in Wissenschaft & Frieden 2008-4: Friedenswissenschaft – Friedensbewegung – Friedenspolitik

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Friedenswissenschaftliche Evaluierungs- und Aktionsforschung

von Martina Fischer

In den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts begannen staatliche und nicht-staatliche Akteure über die Folgen externer Einmischung durch Entwicklungsprojekte und Humanitäre Hilfe kritisch zu reflektieren. Es hatte sich gezeigt, dass auch gut gemeinte Unterstützung ungewollt Schaden anrichten kann, weil der Transfer von finanziellen oder materiellen Ressourcen in falsche Hände geraten, Bürgerkriegsökonomien fördern, Kriege verlängern oder lokale Märkte stören kann. Der Slogan »Do no harm« (Anderson 1999) und die Forderung nach konfliktsensitiver Gestaltung externer Einmischung wurden geprägt. Darüber hinaus wurde diskutiert, wie Maßnahmen der Entwicklungszusammenarbeit (EZ) aktiv zur Friedensförderung beitragen können.

In der Folge begannen auch Friedensaktivisten kritisch über ihre Strategien zu diskutieren.1 Internationale Organisationen, staatliche Agenturen der bilateralen Entwicklungszusammenarbeit (EZ) und zahlreiche Nichtregierungsorganisationen (NGOs) haben sich zunehmend mit der Frage beschäftigt, wie die Evaluierung von Projektaktivitäten verbessert werden kann. Auch die Deutsche Plattform für Zivile Konfliktbearbeitung stellte bei ihrer Jahrestagung 2005 das Thema in den Mittelpunkt der Diskussion (Calließ 2006). Dies war auch den Erwartungen von Geldgebern geschuldet.2 Viele haben inzwischen Richtlinien für die Evaluierung von Maßnahmen der Friedensförderung entwickelt. Hierzulande haben diverse Abteilungen der Gesellschaft für technische Zusammenarbeit, aber auch die vom Auswärtigen Amt geförderte Fördereinrichtung Zivik dazu Vorschläge gemacht (vgl. Simon 2005; Institut für Auslandsbeziehungen/Zivik 2007). Unter Geldgebern, FriedensaktivistInnen und Forschenden ist das Thema »Wirkungsbeobachtung« seit einigen Jahren sehr en vogue. »Conflict Impact Assessment« wurde zum Zauberwort.3

Man orientierte sich zunehmend an den in der EZ entwickelten Verfahren zur Auswertung und bewertete die Relevanz einer Maßnahme, Umsetzung der Projektziele, Angemessenheit der Strategien, Effizienz des Mitteleinsatzes, Transparenz und Managementkapazität der Organisation, Output (also die Anzahl der Aktivitäten) und Effektivität (d.h. deren Wirkung auf die Zielgruppe und das politische Umfeld), Koordination und Kohärenz der Planung sowie einzelner Projektelemente, und auch die »Nachhaltigkeit«. Dies führte letztlich aber dazu, dass sowohl in der Friedenspraxis Tätige als auch Geldgeber teilweise so hohe Erwartungen an das Instrument der Evaluierung richteten, dass man sich fragen muss, ob dies der Qualifizierung von Friedenspraxis förderlich und angemessen ist. Dieser Beitrag geht davon aus, dass eine gewissenhafte Auswertung von Projekten Maßnahmen der Friedensförderung verbessern helfen kann, möchte aber gleichzeitig auch für einen realistischen Umgang mit dem Instrument der »Evaluierung« werben.

Vermeidung negativer Wirkungen

Aufbauend auf den Erfahrungen der EZ gilt es, auch in der Friedensarbeit das »do no harm«-Prinzip anzuwenden und negative Wirkungen zu vermeiden. Wenngleich Friedens- und Menschenrechtsorganisationen nicht in gleicher Weise in lokale Strukturen eingreifen wie die EZ, weil sie selten größere Mengen an finanziellen Ressourcen in Krisenregionen transferieren, so sind ihre Aktivitäten doch auch nicht vor negativen Nebenwirkungen gefeit.

So kann es passieren, dass bei lokalen Akteuren unrealistische Erwartungen geweckt werden (vielleicht gibt es in einer Situation keinen Ansatz zur Lösung; lokale Akteure gewinnen aber den Eindruck, die externen »Experten« hätten »Patentrezepte« parat). Lokale Akteure können überdies in finanzielle oder informationelle Abhängigkeit von externen Akteuren geraten. Externe Akteure können durch inadäquates Verhalten Dominanzkulturen etablieren. Durch Initiative externer Akteure können künstliche Netzwerke geschaffen werden, die bereits existierende informelle Strukturen der Kommunikation, des Dialogs oder der Streitschlichtung überlagern und an deren Stelle treten (Substitutionseffekt). Die Konkurrenz zwischen externen und internen Akteuren kann verschärft werden. Im schlechtesten Fall kann es zu Spannungen oder Rückschläge im Friedensprozess kommen, etwa durch unangemessene und zum falschen Zeitpunkt durchgeführte Dialogprojekte, oder indem von außen Kriterien für die Beteiligung von Gruppen an Dialogprozessen oder Projekten entworfen werden, die zum Ausschluss wichtiger Gruppen führen.

Im Rahmen des von der amerikanischen NGO Collaborative for Development Action und weiteren NGOs inititierten »Reflecting on Peace Practice Projects« (RPP) wurden sechs Kategorien negativer Wirkungen identifiziert: 1) Vertiefung der Gegensätze zwischen den Konfliktparteien, 2) Erhöhung der Gefahren für die an Friedensaktivitäten Beteiligten, 3) Verschärfung struktureller oder offener Gewalt, 4) Umlenkung menschlicher und materieller Ressourcen auf nebensächliche Aktivitäten und Ablenkung von wichtigeren, dem Friedensprozess dienlichen Aktivitäten, 5) Vertiefung von Zynismus, and 6) Schwächung lokaler Akteure.4

Im RPP-Prozess wurde gleichzeitig deutlich, dass es – verglichen mit der Identifizierung von zu vermeidenden negativen Wirkungen – sehr viel schwieriger ist, Erfolgskriterien zu benennen. In der Friedensarbeit können keine kurzfristigen, »schnellen« Erfolge ausgemacht werden, da friedensfördernde Maßnahmen in der Regel über einen längeren Zeitraum hin durchgeführt und auf ihre Langzeitwirkungen hin beobachtet werden müssen. Zudem ist es außerordentlich schwierig, den Beitrag der eigenen Aktivitäten zum übergeordneten Friedensprozess zu beziffern.5

Möglichkeiten und Grenzen der Wirkungsbeobachtung

RPP’s Erfahrungsaustausch ist genau dieser Frage nachgegangen, ob über die unmittelbare Wirkung eines Projekts (etwa auf die Zielgruppe) auch ein Beitrag zum Gesamtfriedensprozess (»Peace Writ Large«) feststellbar sei. Das setzt voraus, dass in der übergeordneten gesellschaftlichen und politischen Umgebung überhaupt Veränderungen registriert werden. Letztlich wurden fünf Kriterien für Effektivität ausgemacht: Eine Maßnahme trägt dazu bei 1) einen zentralen Kriegs- oder Konfliktfaktor zu beseitigen, oder 2) sie leistet einen Friedensimpuls, indem sie die daran Beteiligten und lokale Gemeinschaften in die Lage versetzt, ihre eigenen Friedensinitiativen zu entwickeln, oder 3) sie führt zum Aufbau/zur Reform politischer Institutionen, die Missstände beseitigen oder 4) sie versetzt Menschen in die Lage, Gewalt und Gewaltprovokationen zu widerstehen; oder 5) sie führt zu mehr faktischer Sicherheit für die Menschen.6

Im Sinne des Anreizes zur Selbstreflexion und Überprüfung der selbst gesetzten Ziele und Strategien sind die von RPP gelieferten Überlegungen und Vorschläge hilfreich. Einiges aus der Debatte hat auch Diskussionen des Development Assistance Committee der OECD beeinflusst (OECD 2007). Die Suche nach Kriterien für die Feststellung von Effektivität und die Bewertung von Wirkung ist mit dem RPP-Prozess im Grunde erst eröffnet. Letztlich müssen die an Friedensprojekten Beteiligten jeweils selbst eigene Kriterien entwickeln, nach denen sie Erfolge für ihre Aktivitäten definieren und transparent dokumentieren. Dafür müssen sie neben allgemeinen und übergeordneten Zielen auch kurz- und mittelfristige Projektziele vereinbaren.

Jedoch sollte die Suche nach Kriterien und Indikatoren auch nicht im Sinne eines Messbarkeitswahns missverstanden werden. So bleibt es grundsätzlich problematisch, einzelnen Projekten, Maßnahmen, Aktivitäten oder Ereignissen eine konkrete Wirkung auf soziales Handeln, und damit ganze Friedensprozesse, zuzuweisen (Paffenholz 2005, S.25). Einige Studien kommen zu dem Schluss, dass sich Wirkungen auf der Makroebene kaum nachweisen lassen (vgl. Church/Shouldice 2002/2003, Heinrich 2005; Paffenholz 2005; Smith 2003) und so erscheint dies doch eher als Kraftaufwand am falschen Platze. Man muss sich ernsthaft fragen, ob eine Verbesserung von Friedenspraxis wirklich darüber erreicht wird, dass Geber und Durchführungsorganisationen immer mehr Energien in die Formulierung zunehmend ausgefeilter Kriterien und Indikatoren für die Messung von Wirkungen auf Gesamtprozesse investieren.

Evaluierungen, die quantitative und qualitative Verfahren der Datenerhebung kombinieren, können wichtige Anhaltspunkte liefern, meist aber nur Wirkungen im unmittelbaren Projektkontext aufzeigen (erst recht, wenn sie sich über begrenzte Zeiträume erstrecken). Die Erwartung, dass Evaluierungen darüber hinaus fundierte Aussagen über den Nutzen und die Wirkung einzelner Maßnahmen auf den Friedensprozess in einer Krisenregion insgesamt treffen können, ist nicht nur überzogen sondern überdies (förderungs-)politisch bedenklich. Wenn friedenspolitische Akteure dies übereifrig diskutieren, müssen sie sich klar machen, dass sie dadurch bei Geldgebern hinsichtlich des Nachweises von Wirkungen gleichzeitig übertriebene und unrealistische Erwartungen wecken – Erwartungen, die zumindest im Rahmen der von diesen in der Regel finanzierten Kurzzeitevaluierungen niemals eingelöst werden können. So werden immer neue Standards für Erfolgskontrolle festgeschrieben, denen zivilgesellschaftliche Akteure der Friedensarbeit letztlich kaum gerecht werden können.7 Insbesondere kleinere, gemeindebasierte Projekte werden davon zunehmend in ihren Arbeitskapazitäten absorbiert und überfordert.8

Man sollte es stattdessen bei der Untersuchung von Wirkungen für die gewählte Zielgruppe oder für einen überschaubaren, lokalen oder regionalen Kontext belassen. Das lässt sich zumeist einigermaßen verlässlich überprüfen, vorausgesetzt, man stellt die erforderlichen Mittel für solche Untersuchungen zur Verfügung. Zudem sollte man die Kategorie der Nachhaltigkeit aus dem Repertoire der Evaluierung von Friedensarbeit streichen. Nachhaltigkeit von »Frieden« als Prozess oder Folge von sozialem Handeln lässt sich nicht so einfach indizieren wie die Nachhaltigkeit von natürlichen Ressourcen. Viele Friedensprozesse sind von Rückschlägen gekennzeichnet, bevor Fortschritte erkennbar oder längerfristige Vereinbarungen erreicht worden sind. Friedensprozesse verlaufen in den seltensten Fällen linear, sondern fast immer in Vorwärts- und Rückwärtsbewegungen. Dies stellt aber nicht zwangsläufig die Qualität jeder einzelnen Maßnahme in Frage.

Evaluierung als Teil der Planung

Wenn Evaluierungen schon in den Planungsprozess integriert werden, können sie die Selbstreflexion der beteiligten Akteure anregen, sie bei der besseren Planung und Durchführung von Friedensaktivitäten unterstützen und gegebenenfalls auch zu Strategiewechseln ermutigen. Eine sorgfältige Planung von Projekten gilt allgemein als Voraussetzung für gute Praxis, und es wurde mit recht gefordert, dass Geberorganisationen ihren Durchführungsorganisationen Möglichkeiten der Fortbildung hierfür eröffnen sollten (vgl. Paffenholz 2005). Nur dann, wenn Evaluierungen Teil des Planungsprozesses sind, und wenn sich alle Beteiligten über die Projektziele im klaren sind, kann deren Umsetzung sinnvoll ausgewertet werden. Das gilt auch für die Überprüfung der theoretischen Annahmen über sozialen Wandel, die fast allen Praxisprojekten zugrunde liegen, aber nur selten wirklich expliziert werden. Auch hier kann begleitende Evaluierung zur Klärung beitragen.

Evaluierungen sollten nicht in erster Linie auf die Messung von Wirkung friedensfördernder Aktivitäten gerichtet werden, sondern die Beteiligten in die Lage versetzen, das was sie tun, überlegt zu tun. Angelika Spelten (2006) hat im Titel eines Beitrags darauf hingewiesen: „Schon das Nachdenken über Wirkungsnachweis zeigt Wirkung“. Die Projektbeteiligten sollten in gemeinsamen Lernprozessen unterstützt werden, vor allem darin, ein gemeinsames Verständnis über die eigenen Ziele im Team herzustellen, die gewählten Strategien zu hinterfragen, unter schwierigen Bedingungen Prioritäten zu setzen, die Kohärenz einzelner Projektelemente zu gewährleisten, diese zu gewichten und mit ihren finanziellen und personellen Kapazitäten abzugleichen. Externe Evaluatoren können hierbei eine sehr konstruktive Rolle einnehmen. Viele Projekte geraten deshalb in Krisen, weil den Beteiligten das für einen Selbstreflexionsprozess nötige Instrumentarium oder auch ein »facilitator« fehlt, der den Blick von außen auf das Projektgeschehen richten und Teamdiskussionen mit der nötigen Distanz und zielführend moderieren kann.

Auf die Notwendigkeit, Evaluierungsprozesse partizipativ und nach Möglichkeit prozessbegleitend anzulegen, wird inzwischen in nahezu jeder Studie zum Thema hingewiesen. Die Frage ist aber, wie stark dieser Anspruch bisher in der tatsächlichen Evaluierungspraxis eingelöst wird. Geberorganisationen müssen jedenfalls noch stärker als bisher dafür sensibilisiert werden, dass sie nicht nur die Projekte durch Weiterfinanzierung belohnen, die geradlinig verlaufen und vermeintliche kurzfristige, messbare Erfolge nachweisen können, sondern gerade auch solche, die begründen können, warum sie einen Wechsel in ihren Methoden und Strategien und veränderte Schwerpunktsetzungen vornehmen mussten. Hier gibt es eine enge Überschneidung mit Aktionsforschung, die sich ebenfalls auf einen partizipativen Ansatz gründet.

Aktionsforschung

Über einen längeren Zeitraum hin konzipiert, kann Aktionsforschung wertvolle Erkenntnisse über die Möglichkeiten und Grenzen friedensfördernder Ansätze zeitigen. Dies kann aber kaum im Rahmen der Projektdurchführung von den Beteiligten nebenbei geleistet werden. Aktionsforschungsprojekte müssen vielmehr als wissenschaftliche Begleitforschung zusätzlich organisiert werden.9 Das Anliegen der Aktionsforschung ist die vergleichende Erforschung der Bedingungen und Wirkungen verschiedener Formen sozialen Handelns. Sie hat zugleich den Anspruch, soziales Handeln zu beeinflussen, ist also normativ ausgerichtet. Die Problemstellung orientiert sich an konkreten gesellschaftlichen Missständen. Das Forschungsziel besteht nicht vorrangig im Überprüfen theoretischer Aussagen, sondern in der praktischen Veränderung der untersuchten Problemlage. Diese wird als sozialer Prozess aufgefasst, aus dem nicht einzelne Variablen isoliert und als »objektive Daten« erhoben werden, sondern die Datenerhebung selbst wird als Teil des sozialen Prozesses interpretiert.

Aktionsforschungsprojekte entstanden in den 70er Jahren vorwiegend im universitären Bereich sowie in der Randgruppen- und Stadtteilarbeit sowie in Gemeinwesenprojekten in Lateinamerika. Dabei kommen qualitative Ansätze empirischer Sozialforschung zur Anwendung. Das umfasst die Auswertung von Projektberichten, teilnehmende Beobachtung, Einzel- oder Gruppen-Interviews mit Projektbeteiligten und Angehörigen der Zielgruppe, bis hin zu Umfragen. Die Methoden zielen auf direkte Einflussnahme auf das soziale Geschehen ab. Der Forschende gibt vorübergehend seine Distanz zum Forschungsobjekt auf und wird selbst phasenweise stark in den untersuchten Prozess einbezogen. Die Befragten und Beobachteten geben ihre Rolle auf, indem sie sich aktiv an der Zieldiskussion, Datenerhebung und Auswertung beteiligen. Für die Forschenden bedarf es einer genauen Rollenklärung und stetigen Selbstreflexion. Die Distanz muss fortlaufend wieder hergestellt werden, um zu verhindern, dass man sich der Gefahr einer zu starken Identifizierung, aussetzt.10 Aktionsforschung ist also nicht nur bestrebt, Wissen über die Funktionsweise sozialer Zusammenhänge zu akkumulieren und diese besser zu verstehen, sondern sie greift auch praktisch ein, und sie beteiligt die beforschten Akteure durch Rückkopplung der Ergebnisse fortlaufend am Prozess. Wissenschaftliche Erkenntnisse werden so in die Praxis transferiert, Forschungskonzepte und ihre Theoriekonstrukte gleichzeitig einem Praxistest unterzogen.

Nicht jede friedensfördernde Maßnahme kann von einem umfangreichen Forschungsprojekt begleitet werden. Dennoch können und sollten Evaluierungsmaßnahmen mehr sein als ein Prüfbericht für die Akten von Geldgebern und Rechenschaftsbehörden. Eine auf soziales Lernen ausgerichtete Auswertung von friedensbildenden Aktivitäten sollte vom zeitlichen und personellen Umfang her zwischen der Kurzzeitevaluierung und einem ambitionierten, mehrjährigen Forschungsprojekt angesiedelt sein und auf jeden Fall prozessbegleitend und partizipativ angelegt werden (vgl. Lederach, Neufeldt und Culbertson 2007). Ein Essential besteht in der fortlaufenden Rückkopplung der Ergebnisse an die Projektbeteiligten durch Feedback-Workshops und die Diskussion von Zwischen- und Abschlußberichten.

Für eine Verbesserung der Friedenspraxis ist es – insbesondere dann, wenn es sich um komplexe Interventionen handelt – förderlich, wenn sich die Akteure in einer empirisch und theoretisch gestützten Kontextanalyse auch mit den Motiven und Potenzialen der am Konfliktgeschehen beteiligten Parteien und mit den in der Gesellschaft vorhandenen Machtasymmetrien auseinander setzen. Außerdem müssen die Möglichkeiten und Grenzen der externen Einwirkungsmöglichkeiten und die Kapazitäten einheimischer Friedensallianzen realistisch eingeschätzt werden. Nur auf dieser Grundlage kann im Zweifelsfall auch entschieden werden, auf die Durchführung einer Maßnahme gegebenenfalls zu verzichten. Schließlich ist es – im Sinne des Haushaltens mit den eigenen Energien – nicht förderlich und dem Frieden auch nicht unbedingt dienlich, sich mit gut gemeinten Einzelprojekten in konzeptionell verfehlte internationale Statebuilding-Strategien einbinden zu lassen.

Über Aktions- und Evaluierungsforschung hinaus allerdings bedarf es aber auch einer grundsätzlichen Weiterentwicklung der friedenswissenschaftlichen Forschung über internationale Friedensmissionen, die sich nicht in erster Linie an praktischen Problemen der Effektivierung orientiert. Roland Paris hat mit Recht wiederholt darauf hingewiesen, dass eine zu starke oder ausschließliche Policy-Ausrichtung („cult of policy relevance“) die Sichtweise stark verengen kann (Paris 2001, 44). Vielmehr müssen in theoretisch fundierten Analysen auch die den internationalen Missionen zugrunde liegenden weltanschaulichen Prämissen (die sich meist an westlichen Vorstellungen von Staatsmodellen, Demokratisierung und wirtschaftlicher Liberalisierung orientieren) offen gelegt und teilweise hinterfragt werden. Außerdem sollten die globalen Governance-Strukturen, die sich im Zuge dieser Missionen herausbilden, unter Berücksichtigung der in den Internationalen Beziehungen und der Friedensforschung verfügbaren Theorieansätze genauer erfasst werden.

Literatur

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Anmerkungen

1) Siehe dazu etwa das 1994 vom United Nations Research Institute for Social Development mit-initiierte »War-torn Societies Project« (http://www.unrisd.org), die Projekte der US-amerikanischen NGO Collaborative for Development Action (CDA) (http://www.cdainc.com), die »lessons learned workshops« des European Centre for Conflict Prevention (vgl. Galama/van Tongeren 2002), Studien von Church/Shouldice (2002/2003), Paffenholz/Reychler (2005) sowie die »Joint Utstein Study«, die 2002 Friedensförderungsmaßnahmen verschiedener Staaten untersucht hat, um eine bessere Abstimmung und Umsetzung nationaler Peacebuilding-Strategien zu ermöglichen (Smith 2003).

2) Vor allem amerikanische Geber haben Evaluierung groß geschrieben; einer der größten, die Hewlett Foundation, hat die von ihr unterstützten akademischen Einrichtungen und NGOs systematisch zu ergebnisorientierter Evaluierung von Projekten der Friedensförderung und Konflikttransformation aufgefordert (vgl. Kovick 2005). Hewlett hatte sein »Conflict Resolution Program« Mitte der 1990er Jahre zunächst über die USA hinaus auch auf internationale Krisengebiete ausgedehnt, dann aber mit dem Hinweis auf mangelnde Bereitschaft und Fähigkeit der Akteure, ihre Maßnahmen angemessen zu evaluieren, 2004 wieder zurück gefahren.

3) Vgl. Austin/Fischer/Wils 2003; Bloomfield/Fischer/Schmelzle 2005; Neufeldt 2007. Praxishandreichungen wurden hierzulande von der Friedrich Ebert Stiftung (2007), der Gruppe Friedensentwicklung (Spelten 2006a) und im GTZ-Kontext (Leonhardt 2001) erarbeitet.

4) CDA/RPP Issue paper on »negative impacts« (http://www.cdainc.com/rpp/negative_impacts.php). [Das »Reflecting on Peace Practice Project« (RPP), das 1999 als Erfahrungsaustausch zwischen »scholars« und »practitioners« initiiert wurde (Anderson/Olson 2003; Collaborative for Development Action 2008), war ebenso wie das »Local Capacities for Peace Project« (Anderson 2000) darauf ausgerichtet herauszufinden, wie Unterstützung gestaltet werden muss, damit sie zur Stärkung der Kapazitäten lokaler, einheimischer Akteure beiträgt].

5) CDA/RPP Issue Paper on Criteria of Effectiveness, RPP (http://www.cdainc.com).

6) Issue Paper on Criteria of Effectiveness, RPP (http://www.cdainc.com).

7) Vgl. dazu die Ausführungen von Simon (2006, S.87) zur Verfasstheit von Basisorganisationen.

8) Dies lässt sich anhand der »Projektomanie« und der Realität lokaler Akteure in Bosnien-Herzegowina illustrieren (vgl. Fischer 2006, S.168).

9) Einen guten Überblick über das Feld der Aktionsforschung liefern diverse Beiträge in dem Sammelband hg. v. Reason/Bradbury 2006. Vgl. auch Reason 1994, Folger 1999, Kraus 1999, Ross 2000, Newman 2000 sowie die website des »Action Evaluation Research Institute« (http://www.aepro.org). Zum ursprünglichen Ansatz von Kurt Lewin siehe http://www.stangl-taller.at/TESTEXPERIMENT und http://www.stangl-taller.at/ARBEITSBLAETTER/FORSCHUNG.

10) Dies geschieht ggf. durch Supervision und Gespräche mit unbeteiligten Kollegen, die den Projektverlauf hinterfragen.

Dr. Martina Fischer ist Politikwissenschaftlerin und stellvertretende Leiterin am Berghof Forschungszentrum für konstruktive Konfliktbearbeitung in Berlin sowie stellvertretende Vorsitzende des Stiftungsrats der Deutschen Stiftung Friedensforschung und Mitglied im Beirat Zivile Krisenprävention des Auswärtigen Amts und im Beirat des Zentrums für Zivile Friedenseinsätze.

in Wissenschaft & Frieden 2008-4: Friedenswissenschaft – Friedensbewegung – Friedenspolitik

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