in Wissenschaft & Frieden 2009-2: Ressourcen: Ausbeutung, Krieg, Elend

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Ressourcenkonflikte

von Matthias Basedau

Beispiele wie der Irakkrieg seit 2003 oder die Unruhen im ölreichen Niger-Delta in Nigeria legen nahe, dass gewaltsam ausgetragene Konflikte um wertvolle natürliche Ressourcen eine reale Gefahr sind. Der Gasstreit zwischen der Ukraine und Russland Anfang 2009 führte zu einer weiteren Beunruhigung der Öffentlichkeit. Endliche, aber für viele Staaten unerlässliche Rohstoffvorkommen, ihre ungleiche Verteilung weltweit und die daraus erwachsenden Machtvorteile und ökonomischen Profitpotentiale lassen viele Beobachter verschärfte Konflikte um Ressourcen in der Zukunft befürchten.

Der Zusammenhang zwischen natürlichen Rohstoffen und Konflikten ist gleichwohl komplexer als dies in weiten Teilen der Öffentlichkeit wahrgenommen wird. Um sich der Komplexität anzunähren, wird der vorliegende Beitrag vor allem folgende Aspekte näher beleuchten: Zwischen welchen Akteuren können Ressourcenkonflikte ausbrechen? Welche Kausalmechanismen verbinden natürliche Rohstoffe und Gewaltkonflikte? Welche empirischen Befunde gibt es zur Rolle von Konflikten in Ressourcen und welche Kontextfaktoren müssen generell in Rechnung gestellt?

Welche Akteurskonstellationen von Ressourcenkonflikte gibt es?

Für Konstellationen von Ressourcenkonflikten ist zunächst sinnvoll zwischen Akteuren, zumeist Staaten bzw. Regierungen, zu unterscheiden, die Ressourcen besitzen und exportieren können, und solchen, die auf Importe angewiesen sind. Modellhaft lassen sich fünf Konfliktformationen unterscheiden.

Die erste Variante sind internationale Konflikte zwischen Ressourcenimporteuren, die um den Zugang zu Rohstoffen rivalisieren wie z.B. die VR China und die USA, die ein besonderes und wachsendes Interesse am wichtigen strategischen Rohstoffen wie Öl haben.

Internationale Konflikte zwischen Exporteuren und Importeuren von Rohstoffen könnten mit dem eingangs genannten Angriff der USA (und der »Koalition der Willigen«) auf den Irak 2003 illustriert werden, auch wenn hier die Rolle des Motivs Rohstoffsicherung im Vergleich zu anderen Beweggründen unklar ist. Theoretisch kann die Offensive aber auch von Exportländern ausgehen, die ihre Verfügung über strategische Rohstoffe und die daraus fließenden Erlöse nutzen. Das neu erwachte Selbstbewusstsein Russlands, die Petrodiplomatie Venezuelas und die iranische Resistenz gegen Außendruck sind von deren Status als Energiegroßmächte nicht zu trennen.

Internationale Konflikte zwischen Exporteuren von Rohstoffen können ausbrechen, wenn es Streitigkeiten um die Kontrolle von in Grenzgebieten liegenden Rohstoffvorkommen gibt oder die Ressourcen von Nachbarländern schlichtweg als Beute angesehen werden. Beispielsweise nutzte Saddam Hussein die Revolutionswirren im Iran 1980 und versuchte, dem Irak die ölreiche iranische Provinz Khuzestan einzuverleiben. Nach dem teuren Krieg gegen den Iran schien 1990 das benachbarte Kuwait ein lohnendes Opfer.

Für interne Konflikte in Exportländern – für Importländer sind Ressourcenkonflikte allenfalls indirekt – gibt es zahlreiche Beispiele mit beträchtlicher Gewaltbelastung, wozu z.B. Angola, die DR Kongo, Indonesien, Kolumbien, Nigeria, Sierra Leone und der Sudan zu zählen sind. Auch hier scheint es häufig um die Kontrolle der Ressourcen zu gehen oder die Rohstofferlöse tragen zur Verlängerung der Konflikte bei.

Daneben sind zusätzlich Konflikte mit Ressourcentransitländern (die zugleich entweder Export- oder Importländer sind) zu nennen, die an wichtigen Lieferrouten für begehrte Rohstoffe liegen (z.B. Anrainer an wichtigen Tankerrouten und Pipeline-Länder). Diese Länder können sowohl mit Export- als auch Importländern in Konflikt geraten. Ihre strategische Position kann sowohl Begehrlichkeiten von außen wecken und zu Interventionen führen als auch offensiv genutzt werden. Im angesprochenen Gasstreit zwischen der Ukraine und Russland Anfang 2009, als Streitigkeiten um den von der Ukraine zu entrichtenden Gaspreis zur Einstellung der Exporte an zahlreiche europäische Importländer führten, waren sich beide Seiten bewusst, dass viele EU-Staaten von ihren Gaslieferungen abhängig sind und versuchten deshalb, sich gegenseitig als Schuldigen für den Exportstopp darzustellen.

Natürlich können in allen Konflikttypen, besonders innerhalb von Ländern, auch substaatliche Gruppen und transnationale Konzerne beteiligt sein, die in dieser modellhaften Darstellung nicht berücksichtigt wurden. Die tatsächlich auftretenden Konflikte sind in aller Regel Mischformen: Der häufigste Typus ist offenbar ein interner Konflikt mit einer mehr oder weniger direkten internationalen Komponente. Paradigmatisches Beispiel ist der Bürgerkrieg in der DR Kongo, in den insgesamt sieben Nachbarstaaten (u.a. Angola, Ruanda und Uganda) eingriffen. Genauere Angaben über die Häufigkeit von Konfliktformationen – oder der Existenz von Ressourcenkonflikten überhaupt – werden aber durch den Umstand erschwert, dass im Einzelfall nicht ohne weiteres nachgewiesen werden kann, ob der Konflikt tatsächlich ein Ressourcenkonflikt ist.

Ressourcenspezifische Variablen Nicht-ressourcenspezifische Variablen
Endogen
  • Ressourcenreichtum (v.a. pro Kopf)
  • Ressourcenabhängigkeit
  • Ressourcentyp(en)
  • Modi der Förderung
  • Streuung der Vorkommen im Inland
  • Revenue Management System (Generierung, Verteilung und Nutzung der Ressourcenerlöse)
  • Beziehungen von Identitätsgruppen (ethnisch, religiös)
  • Sozioökonomie (Potential und Dynamik)
  • Demographie (Migration, »youth bulge«)
  • Geographie (z.B. »rough terrain«)
  • Institutionenqualität (Legitimität und Effizienz)
  • Elitenverhalten (Integrität und Kompetenz)
Exogen
  • Streuung der Vorkommen (grenz-übergreifend, regional, global)
  • Internationale Nachfrage (Höhe, Dynamik, Importeure)
  • Außenpolitische Verwendung der Ressourcenerlöse
  • Governance des Ressourcensektors (Interessen von Staaten, Firmen, Organisationen, Regelungen durch Regime)
  • Verhältnis zu Anrainern, Regional- und Großmächten
  • Generelle Konfliktanfälligkeit und Gewaltprävalenz der Region (spill-over-Effekte)
  • Interdependenz des Landes
  • Internationale Regelungsdichte (regionale / ggf. internat. Organisationen)
Tabelle: Wichtige Kontextbedingungen in Ressourcenkonflikten

Warum kommt es zu Konflikten um Ressourcen?

Einen Gewaltkonflikt als Ressourcenkonflikt zu bezeichnen, erscheint dann als statthaft, wenn die Kontrolle von Rohstoffen bei mindestens einer Partei das Motiv der Gewaltanwendung ist oder die Verfügung über Rohstoffe oder deren Erlöse eine Konfliktpartei in die Lage versetzt, Krieg zu führen. Dabei ist stets auch zu unterscheiden, ob Rohstoffe den Konfliktbeginn beeinflussen oder zu dessen Dauerhaftigkeit beitragen. Eine indirekte Rolle spielen Rohstoffe, wenn Effekte der Rohstoffproduktion auf Institutionen oder Volkswirtschaft indirekt zu einer gewaltförmigen Entwicklung führen. In der Tat gibt es zahlreiche Varianten, auf welche Weise Ressourcen zu gewaltsamen Konflikten führen können (vgl. Humphreys 2005).

Direkte Mechanismen

Die oben genannten Konfliktformationen legen nahe, dass es vor allem der Kampf um die Kontrolle der Ressourcen bzw. ihrer (potentiellen) Erlöse ist, die gewaltsame Konflikte herbeiführt. Diese sind in mehreren Varianten möglich:

Verschiedene gesellschaftliche Akteure kämpfen um die Macht des Zentralstaates, da dessen Kontrolle mit dem Zugriff auf Ressourcen(erlöse) verbunden ist (»greed«). Als solche Beispiele gelten etwa Angola oder Sierra Leone.

Dies kann auch in einer externen Variante auftreten, wenn auswärtige Akteure zur militärischen Sicherung der Ressourcen im betreffenden Staat bereit sind (»greedy outsiders«). Externe Akteure können Konflikte auch verschärfen, ohne dass diese notwendigerweise direkte Konfliktparteien sind. In Kongo-Brazzaville führte 1997 die rivalisierende Unterstützung von Kriegsparteien durch Frankreich und die USA zu einer Verschärfung des Konflikts. Beide Konfliktparteien standen mit französischen bzw. US-amerikanischen Ölkonzernen in Verbindung.

Möglich ist auch, dass ressourcenreiche Regionen mit Waffengewalt Autonomie oder Sezession anstreben, weil sie ihre Ressourcenerlöse nicht mit dem Zentralstaat teilen wollen, sich in deren Verteilung übervorteilt sehen und/oder unter den ökologischen und sozioökonomischen Folgen leiden müssen, die mit der Produktion einhergehen. Typische Beispiele sind die Konflikte in Indonesien (Aceh), Angola (Cabinda) oder Nigeria (Biafra/Niger-Delta).

Der Handel mit Ressourcen ermöglicht die Aufstellung und den Unterhalt von Militärkräften oder Rebellengruppen, so dass Gewaltkonflikte als Folge des Ressourcenreichtums eher ausbrechen und vor allem länger anhalten. Ressourcen beeinflussen hier primär nicht die Motivation der Akteure, sondern die Möglichkeit oder Gelegenheit zur Gewaltanwendung. Beispiele sind die Dauer der Konflikte in Angola und der DR Kongo. Die Beobachtung solcher Effekte hat zur Entwicklung der Konzepte »Kriegsökonomie« oder »Gewaltmärkte« und der »Neuen Kriege« beigetragen. In einer pointierten Variante wird davon ausgegangen, dass Rebellionen lediglich ökonomische, quasi-kriminelle Motive haben und gar keine – oder nicht mehr – politischen Ziele verfolgen. Die Kriegssituation mag aufgrund fehlender staatlicher Kontrolle für Bereichung besonders günstig sein.

Zudem sind Stätten der Ressourcenproduktion, Personal und Transporteinrichtungen lohnende Ziele für gegnerische Parteien, da dadurch der ökonomische Nerv des Gegners getroffen werden kann. So haben im Niger seit Anfang 2007 Tuareg-Rebellen gezielt die Infrastruktur der Uranproduktion attackiert.

Indirekte Mechanismen

Die Kriegswahrscheinlichkeit kann auch durch eine Reihe von indirekten Effekten von Ressourcenreichtum oder -abhängigkeit erhöht werden, die vor allem aus wirtschaftlichen und institutionellen Effekten hervorgehen, die unter den Bezeichnungen »Ressourcenfluch« oder dem »Rentierstaat« bekannt geworden sind (vgl. Basedau/Lay i.E.).

Der plötzliche Reichtum, Preisschwankungen, vernachlässigte Entwicklung anderer Sektoren oder Verschwendung von Einnahmen für Prestigeobjekte führen zu wirtschaftlichen Problemen, die dann wiederum gewaltsame Konflikte wahrscheinlich machen (z.B. »Dutch Disease«).

Einnahmen aus Rohstoffen sind überdies besonders anfällig für Korruption, die dann zu wirtschaftlichem Niedergang oder Unzufriedenheit führt. Außerdem wird der Staat insgesamt geschwächt, weil eine ordentliche Staatsbürokratie, etwa zur Erhebung von Steuern, nicht notwendig erscheint, so dass die fehlenden Leistungen des Staates wiederum die Kriegswahrscheinlichkeit erhöhen (»rentier state«; »weak state«).

Des Weiteren bedeutet die Dominanz einer Ressource in der Ökonomie eine einseitige Einbindung in die Weltwirtschaft und von Kontakten in die Außenwelt allgemein (»sparse networks«). Ein dichtes Netz von Außenbeziehungen wurde aber empirisch als ein Faktor identifiziert, weshalb Länder Konflikte untereinander und innerhalb eines Landes vermeiden können.

Ressourcen für den Frieden?

Die öffentliche Wahrnehmung fokussiert vor allem auf den Zusammenhang von Rohstoffen und Gewaltkonflikten. Dadurch gerät etwas in den Hintergrund, dass Rohstoffe auch für den Frieden genutzt werden können, besonders wenn – wie in einigen Emiraten im Persischen Golf – die Einnahmen im Überfluss fließen: Innenpolitisch können hohe Erlöse aus dem Ressourcengeschäft durch die gezielte Kooptierung von Oppositionellen, eine großzügige Verteilungspolitik oder durch den Aufbau eines effektiven Sicherheitsapparats zur Friedenssicherung genutzt werden (Le Billon 2003).

Internationale Gewaltkonflikte sind möglicherweise auch deshalb selten, weil grundsätzlich nicht nur die Importeure, sondern auch die Exporteure Interesse daran haben, dass ein friedlicher Handel zustande kommt. Nicht wenige Wissenschaftler befürworten deshalb auch eine wechselseitige Abhängigkeit, wobei der Kooperationsanreiz nicht zuletzt durch »Friedenspipelines« gestärkt werden kann. Ölreiche Staaten genießen sehr häufig auch besonderen Schutz von außen. Regierungen, welche ihre Einnahmen aus dem Rohstoffgeschäft zur Aufrüstung nutzen, mögen zudem eher vor Angriffen von außen (und innen) geschützt sein. Dieser »negative Friede« durch Ressourcen hat freilich auch eine dunkle Seite, da es häufig autoritäre Regierungen sind, die mittels Ressourcen bzw. gewaltsamer Repression stabilisiert werden, wobei die dabei eigentlich fehlende Legitimation der Regime langfristig Konflikte verursachen könnte.

Empirische Befunde und Kontextbedingungen

Jenseits anekdotischer Evidenz von Einzelfällen und theoretischer Möglichkeit gibt es eine umfangreiche quantitative Literatur zum Zusammenhang von Ressourcen und Gewaltkonflikten, auch wenn diese sich vor allem auf Bürgerkriege konzentriert – über internationale Ressourcenkonflikte gibt es kaum quantitative Ergebnisse. Als besonders einflussreich erwies sich die Studie von Collier und Hoeffler (zuletzt 2004) zu »greed and grievance«. Demnach führt die Abhängigkeit von Primärgütern zu einer erhöhten Bürgerkriegswahrscheinlichkeit, was Collier und Hoeffler vor allem durch gewaltökonomische Gelegenheit (»greed«) erklären. Dieser Zusammenhang wurde von nachfolgenden Studien jedoch nicht bestätigt (Ross 2004). So fanden die befürchteten Wasserkriege bislang kaum statt (Wolf 2002). Als noch relativ robuste Ergebnisse gelten, dass Erdöl produzierende Länder – jedenfalls als Gruppe – weltweit ein erhöhtes Risiko für Bürgerkriege haben (Ross 2004; 2006). Diamanten exportierende Länder sind nicht von einem erhöhten Bürgerkriegsrisiko betroffen, laufen aber Gefahr, dass Konflikte länger andauern, wenn sie erst einmal ausgebrochen sind. In jedem Fall lässt sich festhalten: Zahlreiche Ausnahmen beweisen, dass es keinen zwingenden Zusammenhang zwischen Rohstoffvorkommen oder -förderung und dem Ausbruch von (Bürger)Kriegen gibt. Selbst die genannten Kausalmechanismen zeigen ja nur auf, dass es zu Konflikten zwischen Akteuren kommen kann, nicht aber dass diese notwendigerweise gewaltsam ausgetragen werden. Es handelt sich allenfalls um eine erhöhte Wahrscheinlichkeit und dies bedeutet zwingend, dass andere Faktoren eine Rolle spielen müssen.

Welche Kontextbedingungen sind dies? Prinzipiell ist eine Vielzahl möglicher Bedingungen in Rechnung zu stellen, die sinnvoll nach ressourcenspezifischen, und nicht-ressourcenspezifischen Bedingungen einerseits und internen bzw. externen Faktoren andererseits unterschieden werden können (vgl. Abb. 1). Bei den nicht-ressourcenspezifischen Variablen handelt es sich um alle Bedingungen, die zu Gewaltkonflikten beitragen können (oder nicht) und die nicht direkt in Verbindung mit der Ressourcenproduktion stehen. Dazu gehören etwa die Beziehungen zwischen Identitätsgruppen (z.B. ethnische oder religiöse Gruppen), das Niveau und die Dynamik der sozioökonomischen Entwicklung sowie die Qualität von Institutionen wie der staatlichen Bürokratie, dem Sicherheitssektor oder dem politische System im Allgemeinen. Erwähnt werden sollte ferner das Verhalten von politischen Eliten. Nicht zuletzt sind externe Bedingungen wie die Interessen von auswärtigen Mächten oder die Konfliktanfälligkeit der Region zu berücksichtigen.

Diese Bedingungen sind insbesondere wichtig vor dem Beginn der Rohstoffproduktion bzw. bevor Rohstoffvorkommen entdeckt wurden. Einerseits können stabile Institutionen, unproblematische Beziehungen zwischen Identitätsgruppen, ein erhöhter Wohlstand, verantwortliche und integre Eliten sowie ein günstiges internationales Umfeld ein Land vor negativen Entwicklungen bewahren wie das Beispiel Norwegen belegt. Andererseits können sich diese nicht-ressourcenspezifischen Bedingungen durch die Entdeckung von Vorkommen oder den Beginn der Produktion negativ verändern, insbesondere was die Institutionenqualität, das Elitenverhalten und die ökonomische und gesellschaftliche Entwicklung angeht. Bei den indirekten Effekten von Rohstoffproduktion auf die Gewaltwahrscheinlichkeit wurde bereits auf diese möglichen Zusammenhänge hingewiesen. Das Bild sei gestattet: Einen labilen Charakter könnte ein Lottogewinn aus der Bahn werfen, einen etwas stabilerer Charakter aber weniger.

Ob die skizzierten direkten oder indirekten Effekte auftreten, hängt aber nicht zuletzt von den ressourcenspezifischen Bedingungen ab: In den meisten Studien wird relativ unreflektiert von Ressourcenreichtum gesprochen. Zumeist wird dies aber anhand des Anteils der Exporterlöse am Bruttoinlandsprodukt (BIP) gemessen. Dies ist aber ein Maß für Abhängigkeit. Setzt man hingegen die Höhe der Erlöse in Beziehung zur Bevölkerungsgröße (oder ggf. zum Anteil der weltweiten Vorkommen), so zeigen sich große Unterschiede. Nigeria und Saudi-Arabien sind etwa gleichermaßen von Erdölexporten abhängig, aber ein Nigerianer würde pro Jahr pro Kopf etwa $ 150 erhalten, während dieser Wert in Saudi-Arabien etwa das 40fache betrüge. Und wie es scheint sind Länder mit hohen Pro-Kopf-Einkommen aus Ressourcen besonders selten von Bürgerkriegen betroffen (Basedau/Lay i.E.). Einbrüche bei den Einnahmen können wie in Algerien in den 1980er Jahren gesellschaftliche Spannungen verschärfen,

Die Auswirkungen von Ressourcenproduktion hängen zudem davon ab, wer die Einnahmen erhält und wie sie anschließend verwendet werden. Häufig werden diese für Prestigeprojekte verschwendet oder verschwinden in den Taschen der transnationalen Konzerne und Eliten. Als klassisches Beispiel gilt Angola, wo nach Untersuchungen von »Global Witness« etwa US$ 4 Mrd. auf Privatkonten der Regierung verschwunden sein sollen. Beispiele wie Botswana oder Chile zeigen, dass Rohstofferlöse aber auch in Infrastruktur und die Bildung investiert oder für die Zukunft zurückgelegt werden können.

Des Weiteren hängt die Gewaltwahrscheinlichkeit auch vom Rohstofftyp ab. Strategisch wichtige, lukrative und weltweit überdies knappe (und knapper werdende) Rohstoffe wie Erdöl erhöhen eher die Gewaltwahrscheinlichkeit als landwirtschaftliche Güter oder auch Diamanten, bei denen »nur« die Dauer der Konflikte verlängert wird. In diesem Zusammenhang sind vor allem die Modi der Förderung interessant. Zur Aufstellung von Rebellengruppen sind alluviale Diamanten (die z.B. in Flussbetten vorkommen), Tropenholz oder Drogen weitaus besser geeignet als Diamanten, die aufwändig mit Bergbau gewonnen werden müssen. Dies erklärt teilweise, warum Sierra Leone (alluviale Diamantenvorkommen) oder Kolumbien (Drogen) von jahrelanger Gewalt erschüttert wurden, während Botswana (deep shaft Diamanten) seit seiner Unabhängigkeit ein bemerkenswert friedliches Land ist.

Sezessions- oder Autonomiekonflikte hängen vor allem von der Streuung der Vorkommen im Inland ab. Wenn – wie in den genannten Beispielen Angola, Indonesien oder Nigeria – die Rohstoffvorkommen in einer Region konzentriert sind und – wie oben skizziert – die Region überdies schlechte Beziehungen zum Zentralstaat unterhält und sich in der Verteilung übervorteilt fühlt, dann ist eine besonders problematische Mischung gegeben.

Die internationale Streuung der Vorkommen ist gegebenenfalls geeignet, internationale Konflikte auszulösen, und dies ist global insbesondere für die Schlüsselressourcen Erdöl und Erdgas der Fall, die vorwiegend in der »Strategischen Ellipse« (Kaukasus, Mittlerer Osten, Afrika) vorkommen, aber hauptsächlich von westlichen Industriestaaten verbraucht werden.

Die Liste der relevanten ressourcenspezifischen Kontextbedingungen lässt sich fortsetzen: Ressourceneinnahmen lassen sich auch für aggressive oder offensive außenpolitische Ziele verwenden wie Iran, Venezuela und – in der Vergangenheit – Libyen belegen. Wer die Rohstoffe nachfragt bzw. von deren Import abhängig ist und wie sich die Preise entwickeln, ist natürlich ebenso relevant. Staaten wie die USA haben in der Vergangenheit Putsche unterstützt (Iran 1953) oder direkt in ölreichen Ländern interveniert. Dass der Sudan vor Sanktionen wegen der Gräueltaten in Darfur relativ sicher sein kann, liegt auch daran, dass die Sicherheitsratmitglieder China und Russland an Ölimporten bzw. Waffenexporten interessiert sind.

Schließlich sei auf Regelungen im jeweiligen Ressourcensektor hingewiesen, die sich nach Ressourcentyp stark unterscheiden können. Im Bereich der Konfliktprävention ist man hier im Bereich von Diamanten wahrscheinlich am weitesten. Das Kimberley Process Certification Scheme (KPCS) sieht vor, dass für alle Diamanten nachgewiesen werden muss, dass diese nicht aus Konfliktregionen stammen.

Die große Anzahl der zu berücksichtigenden Kontextfaktoren führt eindrücklich die Komplexität des Sachverhalts vor Augen, besonders wenn man die gegenseitige Beeinflussung der genannten Bedingungen bedenkt. Solche Befunde schmecken in der Regel besonders Praktikern aus Politik und Entwicklungszusammenarbeit nicht, deren Wunsch nach einfachen und handhabbaren Lösungen angesichts eines gewaltigen Problemdrucks allzu verständlich ist. Die Betonung von Kontextbedingungen ist aber tatsächlich eher Chance als Problem. Denn der »Ressourcenfluch« ist nicht unvermeidlich und es sind gerade die Kontextbedingungen, an denen sinnvolle Präventions- und Konfliktlösungsstrategien ansetzen können. Die Kenntnis der Kontextbedingungen und deren Zusammenspiel – gerade im Einzelfall – ist die Voraussetzung der Entwicklung von solchen Strategien. Die Voraussetzung einer Erfolg versprechenden Therapie ist eine genaue Diagnose.

Literatur

Basedau, Matthias/Lay, Jann (2009): Resource Curse or Rentier Peace? The Ambiguous Effects of Oil Wealth and Oil Dependence on Violent Conflict, Journal of Peace Research 46 (i.E.).

Collier, Paul/Hoeffler, Anke (2004): Greed and Grievance in Civil War, Oxford Economic Papers 56 (4): 563-595.

Humphreys, Macartan (2005): Natural Resources, Conflict and Conflict Resolution, Journal of Conflict Resolution 49 (4): 508-537.

Le Billon, Phillippe (2003): Fuelling War: Natural Resources and Armed Conflicts, Adelphi Paper 357.

Ross, Michael L. (2004): What Do We Know about Natural Resources and Civil War?, Journal of Peace Research 41 (3): 337-356.

Ross, Michael L. (2006): A Closer Look at Oil, Diamonds, and Civil War, Annual Review of Political Science 9: 265-300.

Wolf, Aaron (Hg.) (2002): Conflict Prevention and Resolution in Water Systems, Cheltenham.

Dr. Matthias Basedau arbeitet seit 2002 als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Afrika-Kunde und ist seit 2005 Forschungsschwerpunktleiter »Gewalt, Macht und Sicherheit« am German Institut of Global and Area Studies.

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