in Wissenschaft & Frieden 1999-3: Tödliche Bilanz

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Im Namen der Menschenrechte

Zur psychologischen Kriegsführung

von Bernd Röhrle

Angesichts der verheerenden humanitären, wirtschaftlichen und politischen Folgen des Kosovokonfliktes stellt sich die Frage, warum sich die Öffentlichkeit so zurückhaltend während des offen und jetzt noch verdeckt geführten Krieges verhält. Demonstrationen gab es ansatzweise, sie sind aber gemessen an frühen Tagen der Friedensbewegung fast unbedeutend. Meinungsumfragen zeugten in den alten Bundesländern sogar von einer mehrheitlichen Akzeptanz des Krieges. Nach der weitgehenden Beendigung der Kampfhandlungen ist von einer öffentlichen Kritik an der bisherigen und derzeitigen Politik insbesondere der am Konflikt beteiligten NATO-Mächte nichts mehr zu spüren. Vielmehr verbreitet sich eine Atmosphäre der nachträglichen Rechtfertigung. Selbst KritikerInnen des Krieges drängen sich angesichts der in den Medien transportierten Greueltaten Zweifel an der eigenen Haltung auf.

Die Gründe für die mangelnde öffentliche Kritik während und nach dem (noch nicht beendeten) Krieg im Kosovo sind zweifelsohne vielfältig. Die veränderten historischen Bedingungen einer Partizipation ehemaliger VertreterInnen der Friedensbewegung an der Macht ist mit Sicherheit genauso ursächlich wie der Mangel an Kenntnissen zu den komplizierten politisch-historischen und auch soziologisch-ethnologischen Hintergründen des Konfliktes. Aus Sicht der Psychologie aber sind es auch einige zentrale Mechanismen der psychologischen Kriegsführung, denen die Öffentlichkeit auch nach Beendigung der Kampfhandlungen ausgesetzt ist und die zu dieser eher zögerlichen kritischen Haltung der Öffentlichkeit führt. Im Ergebnis ist es den politischen MachthaberInnen gelungen, diesen Krieg moralisch, rational und politisch zu rechtfertigen, obgleich nicht in Zweifel gezogen werden kann, dass er völkerrechts- und aus Sicht der Bundesrepublik Deutschland auch grundgesetzwidrig ist. Um diese Akzeptanz zu erreichen, hat man sich im Wesentlichen folgende psychologisch wirksamen Rechtfertigungsmuster zu Nutzen gemacht:

Krieg als Deus ex Machina für einen komplizierten Konflikt

Mit der bekannten Waffenschau aus dem Krieg der Sterne wurde vorgegaukelt, dass eine technisch und quantitativ übermächtige Allianz den Konflikt in Kürze lösen würde. Die gesetzten politischen und humanitären Ziele sollten durch einen hochmodernen Angriffskrieg und eine logistisch einwandfreie Versorgung der Flüchtlinge relativ reibungslos erreicht werden. Diese sattsam bekannte Strategie knüpft am Wunsch von Menschen an, auch politische und soziale Probleme auf einfache Weise mit technischen und organisatorischen Hilfsmitteln ohne größere Nebenfolgen (»Kollateralschäden«) zu lösen.

Gleichzeitig wird man entlastet, da eine persönliche Verantwortung für die Kriegsführung allenfalls in den Händen der vielleicht sogar nicht einmal gewählten PolitikerInnen und im Ermessen der Militärs liegt. Beide sind mit dem notwendigen Sachverstand ausgerüstet, den man selbst nie erbringen könnte. Man verfügt über technische Mittel, welche die „bizarre Idee auftauchen“ lassen, „man könne Krieg führen, ohne dass Tote zu beklagen wären“ (Enzensberger, 1999, S. 28). Nach den Kampfhandlungen wird im gleichen Tenor der technisch einwandfrei funktionierende Wiederaufbau zerstörter Landesteile vorgeführt: Das Technische Hilfswerk baut Häuser in kürzester Zeit auf, die zerstörten Wasserwerke sind durch modernste mobile Wasseraufbereitungsanlagen kompensierbar usw.. Es mögen also neben der Verführung zum Glauben an einen Deus ex Machina zur Lösung eines komplizierten Konfliktes auch noch autoritäre Einstellungen durch eine solche Propaganda berührt worden sein.

Personalisierung eines Krieges auf dem Hintergrund einer mehrheitlich bestimmten Wahrheit

Der Öffentlichkeit wurde erklärt, es handele sich um einen Krieg zwischen einer »Staatengemeinschaft« (NATO) und einer einzelnen Person (Milosevic). Auch die Lösung der Folgeprobleme wurde mit dem Verhalten, nämlich dem Rücktritt, dieses einen Mannes in Verbindung gebracht. Damit wurde zweierlei nahegelegt: Zunächst wurde vermittelt, dass sich so viele Staaten nicht irren konnten und können. Nicht auf der Grundlage eines klaren Werturteils, dem alle folgen können, wurde Wahrheit gesucht, sondern im Konsens von Gruppen, die sich selbst den Stempel der moralischen Größe geben. Diese Haltung wurde zusätzlich durch öffentliche Verlautbarungen von zahlreichen, vor allem eher links-liberal orientierten MeinungsführerInnen verstärkt. Sie intensivierten über Mechanismen der Autoritätsgläubigkeit solche konsensualen Wahrheitsauffassungen. Zum Zweiten führt man bei einer Konfrontation mit einem Mann auch keinen Krieg gegen die SerbInnen, sondern nur gegen einen bösen Diktator, den manche sogar (völlig unsachgemäß) mit Hitler verglichen, andere psychologisierend als psychisch deformierten Sohn suizidierter Eltern. Man kennt dies in der Sozialpsychologie als „negative Punkte sammeln“, um sich selbst aufzuwerten und mögliche negative Handlungen entschuldbarer zu machen oder gar von gemachten Fehlern abzulenken; ein Mechanismus, den nicht nur Mailer (1999) im Zusammenhang mit dem Impeachmentverfahren von Clinton entsprechend beschrieben hat. Damit wurden die Ursachen dieses Konfliktes auf die moralische Verfassung eines einzigen Mannes verkürzt. Man ist damit zugleich auch vor dem Vorwurf geschützt, man habe antiserbische Vorurteile. Gleichsam einem Erzieher, der zu einem letzten und probaten Mittel greift, treten die Verantwortlichen auf, nach dem Motto: Wer nicht hören will, muss fühlen. In neuerer Zeit wird so die Doppelstrategie von Krieg bzw. Entzug von Nachkriegshilfen und politischen Verhandlungsbemühungen der öffentlichen Meinung angeboten. Dies nährt ein besonderes Bedürfnis nach Einfachheit, das man auch schon bei bekannten Formen der Vergangenheitsbewältigung hinreichend gestillt hat. Personen sind vorstellbar und man kann sie für alles verantwortlich machen, auch für unterlassene wirtschaftliche Hilfeleistungen und unterschlagenen kulturellen Austausch; ein typischer Fall von Sündenbockdynamik.

Eine andere Art der Personalisierung des Konfliktes ist darin zu erkennen, dass das ganze Volk der SerbInnen, wenn nicht für den Krieg, so doch für seine Ursachen verantwortlich gemacht wird und wie ein ungehöriges Kind zur Räson gebracht werden soll. Eine solche Haltung zeigt sich z.B., wenn der Lyriker Durs Grünbein (Spiegel 1999, 12. April) schreibt: „Man muss keine Idealist sein, um einzusehen, dass die Bombe ein Erziehungsmittel sein kann, wie wir aus Deutschland wissen. Dort wurde einer sagenhaft starrsinnigen Bevölkerung vor einem halben Jahrhundert der Nationalismus wie ein fauler Zahn gezogen.“ Oder wenn z.B. in einem regionalen Blatt die Frage gestellt wird: „Die Serben umerziehen?“ und die Antwort lautet: „Die Serben müssen Abschied nehmen von ihren nationalen Legenden, ihren Kosovo-Mythen und ihrem aus Unterdrückungsängsten entstandenen Größenwahn“ (Schwäbisches Tagblatt 1999, 115, S. 2), so zeigt sich deutlich eine Personalisierung des Konflikts auf einen Volkskörper, die von einer ethnischen Vorurteilshaltung zeugt, die andere peinlichst zu vermeiden trachten. Diese nährt sich aus der gut untersuchten Tendenz zur Herstellung sozialer Identität: Wir sind die nicht Größenwahnsinnigen, wir haben keine Legenden, die sich gegen Außenfeinde richten, wir sind nicht nationalistisch, wir sind demokratisch usw. Dabei ist immer mit der Möglichkeit zu rechnen, dass Innen-Außendifferenzierungen vorgenommen werden, die zu vereinfachten Kontrasten und auch zu einer Verzerrung der Wahrnehmung in Hinsicht auf eigene negative Eigenschaften führen können (als gäbe es z.B. keine eigenen Nationalismen).

Interpunktion eines Konflikts

Wie in der schlechten Geschichte eines Ehekrieges wird die Interpunktion des Kosovokonfliktes so gestaltet, dass nicht der Blick auf die Komplexität der Interaktionszusammenhänge zwischen vielen Nationen, Völkern, Interessengruppen, auch in einer historischen Dimension, gelenkt wird. Vielmehr richtet sich der Blick auf Ursachen wie die Vertreibung, Unterdrückung und gar Tötung von Kosovo-AlbanerInnen, für die es zu Zeiten der kriegerischen Auseinandersetzungen keine klaren Beweise gab. Diese Strategie knüpft ebenfalls an einem menschlichen Bedürfnis an, nämlich möglichst einfache und zugleich schuldmindernde Attributionen für komplexe Abläufe zu suchen. Solche Abläufe haben die Eigenschaft, dass die daran Beteiligten die Interpunktionen für die Entstehung möglicher Konflikte relativ willkürlich setzen können und dies in der Regel immer zu Ungunsten des Gegners tun. Wir kennen dies aus der Analyse von Ehekonflikten, bei denen meist in unfruchtbarer Weise die jeweiligen Schuldzuweisungen zu einer Konfliktverschärfung und zu einer Abnahme von Kompromissbereitschaft führen. Es kommt noch ein besonderes Moment hinzu, wie es ebenfalls im Kontext von Beziehungskonflikten beobachtbar ist: Die Bezugspersonen von KonfliktpartnerInnen teilen sich in Lager und verschärfen in der Regel die schon vorhandene Konfliktdynamik. Dies hat damit zu tun, dass Unsicherheiten in Hinsicht auf mögliche Interpunktionen wiederum durch konsensualen Druck gemindert werden.

Moralisierung der Unmoral

Außenminister Fischer hat versucht das moralische Dilemma dieses Krieges auf den Punkt zu bringen: Wer was tut wird schuldig; wer nichts tut wird möglicherweise noch schuldiger. Mit humanitären Begründungen wird Inhumanität gerechtfertigt und dies scheinbar sogar auf einem nach der Psychologie Kohlbergs (1996) benannten postkonventionellen Niveau: Es wird Leben gerettet, obgleich es gegen gesellschaftlich normative Beschlüsse verstößt (Völkerrecht, Grundgesetz). Man handelt also nicht nur moralisch im Sinne der Menschenrechte, sondern sogar auf einer besonders hohen humanistischen bzw. moralphilosophischen Ebene, die Václav Havel in einem Essay mit dem Titel »Das Kosovo und das Ende des Nationalstaates« als ein „höheres Recht“ bezeichnet, das seine „tiefsten Wurzeln außerhalb der wahrnehmbaren Welt“ besäße. Dafür sei Verantwortung und auch das Risiko eigener Verluste zu tragen, so die Ansicht von Kommunitaristen wie Michael Walzer. Spaemann (1999) beschreibt diesen Krieg im Namen der Menschenrechte mit dem Satz: „Nicht Menschen, Werte sollen verteidigt werden“ (S. 153). Dieses Angebot ist sicher das am meisten entlastende, das sich sogar MeinungsführerInnen zu eigen gemacht haben, denen man dies nie zugetraut hätte. Unabhängig von der Frage, ob dieses Angebot eine bewusste oder auch nicht beabsichtigte Täuschung darstellt – in jedem Fall hilft es die Gewissensprobleme sowohl bei den TäterInnen als auch bei jenen abzumildern, die sich zu keinen Protesten hinreißen ließen. Im Effekt ist dies vielleicht das was Ross (DIE ZEIT 25/99, S.13) als die Maßlosigkeit eines aus moralischen Gründen geführten Krieges bezeichnet und was andere als die Entpolitisierung eines Konflikts interpretiert haben.

Bei genauer Betrachtung war die Entscheidung, einen auch Menschenleben fordernden Angriffskrieg zu führen, sowohl konventionell als auch postkonventionell unmoralisch. Postkonventionelle moralische Urteile im Sinne von Kohlberg (1996) wollen Menschenleben um jeden Preis erhalten. Diese Motivation war und ist nicht erkennbar und zwar aus mehreren Gründen: Es liegt zunächst eine »Unangemessenheit« der Mittel vor. Nehmen wir im Sinne einer Metapher an, die Leserin/der Leser würde Zeuge eines Amoklaufes in einer sehr belebten Gegend, einige Menschen seien schon zum Opfer gefallen. Nun wären die Leserin/der Leser und andere bewaffnet und würden versuchen, den Amokläufer durch Menschenleben gefährdende Gewalttaten an weiteren Bluttaten zu hindern. Der Täter aber verschanzt sich und ist für Sie unerreichbar. Er kann darüber hinaus ungehindert weitere Menschen töten. Die Leserin/der Leser versucht ihre/seine Deckung zu zerstören und gefährdet dabei weitere Menschenleben (ähnliche Beispiele bringt Reinhard Merkel; ZEIT Nr. 20/99, S. 10). Akzeptiert man den Vergleich dieses Beispiels mit dem Kosovo-Krieg, so muss man zum Schluss kommen, dass die Intervention bei unterstellter guter Absicht (es gibt viele mögliche schlechte Absichten), an den Folgen gemessen, nicht rational und vorteilhaft war. Die gewählte Metapher geht dabei von der Prämisse aus, dass tatsächlich Menschenleben von diesem vermeintlichen Amokläufer genommen werden und keine anderen Mittel zu Verfügung stehen, ihn daran zu hindern (z.B. ihn zu umstellen, ihn zu bedrohen, wenn er weitere Untaten begeht und ihn aus sicherem Abstand auszuhungern). Falls es sich nur um einen Verdacht handelt und eigentlich der besagte Täter die Persönlichkeitsrechte der Menschen bedroht, also z.B. ihre Freiheit beraubt (nehmen wir an, dies entspräche den Tatsachen), dann sind die eingesetzten Mittel in jedem Fall unverhältnismäßig.

Nun kann eine Handlung aber unangemessen und doch von hoher moralischer Qualität sein, wenn sie die Bewahrung des Lebens als einem Wert an sich im Auge hat. Gilt dies für den Militäreinsatz im Kosovo-Krieg? Die Antwort bei Kohlberg würde lauten: Nein, denn sie retten kein einziges Menschenleben und nehmen weiteren, ja Unbeteiligten, das höchste Gut. Selbst wenn der Konflikt so angelegt gewesen wäre, dass mehr Menschenleben gerettet geworden wären als »kollateral« genommen wurden – ein Konflikt, der so nicht bestand – ist der Wert einer solchen Nothilfe höchst zweifelhaft. Die extremste (pazifistische) Position gegen eine solche »Nothilfe« besteht in der Auffassung, wonach es den Wert des Lebens an sich in einem nicht quantifizierbaren Sinne zu schützen gilt. Weniger radikal ist das Argument, dass es keine Gewissheit zur Frage geben haben kann, ob im Falle eines »Nothilfekrieges« entsprechende Kosten-Nutzen-Erwägungen überhaupt herzustellen gewesen sind. Sowohl technisch als auch durch die Unvorhersehbarkeit der gegnerischen Aktionen bedingt, war ein entsprechend günstiges Kosten-Nutzen-Verhältnis nicht planbar. Die Notwendigkeit der genauen Vorhersage eines solchen Kosten-Nutzen-Effektes gilt nicht für Situationen ohne Planungsmöglichkeiten, also etwa auch für Situationen, die Notwehrcharakter auch für Dritte haben. Eine solche Situation war und ist aber im Kosovokrieg nicht auszumachen. Allein schon die militärische Logistik belegt den Planungscharakter der Intervention. Wenn die Planung einer Nothilfe sogar die Möglichkeit einer Verschärfung der Notlagen derjenigen bedeutet, denen man helfen möchte, so ist unabhängig von der Interpunktion möglicher Schuldzuweisungen die Zerstörung jedes einzelnen Lebens in der Verantwortung der sog. HelferInnen (vgl. hierzu auch Reinhard Merkel: ZEIT Nr. 20/99, S. 10). Völlig eindeutig ist die Verwerflichkeit der Angreifenden, wenn sie scheinbar das Leben als schützenswertes Gut nutzen, um solche Dinge wie die Glaubwürdigkeit zu behalten oder Besitzstandswahrungen zu pflegen. In Nachrichtensendungen wurde sogar vom wirtschaftlichen Niedergang Serbiens berichtet, der im Anschluss an den Krieg Wirtschaftswachstum und neue Absatzmärkte versprechen würde. Hier wird der Krieg als eine notwendige Operation verkauft, die sich für die Gesundung der Wirtschaft als notwendig und nützlich erweist (eine weitere, gleichsam medikalisierte Form der Personalisierung des Konflikts). Bei einem Konflikt zwischen Menschenleben und anderen Werten, wie Wohlstand oder auch Freiheit (die man möglicherweise den Kosovo-AlbanerInnen nimmt), ist das moralische Urteil eindeutig: Menschenleben vor allem. Und: Es zählt jedes einzelne Leben.

Bleibt noch das Argument der Einmaligkeit oder, was noch schlimmer wäre, der Erstmaligkeit der Handlung, die für die Zukunft eine moralische Weltordnung im Zuge der Globalisierung herzustellen vermag, die solche Konflikte wie im Kosovo nicht mehr zulässt. Als grundsätzliches Gegenargument hierzu kann man die Auffassung der Moralpsychologin Gilligan (1984) anführen, wonach ein (friedliches) Zusammenleben grundsätzlich nicht durch Gewalt hergestellt werden kann. Diese moralische Orientierung der Interdependenz nährt sich aus den sozialpsychologischen Einsichten und Erkenntnissen zu den Regeln sozialer Interaktionen. Weniger radikal aber ist das Argument, dass diese Rechtfertigung nicht glaubwürdig ist. Die Frage, warum gerade in Serbien diese Intervention stattfindet und nicht in der Türkei, ist oft gestellt worden. Die Frage, warum man dann nicht gleichzeitig in anderen Gebieten der Welt entsprechend eingreift, ist bislang nicht beantwortet worden. Vieles spricht dafür, dass moralische Argumente instrumentell genutzt werden. Dies ist die verwerflichste Form der Amoralität. Wer schützt uns vor solchen Mechanismen, wenn zukünftig die Souveränität von Staaten keinen sicheren Raum mehr bietet?

Insgesamt bleibt festzuhalten, dass die NATO im Kosovokrieg zutiefst unmoralisch gehandelt hat. Umgekehrt haben alle, die sich gegen diesen Krieg gewehrt haben, moralisch gehandelt, weil sie nur Schaden abwehren wollten und dabei keinen verursacht haben, selbst wenn Milosevic und die Mitverantwortlichen Menschenleben nahmen. Die letzte Phase des Krieges, die über die wirtschaftlichen Versprechungen gelenkte Erpressung des serbischen Volkes, ihre Führung zum Rücktritt zu zwingen, ist auch nicht unbedingt ein Beleg überzeugender moralischer Standards oder gar eines durch hohe Werte bestimmten Demokratieverständnisses, auf das die beteiligten NATO-Staaten so stolz sind. Vor allem aber können solche Interventionen völlig kontraproduktiv sein. Bei Kindern sagt man, sie würden sich unter vergleichbaren Bedingungen nur scheinbar anpassen, die gewünschten Werthaltungen aber keineswegs internalisieren und vielmehr das erpresserische Verhalten der ErzieherInnen modellhaft erlernen. Es ist ein Glück, dass das serbische Volk kein schwer erziehbares Kind ist.

Es kann nicht Anliegen einer friedenspsychologischen Interpretation des Kosovo-Krieges sein, ihn auf psychologische Kategorien zu reduzieren. Jedoch wäre es auch unangemessen, die Beteiligung der geschilderten psychologischen Prozesse und Mechanismen auszuschließen. Vielleicht sind sie bedeutsamer als man annimmt, unabhängig von der Frage, ob sie aus propagandistischen Zwecken heraus bewusst hergestellt wurden oder auf schrecklichen Irrtümern beruhen. BürgerInnen, die sich wie auch immer in ihrem Denken zu Vereinfachungen und falschem moralischem Denken haben verleiten lassen, sollten schleunigst umdenken. PolitikerInnen und Militärs noch schneller.

Literatur:

Gilligan, C. (1984): Die andere Stimme, München,. Piper.

Kohlberg, L. (1996): Die Psychologie der Moralentwicklung, Frankfurt a.M., Suhrkamp.

Enzensberger, H. M. (1999): Ein seltsamer Krieg. zehn Auffälligkeiten, in F. Schirrmacher (Hrsg.): Der westliche Kreuzzug. 41 Positionen zum Kosovo-Krieg, S. 28-33, Stuttgart, Deutsche Verlagsanstalt.

Mailer, N. (1999): Das kalte, weite Herz, in F. Schirrmacher (Hrsg.), a.a.O., S. 234-239

Spaemann, R. (1999): Werte oder Menschen? Wie der Krieg die Begriffe verwirrt, in F. Schirrmacher (Hrsg.), a.a.O., S. 150-155

Dr. Bernd Röhrle ist Professor am Fachbereich Psychologie der Philipps-Universität Marburg

in Wissenschaft & Frieden 1999-3: Tödliche Bilanz

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