in Wissenschaft & Frieden 1999-2: Wieder im Krieg

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Zweierlei Massaker?

Wie ein US-Diplomat im Kosovo-Dorf Racak den Dritten Weltkrieg auslöste

vonvon Jürgen Scheffran

Das Hinschlachten von Zivilisten durch die Serben im Januar in Racak erforderte eine deutliche Reaktion des Westens. Alle Analysen deckten sich in dem Befund, dass ohne Reaktion die Serben glauben würden, sie hätten nun freie Bahn für ihre Vertreibungs- und Vernichtungspolitik.“ (Ludger Volmer, Staatsminister im Ausw. Amt)1

Am Morgen des 16. Januar 1999 entdeckten BeobachterInnen der OSZE bei dem Kosovo-Dorf Racak, 30 Kilometer südlich von Pristina, mehr als 40 Leichen: „Die OSZE-Überprüfer zählten am Samstag 45 Leichen, die in Häusern, Gärten und Bachläufen lagen. Viele von ihnen waren offenbar aus nächster Nähe erschossen worden und mehrere waren verstümmelt. Bei den Opfern handelte es sich nach den vorliegenden Meldungen vorwiegend um Zivilisten, die meisten Männer, aber auch drei Frauen und ein Kind. Der Chef der OSZE-Mission in Kosovo, William Walker, erklärte nach einem Augenschein, es handle sich um ein Massaker an unbewaffneten Zivilisten, um eine unerhörte Grausamkeit, um ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, für das eindeutig die Sicherheitskräfte der Regierung die Verantwortung trügen. Nach einer Meldung des albanischen Informationszentrums Kosovo waren allerdings acht der Getöteten Mitglieder der Befreiungsarmee Kosovo.“ (NZZ, 18.1.1999)

Serbische Offizielle bestritten den Vorwurf Walkers vehement und behaupteten, die UCK habe gefallene Kämpfer zusammengetragen. Belgrad warf Walker vor, wie ein „Staatsanwalt und Richter zugleich“ zu handeln und „Terroristen“ zu unterstützen und forderte ihn auf, sofort das Land zu verlassen.

Die Empörung westlicher Politiker und Medien über das »Massaker von Racak« und die Ausweisung Walkers brachten den Umschwung für einen Militärschlag gegen Jugoslawien. In den NATO-Staaten setzten sich die Hardliner durch und eröffneten ihren Kreuzzug gegen das »barbarische Milosevic-Regime«. Allen voran zückte US-Außenministerin Madeleine Albright das Schwert. Just am 15. Januar war sie im Weißen Haus noch mit ihrer Forderung nach einer raschen Militärintervention im Kosovo gescheitert:2 „Am Freitag, einen Tag bevor das Massaker bekannt wurde, warnte Außenministerin Albright, dass das zerbrechliche Kosovo-Abkommen, das im vergangenen Herbst vom Unterhändler Richard Holbrooke ausgehandelt wurde, kurz vor dem Scheitern stand.… Albright erzählte dem Weißen Haus, dem Pentagon und anderen Behörden, dass die Administration an einem »Entscheidungspunkt« im Kosovo stehe.“

Wie rasch diese prophetischen Worte Realität wurden, überrascht selbst die Washington Post, für die „Racak die westliche Balkanpolitik in einem Maße verändert hat, wie dies einzelne Ereignisse selten tun.“ (WP 18.4.99) Racak, sagt auch der deutsche Außenminister Joseph Fischer, war „für mich der Wendepunkt“.3 Der Versuch, vor dem Militärschlag unter Zeitdruck zu verhandeln, führte zu dem Debakel von Rambouillet, wo die USA mit ihrem Versuch scheiterten, Kosovo zu einem Protektorat zu machen und eine NATO-Truppe in ganz Jugoslawien zu stationieren.

Die entscheidende Funktion sollte eben jener William Walker bekommen, der das Massaker von Racak entdeckt hatte, wie die Neue Zürcher Zeitung am 8. März berichtete: „Der Vertragsentwurf von Rambouillet sieht in seiner letzten Fassung vom 23. Februar de facto die Errichtung eines Protektorats in Kosovo vor. Dessen oberster Chef ist der OSZE-Chef in Pristina, also der Amerikaner William Walker; er erhält umfassende Befugnisse. Die Durchsetzung seiner Beschlüsse wird mit der Stationierung einer wuchtigen Nato-Streitmacht – die Rede ist von gegen 30.000 Mann – sichergestellt. Der Plan trägt die Handschrift Washingtons, das seinen Führungsanspruch im Balkan stets unterstreicht.“

Walker, der in den achtziger Jahren als US-Botschafter in Honduras und El Salvador hinreichend Erfahrungen mit Massakern sammeln konnte, scheint seine neue Rolle zu genießen. Nach einem Bericht der Los Angeles Times vom 14. April über seine große Popularität unter Kosovo-Flüchtlingen schlägt er der Zeitung als Titel vor: „Ehemaliger Trägerjunge der Times startet Weltkrieg III im Kosovo“.4

Die umstrittenen Ereignisse von Racak und das gespaltene Verhältnis Walkers zu Menschenrechtsfragen werden im Folgenden dokumentiert.5 Es geht dabei weder um den Nachweis, dass es sich in Racak nicht um ein serbisches Massaker gehandelt hat, noch um Verschwörungstheorien, sondern um Widersprüche, die der Klärung bedürfen.

Der Streit um Racak

Über das, was in Racak am 15. Januar geschah, liegen widersprüchliche Angaben vor. Klar ist, dass an diesem Tag in der Region Kämpfe zwischen serbischen Einheiten und der UCK stattfanden: „Bei Racak hatten kosovo-albanische Widerstandskämpfer vor einer Woche einen Überfall auf eine Polizeipatrouille verübt; dabei wurde ein serbischer Polizist getötet. Serbische Stellen meldeten, die Polizei sei ausgerückt, um in dem Dorf nach Kämpfern zu suchen. Dabei sei sie unter Beschuss aus Granatwerfern und Maschinengewehren gekommen. Sie habe das Feuer erwidert und mehrere Dutzend albanische »Terroristen« getötet. Nach albanischen Quellen wurde das im Sommer stark zerstörte Dorf mit 240 Häusern am Donnerstag abend umzingelt und am Freitag morgen mit Granaten beschossen. Der Infanterievorstoß folgte am Freitag nachmittag. Mehrere Männer wurden gefangengenommen; eine Gruppe von ihnen wurde abgeführt und auf einem Hügel exekutiert. Andere Dorfbewohner wurden auf der Flucht erschossen. In der Stube eines Hauses wurden angeblich 24 Leute erschossen.“(NZZ, 18.1.99)

Diese Darstellung wird durch Zeugenaussagen erhärtet, die von JournalistInnen und Menschenrechtsorganisationen zusammengetragen wurden:6 „Dorfbewohner sagten, dass die Polizei das Dorf gegen 9 Uhr morgens betreten habe.… Um 16.30 hatte die Polizei das Dorf verlassen.… Gegen 13 Uhr führte die Polizei 23 Männer von Osmanis Grundstück fort.… Zeugenaussagen und Beweisstücke, die am Fundort von Journalisten entdeckt wurden, machen klar, dass die meisten dieser Männer, die keinen Widerstand ausübten, aus kurzer Entfernung erschossen wurden. Einige wurden offenkundig erschossen, während sie versuchten zu fliehen.“

ZeugInnen berichteten, die Truppen hätten über Funk Befehle von Vorgesetzten erhalten. Einige dieser Funkgespräche seien von den USA abgehört worden, berichtete die Washington Post am 28.1.99. Den ZeugInnen zufolge seien die ersten OSZE-Beobachter am Nachmittag des 15.1. in Racak eingetroffen, ohne jedoch von dem Massaker etwas zu bemerken. Mit Einbruch der Dunkelheit zogen sie wieder ab. Am nächsten Morgen, nachdem die UCK das Dorf in der Nacht wieder unter ihre Kontrolle gebracht hatte, wurden die Leichen entdeckt. Walker traf gegen 13 Uhr, eskortiert von der UCK, am Fundort ein und beschuldigte vor den laufenden Kameras die Serben, ohne eine weitere Untersuchung abzuwarten. Die OSZE schloss sich der Darstellung an, es habe sich um eine Hinrichtung an ZivilistInnen gehandelt.7

Zweifel wurden jedoch nicht nur von serbischer Seite geäußert (die keine Gelegenheit zur Spurensicherung erhielt), sondern auch in französischen Tageszeitungen. Die Welt fasst diese am 22.1.99 zusammen: „Waren die Toten von Racak im Kosovo Opfer eines Massakers der Serben – oder sind die Leichen Teil eines makabren Schaustücks der Untergrundarmee UCK geworden, um den Westen zum Eingreifen zu bewegen? In der britischen und französischen Presse machen derartige Spekulationen derzeit die Runde. Der Kosovo-Krieg wird immer mehr auch zur Propagandaschlacht.

Den Berichten zufolge könnten die unstrittig kosovo-albanischen Toten Opfer der Gefechte eines ganzen Tages sein – in der Nacht zusammengetragen und in dem Hohlweg oberhalb von Racak von UCK-Kämpfern »fotogerecht« zu einem Haufen von mehr als 40 Leichen arrangiert. Die französischen Tageszeitungen »Le Monde« und »Le Figaro« sowie der britische »Guardian« stützen diese in Frageform gekleidete Spekulation auf Indizien vor Ort und auf Hinweise aus dem OSZE-Team, das die Toten derzeit untersucht.

Ein Kamerateam des TV-Ablegers der Nachrichtenagentur AP habe während der Gefechte um und in Racak den ganzen fraglichen Freitag vergangener Woche gefilmt, schreibt der »Figaro«. Die Aufnahmen gäben jedoch keinen Hinweis auf ein Massaker. Außerdem habe das serbische Polizeikommando selbst das TV-Team und OSZE-Beobachter von der Aktion gegen das Dorf vorab informiert und bereits am Nachmittag eine Pressemitteilung zum erfolgreichen Kampf gegen die »UCK-Terroristen« in Racak herausgegeben. Laut »Figaro« hätten zudem zwei OSZE-Fahrzeuge mit amerikanischen Nummernschildern den ganzen Tag auf einem Hügel oberhalb von Racak gestanden, von wo aus das Dorf gut zu überblicken sei – nicht aber der 500 Meter entfernte Hohlweg, in dem am nächsten Morgen UCK-Kämpfer herbeigerufenen Journalisten und OSZE-Mitarbeitern den Leichenberg gezeigt hätten.“

Renaud Girard hatte am 20.1.99 in Le Figaro William Walker „unangemessene Eile“ bei der Verurteilung der Serben vorgeworfen und einen auf Filmmaterial gestützten Ablauf der Ereignisse am 15. Januar vorgelegt, der die offizielle Darstellung in Zweifel zieht. Danach hätten die Beobachter wie auch die Journalisten noch am späten Nachmittag bei einem Besuch des Dorfes keine besonderen Vorkommnisse bemerkt. Diese Darstellung stimmt weitgehend überein mit jener von Christophe Chatelot am 21.1.99 in Le Monde. Die Welt geht am 22.1.99 in ihren Spekulationen noch weiter: „Andere Opfer jedoch seien offenbar nicht an Ort und Stelle getötet worden, zitiert der »Guardian« einen OSZE-Mitarbeiter. Schleifspuren und Spuren von Blut oder Gehirnmasse ließen darauf schließen, dass die Leichen aus der Umgebung herbeigeschafft worden seien. Wenn das stimmt, liegt der Schluss nahe, die UCK habe aus der militärischen Niederlage von Racak einen politischen Sieg machen wollen. Auch im Bosnien-Krieg hatten mehrere Massaker und ausschließlich gegen die Zivilbevölkerung gerichtete Angriffe den Westen nach langem Zögern zum Eingreifen bewogen – zur Rettung der von den Serben angegriffenen bosnischen Moslems. In mindestens einem Fall jedoch war es offenbar eine bosnisch-moslemische Granate, die auf einem belebten Marktplatz mehrere Dutzend moslemische Zivilisten tötete. Der Vorfall wurde nie restlos aufgeklärt.“

Nachdem die Leichen in einer Moschee zusammengetragen worden waren, besetzte die serbische Polizei Racak erneut und transportierte die Leichen nach Pristina. Dort wurde mit der Obduktion durch jugoslawische und weissrussische Gerichtsmediziner begonnen. Nach ihrer Ansicht seien die tödlichen Wunden durch Schusswaffen aus großer Distanz abgefeuert worden. Erst nach Eintritt des Todes seien weitere Schüsse aus der Nähe und Schnittwunden hinzugefügt worden. Bei einigen Körpern sei die Kleidung gewechselt worden.8

Die Europäische Union beauftragte ein finnisches Team unter Leitung von Helana Ranta mit der Durchführung forensischer Untersuchungen. Die Fertigstellung und Übergabe des Berichts wurde bereits Anfang Februar erwartet, doch mehrfach verschoben, was zu weiteren Spekulationen führte. „Ob es ein Massaker war, will keiner mehr wissen“, schreibt Die Welt vom 8.3.99. „Eine heiße Kartoffel ist dieser Bericht“, sagt ein OSZE-Diplomat in Wien gegenüber der Welt, „keiner will ihn so richtig.“ Helana Ranta rechtfertigte die Verzögerung damit, „dass das deutsche Außenamt die Verantwortung dafür übernommen hat, ob der Untersuchungsbericht veröffentlicht wird oder nicht.“ (BZ, 9.3.99)

Zunehmend geriet auch Walker in der OSZE unter Beschuss: „William Walker, soll nach dem Willen mehrerer europäischer Staaten möglichst schnell abgelöst werden. Wie die »Berliner Zeitung« im Vorfeld der Pariser Kosovo-Konferenz aus OSZE-Kreisen in Wien erfuhr, verlangen unter anderem Deutschland, Italien und Österreich, dass Walker seinen Posten räumt. Hochrangigen europäischen OSZE-Vertretern liegen diesen Quellen zufolge Erkenntnisse vor, wonach die Mitte Januar im Kosovo-Dorf Racak gefundenen 45 Albaner nicht wie von Walker behauptet einem serbischen Massaker an Zivilisten zum Opfer fielen.… Intern, so heißt es bei der OSZE, gehe man längst von einer »Inszenierung durch die albanische Seite« aus.… Kritisiert wird Walker, der öffentlich an der Massaker-Version festhält, auch für seinen »selbstherrlichen« Führungsstil und seine Medienauftritte. Das von Walker nach Racak geholte, übergroße Journalistenaufgebot »hat sich am Fundort so ausgetobt, dass viele Spuren vernichtet wurden«, beklagt ein westeuropäischer OSZE-Vertreter.“ (BZ, 13.3.99)

Die Pressekonferenz, die am 17. März anläßlich der Übergabe des Berichts in Pristina stattfand, ließ wesentliche Fragen offen. Der 21 Kilo wiegende Bericht selbst wurde nicht veröffentlicht, auch keine zusammenfassende Expertise. Statt dessen verlas Helena Ranta lediglich einen persönlichen Kommentar, der am gleichen Tag in deutscher Übersetzung vom Außenamt präsentiert wurde.9 Nur wenige Sätze befassen sich mit dem Ergebnis der Untersuchung selbst und sind zudem vorsichtig formuliert:„Die Autopsieergebnisse (z.B. Einschusslöcher, koaguliertes Blut) und die Fotos vom Schauplatz lassen den Schluss zu, dass Kleidungsstücke höchstwahrscheinlich weder gewechselt noch entfernt wurden.… Unter den autopsierten Personen waren mehrere ältere Männer und nur eine Frau. Es gab keine Hinweise, dass es sich bei den Betroffenen nicht um unbewaffnete Zivilpersonen handelte.“

Die von BeobachterInnen gefundenen 22 Männer seien „höchstwahrscheinlich am Fundort erschossen“ worden. An den Händen der Opfer konnten dem Bericht zufolge keine chemischen Rückstände entdeckt werden, die auf einen Waffengebrauch schließen ließen. Der Bericht macht keine Aussagen über Todesumstände der Opfer oder mögliche Täter. Ob es ein »Massaker« war, gehe aus den medizinischen Fakten nicht hervor. Ausführlich werden die schwierigen Bedingungen der Untersuchung hervorgehoben und auch Kritik an der fehlenden Beweissicherung am Fundort geäußert.

Westliche Medien sahen in der Erklärung jedoch einen klaren Beweis für ein serbisches Massaker. So berichtete die Washington Post bereits am Tag der Pressekonferenz:„Ein unabhängiger forensischer Bericht… kam zu dem Ergebnis, dass es sich bei den Opfern um unbewaffnete Zivilisten handelte, die in einem organisierten Massaker exekutiert wurden; einige wurden gezwungen niederzuknien, bevor sie mit Gewehrkugeln beschossen wurden, sagen westliche Quellen, die mit dem Bericht vertraut sind.“ (WP, 17.3.99)

Die angesprochenen Quellen wurden bislang nicht genannt. Entsprechend verfährt auch der Kosovo-Sonderbeauftragte der EU, Wolfgang Petritsch, acht Wochen nach Übergabe des Ranta-Berichts (Die Zeit, 12.5.99):„Vergangene Woche ist er aus Helsinki nach Wien zurückgekehrt. Finnische Forensiker haben zum wiederholten Mal die Opfer aus Racak untersucht, von denen Belgrad behauptet hatte, es seien Kämpfer der UCK gewesen.… Die Ergebnisse sind eindeutig: Eine geplante Mordtat an 45 Menschen allesamt von der Seite oder von vorne erschossen, manche enthauptet.… Aber die Europäische Union zögert bis heute, die Ergebnisse zu veröffentlichen. Immer noch ist die Sache brisant. Man fürchtet, eine neuerliche Verurteilung der Serben könnte einen Friedensschluss mit Milosevic erschweren.“

Seltsam nur, dass dieselben Politiker, die wochenlang bemüht sind, den NATO-Einsatz durch schwer nachweisbare serbische Greueltaten zu rechtfertigen, ein umfangreiches Beweisdokument monatelang mit der Begründung zurückhalten, dies würde die Serben belasten. Um weiteren Spekulationen vorzubeugen, sollte die EU die wesentlichen Untersuchungsergebnisse unverzüglich veröffentlichen.

William Walkers Widersprüche

Nicht immer hatte es William Graham Walker so eilig, die Schuldigen eines Massakers zu benennen. Der 1935 geborene „erfahrene amerikanische Karrierediplomat“ verbrachte den Großteil seiner fast 40jährigen diplomatischen Karriere in Mittel- und Südamerika. Unter anderem war er von 1988 bis 1992 US-Botschafter in El Salvador. Weitere hohe diplomatische Posten bekleidete er in Brasilien, Honduras, Peru, Bolivien, Japan und Panama. Von 1985 bis 1988 war er zudem stellvertretender Unterstaatssekretär im US-Außenministerium. Seit Mitte 1997 ist Walker auf dem Balkan im Einsatz, 1998 wurde er von den USA als Chef der OSZE-Mission durchgesetzt.

In den frühen achtziger Jahren wurde Walker stellvertretender Missionschef in Honduras als die CIA mit argentinischen Militärberatern eine Contra-Armee gegen das von Sandinisten regierte Nicaragua aufbaute. Offenkundig unterstützte Walker die Contras10 und war gemeinsam mit Oliver North und seinem Vorgesetzten Elliott Abrams tief in die Iran-Contra-Affäre verstrickt, wie aus dem offiziellen Untersuchungbericht vom August 1993 hervorgeht.11 Im US-Kongress setzte sich Walker vergeblich für die Lieferung von Kampfflugzeugen an Honduras ein.

Während Walker Botschafter in El Salvador war, tobte ein Bürgerkrieg zwischen Regierungstruppen und der linksgerichteten Nationalen Befreiungsfront Farabundo Marti (FMLN). Im Verlauf der Kämpfe kamen mehr als 70.000 Menschen ums Leben, der größte Teil ZivilistInnen, die von Regierungstruppen und paramilitärischen Todesschwadronen getötet wurden. Der Bericht der UNO-Wahrheitskommission kam 1993 zu dem Ergebnis, dass die Armee El Salvadors für umfangreiche Menschenrechtsverletzungen verantwortlich sei; eine große Zahl der Täter sei in der School of the Americas (SOA) in den USA ausgebildet worden.12

Der UNO-Bericht rückt William Walker und andere US-Diplomaten in ein schlechtes Licht. So wurde der mutmaßliche Drahtzieher der Ermordung von Erzbischof Romero im Jahr 1980, Roberto d'Aubuisson, von Walker wie auch Abrams in Schutz genommen, obwohl Belege für seine Mittäterschaft vorlagen. Während die CIA d`Aubuisson 1981 als „egozentrisch und rücksichtslos“ beurteilte und die Washington Post ihn 1994 einen „gemeinen Killer“ nennt, erkannte Walker noch 1989 in ihm einen „Demokraten“ und einen der „besten Politiker“ El Salvadors.(WP 21.3.93) Dass Verharmlosungen von US-Verbündeten in den achtziger Jahren die Regel waren, belegt auch das Massaker von El Mozote, wo im Dezember 1981 etwa 800-900 Männer, Frauen und Kinder abgeschlachtet wurden, nach Ansicht der UNO-Kommission durch das von den USA-trainierte Atlacatl-Battalion. Obwohl genügend Indizien vorlagen, stritt Abrams dies ab.

Neben weiteren Verwicklungen (etwa in die Zona-Rosa-Morde) war Walkers Rolle besonders fragwürdig als es darum ging, die Aufklärung der Ermordung von zwei Frauen und sechs Jesuitenpriestern zu verhindern, die in der Nacht zum 16. November 1989 von Soldaten des Atlacatl-Battalions aus ihren Betten geholt und exekutiert wurden. So versuchte Walker zunächst, die Verantwortung der FMLN anzulasten, obwohl ein CIA-Agent kurz nach der Tat zu anderen Erkenntnissen gelangt war und die Indizien auf die Führung der salvadorianischen Armee hinwiesen. Walker wurde von Kirchenführern beschuldigt, die einzige Zeugin des Verbrechens rechtswidrig festgehalten und unter psychischen Druck gesetzt zu haben um ihre Aussage zu beeinflussen.13

In internen Telegrammen an das State Department warnte Walker Außenminister James A. Baker, dass die USA den Fortschritt in El Salvador „nicht durch frühere Tote behindern sollten, wie abscheulich dies auch immer sei.“ Als die Kritik an den Jesuitenmördern zunahm ging Walker nach Washington um dem Verfahren gegen die Armee El Salvadors entgegenzutreten. Bis zuletzt verteidigte Walker Rene Emilio Ponce, den Generalstabschef der Armee El Salvadors, der nach dem Bericht der UNO-Komission und deklassifizierten Telegrammen die Hauptverantwortung für das Jesuiten-Massaker trug. (WP 5.4.94) Anlässlich einer Pressekonferenz nennt die Washington Post am 19.12.89 Walker wegen seiner positiven Darstellung „Ambassador Sunshine“. Gereizt reagierte Walker auf Nachfragen zu Fehlern beim Jesuiten-Massaker: „In Situationen wie diesen gibt es Management-Probleme.… Ich meine, dies ist Krieg. Es ist Kampf, es ist Tod.“

Die Zeitschrift »Covert Action«, die sich um die Aufdeckung von Geheimdienstoperationen bemüht, schreibt in ihrer jüngsten Ausgabe:14 „Als US-Botschafter in El Savador beaufsichtigte und duldete Walker eine der brutalsten Unterdrückungs- und Mordaktionen in der westlichen Hemisphäre.“

Resümee

William Walker repräsentiert in personam die Widersprüchlichkeit der Menschenrechtspolitik der USA, die immer wenn es eigenen Interessen dient großzügig über Menschenrechtsverletzungen hinwegsieht, aber die von Gegnern scharf angreift und sogar zum Anlass von Kriegen nimmt. Sicherlich beweist die Tatsache, dass William Walker in den achtziger Jahren Menschenrechtsverletzungen in Mittelamerika gedeckt bzw. geduldet hat und es dabei mit der Wahrheit oft nicht sehr genau nahm (wovon er heute nichts mehr hören will)15, nichts über seine Rolle beim Racak-Massaker. Ein geeigneter Kronzeuge für Menschenrechte ist er aber kaum, zumal er durch sein hastiges Auftreten in Racak zur Verschleierung von Beweisen beitrug und die für die OSZE wichtige Neutralität verletzte. Er wäre ein denkbar ungeeigneter Kandidat für den Posten eines »Gouverneurs« in einem Kosovo-Protektorat.

Wie doppelbödig die Politik der USA und der NATO in Menschenrechtsfragen ist, wird nicht nur dadurch belegt, dass weiterhin undemokratische Regime unterstützt und bestimmte Menschenrechte ausgeblendet bzw. durch die eigene Politik unterminiert werden, sondern auch durch die Bereitschaft, Menschen im Namen der Menschlichkeit zu töten, wie im Jugoslawienkrieg täglich vorexerziert. Nach sieben Wochen Bombenkrieg ist Jugoslawien um Dutzende von Racaks reicher. An nur einem Tag des Krieges hat es die NATO mit einer Streubombe geschafft, doppelt so viele Kosovo-Albaner zu töten wie in Racak. Von einem Massaker wird hier jedoch nicht gesprochen, denn es geschah ja aus Versehen.

Anmerkungen

1) L. Volmer, Die Entscheidung eines Pazifisten zum Luftangriff, Berliner Zeitung, 29.03.1999. Im Folgenden werden folgende Abkürzungen verwendet: BZ (Berliner Zeitung), NZZ (Neue Zürcher Zeitung), WP (Washington Post), NYT (New York Times).

2) J. Perlez, Defiant Yugoslav Orders Expulsion of U.S. Diplomat, NYT, 19.1.99; B. Gellman, The Path to Crisis: How the United States and Its Allies Went to War, WP, Sunday, 18.4.99.

3) G. Hofman, Wie Deutschland in den Krieg geriet, Die Zeit, 12.5.99.

4) E. Shogren, American Kosovo Monitor Changes His Image, Los Angeles Times, 14.4.99.

5) Eine ausführlichere Dokumentation des Autors erscheint als IANUS-Arbeitsbericht.

6) Human Rights Watch, Yugoslav Government War Crimes in Racak, http://www.hrw.org

7) Vgl. den in Auszügen veröffentlichten Bericht der OSZE: J. Perlez, Monitors Call Kosovo Massacre an Act of Revenge by Serbs, NYT, 22.1.99.

8) B. Gvozdenovic, „No Massacre in Racak“. Belarus Forensic Expert Says Dr Kuzmicov: „There Were No Shots in the Head, No Torture, No Massacre“, Politika, 22.3.99.

9) Bericht der Leiterin des forensischen Expertenteams der Europäischen Union, Helana Ranta, Gerichtsmedizinisches Institut der Universität Helsinki, zu den Vorfällen von Racak im Januar 1999, Auswärtiges Amt, 17.3.99.

10) D. North, Irony at Racak: Tainted U.S. Diplomat Condemns Massacre, The Consortium, 26.1.99, http://www.consortiumnews.com

11) Final Report of the Independent Counsel for Iran/Contra Matters, Volume I: Investigations and Prosecutions, L.E. Walsh, August 4, 1993, Washington, D.C., US Court of Appeals for the District of Columbia Circuit; http://www.fas.org/irp/offdocs/walsh.

12) G. Gugliotta, Douglas Farah, 12 Years of Tortured Truth on El Salvador, WP, 21.3.93.

13) L. Hockstader, U.S. Accused of Impugning Salvadoran – Bishop Says Witness Tormented in Miami, WP, 11.12.89. Behauptungen in linksstehenden Zeitungen, wonach Walker selbst als »stiller Teilnehmer« bei dem Massaker anwesend gewesen sein soll, konnten bislang nicht überprüft werden. Siehe etwa G. Wilson, Warhawk behind U.S. Kosovo policy – Amb. Walker covered up real massacres in El Salvador, Workers World, 28.1.99, http://www.workers.org; K. Hartmann, »Massaker von Racak« – Durchsichtige Manipulation, bestellte Provokation, DKP Hamburg, http://mitglied.tripod.de/dkp_hamburg/racak.htm.

14) E. Ray, B. Schaap, NATO and Beyond, Covert Action, No.66, Spring 1999.

15) R.J. Smith, This time, Walker wasn't speechless. Memory of El Salvador spurred criticism of Serbs, WP, 23.1.99.

Dr. Jürgen Scheffran ist Wissenschaftlicher Assistent bei IANUS an der TU Darmstadt.

in Wissenschaft & Frieden 1999-2: Wieder im Krieg

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