in Wissenschaft & Frieden 2009-2: Ressourcen: Ausbeutung, Krieg, Elend

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Ressourcen, Risiken, Konflikte

von Jürgen Scheffran

Russland wolle das Rennen um die aktischen Ressourcen gewinnen, meldete die britische Zeitung Times am 28. März 2009. Einer neuen nationalen Sicherheitsstrategie zufolge werde die Einrichtung militärischer Basen entlang Russlands nördlicher Küste geplant sowie die Schaffung eines Aufklärungsnetzwerks zur Kontrolle ökonomischer, militärischer und ökologischer Aktivitäten. Unter westlichen Sicherheitsexperten werden russische Bestrebungen in der Arktis mit Argwohn verfolgt. Nach einer internen norwegischen Studie von 2007 könne der Kampf um Energie und andere Ressourcen in der Arktis zu Konflikten mit Russland führen. Dabei geht es um Milliarden von Tonnen an Öl- und Gasreserven, die durch das Abschmelzen des Polareises zugänglich werden.

Dass vitale Ressourcen im militärischen Denken eine wichtige Rolle spielen, ist bekannt. In der Geschichte gibt es genügend Beispiele für Kriege um natürliche Ressourcen, oft genug, weil diese für das Führen von Kriegen gebraucht wurden. Die Problemlage spitzt sich heute durch eine nicht-nachhaltige Ausbeutung der Ressourcen zu: immer mehr Menschen beanspruchen einen kleiner werdenden Ressourcenpool. Eine abnehmende Verfügbarkeit von Trinkwasser, die Degradation von Böden und Nahrungsmitteln, häufigere Wetterextreme wie Dürren, Stürme oder Überschwemmungen zwingen Millionen von Menschen zur Flucht und können bestehende Konflikte verstärken.

In welchem Maße Umweltveränderungen zu Konflikten führen, ist umstritten. Ein einfacher Zusammenhang zwischen Umweltdegradation und Krieg konnte nicht belegt werden, in einigen Fällen war das Gegenteil der Fall: mehr Kooperation (etwa bei Vereinbarungen zur gemeinsamen Wassernutzung). Die Verknüpfungen sind komplex und multikausal. Bei wertvollen Ressourcen kann es zu Steitigkeiten kommen, wer wieviel von einer Ressource erhält. Dabei kann Waffengewalt den Zugang und die Verteilung von Ressourcen beeinflussen. Umgekehrt sind Ressourcen eine Voraussetzung zum Aufbau militärischer Kapazitäten und können die Rüstungsdynamik anheizen. Eine falsche Ressourcennutzung kann neue Risiken erzeugen (Beispiel Klimawandel), und die Ressourcenproduktion kann selbst Ziel militärischer Aktionen sein (z.B. Staudämme oder Kernkraftwerke).

Ob eher der Mangel oder der Reichtum an Ressourcen Konflikte befördert, hängt von verschiedenen Kontextbedingungen ab. Hierzu gehören die Lage und der Transport der Ressourcen ebenso wie die Interessen, Finanzmittel, Macht- und Gewaltinstrumente von Akteuren. Entscheidend ist wie betroffene Menschen reagieren, wie fragil bzw. stabil Gesellschaften sind und ob Institutionen eine Problemlösung unterstützen. Während die theoretischen Fragen noch unzureichend verstanden sind, stellen Ressourcen und Umweltveränderungen in vielen Regionen einen wichtigen Konfliktfaktor dar. Beispiele sind Öl im Nigerdelta, Erdgas zwischen der Ukraine und Russland, Wasser in Nahost, Landnutzung in Darfur, Diamanten im südlichen Afrika, Rohstoffe im Kongo, Dürre in Kenia, Bergbau in Ecuador oder Überfischung am Horn von Afrika.

Meist sind nicht-staatliche Akteure beteiligt, in einzelnen Fällen (Kongokrieg) sind mehrere Nachbarstaaten involviert. Die Entwicklung von Kriegsökonomien schafft die Voraussetzung für neue »totale Kriege«. Die Konkurrenz um knappe Ressourcen beeinflusst zunehmend das Verhältnis zwischen Regionalmächten, etwa zwischen Indien und Pakistan oder zwischen Indien und China. Auch im Verhältnis der Industrieländer untereinander kann es zu Spannungen kommen, wie das eingangs erwähnte Beispiel der Ressourcenkonkurrenz in der Arktis zeigt.

Der globale Klimawandel verschärft mit der Ressourcennutzung verbundene Risiken und Konflikte noch – eine Einschätzung, die sich zunehmend in Analysen und Stellungnahmen von Politikern, Militärs und Sicherheitsexperten findet. Da eine globale Temperaturerhöhung viele natürlichen Systeme unter Stress setzt, verringert sich ihre Tragfähigkeit und Ressourcenproduktivität, wodurch menschliche Bedürfnisse nach Wasser, Nahrung und Gütern in Brennpunkten (Hot Spots) nicht mehr zu sichern sind. Der Multiplikatoreffekt der globalen Erwärmung kann zu einer Kaskade katastrophaler Risiken führen, die die gesellschaftliche Stabilität ganzer Regionen gefährdet. Darauf zu hoffen, dass das Militär als Katastrophenmanager einspringen und die Risiken eingrenzen könnte, dürfte sich als Trugschluss erweisen.

Was kann getan werden, um den Teufelskreis zwischen Ressourcen, Risiken und Rüstungsdynamik zu durchbrechen? Eine nachhaltige und gerechte Nutzung, die die Ressourceneffizienz optimiert, Risiken minimiert und allen Menschen eine lebenswerte Existenz erlaubt, wäre ein wichtiger Beitrag zur Friedenssicherung. Der Aufbau nationaler und internationaler Institutionen und Regime ist wesentlich, um Konflikte vorbeugend zu bewältigen, Risiken zu managen und kooperative Lösungen der Probleme zu finden.

Jürgen Scheffran

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