a. an Kollegen vom Forum Friedenspsychologie. Bar-Tal verbindet den Ausdruck persönlicher Betroffenheit und eines fast verzweifelten Friedensengagements mit einer scharfsichtigen Auseinandersetzung mit der fatalen Entwicklung. Der Beitrag von Amr Hamzawy, einem Forscher am Carnegie Endowment for International Peace, erschien Mitte Februar in der wöchentlichen Online-Ausgabe der ägyptischen Zeitung Al-Ahram. Darin befasst sich der Politikwissenschaftler mit der Mitverantwortung der Hamas für die Konflikteskalation. Die Zwischenüberschriften wurden jeweils von der Redaktion eingefügt.

Offener Brief – aus Vernunft und Gefühl

von Daniel Bar-Tal

Liebe Freunde, dies ist wahrscheinlich die schwierigste Zeit in meinem politischen Leben als Jude im Staate Israel. Das Kriegsgeschehen in Gaza hat die Grundfesten meiner Hoffnung auf eine friedliche Lösung des Konflikts zwischen Israelis und Palästinensern in naher Zukunft schwer getroffen. Das Gefühl von Verzweiflung wird verstärkt durch die Ergebnisse der jüngsten Wahlen, bei denen die Mehrheit der jüdischen Gesellschaft in Israel für rechte Parteien gestimmt hat, die sich dem Gedanken widersetzen, das Land zwischen beiden Nationen aufzuteilen.

Auch wird mein Glaube an die menschliche Natur erschüttert, wenn ich sehe, mit welcher Leichtigkeit sich Menschen zum Kriegführen zusammenschließen, blindem Patriotismus aufsitzen, Rachebedürfnisse zum Ausdruck bringen, den Gegner delegitimieren und Abgestumpftheit für menschliches Leben entwickeln, Verantwortung verweigern, Selbstgerechtigkeit und moralische Selbstermächtigung zur Schau tragen. Das alles im Gegensatz zu den großen Schwierigkeiten, Menschen für den Frieden zu mobilisieren. Wir sehen immer wieder, dass es Jahre dauert und viel Anstrengung erfordert, Leute vom Frieden zu überzeugen, während sie außerordentlich rasch von der Notwendigkeit eines Krieges zu überzeugen sind und es noch viel schwieriger ist, moralischen Überlegungen Geltung zu verschaffen.

Ich habe mich wochenlang mit der Frage gequält, ob ich einen offenen Brief schreiben sollte. Ich konnte mich nicht zum Schreiben aufraffen, fühlte mich hilflos. Nur das Gefühl, verantwortlich dafür zu sein, dass eine Gegenstimme gegen die offiziell vertretene und von den meisten israelischen Juden mit getragene Sicht der Dinge erhoben wird, brachte mich dazu, diesen Brief zu schreiben. Man sollte wissen, dass es nur eine kleine Minderheit unter uns Juden in Israel gibt, die überhaupt moralische Probleme sehen und die sich diesem Krieg widersetzt haben. Doch mehr von uns haben für Parteien gestimmt, die den israelisch-palästinensischen Konflikt friedlich lösen möchten.

Was zu sagen bleibt

Was soll man sagen, wenn man weiß, dass etwa 1.300 Palästinenser umkamen – zumindest die Hälfte davon unschuldige Zivilisten, Kinder, Frauen und alte Leute –, dass mehr als 4.000 Personen verletzt wurden, Tausende Wohnungen zerstört sind und Zigtausende Menschen obdachlos? Und dass auf israelischer Seite 13 Personen getötet wurden, darunter drei Zivilisten, Hunderte verwundet wurden und Tausende vor den Hunderten Raketen flüchten mussten, die auf Israel niedergingen?

Ich könnte die Argumente der israelischen Regierung wiederholen: Dass über die Jahre viele Hundert Raketen auf israelisches Gebiet um Gaza abgefeuert wurden, auch auf dicht bevölkerte Siedlungen. Dass keine Regierung es hinnehmen kann, dass ihre Bürger verletzt und geschädigt werden. Dass „Israel nach acht Jahren der Zurückhaltung beschlossen hat, etwas gegen die Terrorattacken aus dem Gaza-Streifen zu unternehmen“ und dass „Israels Zurückhaltung von der Hamas und von Vertretern der Iran-geführten vertikalen Achse des Extremismus als Schwäche missverstanden wurde …“. Dass „Israel in gegenseitigem Einvernehmen erreicht hatte, dem Frieden eine entscheidende Chance zu geben, als es im Juni 2008 dem von Ägypten vermittelten Waffenstillstandsabkommen zustimmte, dessen Bedingungen jedoch wiederholt von der Hamas verletzt wurden.“ Schließlich ist es doch nur natürlich, dass Leute, die Soldaten in einen Krieg schicken, diesen Krieg verteidigen und rationalisieren – ein sehr menschliches Verhaltensmuster.

Allerdings ist das nur die halbe Wahrheit. Selbst wenn man den komplexen Hintergrund außer Betracht lässt, erklären diese Argumente der Israelis nicht das ganze Ausmaß ziviler Verluste und Zerstörungen auf palästinensischer Seite. Brutalität und Umfang der israelischen Maßnahmen lassen tiefere, in dunklen Bereichen des Menschen wurzelnde Ursachen erkennen. Darin kommt der Wunsch zum Ausdruck, das Versagensgefühl während des Zweiten Libanonkriegs im Sommer 2006 auszutilgen. Sie spiegeln ein tief sitzendes kollektives Opferbewussteins wider angesichts des anhaltenden Raketenbeschusses auf zivile Niederlassungen im Süden durch den militärischen Flügel der Hamas – und dieses Opferbewusstsein führte zu einem Bedürfnis nach Rache und Vergeltung für den zugefügten Schaden und nach Vorbeugung gegen weiteren Beschuss. Hinzu kommt die fortgesetzte Entmenschlichung der Hamas und ihrer Unterstützer als homogene terroristische Größe. Und schließlich liegt die Überzeugung zugrunde, dass Israel sich 2005 aus dem Gaza-Streifen zurückgezogen hat, um die Palästinenser ihr Leben leben zu lassen, während diese sich daran machten, israelische Zivilisten durch Raketenbeschuss zu terrorisieren.

Doch die Wirklichkeit ist viel komplexer als die vom politischen und militärischen Establishment fortgesponnene Geschichte, die das öffentliche Bewusstsein der israelischen Juden so erfolgreich in Beschlag genommen hat. Es ist schon eine Ironie, da eins der Kriegsziele darin bestand, das Bewusstsein der Palästinenser zu »formen«, so dass sie den Schaden erkennen würden, den die Hamas ihrer eigenen Sache und ihrem Leben zufügte. Dieses Ziel wurde nicht erreicht. Ganz im Gegenteil, der Krieg hat den wechselseitigen Hass und das Misstrauen zwischen beiden Völkern intensiviert, die Falken-Mentalität auf beiden Seiten bestärkt und den Friedensprozess letztendlich noch mehr beschädigt. Es ist zudem kaum möglich, irgendeinen politischen Nutzen für Israel als Ergebnis dieses Krieges zu erkennen. Wir stehen – nach furchtbaren Verlusten und Zerstörungen – an den gleichen Frontlinien, an denen wir vor dem Krieg standen.

Situationsanalyse

Die psychologische Analyse der Situation belegt die selektive, voreingenommene und verzerrte Informationsübermittlung und -verbreitung durch die israelischen Medien, die auf palästinensischer Seite wahrscheinlich nicht anders abläuft. Das besagt nicht, dass es keine Gegeninformation in Israel gibt; doch nur sehr wenige interessieren sich dafür, was wirklich geschieht. Die meisten israelischen Juden wissen daher nicht, was Israel in den Jahrzehnten der Besetzung Gazas angerichtet hat. Sie wissen nicht, dass die Hamas ursprünglich von israelischen Behörden gegründet wurde als Alternative zur PLO. Sie wissen auch nicht, dass die Hamas eine religiös-fundamentalistische Bewegung ist, die auch Wohlfahrts-, Gesundheits- und Erziehungs-Dienstleistungen für die Palästinenser erbringt. Die meisten Israelis haben vergessen, dass die Hamas auf demokratische Weise (auf Drängen der US-Regierung) dazu gewählt wurde, die Führung der Palästinenser-Regierung zu übernehmen – angesichts der Korruption der Fatah und vor allem, weil die fruchtlosen Verhandlungen mit Israel zu keiner politischen Konfliktlösung führten. Die meisten israelischen Juden erinnern sich auch nicht, dass die Politik des »Kein Partner auf palästinensischer Seite« des früheren Premier Ariel Sharon zum einseitigen, mit der Palästinenser-Regierung nicht ausgehandelten Abzug aus Gaza geführt hat – zwecks Delegitimierung der Palästinenserbehörde und im Versuch, die Kontrolle über die Westbank aufrechtzuerhalten. Um die jetzige Situation zu verstehen, muss man wissen, dass dieser Abzug Gaza nicht befreit hat; vielmehr hat Israel eine Belagerung über Gaza verhängt und das Land in ein großes Gefängnis verwandelt. Israel kontrolliert den Zugang zu Gaza und alle Lebensbereiche in dem Gebiet. Man wollte die Unterstützung für die Hamas durch eine Belagerung schwächen, die Leben nur auf niedrigstem Niveau erlaubt und Gaza in eine ökonomische Katastrophe geführt hat. Fast jeder israelische Jude weiß, dass die Hamas auch nach dem Abzug immer wieder Raketen auf ziviles israelisches Siedlungsgebiet abgefeuert hat, aber nur wenige wissen, dass von 2005 bis 2008 Hunderte Palästinenser von den israelischen Streitkräften getötet wurden. Wenige wissen auch, dass die Tunnels in der Hauptsache gebaut wurden, um zivile Güter einzuschmuggeln, die nicht anders nach Gaza geschafft werden konnten – und keineswegs nur Waffen, wie die meisten glauben. Sehr wenige wissen, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen israelischer und palästinensischer Gewalt. Man hält letztere für irrational, fanatisch und unmoralisch, während israelische Gewalt als defensiv, moralisch und gerechtfertigt gilt.

Wenig israelische Juden erkennen an, dass Israel zwei Jahre lang wenigstens zwei Strategien zur Verfügung standen, um eine weitere Eskalation zu verhindern: Man konnte, was durchaus möglich ist, mit der Hamas reden und einen Waffenstillstand für eine längere Zeit aushandeln. Oder man konnte – z.B. indem man die Lebensbedingungen der Palästinenser erleichterte durch Aufhebung vieler Kontrollpunkte und durch Räumung illegaler Siedlungen entsprechend den Zusagen, die man den Vereinigten Staaten gemacht hatte – entschieden im Sinne des Friedens gegenüber Präsident Mahmud Abbas und der Palästinenserbehörde handeln, um den Palästinensern zu zeigen, dass der Friedensprozess greifbar Früchte trägt, zu Wohlstand und Sicherheit führt.

Selbst wenn wir uns nur auf die Zeit unmittelbar vor dem Krieg beziehen, wissen die meisten israelischen Juden nicht, dass es durchaus möglich war, eine Fortsetzung des Waffenstillstands auszuhandeln. Sie haben vergessen, dass Israel den Waffenstillstand am 4. November 2008 durch Töten von 6 Palästinensern gebrochen hat. Die Hamas – als fundamentalistische religiöse Organisation, die auch Terror praktiziert – ist nicht mein Geschmack. Sie ist aber auch eine soziale Bewegung mit breiter Unterstützung in der palästinensischen Gesellschaft, da sie eine Alternative bietet für die gedemütigte nationale Identität der Palästinenser. Diese Bewegung ist zudem keineswegs homogen und es ist möglich, unterschiedliche Stimmen herauszuhören, auch solche, die Verhandlungen mit Israel und die Zwei-Staaten-Lösung befürworten.

Konfliktkultur und Verantwortung

Alle diese Versäumnisse sind nicht wirklich überraschend in Anbetracht der Tatsache, dass beide Parteien tief verstrickt sind in eine Kultur des Konflikts. Man versucht ganz systematisch, das Meinungsklima der jeweiligen Gesellschaft zu prägen, indem man die eigene Gesellschaft als moralisch, friedliebend und gemäßigt hinstellt und die konkurrierende als unmoralisch, unversöhnlich, gewalttätig, irrational oder extrem. Hinzu kommt, dass jede Seite sich selbst als Opfer dieses Konflikts betrachtet. Dieser Prozess läuft seit Jahrzehnten ab. Nur während der wenigen Jahre von Yitzhak Rabin sah es so aus, als ob der Friedensprozess Schwung bekommen könnte. Aber seit 2000, als der damalige Premier Ehud Barak sich zur »Kein-Partner«-Politik entschloss, siecht er dahin.

Gewiss, die Palästinenser haben ihren Anteil am Scheitern des Oslo-Prozesses, aber die ungeheuere Machtasymmetrie lädt der israelischen Seite die Hauptverantwortung auf für die Fortdauer des Konflikts. Israel hält fast alle Karten zur Lösung in den Händen: Es hat das Land in Besitz genommen, verfügt über Ost-Jerusalem, kontrolliert das Leben der Palästinenser, kontrolliert die Ressourcen der Westbank, weitet die jüdischen Siedlungen immer tiefer in die Westbank aus, praktiziert nach eigenem Gutdünken Präventions- und Straf-Gewalt und genießt – zumindest bis jetzt – die fast bedingungslose Unterstützung der Supermacht.

Die Konturen einer möglichen Regelung des Konflikts sind mehr oder weniger klar. Wenn es dazu kommt, dann in Übereinstimmung mit den unter Clinton erarbeiteten Kriterien, entsprechend der Vereinbarung von Taba, gemäß der Genfer Initiative und gemäß der Arabischen Friedensinitiative. Israel wird sich zu den Grenzen von 1967 zurückziehen müssen, mit dem einen oder anderen Landtausch, um die bevölkerungsreichsten jüdischen Siedlungen jenseits der Grünen Linie halten zu können. Jerusalem wird geteilt werden. Die meisten jüdischen Siedlungen innerhalb der besetzten Gebiete sind aufzugeben. Das Flüchtlingsproblem muss auf dem Vertragsweg gelöst werden, durch Kompensation und Wiederansiedlung, vor allem innerhalb des zukünftigen palästinensischen Staates.

Der scheidende Ministerpräsident Ehud Olmert hat diese Grundsätze der israelischen Öffentlichkeit dargelegt, allerdings hat er keinerlei konkrete Maßnahmen zu ihrer Umsetzung eingeleitet. Obwohl man in der israelischen Öffentlichkeit die Notwendigkeit einer Zwei-Staaten-Lösung sieht – aus Sorge wegen der demografischen Entwicklung – widersetzt man sich den besagten Prinzipien: Die meisten israelischen Juden erheben Einwände gegen die Teilung Jerusalems, gegen einen Rückzug auf die Grenzen von 1967 und gegen die Auflösung der meisten jüdischen Siedlungen in der Westbank. Ich muss zugeben: Ich kann mir keine israelische Regierung vorstellen, die etwa 60.000 jüdische Siedler aus der Westbank evakuieren würde. Seit dem Verfall des Friedenslagers im Jahr 2000 treibt die israelische jüdische Öffentlichkeit ununterbrochen in eine aggressiv-nationalistische Bewusstseinlage. Der jüngste Krieg hat dem Friedenslager einen weiteren Schlag versetzt, wie die Wahlergebnisse belegen.

Hoffen auf ein Wunder?

Diese Wahlergebnisse geben einmal mehr Aufschluss über die Situation des Friedenslagers. Die große Mehrheit der israelischen Juden glaubt, dass der Konflikt nicht zu lösen ist und wir demnach mit dem Schwert leben müssen. Die Schuld daran sieht man offensichtlich auf palästinensischer Seite.

Meine Hoffnungslosigkeit speist sich aus der enormen Kluft zwischen den kollektiven Überzeugungen der israelischen Juden und der Wirklichkeit. Die große Mehrheit glaubt, dass die israelischen Juden sehr human sind, dass die israelische Armee die moralischste Armee weltweit ist und die israelische Demokratie eine der stärksten Demokratien. Unter diesen Bedingungen ist kaum anzunehmen, dass typische israelische Juden sich dafür einsetzen werden, die Situation zu verändern. Sie üben sich stattdessen in Verleugnung, Projektion, Rationalisierung und so fort. Wie viele Juden in Israel wollen wirklich wissen, dass – gleich um die Straßenecke – Israel die kollektive Misshandlung eines Volkes im Rahmen einer lang anhaltenden Besatzung praktiziert? Wie viele wollen wirklich etwas wissen über die institutionalisierte Diskriminierung, die im Staat Israel gegen arabische Bürger dieses Staates praktiziert wird? So ist nicht verwunderlich, dass wir viel lieber über unsere eigene Opferrolle reden und vor allem über den Holocaust und über die zwei tausend Jahre Misshandlung durch die »Goyim« zu Zeiten der Diaspora, und dass wir jede Kritik an der Politik Israels als Ausdruck von Antisemitismus anklagen. Wie Mitglieder anderer Nationen sind israelische Juden hoch sensibel gegenüber Menschenrechtsverletzungen in anderen und durch andere Gesellschaften und verehren die, die sie zur Sprache bringen, haben aber große Schwierigkeiten, selbst in den Spiegel zu schauen und sich mit den eigenen Untaten auseinanderzusetzen. Das ist sicher charakteristisch für viele Nationen, aber zum Ende des 20sten und am Beginn des 21sten Jahrhunderts ist kaum eine zweite Nation zu finden, die sich für aufgeklärt hält und doch über mehr als 40 Jahre eine Besatzung aufrechterhält.

Der Rest wird in den Geschichtsbüchern stehen… Indes ist es wichtig, sich daran zu erinnern, dass dieser Krieg nicht unvermittelt ausbrach, sondern im Voraus geplant wurde – auch was Ausmaß, Art der Waffen usw. betrifft. Die Ergebnisse sind tragisch für beide Nationen. Wurden damit doch beiden Seiten eindeutige Belege dafür geliefert, dass die andere Seite böse und unmoralisch ist und man eine friedliche Lösung des Konflikts nicht erreichen kann. Demnach unterstützen israelische Juden wie Palästinenser kompromisslose politische Kräfte. Zur Zeit können hier und da einige von uns nur die Tragödie abschätzen, die Ereignisse erklären und entweder für ein Wunder beten, dass Kräfte von außen ins Spiel kommen und uns vor unseren schlimmsten Trieben bewahren, oder aber sich jenen anschließen, die sich um beide Gesellschaften große Sorge machen und den überaus schwierigen Kampf um eine friedliche und gedeihliche Zukunft fortsetzen. Ich wähle die zweite Alternative.

Ihr Daniel Bar-Tal

Daniel Bar-Tal ist Branco Weiss Professor of Research in Child Development and Education an der School of Education, Tel Aviv University; er war Präsident der International Society of Political Psychology und von 2001 bis 2005 Mit-Herausgeber des Palestine-Israel Journal.
Übersetzung: Albert Fuchs

Abweichende Meinungen zum Schweigen bringen

von Amr Hamzawy

Immer wenn sich eine arabische Stimme zu Wort meldet, die eine kritische Bewertung der taktischen Entscheidungen und des Vorgehens der Hamas sowie eine Untersuchung des Ausmaßes ihrer Verantwortung für den Tod und die Zerstörung einfordert, die während der israelischen Offensive auf Gaza niedergingen, wird diese erstickt durch Schreie der Entrüstung seitens der Produzenten der Erzählungen von Widerstand und Verweigerung und verdrängt durch ein Sperrfeuer von Andeutungen bezüglich Loyalität und Motiven. So unterschiedlich diese Antworten in der Tonlage, die von ruhig und besonnen bis hin zu hysterisch reicht, und in der inhaltlichen Substanz sind, die simplifizierende und richtig-gegen-falsch und gut-gegen-schlecht verabsolutierende Argumente sowie komplexere Diskurse umfasst, die auf sorgfältig ausgesuchte Belegstellen gestützt sind, um zu zeigen, dass die Hamas immer recht hat, so teilen sie doch drei grundsätzliche Meinungen, die zerlegt werden müssen, um zu verstehen wie sie hinsichtlich des Widerstandsnarrativs funktionieren und um in der Lage zu sein, sich mit ihren Produzenten an einer logische Debatte zu beteiligen.

Dogmatische Lesarten

Die erste bedingt die Delegitimierung jeden Argwohns, dass die Strategie und die Praxis der Hamas zu einer Dynamik beigetragen haben könnte, die zu dem Ansturm führte, der solch massive Zerstörung gebracht hat. Diese Einstellung gründet sich auf der unmissverständlichen Beharrlichkeit, nach der Israel als brutale Besatzungsmacht alleinverantwortlich ist. Diese Vorannahme hat zwei wichtige Folgen. Die erste entlastet die Hamas von jedem Verdacht, dass sie Tel Aviv einen Vorwand zur Kriegführung geliefert hat, nachdem sich die islamistische Bewegung geweigert hat, die Waffenruhe zu verlängern, und ein Sperrfeuer an Raketen nach Südisrael feuerte. Die Zionisten wären um Rechtfertigungen für ihre Aggressionsakte nie verlegen gewesen, lautet das Argument. Und es wird hinzugefügt, dass dieser Krieg bereits seit langem am Reißbrett vorbereitet worden sei und zu seinen Zielen gehört habe, die Hamas zu demontieren, weil diese ein Hindernis für jedes Siedlungsprojekt sei, dass die Rechte der Palästinenser schädige, die Abschreckungskraft Israels wiederzubeleben, die durch den Krieg im Libanon im Sommer 2006 unterminiert worden sei, und das öffentliche Ansehen der Kadima-Arbeiterpartei-Koalition im Vorfeld der Knessetwahlen zu fördern. Die logische Aussage ist, dass die Hamas recht daran getan hat, den Waffenstillstand angesichts seiner Verletzungen durch Israel und der grausamen und unerbittlichen Wirtschaftsblockade gegen die Bevölkerung in Gaza zu beenden.

Es geht mir nicht um Rechtfertigungen für Israels grausamen Krieg in Gaza. Ich habe keine Zweifel, dass die oben genannten Rechtfertigungen größtenteils stichhaltig sind. Dennoch verdeutlichen sie das Problem eines geschlossenen Paradigmas, das jedes eigenständige Element in der Interpretation politischer Ereignisse ausschließt und eine monolitische und tatsächliche a posteriori Lesart aufnötigt, die engstirnig gegenüber kontrafaktischen Belegen und gegenwärtigen Realitäten ist, die ein anderes Licht auf die Ereignisse, wie sie sich darstellen, werfen könnten. Der Krieg in Gaza, so diktiert es das Paradigma, war ein Beispiel für die Art der lange vorbereiteten Pläne, die Israel immer bereit hat, und jede behauptete Beziehung zwischen diesem Plan und dem Ende der Waffenruhe oder Tel Avivs Wahrnehmung einer Sicherheitsbedrohung durch Raketen auf Städte in Israels Süden ist nicht mehr als ein Vorwand. Die Zustimmung der Olmert-Regierung zum Waffenstillstand im Jahr 2008 war demnach lediglich ein taktischer Schritt zur Vorbereitung des Krieges, während sie auf einen geeigneten Moment zum Start des Angriffs wartete, der durch das politische Vakuum aufgrund des Übergangs einer abtretenden und einer neu kommenden Administration in den USA gegeben war. Dass Olmert einer Waffenruhe zustimmte, wird zum Beispiel nicht als Auftakt zu einem pragmatischen Versuch gelesen, zu einer minimalen Übereinkunft mit einer anstrengenden Widerstandsbewegung über ein Stück Land zu kommen, das Israel weder halten kann noch will. Dieser Sichtweise zufolge hätte der Krieg gegen die Hamas ohnehin stattgefunden und alle taktischen Wahlmöglichkeiten und Aktionen – die Wertung ihrer eigenen Interessen im Rahmen der Rivalität mit der Fatah und ihr Streben nach Machtkonsolidierung im Gaza-Streifen – spielten keine Rolle. So bleibt die Hamas über jeden Verdacht erhaben.

Lesart des Verrats

Die zweite Aussage, die die umfassende Entlastung der Hamas seitens der Produzenten des Widerstands-Narrativs unterstützt, verlangt, dass jeder außerhalb ihres Kreises jeden rationalen Gedanken und Argumentationsweise ablegt, wenn es um den Weg in den Krieg und seine tragischen Rückwirkungen geht. Sie machen sich über jede Kritik an der Hamas lustig, derzufolge diese nichts für eine Abwendung eines Krieges getan hat, von dem ihre Anführer wussten, dass Zivilisten einen enormen Preis würden zahlen müssen. Um solche Kritik abzuwehren, argumentieren sie, dass sie versäumt anzuerkennen, dass der Krieg unausweichlich war angesichts der Legitimtät der Widerstandsaktion gegen die Besatzer – und zwar jenseits möglicher Konsequenzen. Letzteres stellt eine radikale Abweichung von der politischen Rhetorik der Hizbollah dar, die die Planung, die Organisation, das Training und die Beschaffung von Waffen betont, um einen „bewussten, intelligenten Widerstand“ zu entwickeln. Jeder, der es wagt anzumerken, dass die Machtübernahme in Gaza, die Trennung von der Westbank und die Ausschaltung der Palestinänsischen Autonomiebehörde für ein starkes Desaster hinsichtlich der Führung des palästinensischen Kampfes um nationale Befreiung gesorgt hat, das ideale Bedingungen für Israel hervorgebracht hat, um den Westen davon zu überzeugen, dass Gaza nun ein Gebiet von Abtrünningen und Gesetzlosen ist, wird mit einem Hagel Spott begrüßt und – nicht selten – mit dem Bericht in »Vanity Fair« über die Dahlan-Verschwörung in Verbindung gebracht sowie der Geschichte wie Hamas seiner eigenen Ausschaltung dadurch zuvorkam, dass sie ihre Widersacher zuerst ausschaltete.

Und jeder, der es wagte anzumerken, dass Hamas die möglichen Verluste der Zivilbevölkerung und die materiellen Schäden nicht einkalkuliert hat oder darauf verwieß, dass die Rhetorik der Bewegung wärend des Krieges dies zum Ausdruck brachte und den Menschen in Gaza keine andere Wahl ließ als als das »Widerständige Volk« in einen Topf geworfen zu werden, wird als Kollaborateur und Entschuldiger Israels gezeichnet, den Scharfrichter mit dem Opfer verwechselnd, nur weil derjenige nahegelegt hat, dass Hamas in gewisser Weise für Tod und Zerstörung in Gaza verantwortlich war.

Zum Schweigen bringen

Die dritte Position ist möglicherweise die heimtückischste. Seine Vertreter ziehen sich den Mantel der Rationalität an, wenn sie jede Kritik an Hamas damit verurteilen, dass diese Kritik eine schädliche Abweichung vom religiösen und nationalen Konsens sei und im besten Falle als intellektuelle Spielerei zu bewerten sei, die auf einen späteren Zeitpunkt zu verschieben sei. Die Gefahr dieser Sichtweise ist, dass sie totalitäre Implikationen hat, indem sie jede Verwendung des Intellekts und jede freie Äußerung von Überzeugungen verbietet soweit es die Hamas und ihre Aktivitäten betrifft. Die Araber haben die Auswirkungen dieser Art des Schweigens lange erlitten. Nach dem Ausstellen eines Zertifikats, das Hamas von jeder Verantwortung für den Krieg in Gaza freispricht und die rationale Untersuchung der Handlungsmöglichkeiten und Aktivitäten der Bewegung suspendiert, insistieren die Produzenten der Widerstands-Erzählung auf einem anderen Typ von Ausnahme – die Freiheit der Gedanken und das Recht zur Differenzierung unterminierend.

Dr. Amr Hamzawy ist als Politikwissenschaftler an Universitäten in Kairo und Berlin tätig gewesen. Sein Interesse gilt der Dynamik politischer Partizipation in der arabischen Welt und der Rolle der islamistischen Bewegungen in der arabischen Politik. Er schreibt regelmäßig in den Tageszeitungen Al-Hayat und Al-Masry al Youm.
Übersetzung. Fabian Virchow

in Wissenschaft & Frieden 2009-2: Ressourcen: Ausbeutung, Krieg, Elend

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