in Wissenschaft & Frieden 1998-4: Türkei

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Gewaltfreie Politik – zumindest theoretisch

Über die Erklärungskraft der Trennung von Macht und Gewalt bei Hannah Arendt

von Gesa Reisz

Die Sprache der Politik ist gespickt mit Gewalt, sei es durch gewaltimplizierende Begriffe, durch mangelnde Wahrhaftigkeit oder als Ausformulierung struktureller Gewalttätigkeit. Dazu werden die Begriffe der Politik im Laufe der Zeit immer neu besetzt, anders konnotiert. So machen sich FriedensforscherInnen vergeblich auf die Suche nach Begrifflichkeiten, die nicht schon vermischt sind mit den akribisch erforschten Formen der Gewalt. Der von Hannah Arendt eingeführte Machtbegriff unter den Bedingungen von Handeln und Existenz soll hier dargelegt und erläutert werden. So soll nachvollziehbar werden, warum gerade dieser Begriff als Kategorie für die Friedenswissenschaften so aktuell ist und wie er operationalisierbar wird – und zwar in Grenzen, die ihre Berechtigung in diesem Phänomen und den von Hannah Arendt erläuterten Bedingungen finden, die das Individuum Mensch als politisch begabtes Wesen wieder auferstehen lassen.

Bei der Philosophin Hannah Arendt gibt es eine Trennung des politischen Handelns von Tätigkeiten unter Verwendung von Gewalt. Durch diese theoretische Trennschärfe ist es möglich, politisches Handeln als reinen Begriff zu verwenden und der aktuellen Allgegenwart der Gewalt in Sprache und Aktion der Politik einen Gegenpol zu setzen. Insbesondere der von ihr eingeführte Machtbegriff der kommunikativen Einigung auf ein Handeln setzt sich durch die Gewaltlosigkeit des Phänomens in Reinform positiv von der – friedenswissenschaftlich gesehen negativ konnotierten – Form der Macht als Gewalt über etwas ab. So gibt es wieder einen Unterschied zwischen Herrschaft und Ermächtigung (Arendt 1992: 193-202, Arendt 1993a: 44ff.).

Bei Hannah Arendts Machtbegriff handelt es sich um einen Modalbegriff. Sie behandelt Macht als ein Phänomen und betont die Eigenschaften der Macht als die eines flüchtigen Potentials. Sie bettet ihren Machtbegriff ein in die Kategorie des Handelns aus ihrem theoretischen Hauptwerk, der »Vita Activa«, als dessen besondere Form des Zusammenhandelns. Dieser ist von der Kategorie des (politischen) Handelns, wie sie in der »Vita Activa« dargestellt wird, nicht lösbar. Die Absetzung des Handelns von der Tätigkeit des Herstellens ist theoretische Grundlage für die spätere Begriffsdifferenzierung von Macht und Gewalt (vgl. Arendt 1992: 27-31, 124-145, 165ff. , 287-305).

Macht existiert nur als wirksame Macht. Hannah Arendts Definition von Macht ist ein kommunikatives Handlungsmodell, immer bemüht um die Absetzung von teleologischen Modellen, insbesondere dem von Max Weber, dessen Macht mehr oder weniger Verfügungsgewalt ist über Mittel, um einen Zweck zu erreichen, so daß Kommunikation nur zu einem Teil in der breiten Palette von Mitteln verkürzt wird. Bei Hannah Arendt ist Macht das Resultat einer kommunikativen Einigung und dient der gemeinsamen Praxis/Handlung. Ziel der Einigung ist die Entscheidung, die Entscheidung zu einem Handeln (Arendt 1992: 193 ff.).

Eine der Hauptintentionen, die man bei Hannah Arendt ausformuliert findet zu einer deutlichen Definition des Machtbegriffs, ist die berechtigte Kritik an der Politischen Wissenschaft, die die Begriffe Macht, Stärke, Autorität, Gewalt nicht trennscharf hantiert, teils auch resultierend aus einer theoretischen Überzeugung heraus, daß die einzig wichtige Frage in der Politik die nach der Herrschaft Wessen über Wen sei und nur noch die dazu erforderlichen Mittel weiteres Interesse verdienen. Die Vermischung dieser Begriffe hindert daran, die Wirklichkeit überhaupt sehen zu können. Verhängnisvoll stellt sich in dem Zusammenhang die Vermischung der Begriffe Macht und Gewalt dar (Arendt 1993a: 44-58).

In ihrem theoretischen Hauptwerk, der »Vita Activa«, erläutert Hannah Arendt die Grundbedingungen menschlicher Existenz und ordnet die drei Grundtätigkeiten des Menschen – arbeiten, herstellen und handeln – bestimmten Bereichen menschlichen Lebens zu. Für diesen Zusammenhang kommt es in der Hauptsache auf die Bedingung des Handelns und dessen Abgrenzung zum Herstellen an.

Die Grundbedingungen menschlicher Existenz sind die Natalität und die Mortalität sowie Weltlichkeit und Pluralität. In Bezug auf die Mortalität sind die drei Tätigkeiten der Vita Activa als lebenserhaltend (arbeiten), lebensüberdauernd (herstellen) und, insofern es politisches Gemeinwesen gründet und erhält, Kontinuität über Generationen gewährend und Geschichte und Erinnerung zeugend (handeln) beschrieben. Diese Bedingung stellt sich also dar als die Suche nach der Überwindung der Sterblichkeit des Menschen durch Lebenserhaltung im natürlichen Sinn und durch Dauerhaftes (Arendt 1992: 14-23).

Die Natalität ist den drei Grundtätigkeiten auf zwei Weisen vorgeordnet, ähnlich der Mortalität, nur in Bezug auf die Sorge um die kommenden Generationen neuer Menschen und als anthropologische Konstante, die die Einzigartigkeit des Menschen, damit die Pluralität der Menschen, begründet. Die Pluralität ist für das Handeln die entscheidende Bedingung. Sie gründet in der Einzigartigkeit eines jeden Menschen, der geboren wird (Arendt 1992: 15, 243). Diese Individualität findet im Handeln und Sprechen aktiv ihren Ausdruck Damit ist das wichtigste Element des Zusammenhangs eingeführt: Wenn mit jedem Menschen das potentiell Neue existiert, welches im Handeln und Sprechen aktiv zum Ausdruck kommen kann, ist menschliches Handeln nicht vorhersagbar oder berechenbar (Arendt 1992: 166f, 171, 173f, 183, 227).

Den Menschen an sich oder sein Wesen bestimmen zu wollen, hieße genau diese Bedingung der Pluralität zu bestreiten und somit auch die Möglichkeit des Handelns. Die politische Theorie dient nach Hannah Arendts Intention nicht zur Vorhersage von Politik, sondern dazu, Vergangenheit und Gegenwart verstehen zu können und erklärbar zu machen sowie vor allem, Gefahren aufzuzeigen, die der Politik und dem öffentlichen Raum drohen und ein Übermaß an Gewalt hervorbringen (Arendt 1953: 377-379; Arendt 1993b: 22; Vollrath 1979: 61-63).

Der Bereich, in dem das Handeln stattfindet, wird durch das Handeln und Sprechen selbst geformt. Es findet statt in dem Beziehungsgewebe zwischen Menschen, das seinerseits aus Gehandeltem und Gesprochenen entstanden ist. Wer handelt, tritt in einen öffentlichen Raum ein und offenbart sich dort selbst für andere sichtbar. Er betritt ein Beziehungsgewebe von Handelnden, um „den eigenen Faden in ein Gewebe zu schlagen, das er selbst nicht gemacht hat“ (Arendt 1992: 174). Es entsteht in jedem Fall etwas Neues, denn der Handelnde bringt seine Einzigartigkeit als Mensch, der er ist, mit ein.

Im Handeln und Sprechen enthüllt sich die Person. Der subjektive Faktor, »Wer« jemand ist, begleitet jedes Handeln. Erstens daraus und zweitens aus den unvorhersehbaren relationalen Konsequenzen (Gewebe) folgt die Unvorhersehbarkeit menschlichen Handelns. Das Bezugsgewebe mit einander widerstrebenden Absichten und Zwecken ist immer schon da, so daß die Ziele des Handelns nie in Reinheit verwirklicht werden können (Arendt 1992: 180-182).

Das Handeln und Sprechen richtet sich an andere Menschen, die sich in diesem Raum befinden. Obwohl durch Hannah Arendt kein Relationalbegriff der Macht geformt wird (potentia activa und passiva oder Luhmanns Ego und Alter), ist in der Tätigkeit des Handelns etwas Derartiges enthalten. Handeln hat eine Gegenseite, das Dulden, das Reagieren durch Handeln (Arendt 1992: 172, 181f). Handeln geschieht nicht im leeren Raum, sondern in der Gegenwart anderer Menschen mit derselben Begabung zum Handeln, zur Initiative. Diese Relationalität des Handelns ist aber eher eine Bestätigung der Unvorhersehbarkeit menschlicher Angelegenheiten, als daß sie das Grundmuster ihrer Analyse stellt.

Da das Handeln immer von Sprechen begleitet wird, ist auch hier der Relationalität des Handelns entsprochen. Handeln ohne Worte ist ein Handeln ohne den Handelnden, denn dieser will den öffentlichen Raum nicht betreten. Die Extreme wortlosen Handelns sind daher das Verbrechen und die Güte, die ihren Täter beide nicht entlarven (Arendt 1992: 169, 171).

Dieser öffentliche Raum, der zwischen Menschen entsteht und die Möglichkeiten zu neuem Handeln stellt, wird zusammengehalten von einem Machtpotential, dem entscheidenden Faktor für das Fortbestehen eines politischen Körpers (Arendt 1992: 195).

Gepflegt wird dieser öffentliche Raum noch durch die Handlungsmöglichkeiten des Versprechens und Verzeihens, als in die Vergangenheit und in die Zukunft gerichtete Möglichkeiten, der Unvorhersehbarkeit des Handelns, der unmöglichen Übersicht über die Folgen des Handelns im Bezugsgewebe und dem »subjektiven Faktor« des Handelnden Rechnung zu tragen und den Handelnden selbst von den unendlichen Folgen seines Tuns freizusprechen (Arendt 1992: 231ff., 194).

Macht besteht für Hannah Arendt in der kommunikativen Einigung auf gemeinsames Handeln. In dieser Form ist es als Potential vorhanden, das durch das Handeln der Gruppe oder eines Ermächtigten aktualisiert wird. Macht ist nur solange vorhanden, als die Gruppe zusammenhält. Das heißt, die Pflege des öffentlichen Raumes besteht in der stetigen Realisierung und Aktualisierung der potentiellen Macht. Das Miteinander der beteiligten Menschen muß nahe genug sein, die Möglichkeit des Handelns ständig offen zu halten (Arendt 1992: 194).

Auch bei der kommunikativen Form des Handelns gehört das Sprechen untrennbar zur Aktualisierung der Macht und auch zur Motivierung der Machtbildung dazu, so daß „Worte nicht leer und Taten nicht stumm„ (Arendt 1992: 194) sind. Der Mißbrauch des Wortes zur Verneblung der Absichten disqualifiziert das Tun als politisches Handeln. Ein ganz wesentliches Kriterium des Handelns und der Macht ist, daß es nicht zweckgebundenes Tun ist und nicht am Erfolg bemessen wird, sondern allein an der Größe. Das geht zurück auf Aristoteles Begriff der ????????, auf die Aktualität von Tätigkeiten, die keinen Zweck verfolgen und nichts außer sich selbst hinterlassen (bei Aristoteles als Beispiele: Flöten und Sehen NE 1094a1-5, 1097b22). Sie tragen ihren Zweck in sich.

Alles Tun innerhalb der Zweck – Mittel – Relation fällt in die Kategorie des Herstellens. Diese Tätigkeit braucht weder den Mitmenschen noch die Kommunikation. Eine Idee geht dem Vorgang des Herstellen voraus; der Zweck ist der Gegenstand selbst, welcher der Vergänglichkeit der Natur Beständigkeit entgegensetzt und somit dem Menschen ein Zuhause schafft (Arendt 1992: 124ff.).

Konsequent utilitaristisch gedacht ist der Zweck bei seinem Erreichen kein Zweck mehr, sondern wird bald zum Mittel für andere Zwecke, bis am Ende der utilitaristischen Kette der Mensch als Selbstzweck erscheint und die Welt zu einer Welt der Mittel verkommt (Arendt 1992: 140ff.). Ein Problem heute ist, daß die Zweck – Mittel – Relation so etabliert ist in der Sprache der Politik, daß es kaum noch möglich ist, darüber zu reden, ohne sich ihrer zu bedienen. Politisches Handeln und Macht bei Hannah Arendt schließen das aber aus, und hier liegt die Trennlinie für Hannah Arendt zur Gewalt als Mittel der Politik. Wer nur einen Zweck verfolgt, kann dies mit stummer Gewalt viel schneller erreichen. Aus der Sicht von Nutzen und Zweckmäßigkeit wäre Handeln nur Ersatz für Gewalt, die immer wirksamer ist. Dem eigentlichen politischen Handeln, der Macht, entspricht die Öffentlichkeit, die Sprache. Die Attraktivität der Macht, die Hannah Arendt beschreibt, ist die Gewaltfreiheit durch kommunikativ erzeugten Konsens zur Aktion.

Gewalt ist das Mittel, mit dem man unabhängig von der Zahl der Akteure einen Zweck erreichen kann. Es fällt in die Kategorie des Herstellens und hat einen instrumentellen Charakter. Gewalt läßt sich speichern, anhäufen, Gewaltmittel können bis ins Unendliche aufgetürmt werden und die menschliche Stärke potenzieren. Gewalt tritt an die Stelle von Macht, wenn ein Ermächtigter die aktuelle Unterstützung seiner Mithandelnden verliert und trotzdem herrschen will, wenn aus gemeinsamem Handeln Befehl und Gehorsam wird und aus Ermächtigung Herrschaft.

Hannah Arendt selbst sieht Begriffe wie Macht, Gewalt, Stärke und Autorität in der Realität fast nie in Reinheit verwirklicht, sondern vermischt. Zum Beispiel wird in der Politik die Gewalt immer als das letzte Mittel bereitgehalten, so daß die Annahme entstehen kann, die Macht der PolitikerInnen stütze sich ausschließlich auf die vorhandenen Gewaltmittel. Das gehört zu den möglichen Irrtümern, die sie denen prophezeit, die mit den unterschiedlichen Begriffen in der Betrachtung der Realität nicht trennscharf hantieren(vgl. Arendt 1993a).

Im Aufeinandertreffen von Macht und Gewalt in Reinheit würde es eher zu Massenmord kommen als zu einer kommunikativen Entwaffnung. Macht und Gewalt sind Gegensätze. Auch wenn die Wirksamkeit der Gewalt hoch ist, besteht immer die Gefahr, daß durch ihre Anwendung letzten Endes die Mittel den Zweck bestimmen, also Zwang auch zu unsinnigen Entscheidungen durch den einfacheren Weg des Nachgebens führen kann. Machtverlust birgt auf der Seite der Ermächtigten immer die Versuchung, mit Gewalt das Angefangene zu vollenden.

In der »Vita Activa« zeigt Hannah Arendt im zweiten Teil auf, warum die Möglichkeiten zum Handeln und das Handeln selbst so reduziert worden sind in der Entwicklung zu einer individualisierten Arbeits- und Konsumgesellschaft. Diese isoliert den Menschen von den möglichen Mithandelnden und verstrickt ihn in eine Bürokratie, die so anonym ist, daß die Suche nach Verantwortlichen für Politik und Verwaltungsakte vergeblich ist (Arendt 1992: 51, 57, 287ff). Sowie die »Vita Activa« enthalten auch andere Arbeiten Hannah Arendts Appelle und Motivationen zu politischem Handeln und Machtentfaltung – an welche sie mit ungetrübter Hoffnung mit jedem neugeborenen Menschen glaubt – und an die Intellektuellen die Aufforderung, wachsam zu sein, damit man sich vor der Gewalt hüte. Hannah Arendt war so mutig, angesichts der Entwicklung der Konsumgesellschaft trotzdem ihre Hoffnung auf die Handelnden der Zukunft zu setzen. Sie glaubte fest an menschliche Initiative, und sie gibt dem Massengesellschaftsteilchen seine Identität als Individuum mit politischer Begabung zurück, und dies auch durch das Vertrauen in seine Begabung. Damit holt sie ihn wieder in seine Verantwortung als politisches Wesen zurück.

Die von ihr definierten Begriffe sind in ihrer theoretischen Reinheit in der Realität nicht zu finden. Der wissenschaftliche und auch politische Hintergrund für diese theoretische Leistung war, aufzuzeigen, welche Gefahren dem öffentlichen Raum drohen, welche ihn vernichten und vernichtet haben. Denn nur nach der Darstellung der Phänomene in Reinheit bietet sich wieder die Möglichkeit ihrer Entdeckung oder Entlarvung in den jeweiligen geschichtlichen Zusammenhängen oder in der gegenwärtigen Realität.

Die Instabilität des öffentlichen Raumes und die prinzipielle Unvorhersagbarkeit menschlichen Handelns, die die Einzigartigkeit des Individuums bedingen, sind die unbequemen Seiten ihrer Theorie sowohl für PolitikerInnen als auch für WissenschaftlerInnen.

Ein weiteres Problem liegt darin, daß die Begriffe, die sie so trennscharf darlegt, nicht unbedingt die heutigen Verflechtungen zwischen Politik, Ökonomie und Sozialem erfassen, wohingegen die historische Entwicklung bis zu diesem Verflechtungszustand von Hannah Arendt aus ihrem Blickwinkel nachgezeichnet wurde.

Somit sollten ihre Begriffe als Phänomene aufgefaßt werden und nicht als Schablone an die Realität und die Bedürfnisse der WissenschaftlerInnen angelegt werden, um bei mangelnder Übereinstimmung verworfen zu werden. Nicht die Komplexität der Realität sollte Vorbild für theoretische Begriffsbildung sein, sondern die Realität sollte anhand der Begriffsbestimmung erklärt werden können. Umgekehrt würde die Suche nach theoretischen Begriffen sonst eher zu einer Endloskette von Anpassungsleistungen an den aktuellen Verflechtungsgrad führen als zu neuer Erkenntnis.

Das mangelnde Interesse an einer Auseinandersetzung mit Arendts Begriff und Intentionen liegt unter anderem an der Seltenheit des Phänomens, die sie selbst betont, und daran, daß der Machtbegriff durch die Unvorhersehbarkeit menschlichen Handelns und die Instabilität des öffentlichen Raumes ein unbequemer Begriff ist.

Das Operationalisierungsproblem der Macht läßt sich für Hannah Arendts Machtbegriff dadurch lösen, daß man nicht das Phänomen selbst meßbar macht, sondern das entlarvt, was es nicht ist, und das aufdeckt, was es hindert. Das hat sie selbst in Ansätzen getan (»Über die Revolution« und »Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft«), und es entspricht ihrer Intention. Durch den höchstmöglichen Ausschluß der Gewalt kann eine Annäherung an das Phänomen erreicht werden. Auf der anderen Seite könne Gewalt und ihr Ausprägungsgrad sichtbar gemacht werden.

Der Vorteil der Begriffe Hannah Arendts für die Entwicklung einer Friedenstheorie liegt in der Ergänzung der Gewalt- und Friedensbegriffe durch Kategorien, die ein differenziertes Bild von politischen Situationen, Geschehnissen, Zuständen ermöglichen, um Realität erklärbar und verstehbar zu machen. Der friedenswissenschaftliche Blick sollte geschärft sein für die Bedingungen der Gewaltfreiheit heute und für die Gefahren, die dem Raum drohen, in dem Handeln und Machtentfaltung möglich sind. Die inflationäre Verwendung und Konstruktion von Machtbegriffen, die Gewalt nicht ausschließen, ist auch ein Zeichen für die stete Gegenwart der Gewalt in der zu erklärenden Realität.

Die Analyse gegenwärtiger politischer Situationen auf den Gehalt von Macht und Gewalt kann Indikatoren für potentiell unfriedliche Ergebnisse liefern. Die Beobachtung aktueller Parteipolitik im Zusammenhang mit dem Demokratieverständnis bundesdeutscher BürgerInnen könnte aufzeigen, wie weit entfernt Politik von Ermächtigungen politischen Handelns ist, und die Gefahr der Herrschaft durch Gewalt indizieren.

In positiver Hinsicht können friedensfördernde, tendenziell gewaltfreie Phänomene wie die moderne Solidarität – als freiwillige Unterstützung von Menschen mit dem Anspruch möglicher Reziprozität, basierend auf einer emotional erfahrenen Zusammengehörigkeit – auf andere Weise untersucht werden. Die jeweiligen Machtstrukturen, die Entstehung der gemeinsamen Aktion und die Motivation durch Rede und Aktion von Anstiftern zu gemeinsamem politischen Handeln, die Rückbindung der Ermächtigenden zu den Ermächtigten und den angestrebten Zielen und der Vergleich von Erreichtem mit dem ursprünglich gemeinsam Entschiedenen – all das kann zu weiterführenden wissenschaftlichen Erkenntnissen über gewaltarme Formen politischer Aktion führen.

Die Ergebnisse solcher Untersuchungen wiederum führen zu praktischen Hinweisen, die den Erfolg und die Gewaltarmut solidarischer oder anderer sozialer Zusammenschlüsse befördern können.

Ein weiterer Aspekt wissenschaftlicher Weiterführung des Machtbegriffs von Hannah Arendt ist die mögliche Organisierbarkeit von Macht. Auch hier lassen sich sowohl negative Erscheinungen wie eine latente Führerschaft als auch positive Formen wie das gezielte Motivieren und Anregen zur Machtbildung mit den theoretischen Begriffen untersuchen.

Die Vielseitigkeit und das wissenschaftliche Potential des hier nachvollzogenen Machtbegriffes ist nicht von der Hand zu weisen. Vor allem in Zusammenarbeit von Politikwissenschaft, Soziologie und Sozialpsychologie besteht die Möglichkeit, friedenswissenschaftlich relevante Forschungsfelder hinsichtlich der theoretischen Trennung von Macht und Gewalt aufzuzeigen.

Literatur

Arendt, Hannah (1953): Understanding and Politics, in : Partisan Review 20/4, 377- 392.

Arendt, Hannah (1992): Vita Activa oder Vom tätigen Leben, 7. Auflage der Neuausgabe, München.

Arendt, Hannah (1993a): Macht und Gewalt, 8. Auflage, München.

Arendt, Hannah (1993b): Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, 3. Auflage, München.

Arendt, Hannah (1993c): Was ist Politik? Aus dem Nachlaß, herausgegeben von Ursula Ludz, München.

Arendt, Hannah (1994): Zwischen Vergangenheit und Zukunft, München.

Habermas, Jürgen (1979): Hannah Arendts Begriff der Macht, in: Reif, Adalbert, Hg. (1979): Hannah Arendt, Materialien zu ihrem Werk, Wien.

Heuer, Wolfgang (1992): Citizen, Persönliche Integrität und politisches Handeln, Eine Rekonstruktion des politischen Humanismus Hannah Arendts, Berlin.

Luhmann, Niklas (1988): Macht, 2. durchgesehene Auflage, Stuttgart.

Röttgers, Kurt (1990): Spuren der Macht, München

Vollrath, Ernst (1970): Hannah Arendt und die Methode politischen Denkens, in: Reif, Adalbert, Hg (1979): Hannah Arendt, Materialien zu ihrem Werk, Wien.

Weber, Max (1976): Wirtschaft und Gesellschaft, 1. Halbband, 5. revidierte Auflage, Tübingen.

Gesa Reisz arbeitet als Diplom-Sozialwissenschaftlerin an der UNI-GH Kassel

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