in Wissenschaft & Frieden 2008-2: Migration und Flucht

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Flüchtlinge und das Studium von Bürgerkrieg

von Idean Salehyan

Staatliche Repression, Aufstände und Bürgerkriege haben häufig verheerende Konsequenzen für Gesellschaften, die durch Gewalt geschädigt werden. Solche Phasen sozialer Umbrüche rufen häufig massive Bevölkerungsverschiebungen hervor, da die Individuen gezwungen sind, aus ihrer Heimat zu fliehen und anderswo physische Sicherheit zu suchen. Massenhafte Bevölkerungsverschiebungen haben häufig dauerhafte Auswirkungen auf die Ökonomie, die öffentliche Gesundheitspflege und die sozialen Beziehungen - nicht nur bei den Flüchtlingen selbst, sondern auch in den Herkunfts- und Aufnahmegemeinschaften. Da sich etliche Konflikte zudem einer dauerhaften Lösung entziehen, ziehen sich viele dieser Flüchtlingskrisen über Jahrzehnte hin, in denen die Menschen ohne beständige Bleibe sind.1

Bis vor kurzem haben diejenigen, die zu Bürgerkriegen forschen, erzwungene Migration als einen wichtigen Konfliktfaktor übersehen. Füchtlingsbewegungen über Grenzen und inländische Vertreibungen wurden üblicherweise als unglückliche Auswirkungen der Gewalt und als humanitäre Zwangslage betrachtet und nicht so sehr als Teil der Konfliktdynamik selbst. Theoretische Modelle von Bürgerkriegen berücksichtigen gewöhnlich die Interaktionen zwischen Regierung und Aufständischen2 und ignorieren die Entscheidungen, die von der zivilen Bevölkerung getroffen werden, darunter auch jene zur Flucht. Selbst der Begriff »erzwungene« Migration beinhaltet, dass solche Menschen nur Opfer der Gewalt sind, die nicht über die Handlungsoption zu Entscheidungen verfügen, die ihr Leben beeinträchtigen, statt in ihnen Akteure zu sehen, die strategische, wenn auch schwierige Entscheidungen treffen. Zudem ist der Frage wenig Aufmerksamkeit geschenkt worden, wie Flüchtlingsbewegungen Konfliktprozesse in den Herkunftsländern oder die räumliche Ausbreitung des Konflikts beeinflussen.

Dieser Beitrag behandelt die zunehmende Forschung zu Flüchtlingen und Konflikten. Diese Forschung platziert das Studium erzwungener Migration unmittelbar im Feld der Erforschung politischer Gewalt, indem die komplexe Beziehung von Migration und Konflikten untersucht wird. Flüchtlinge werden dabei als Akteure und nicht einfach nur als Opfer angesehen. Drei grundlegende Aspekte werden im Folgenden behandelt. Erstens werden die Ursachen erzwungener Migration sondiert; zweitens werden die Auswirkungen erzwungener Migration betrachtet und schließlich werden die Antworten der Politik auf erzwungene Migration untersucht.

Politische Gewalt und die Ursachen von Flüchtlingsbewegungen

Die Forschung zu Bürgerkriegen ist in den letzten Jahren aufgeblüht, weil Wissenschaftler anspruchsvolle theoretische und empirische Analysen zu den Anfängen, der Fortdauer und der Lösung von Kriegen durchgeführt haben.3 Eine vielversprechende Forschungslinie strebt danach, die Mikro-Grundlagen individueller Beteiligung an gegen den Staat gerichteter politischer Gewalt aufzudecken.4 Allerdings beschreiben die meisten Untersuchungen die Wahlmöglichkeiten, die Menschen in Zeiten von Bürgerkriegen haben, unvollständig. Wie Albert O. Hirshman in aller Deutlichkeit herausgestellt hat, haben Menschen, die mit dem Status quo unzufrieden sind, die Wahl zwischen Artikulation (Rebellion) und Enthaltung (Emigration).5 Diese Optionen schließen sich jedoch nicht gegenseitig aus: Viele Flüchtlinge und Diaspora-Gemeinschaften artikulieren sich nach ihrer Flucht durch die Teilnahme an regimekritischen Aktivitäten.

An dieser Stelle sind einige Definitionen notwendig. Die Konvention der UNO zum Status von Flüchtlingen definiert einen Flüchtling als eine Person, die „sich aufgrund wohl begründeter Angst, aufgrund von Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen der politischen Meinung verfolgt zu werden, außerhalb des Landes seiner Nationalität aufhält und nicht in der Lage - oder aufgrund einer solchen Angst - nicht willens ist, vom Schutz dieses Landes Gebrauch zu machen.“6 Während diese internationale juristische Definition die regierungsseitige Verfolgung gegen Individuen hervorhebt7, ist weitgehend anerkannt, dass auch diejenigen, die allgemeinen Gewaltkonstellationen wie Bürgerkrieg oder Staatsversagen entkommen sind, als Flüchtlinge gelten.8 Zusätzlich zu Personen, die über Staatsgrenzen geflohen sind, fliehen viele Menschen in andere Regionen des Staates. Diese werden als »internally displaced persons« (IDPs) bezeichnet und entbehren des internationalen gesetzlichen Schutzes, welcher internationalen Flüchtlingen geboten wird.

Die allgemeine Vorstellung über Flüchtlingsströme besagt, dass politische Gewalt die Flucht von Menschen verursacht. Allerdings haben Wissenschaftler anspruchsvollere theoretische Betrachtungen erzwungener Migration vorgelegt, die weitere Aspekte wie den Einfluss unterschiedlicher Formen politischer Gewalt auf das Ausmaß der Migration und deren Charakter berücksichtigen. Myron Weiner beispielsweise ordnet Flüchtlingsbewegungen zwischenstaatlichem Krieg, anti-kolonialem Kampf, ethnischem Konflikt, nicht-ethnischem Bürgerkrieg und staatlicher Verfolgung zu und betrachtet die jeweiligen Implikationen.9 Andere haben sich damit befasst, wie ökonomische und politische Bedingungen bei der Produktion von Massenmigration interagieren. Strukturelle Analysen verweisen auf grundlegende Ursachen und ökonomische Faktoren wie Armut, Ungleichheit und Entwicklungsprobleme, die zu politischer Instabilität und Emigration beitragen.10 In diesem Sinne sind ökonomische und politische Gründe für eine Flucht nicht einfach zu trennen.11

In einer wegweisenden statistischen Untersuchung hat Susanne Schmeidl die Gründe für grenzüberschreitende erzwungene Migration länderübergreifend in einer Zeitreihenanalyse betrachtet, die die Jahre 1971-1990 abdeckt.12 Sie berücksichtigt Variablen für Kontextbedingungen, darunter den Grad ökonomischer Entwicklung und Bevölkerungsdruck sowie unmittelbare Gründe wie Menschenrechtsverletzungen, Bürgerkrieg und ethnischen Konflikt sowie zwischenstaatlichen Krieg. Sie zeigt, dass Genozid, ethnische Kriege und Bürgerkriege - insbesondere im Falle auswärtiger Intervention - signifikant korrelieren mit Fluchtbewegungen. Zudem hat Schmeidl interessante Interaktionseffekte gefunden, die zeigen, dass Armut Flucht verschlimmert, wenn Konflikte gegenwärtig sind.

Davenport, Moore und Poe13 haben darauf aufgebaut, indem sie den zeitlichen Bereich ausgedehnt (1964-1989) und die operativen Indikatoren für Gewalt und Migration verfeinert haben. Die Autoren rücken vom theoretischen Fokus auf strukturelle Gewalt ab, demzufolge das Verhalten von Flüchtlingen als Antwort auf makro-soziale Bedingungen anzusehen ist, und betrachten die Beweggründe von Individuen in Zeiten des Aufruhrs.14 Danach taxieren Menschen ihr Leben, die Freiheit, Besitz, Freunde und Familie und entscheiden sich ihre Heimat zu verlassen, wenn die Bedingungen andernorts ihrer aktuellen Situation vorzuziehen sind. Dieser Fokus auf den Entscheidungsprozess steht in Kontrast zu einer engen Definition dessen, was »erzwungene« Migration impliziert - nämlich, dass Flüchtlinge nicht über Handlungsfähigkeit verfügen -, gleichwohl berücksichtigend, dass die Auswahl unter außergewöhnlich schwierigen Umständen vonstatten geht. Davenport, Moore und Poe haben festgestellt, dass gewaltförmiger Konflikt, Genozid und die Krisenanfälligkeit von Regimen die stärksten Wirkungsvariablen für Flucht sind, während das Bruttosozialprodukt pro Kopf unwesentlich ist.15

Während politische Gewalt als push-Faktor fungiert, der Menschen zur Ausreise veranlasst, müssen die pull-Faktoren in den Zielgebieten ebenfalls berücksichtigt werden. Moore and Shellman analysieren die Wahl zwischen der Flucht über internationale Grenzen oder eine IDP zu werden. Ihre wesentliche Schlussfolgerung ist, dass Regierungen, die mit ihren Maßnahmen auf Zivilisten zielen in größerem Umfang Flüchtlinge als IDPs produzieren als dies bei Bürgerkriegen zwischen Aufständischen und dem Staat der Fall ist. Das ist theoretisch schlüssig, wenn unterstellt wird, dass die wesentliche Aufgabe des Staates darin besteht, physische Sicherheit für seine Bürger bereitzustellen und repressive Regime wenige inländische Zufluchtsorte für diejenigen anbieten, die vor Unheil fliehen. Zudem sind die Umgebungsbedingungen wichtige Wirkungsvariablen für die Flucht über eine Staatsgrenze; insbesondere große Diasporas, hohe Löhne und politische Stabilität in den Zielgegenden erhöhen das Ausströmen von Flüchtlingen.16 In einer anderen Studie von Moore und Shellman betrachten sie die Auswahl internationaler Flüchtlingszielorte unter vollständig dyadischen Rahmenbedingungen, indem sie sowohl die Situation in potenziellen Asylzielorten als auch diejenige in den Herkunftsländern berücksichtigen. Ihre wesentlichen Ergebnisse besagen, dass Flüchtlinge dazu neigen, bereits bestehenden Migrationswellen zu folgen, in die früheren Kolonialmächte zu migrieren und dass Nähe ein wichtiger Einflussfaktor bei der Wahl des Ziels ist.17

Eric Neumayer fokussiert auf die Asylmigration nach Westeuropa und betrachtet die jährliche Zahl von Asylsuchenden nach Herkunftsland. Das Ausmaß politischer Gewalt geht mit einer höheren Zahl von Asylanträgen einher, während ökonomische Faktoren im Herkunftsland, einschließlich höherer Einkommen und Wachstum, die Zahl der Asylsuchenden reduzieren. Neumayer schlussfolgert, dass die Entscheidung zur Migration nach Europa neben politischer Gewalt auch durch die wirtschaftlichen Bedingungen im Herkunftsland beeinflusst wird. Durch die Berücksichtigung der Zielwahl - in diesem Fall Europa - kann Neumayer eine große Wirkung ökonomischer Faktoren zeigen, auf die andere nicht hingewiesen haben.18

Auswirkungen von Flüchtlingsströmen auf bewaffnete Konflikte

Neben den Ursachen für Fluchtbewegungen haben Forscher ihre Aufmerksamkeit auch den Konsequenzen der Migration für die Entsenderegionen, für die Gastgeber und die Beziehungen zwischen beiden zugewandt. Myron Weiner war einer der ersten, der internationale Migration - sowohl Arbeitsmigration als auch Flüchtlingsströme - in einem Sicherheitsbezugssystem diskutierte. Er argumentiert, dass Migration in den Fällen „Konflikte mit und zwischen Ländern generiert“19, bei denen Migranten gegen ihr Heimatland mobil machen, sich an Gewalt gegen ihr Gastland beteiligen und wenn sie als kulturelle oder ökonomische »Bedrohung« angesehen werden. Zahlreiche weitere Wissenschaftler haben einen besonders großen Einfluss von Flüchtlingen auf die Sicherheitslage beobachtet.20 Während humanitäre Angelegenheiten von primärer Bedeutung sein sollten, müssten sich Forscher und politische Entscheidungsträger auch auf die möglichen Sicherheitsrisiken einstellen, die von erzwungener Migration ausgehen.

Zahlreiche Untersuchungen befassen sich mit der Verstrickung von Flüchtlingen in Kombattantengruppen, mit den sogenannten »Flüchtlingskriegern«. Zolberg, Suhrke und Aguayo gehörten zu den ersten, die darauf hingewiesen haben, dass Flüchtlingsgemeinschaften häufig vorzügliche Rekrutierungsgebiete für Kämpfer gewesen sind.21 Flüchtlinge klagen häufig über den Staat, aus dem sie geflohen sind, aufgrund der erlittenen Einbußen; sie haben geringe Opportunitätskosten, wenn sie sich einer Rebellenbewegung anschließen. Zahlreiche Fälle von Gemeinschaften von »Flüchtlingskriegern« illustrieren dieses Phänomen: Afghanen in Pakistan, ruandische Hutus im Congo, Kambodschaner in Thailand und Sudanesen im Tschad, um nur einige zu nennen.

Sarah Lischer hat einen bedeutenden Beitrag zum Studium erzwungener Migration geleistet, indem sie nach den Umständen gefragt hat, bei denen Flüchtlinge am ehesten militarisiert werden.22 Sie argumentiert, dass die Umstände, die zur Flucht geführt haben, ein bedeutender Faktor für nachfolgende Gewaltanwendung sind. Zu den exiliierten Flüchtlingen gehört früheres militärisches oder politisches Leitungspersonal - wie etwa ehemalige ruandische Militärs in der DR Congo; diese sind am ehesten gewaltgeneigt, weil sie über die Organisation verfügen, die für eine Rebellion notwendig ist. Lischer argumentiert zudem, dass das Gastland des Flüchtlings und die internationalen Hilfsorganisationen kritische Faktoren zur Entschärfung eines Konfliktes sind; denn Staaten, die dazu bereit und in der Lage sind, können putschistische Mobilisierungen verhindern und Hilfsorganisationen sollten die Verteilung von Ressourcen an Kämpfer unterbinden.23

In einer früheren Arbeit habe ich zahlreiche dieser Argumente quantitativ überprüft.24 Aufständische sind häufig in der Lage, über die Staatsgrenzen hinweg zu mobilisieren, wo die Sicherheitskräfte sie nicht so einfach bändigen können. Flüchtlingsgemeinschaften stellen besonders attraktive Gebiete für die Mobilisierung von Aufständischen dar, da sich diese politischen Akteure jenseits des Wirkungsbereichs staatlicher Gewaltmittel befinden. Die Ergebnisse zeigen, dass Flüchtlinge in Nachbarstaaten signifikant zur Verlängerung von Bürgerkriegen beitragen, insbesondere dann, wenn sie sich in Staaten aufhalten, die politisch oder militärisch mit dem Herkunftsstaat konkurrieren. Dies legt zudem nahe, dass die Politik von Gastländern die Aktivitäten von »Flüchtlingskriegern« schüren kann, je nachdem wie sich die bilateralen Beziehungen darstellen.

Während diese Untersuchungen sich mit der Beziehung von erzwungener Migration und Konflikt in den Entsendestaaten befassen, haben Flüchtlinge auch bedeutende Auswirkungen auf die Aufnahmegebiete. Vertriebene Personen können eine ökonomische Belastung für die Aufnahmeregionen sein, indem sie knappe Ressourcen in Anspruch nehmen und darüber mit Ortsansässigen in Konkurrenz treten. Adrian Martin hat in Äthiopien den Nachweis gefunden, dass die einheimischen Gemeinschaften häufig besorgt über die ökonomischen Auswirkungen sind, die die aufgenommenen Flüchtlingsgemeinschaften mit sich bringen.25 Ein Bericht der Weltbank hat zudem angemerkt, dass es einen Zusammenhang zwischen Flüchtlingen und der Ausbreitung von infektiösen Krankheiten wie etwa Malaria und HIV/AIDS gibt.26 Kriegsflüchtlinge können zusätzliche Bürden für Gesundheitsinfrastruktur und Hospitäler darstellen, die oft nicht darauf eingerichtet sind, mit großen Bevölkerungszuwächsen umzugehen - und ganz besonders nicht mit den besonderen Anforderungen, die sich aus erzwungener Migration ergeben.

Salehyan und Gleditsch zeigen einen direkteren Zusammenhang zwischen Flüchtlingen und politischer Gewalt in den Gastländern.27 Wir argumentieren, dass Flüchtlinge durch ihre eigene geographische Mobilität und durch die Etablierung von Verbindungen mit potenziellen einheimischen Aufständischen verwandter ethnischer Gruppen oder politischer Fraktionen zur Ausbreitung von sozialen Netzwerken von Aufständischen in die Gastgesellschaften beitragen.

Zudem können negative externe Effekte von Flüchtlingen auf die Ökonomie und die demographische bzw. ethnische Balance in den Gastgebieten zu örtlicher Unzufriedenheit führen. In einer quantitativen Analyse für den Zeitraum 1951-2001 haben wir festgestellt, dass die Aufnahme von Flüchtlingen aus benachbarten Staaten das Risiko von inländischen Konflikten signifikant erhöht.

Reaktionen auf Flüchtlinge

Flüchtlingsströme führen auch zu politischen Reaktionen auf Seiten der asylgewährenden Staaten, multilateraler Organisationen und der internationalen Gemeinschaft im Besonderen. Während zahlreiche Autoren die Bedeutung von Menschenrechtsdiskursen für den Schutz verletzbarer Personen einschließlich von Flüchtlingen betont haben28, verwiesen andere darauf, dass die Akzeptanz von Flüchtlingen und Asylsuchenden mehr ist als eine humanitäre Aktion29. Unerwartete Massenmigration kann erhebliche ökonomische und wirtschaftliche Lasten für die Gastregionen bedeuten. Sie kann ebenfalls die Beziehungen zwischen Staaten aufs Spiel setzen, wenn die Aufnahme von Flüchtlingen bedeutet, Menschenrechtsverletzungen im Herkunftsland anzuerkennen und Dissidenten Schutz zu gewähren. Daher müssen Staaten die Bedeutung des Menschenrechtsschutzes gegen die potentiellen Kosten der Aufnahme von Flüchtlingen abwägen.

Karen Jacobsen liefert eine umfassende Übersicht über die Bestimmungsgrößen einer liberalen gegenüber einer restriktiven Asylpolitik.30 Sie befasst sich mit mehreren Faktoren, darunter den Beziehungen zwischen Entsende- und Aufnahmestaat, dem Einfluss internationaler Flüchtlingsschutzregime, der örtlichen Aufnahmekapazität des Gastlandes, dem Potenzial von Sicherheitsgefährdungen und den ethnischen Verbindungen zur Flüchtlingsgemeinschaft. Diese Erörterung führt zu einem Set plausibler Hypothesen über Flüchtlingspolitik und Wege zukünftiger Forschung. Kevin Hartigan untersucht die Flüchtlingspolitik von Mexiko und Honduras während der mittelamerikanischen Bürgerkriege und betrachtet, wie strategische außenpolitische Interessen dieser Staaten Gegenstand von Abmachungen mit internationalen Hilfsorganisationen, insbesondere dem UN Hochkommissar für Flüchtlinge, wurden.31 In jüngster Zeit haben Wissenschaftler damit begonnen, die Asylanerkennungspolitik durch quantitative Analysen zu untersuchen. Eric Neumayer geht den Determinanten der Asylanerkennungsquoten in Europa nach.32 Wie erwartet stellt er fest, dass sich Menschenrechtsverletzungen in den Herkunftsstaaten positiv auf die Anerkennungsquoten auswirken. Allerdings drückt hohe Arbeitslosigkeit in den Zielländern die Anerkennungsrate. In ihrer Analyse der Anerkennungsraten in den USA haben Rosenblum und Salehyan die relative Bedeutung von humanitären und interessen-geleiteten Faktoren bei Asylerlaubnissen verfolgt.33 Während des Kalten Krieges gewährten die USA bevorzugt Flüchtlingen Asyl, die dem Kommunismus entkommen waren, während Asylsuchende aus militärisch verbündeten Ländern zurückgewiesen wurden. Auch nach dem Ende des Kalten Krieges haben die außenpolitischen Beziehungen zu den Entsendestaaten ihre Bedeutung behalten, aber auch die ökonomischen Verbindungen sind bedeutsam geworden. In diesem Zeitraum hat das Anliegen, den »Asylbetrug« und »simulierte« Anträge zu begrenzen, die Anerkennungsquoten reduziert. Den Schutz von Flüchtlingen als internationales öffentliches Gut charakterisierend argumentieren Suhrke34 und Thielemann35, dass internationale Reaktionen auf erzwungene Migration kollektive Handlungsprobleme generieren. Obwohl Teilnehmer des internationalen Systems davon profitieren können, dass die Verantwortung für die Bereitstellung humanitärer Hilfe für Flüchtlinge - einschließlich Möglichkeiten der Umsiedlung - geteilt wird, würde jedes Land eher als Trittbrettfahrer von den Aktivitäten anderer profitieren. Diese Autoren schlagen eine Reihe von Mechanismen vor, um den »free rider«-Anreiz zu überwinden, darunter geteilte Normen und Werte und die Führerschaft durch einflussreiche Staaten, um andere unter Druck zu setzen, größere Verantwortung zu akzeptieren.

Schlussfolgerung

Die Dynamiken erzwungener Migration sind zentral für das Studium von Bürgerkriegen, Menschenrechten und Einwanderungspolitiken. Insbesondere dieser Themenbereich verspricht einen fruchtbaren Austausch zwischen politischen Entscheidungsträgern und der akademischen Gemeinde. Der Ausgleich zwischen den Sicherheitsbedürfnissen der Flüchtlinge und den potenziellen Problemen in den Aufnahmeländern - einschließlich der Schwierigkeiten bei Integration und Aufnahme - wird voraussichtlich noch viele Jahre auf der politischen Agenda stehen. Praktische Lösungen für diese Spannungen zu finden - ohne unnötige Phrasen -, ist nicht nur eine humanitäre Aufgabe, sondern auch weise Politik.

Anmerkungen

1) Jeff Crisp (2003): No Solutions in Sight: the Problem of Protracted Refugee Situations in Africa. New Issues in Refugee Research UNHCR Working Paper 75.

2) Vgl. James D. Fearon/David D. Laitin (2003): Ethnicity, Insurgency, and Civil War. American Political Science Review 97/1. S.75-90; Håvard Hegre/Tanja Ellingsen/Scott Gates/Nils Petter Gleditsch (2001): Toward a Democratic Civil Peace? Democracy, Political Change, and Civil War, 1816-1992. American Political Science Review 95/1, S.33-48; Mark I. Lichbach (1987): Deterrence or Escalation? The Puzzle of Aggregate Studies of Repression and Dissent. Journal of Conflict Resolution 31/2, S.266-97.

3) Vgl. Paul Collier/Anke Hoeffler (2004): Greed and Grievance in Civil War. Oxford Economic Papers 56/4, S.563-595; Karl DeRouen/David Sobek (2004): The Dynamics of Civil War Duration and Outcome. Journal of Peace Research 41/3, S.303-320; James Fearon (2004): Why Do Some Civil Wars Last So Much Longer Than Others? Journal of Peace Research 41/3, S.275-301; T. David Mason/Joseph Weingarten/Patrick Fett (1999): Win, Lose, or Draw: Predicting the Outcome of Civil Wars. Political Research Quarterly 52/2, S.239-268; Barbara F. Walter (1997): The Critical Barrier to Civil War Settlement. International Organization 51/3, S.335-364.

4) Scott Gates (2002): Recruitment and Allegiance: the Microfoundations of Rebellion. Journal of Conflict Resolution 46/1, S.111-130; Jeremy Weinstein (2005): Resources and the Information Problem in Rebel Recruitment. Journal of Conflict Resolution 49/4, S.598-624.

5) Albert O. Hirschman (1970): Exit, Voice, and Loyalty: Responses to Decline in Firms, Organizations, and States. Cambridge.

6) United Nations Convention Relating to the Status of Refugees, 1951, Article 1. Full text available online at: http://www.unhchr.ch/html/menu3/b/o_c_ref.htm (accessed 25 April, 2006).

7) Leon Gordenker (1987): Refugees in International Politics. New York.

8) BS Chimni (2000): International Refugee Law: A Reader. New Delhi; Aristide Zolberg/Astrid Suhrke/Sergio Aguayo (1989): Escape from Violence: Conflict and the Refugee Crisis in the Developing World. New York.

9) Myron Weiner (1996): Bad Neighbors, Bad Neighborhoods: and Inquiry into the Causes of Refugee Flows. International Security 21/1, S.5-42.

10) Nora Hamilton/Norma Stoltz Chinchilla (1991): Central American Migration: A Framework for Analysis. Latin American Research Review 26/1, S.75-110.

11) Zolberg et al. (Fußnote 8).

12) Susanne Schmeidl (1997): Exploring the Causes of Forced Migration: A Pooled Time-Series Analysis, 1971-1990. Social Science Quarterly 78/2, S.284-308.

13) Christian Davenport/Will Moore/Steven Poe (2003): Sometimes you Just Have to Leave: Domestic Threats and Refugee Movements, 1964-1989. International Interactions 29/1, S.27-55.

14) Während zahlreiche neuere Arbeiten auf diese Mikro-Motivation fokussieren, um ihre theoretische Argumentation zu entfalten, nutzen die meisten statistischen Analysen zur erzwungenen Migration aufgrund von Beschränkungen im Datenmaterial weiterhin breite, länderbezogene Indikatoren.

15) Vgl. auch Clair Apodaca (1998): Human Rights Abuses: Precursor to Refugee Flight? Journal of Refugee Studies 11/1, S.80-93; Jean-Paul Azam/Anke Hoeffler (2002): Violence Against Civilians in Civil Wars: Looting or Terror? Journal of Peace Research 39/4, S.461-485.

16) Will Moore/Stephen Shellman (2006): Refugee or Internally Displaced Person: To Where Should One Flee? Comparative Political Studies 39/5, S.599-622.

17) Will Moore/Stephen Shellman (2007): Whither Will They Go? A Global Analysis of Refugee's Destinations, 1965-1995. International Studies Quarterly 51/4, S.811-834.

18) Eric Neumayer (2005): Bogus Refugees? The Determinants of Asylum Migration to Western Europe. International Studies Quarterly 49/3, S.389-409.

19) Myron Weiner (1992/1993): Security, Stability, and International Migration. International Security 17/3, S.91-126 (S.91).

20) Alan Dowty/Gil Loescher (1996): Refugee Flows as Grounds for International Action. International Security 21/1, S.43-71; Gil Loescher (1993): Beyond Charity: International Cooperation and the Global Refugee Crisis. Oxford; Michael Teitelbaum (1984): Immigration, Refugees, and Foreign Policy. International Organization 38/3, S.429-450; Michael Teitelbaum/Myron Weiner (1995): Threatened Peoples, Threatened Borders: World Migration and US Policy. New York; Zolberg et al. (Fußnote 8).

21) Zolberg et al. (Fußnote 8).

22) Sarah Kenyon Lischer (2005): Dangerous Sanctuaries: Refugee Camps, Civil War, and the Dilemmas of Humanitarian Aid. Ithaca, NY.

23) Vgl. auch: John Stedman/Fred Tanner (2003): Refugee Manipulation: War, Politics, and the Abuse of Human Suffering. Washington, DC.

24) Idean Salehyan (2007): Transnational Rebels: Neighboring States as Sanctuary for Rebel Groups. World Politics 59/2, S.217-242.

25) Adrian Martin (2005): Environmental Conflict Between Refugee and Host Communities. Journal of Peace Research 42/3, S.329-346.

26) Paul Collier/VL Elliot/Haavard Hegre/Anke Hoeffler/Marta Reynal-Querol/Nicholas Sambanis (2003): Breaking the Conflict Trap: Civil War and Development Policy. Washington, DC.

27) Idean Salehyan/Kristian S. Gleditsch (2006): Refugees and the Spread of Civil War. International Organization 60/2, S.335-366.

28) Martha Finnemore/Kathryn Sikkink (1998): International Norm Dynamics and Political Change. International Organization 52/2, S.887-917; Christian Joppke (ed.) (1998): Challenge to the Nation-State: Immigration in Western Europe and the United States. New York; Yasemin Soysal (1994): Limits of Citizenship. Chicago.

29) Gil Loescher (1993): Beyond Charity: International Cooperation and the Global Refugee Crisis. Oxford; Astrid Suhrke (1998): Burden-Sharing During Refugee Emergencies: the Logic of Collective versus National Action. Journal of Refugee Studies 11/4, S.396-415; Teitelbaum (Fußnote 21).

30) Karen Jacobsen (1996): Factors Influencing the Policy Responses of Host Governments to Mass Refugee Influxes. International Migration Review 30/3, S.655-678.

31) Kevin Hartigan (1992): Matching Humanitarian Norms with Cold, Hard Interests: the Making of Refugee Policies in Mexico and Honduras, 1980-1989. International Organization 46/3, S.709-730.

32) Eric Neumayer (2005): Asylum Recognition Rates in Western Europe: the Determinants, Variation, and Lack of Convergence. Journal of Conflict Resolution 49/1, S.43-66.

33) Marc R Rosenblum/Idean Salehyan (2004): Norms and Interests in US Asylum Enforcement. Journal of Peace Research 41/6, S.677-697.

34) Astrid Suhrke (1998): Burden-Sharing During Refugee Emergencies: the Logic of Collective versus National Action. Journal of Refugee Studies 11/4, S.396-415.

35) Eiko Thielemann (2003): Between Interests and Norms: Explaining Burden-Sharing in the European Union. Journal of Refugee Studies 16/3, S.253-273.

Dr. Idean Salehyan lehrt am Department of Political Science der University of North Texas
Übersetzung: Fabian Virchow

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