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Militär und Geschlechterverhältnis

Kongress der Heinrich-Böll-Stiftung

von Marianne Zepp

Im Herbst 1998 veranstaltete die Heinrich-Böll-Stiftung einen Kongress mit dem Titel »Militär und Geschlechterverhältnis« (16. bis 18. Oktober in Berlin). Er war die gemeinsame Arbeit einer interdisziplinären Arbeitsgruppe, die sich die Aufgabe gestellt hatte, die Verschränkung von Militär, militaristischen Strukturen und dem Geschlechterverhältnis zu thematisieren. Diese Arbeitsgruppe, bestehend aus 8 Wissenschaftlerinnen – Soziologinnen, Historikerinnen, Journalistinnen und Politologinnen – hatte sich zum Ziel gesetzt, neben der Genese militärischer Strukturen und Gewalt, die Bedeutung von Männlichkeit und Weiblichkeit in diesem Prozess zu erörtern, aber auch aktuelle Erfahrungen in Kriegs- und Krisengebieten wie Ex-Jugoslawien unter geschlechterspezifischer Perspektive vorzustellen. Gewalt gegen Frauen, die Rolle von Hilfsorganisationen sowie die juristischen Folgen und deren Bearbeitung waren Teil des Veranstaltungsprogramms.
Im Folgenden sollen einige der wichtigsten Beiträge kurz referiert und ein Einblick in die wichtigsten Debatten gegeben werden.

Zum Auftakt des Kongresses gab Monika Hauser als Initiatorin und Organisatorin von medica mondiale einen Bericht über ihr Projekt, ein Zentrum für vergewaltigte und schwer traumatisierte Frauen in Bosnien. Sie erläuterte darin die äußeren Bedingungen, unter denen sie im ersten Kriegsverlauf in Zenica 1992 ihre Arbeit aufgenommen hatte. Ihr Ausgangspunkt waren die spezifischen Erfahrungen und Traumatisierungen von Frauen in diesem Krieg. Unter Kriegsbedingungen gelang es ihr mit den bosnischen Frauen vor Ort, im April 1993 ein ganzheitliches Frauentherapiezentrum ins Leben zu rufen. Das gewährleistete auf Dauer neben der gynäkologischen Behandlung auch eine kontinuierliche psychosomatische Betreuung und garantierte neben der direkten ambulanten Hilfe eine langfristige Zusammenarbeit.

Vorausgegangen war die klare Entscheidung für einen frauenzentrierten Ansatz, die gezielte Hilfeleistung für vergewaltige Frauen. Hatten die Massenvergewaltigungen der Frauen in Bosnien zum ersten Mal international Medieninteresse geweckt, so wurde hier mit den Frauen selbst ein den äußeren und mentalen Bedingungen angepasstes Hilfsangebot entwickelt, das dem voyeuristischen Interesse an den Opfern etwas entgegensetzte.

Die Schwierigkeit, in einer vom Krieg zerstörten multitraumatisierten Gesellschaft einen Übergang in eine befriedete und zivilisierte Gesellschaft zu finden, war u.a. Gegenstand der Debatte während des Kongresses. Dazu gehört neben dem Zeuginnenschutz bei den Haager Kriegsverbrechenprozessen ebenso die Durchsetzung von elementaren Frauenrechten in der sich organisierenden Nachkriegsgesellschaft. Die Skandalisierung von Vergewaltigungen unter Kriegsbedingungen, nicht zuletzt wie im Falle medica mondiale durch Intervention von außen, thematisiere Gewalt gegen Frauen, die nach Beendigung der Kriegshandlungen nicht vergessen sei. Die Angriffe gegen die Schutz suchenden Frauen („Man muss sich nur vergewaltigen lassen, dann bekommt man Unterkunft und Essen“) verschärften den Geschlechterkonflikt und lösten unter Nichtkriegsbedingungen verstärkte (Re-)Tabuisierungen von geschlechtlicher Gewalt, nicht zuletzt im häuslichen Bereich, aus. Die Frage, wann eine Gesellschaft vom Kriegszustand in einen befriedeten Nachkriegszustand übergeleitet ist, sollte auch an dem Ausmaß der Rechte von Frauen gemessen werden, wie überhaupt bei der (Re-)Organisation von Nachkriegsgesellschaften und der Frage nach den Maßstäben der Zivilität einer Gesellschaft die Organisation des Geschlechterverhältnisses ein entscheidendes Indiz sein sollte.

Astrid Albrecht-Heide, Politologin und ausgewiesene Friedensforscherin stellte ihren Beitrag in den Zusammenhang einer kritischen Militärforschung in der Bundesrepublik. Sie verwies zu Recht auf die begrenzten Zugänge zu Informationen über innermilitärische Strukturen und Einrichtungen und bezeichnete sie als „herrschaftlich gemacht“. Sie wertete diese Tatsache als demokratisches Defizit, das nicht unerhebliche Folgen für den Forschungsgegenstand wie für Verifizierungen bestimmter Hypothesen habe, im Gegensatz zu amerikanischen Zugangsmöglichkeiten durch den Freedom of Information Act. Dies sei nur ein Indiz für den Zustand einer kritischen Friedens- und Konfliktforschung und deren Bedingungen in der deutschen Forschungslandschaft und in der politischen Entwicklung der letzten Jahre. Darüber hinaus konstatierte sie eine zunehmende Militarisierung der deutschen Gesellschaft, die verschiedene Ausgrenzungs- und Ausschlussmechanismen produziere. Diese Ausschlussmechanismen begründeten sich durch rassistische und nationalistische Feindbilder sowie ein sich polarisierendes Geschlechterverhältnis.

Damit einher ging ihres Erachtens die Umwandlung der deutschen Armee nach der Wende von einer Verteidigungs- in eine Interventionsarmee. Das zunehmende Aggressionspotential drücke sich auch in der bei der deutsch-deutschen Vereinigung benutzten Geschlechteranalogie aus, bei der einer selbstermächtigten Bundesrepublik als siegreichem Bräutigam die unterworfene, entmächtigte DDR zugeordnet werde.

Als Indizien für diese als »Normalisierungsstrategien« benannten Entwicklungen wurden u.a. die Präsenz des Militärischen im öffentlichen Raum, z.B. als Gelöbnisfeiern u.ä., angeführt. Die Referentin verknüpfte die von ihr beschriebenen Militarisierungsstrategien sowie die sich ihrer Meinung nach verstärkenden Rassismen und Nationalismen mit einem funktional und ideologisch hierarchisch angeordneten Geschlechterverhältnis. Dabei hätten innermilitärische Unterwerfungs- und Dominanzmechanismen eher noch die Funktion einer Dramatisierung bzw. Radikalisierung des Geschlechterdualismus. Beispiele seien hier die schon mehrmals beschriebenen Simplifizierungen und Brutalisierungen des Verhältnisses von Soldaten gegenüber Frauen, verbunden mit (legitimierter) Gewaltausübung.

Zugleich erlebten wir eine erneutes Aufleben der Debatte um die Aufnahme von Frauen in die Bundeswehr. Dies beschrieb die Referentin als den Regelmechanismus für die Teilhabe der Frauen an der Beute, ein sehr zwiespältiges und im Grunde sehr eingeschränktes und statisches Bild von weiblichen Handlungsmöglichkeiten.

Albrecht-Heides aktuelle Zustandsbeschreibung ging von der Re-Nationalisierung nach der »Wende« aus. Sie beschrieb diese als eine teilweise Wiederbelebung alter Ideologismen einer neuen deutschen nationalen Identität und vertrat die These, dass nicht nur das Geschlechterverhältnis dramatisiert werde, sondern es zu einer Radikalisierung eines spezifisch deutschen Ethnozentrismus komme. Dieser gehe Hand in Hand mit der oben schon zitierten zunehmenden Militarisierung des öffentlichen Raumes. Zusammen seien diese die Inszenierungen einer neuen nationalen Identitätsbehauptung, die einhergingen mit einer »Oberflächenhomogenisierung« und mit den schon zitierten ethnischen und rassistischen Feindbildern unterlegt seien. Belege hierfür seien die rassistischen Zwischenfälle bei der Bundeswehr, die in letzter Zeit in die Öffentlichkeit kamen.

Ein auf den ersten Blick eher exotisches Beispiel für das Verhältnis von Männlichkeit und Gewalt schilderte Susanne Schröter in ihrer ethnologischen Studie über männliche Initiation bei den Bimin Kuskusmin in Papua Neuguinea. Verallgemeinernd ging sie von der kategorialen These des »universal soldier« aus, den sie als interkulturelles Phänomen sieht. Die Merkmale dieses Phänomens seien eine durch Dominanz, Härte und Gewalt gekennzeichnete Männlichkeit sowie eine Gemeinschaft der Männer als emotionaler und sozialer Bezugspunkt, als Herrschaftsverband, der zivilgesellschaftlichen Organisationen diametral entgegenstehe. Für die eingangs behauptete Interkulturalität führte sie bespielhaft ihren Forschungsgegenstand an. Sie beschrieb die Initiation zum Krieger innerhalb des von ihr untersuchten indigenen Stammes als sadomasochistisches Ritual und die Erschaffung eines auf Gewalt und Frauenverachtung beruhenden Männerbundes innerhalb einer Gesellschaft, die z.B. kein Privateigentum kennt.

Die Folge eines solchen Initiationsrituals sei die Ambivalenz zwischen Unterwerfung und inhärentem Versprechen der Teilhabe an der (männlichen) Macht.
Parallelen dazu sah sie in den hauptsächlich von Theweleit herausgearbeiteten Männlichkeitsritualen der deutschen Soldaten zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Während beide Referentinnen von einer kategorialen binären Geschlechterkonstruktion als Konstante ausgingen, die darüber hinaus besonders bei Albrecht-Heide noch implizit normativ gesetzt ist, setzte die Analyse von Ruth Seifert an der historischen Genese der Geschlechterbeziehung an. Die Entwicklung hin zu den modernen Kriegen – und damit verbunden die Bildung moderner Nationalstaaten – sei gekennzeichnet durch einen zunehmenden Ausschluss der Frauen vom Kriegsgeschehen einhergehend mit der Ausdifferenzierung der Geschlechtercharaktere. Die daraus resultierende symbolische Ordnung schreibe Männlichkeit eine (legitimierte) Gewaltausübung zu und konstruiere sie als zur männlichen Natur gehörig, während Weiblichkeit nicht nur ontologisch Friedfertigkeit und Zivilität zugeschrieben werde, sondern dieses Verhältnis sei auch, wie dies die anderen Referentinnen bereits beschrieben hatten, hierarchisch angeordnet. Damit seien Frauen durch die „männerbündische Fundierung des Politischen“ nicht nur zunehmend von den Machtzentren und staatlichen Institutionen ausgeschlossen, sondern während das Militär »vermännlicht« und Männlichkeit die Gewaltausübung qua Natur zugeschrieben werde, würden andererseits weibliche Erfahrungen von Krieg nicht in das kulturelle Gedächtnis aufgenommen.

Seifert sieht, im Rahmen der beschriebenen binären Geschlechterordnung, Frauen in vielfältiger Weise in dieses System der Friedlosigkeit eingebunden. Die logische Schlussfolgerung, die Ruth Seifert u.a. Autorinnen ziehen und die ihnen als Skandalon vorgeworfen wird, ist, Frauen an militärischen Zwangsapparaten zu beteiligen, um die sich reproduzierende Geschlechterpolarität dadurch zu dekonstruieren. So wird der unbeschränkte Zugang von Frauen zum Militär gefordert, das dadurch seine Bedeutung als männlichkeitsdefinierende Institution verlieren würde. Darüber hinaus biete dies die Chance einer allmählichen Beteiligung von Frauen an der Reformulierung eines neuen Politikverständnisses. Die feministischen Pazifistinnen argumentieren dem gegenüber, dass dadurch das weibliche Friedenspotential gesellschaftlich wirkungslos gemacht werde, und dass die Beteiligung am Militär von der Tatsache ablenkte, dass es sich um eine zutiefst amoralische patriarchalische und sexistische Einrichtung handele.

Ruth Seiferts Kritik an den feministischen von ihr so genannten »Friedensethikerinnen« setzte an dem Vorwurf der normativen und vereinheitlichenden Setzung von Weiblichkeit an. Diese reproduziere die attackierte binäre Geschlechterordnung. Die symbolische kulturelle Ordnung, die Männlichkeit Gewalt und Krieg und Weiblichkeit Friedfertigkeit zuschreibt, sah sie nicht nur in einer Friedensstrategie reproduziert, die mit weiblicher Friedfertigkeit argumentiert, sondern in jeglicher Identitätspolitik. Hier komme dann nicht nur der von ihr zitierte empirische Befund einer uneinheitlichen gebrochenen Männlichkeit in militärischen Gewaltapparaten zum Tragen, sondern auch eine weibliche Interventionsstrategie in eben diese „Männlichkeitsmaschine“ (Albrecht-Heide) hinein.

Die These der Intervention durch Teilnahme hat den Dekonstruktivistinnen den Vorwurf der politischen Naivität eingebracht. Ruth Seifert wies darauf hin, dass es sich dabei nicht um eine ausgeklügelte Friedensstrategie handele und die Frage, ob weibliche Partizipation eine zivilisierende Wirkung entfalten kann, auch von anderen politischen Veränderungspotentialen abhänge.

Eine ausführliche Dokumentation des Kongresses mit den einzelnen Vorträgen ist in Vorbereitung und wird in diesem Frühjahr als Heft 10 der HYPATIA von der Heinrich-Böll-Stiftung herausgegeben (Heinrich-Böll-Stiftung, Bereich Inland, Hackesche Höfe, Rosenthaler Str. 40/41, 10178 Berlin, Tel.: 030-285 34-230, FAX:-108)

Marianne Zepp

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