in Wissenschaft & Frieden 1998-4: Türkei

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Konfliktstoff Wasser

Ein Bewässerungsprojekt und seine Folgen

von Rainer Stoodt

»Ne mutlu türküm Diyene« – Glücklich ist, wer sich Türke nennen darf. Die riesigen Lettern auf dem Staudamm des Atatürk-Stausees sind Programm. Hier manifestiert sich der Stolz der türkischen Nation, ein »Jahrhundertprojekt« zu realisieren, hier soll der Sprung in die Neuzeit stattfinden. Mehr als zehn Jahre baute die türkische Republik im Südosten der Türkei zwischen den Städten Adiyaman und Urfa einen der größten Staudämme der Welt, die Stauhöhe beträgt 160 m. Mit seinen 800 Quadratkilometern Fläche ist der Stausee etwa anderthalb Mal so groß wie der Bodensee. Der Atatürk-Damm ist Teil des aufwendigen, integrierten Entwicklungsprogramms »Güneydogu Anadolu Projesi« (Südostanatolien-Projekt), das im Endzustand 22 Staudämme aufweisen soll und mit 19 Energiegewinnungsanlagen bis zu 8.000 kWh vor allem in den westtürkischen Energiesektor liefern soll. Daneben verspricht sich die Türkei durch Bewässerungsanlagen die Steigerung der landwirtschaftlichen Produktion (besonders in der Harran-Ebene auf einer Fläche von 1,6 Mio. ha).
Nicht zuletzt kann die Türkische Republik mit Hilfe der Staudämme die Wassermengen bestimmen, die von Euphrat und Tigris nach Syrien und in den Irak fließen, die Türkei wird zur regionalen Wassersupermacht; Konflikte mit den Nachbarn sind vorprogrammiert.

Sechs landwirtschaftlich geprägte kurdische Provinzen – Gaziantep, Adiyaman, Urfa, Diyabarkir, Mardin und Siirt – umfaßt das Projektgebiet. Gestaut werden die beiden Flüsse Euphrat und Tigris sowie deren Nebenflüsse. Neben den drei großen Staudämmen Keban, Karakaya und Atatürk am Euphrat umfaßt das in 13 Teilprojekte gegliederte Vorhaben noch 18 weitere Dämme und 17 hydroelektrische Kraftwerke. Die Gesamtfläche umfaßt etwa 73.000 Quadratkilometer, was einer Fläche der Benelux-Staaten entspricht und fast 10% des türkischen Staatsgebietes umfaßt. 1985 lebten dort etwa 4,3 Millionen Menschen in 4.100 Dörfern und 5.150 kleineren Siedlungen.

Ein ausgedehntes Bewässerungssystem mit Pump- und Tunnelanlagen, wie z.B. die beiden parallelen Urfa-Tunnel – vom Atatürk-Stausee zur Haranebene – mit einer Länge von 27 Kilometern und einem Durchmesser von 7,62 Metern, soll bis zum Jahr 2010 eine Fläche von 1,6 Mio. Hektar bewässern. Zur Zeit werden etwa 100.000 ha Ackerland künstlich bewässert.

Neben dem Ziel der großflächigen Bewässerung steht das GAP-Projekt im Kontext der allgemeinen Energieproduktions-Planung der Türkei mit mehreren hundert Dämmen verschiedener Größenordnung. Die Türkei will zu einem Agrar- und Stromexportland aufsteigen.

Planungsziele in dem bereits 1988 vorgelegten Masterplan sind:

Südostanatolien – Nordwest-Kurdistan soll so zur Kornkammer für den Nahen Osten und zum wirtschaftlichen Brückenkopf zwischen Europa und Nahost werden.

Die Investitionssumme beläuft sich bisher auf etwa 55 Milliarden DM. Da sich die Weltbank weigerte, das Projekt mitzufinanzieren, wurde es bisher zu 90% durch den innertürkischen Kreditmarkt finanziert, lediglich die Turbinenanlagen konnten durch internationale Kredite einer Schweizer Holding bezahlt werden. Zwar bemühte sich die türkische Regierung um weitere internationale Kredite, aufgrund der Brisanz der Wasserfrage jedoch ohne Erfolg. So weigerte sich die japanische Regierung nach einer Intervention Syriens, einen Kredit über 348 Mio. US-Dollar auszuzahlen (NZZ 10.10.91). Das GAP-Projekt kostet den türkischen Staat jeden Tag 2 Mio. US- Dollar und verursacht, wie westliche Finanzexperten der Weltbank kritisieren, ein Drittel der türkischen Inflationsrate (Financal Times 24.7.92).

Entwicklung oder Befriedung

Der bereits oben genannte Masterplan beinhaltet neben einer reichhaltigen Datenerhebung Vorschläge für Stadtplanung, für die Entwicklung der ländlichen Räume sowie für Ausbildung und Qualifikation.

Während die Bereiche Ausbildung und Qualifikation genauso wie die Information der Bevölkerung weitgehend vernachlässigt wurden, haben die erhobenen Daten nicht nur ökonomische Folgen. Zum ersten Mal seit Gründung der türkischen Republik 1923 wurden genaue Daten über die ökonomischen, sozialen, politischen und religiösen Strukturen der bis dahin bewußt vernachlässigten kurdischen Region zusammengetragen. „Sehr stark religiöse Bevölkerung, steht unter dem Einfluß der folgenden Scheichs (…), eigentlich rückständige Bevölkerung, ist aber dem Einfluß des sozialdemokratischen Politikers XY erlegen„, heißt es dort zum Beispiel. Erfaßt wird, ob Anschläge der PKK in der Nähe eines Dorfes zu verzeichnen sind, ob die Bevölkerung staatsloyal, neutral oder seperatistisch einzustufen ist und vieles mehr (Medico Report 7,1991, S. 10.).

Diese Daten, ergänzt durch Bevölkerungsstatistiken, bilden eine Grundlage für den Krieg des türkischen Staates gegen die kurdische Bevölkerung. Besonders im östlichen Teil des GAP-Gebietes werden fast täglich Dörfer zerstört, deren Bevölkerung vom Militär eine Zusammenarbeit mit der PKK unterstellt wird.

So dienen die erhoben Daten nicht allein der regionalen Entwicklung sondern auch der Selektion. Selektiert werden die »Guten« und die »Bösen«, das zu integrierende Potential, das an der zukünftigen Entwicklung teilhaben soll, und die nicht mehr zu integrierenden Bevölkerungsteile, die aus dem Gebiet vertrieben werden sollen.

Die veröffentliche Ausgabe des Masterplans verschweigt auch ganz bewußt, daß in der betroffenen Region Kurdinnen und Kurden leben. In dem ursprünglichen, von den Japanern vorgelegten Entwurf war noch die Rede von den ethnischen Unterschieden der regionalen Bevölkerung, die für die wirtschaftliche Entwicklung genutzt werden sollten. Dieser Passus wurde ersatzlos gestrichen.

Landwirtschaft

Bestimmender Wirtschaftszweig im Projektgebiet ist die Landwirtschaft. 80% der Bevölkerung leben direkt von der Landwirtschaft, davon 53 % in Subsistenzwirtschaft. Diese Familien bewirtschaften weniger als 2,5 ha Land, das ihnen meistens gehört oder das sie vom Staat bzw. von Großgrundbesitzern gepachtet haben. Der Gesamtanteil dieses Besitzes beträgt lediglich 8% der Gesamtanbaufläche. Diesen kleinen Wirtschaftsbetrieben stehen jene 7% der Familien gegenüber, denen 51% der wirtschaftlich nutzbaren Fläche gehören. Dazu kommen etwa 30% landlose Familien, die sich größtenteils als Wanderarbeiter während der dreimonatigen Baumwollernte im Westen des Landes verdingen. Eine 1973 begonnene Landreform wurde nie zum Abschluß gebracht, im Gegenteil – in der 80er Jahren erhielten fast alle Großgrundbesitzer ihr »verlorenes« Land zurück. Die noch bestehende Landreformbehörde führt heute die Flurbereinigungen durch, da eine allgemeine Zersplitterung der Besitzverhältnisse durch das Realerbrecht (alle Kinder erhalten Land zu gleichen Teilen) verbunden mit dem islamischen Erbrecht (Söhne erben doppelt so viel wie Töchter) weiter zunimmt.

Auf der Harran-Ebene, dem zentralen Projektgebiet, im dem teilweise mit der Bewässerung begonnen wurde, wird bisher in erster Linie – da fast 6 Monate des Jahres kein oder nur geringer Niederschlag fällt – Trockenfeldbau betrieben. Dazu kommen Gerste und Weizen, in geringem Maße Kichererbsen, Pistazien und Linsen und in den Randgebieten, ermöglicht durch höhere Niederschläge oder künstliche Bewässerung, auch Wein und Gemüse. Durch den Wassermangel kann derzeit nur eine Ernte pro Jahr eingebracht werden. Ein Teil der Ebene wird von Nomaden als Sommerweide genutzt.

Mit der angestrebten Bewässerung des Gebietes sollen mindestens zwei Ernten pro Jahr möglich werden. Mit den steigenden Erträgen werden auch die Einkommen der Bauern steigen, allerdings auch die Kosten. Die Einführung der Bewässerungswirtschaft wird die Bauern zwingen, Kredite für Saatgut, Teile des Bewässerungssystems, Maschinen und Pestizide aufzunehmen. Man muß davon ausgehen, daß es in erster Linie die Großgrundbesitzer und Investoren aus der Westtürkei sein werden, die das größte Stück vom Kuchen abbekommen werden.

In einem ausgewogenen Verhältnis könnten Baumwolle, Mais, Soja, Sesam und Obst angebaut werden. Vergleiche mit anderen Entwicklungsprojekten in der Türkei deuten allerdings daraufhin, daß in erster Linie Baumwolle, deren Preis staatlich garantiert wird, und Getreide als Monokulturen angebaut werden (Tekinel, S. 29). Die Anbieter der leistungssteigernden Agroindustrie stehen zwar schon »Gewehr bei Fuß«, bis heute gilt die Infrastruktur jedoch als mangelhaft. Ungeklärt sind auch die Absatzmöglichkeiten für die Produkte (Financal Times v. 24.7.1992).

Agrosoziale Verhältnisse

Nicht abzusehen sind auch die sozioökonomischen Folgen, die die Entwicklung zur Agroindustrie mit sich bringen wird. In der GAP-Region leben z.Z. etwa 4,5 Mio. Menschen. Nach Beendigung des Projekts sollen es über 12 Mio. sein. Mit der Zwangsumsiedlung tausender kurdischer Familien in die Westtürkei soll die Ansiedlung türkischer Familien aus der dicht besiedelten Schwarzmeeregion einhergehen. Eine beträchtliche Anzahl landloser Bauern sieht sich aufgrund der Zerstörung ihres traditionellen Lebens- und Arbeitsraumes, der Subsistenzwirtschaft, gezwungen, die Heimat zu verlassen, um in den rapide wachsenden Gecekondu-Vierteln der türkischen Großstädte und der kurdischen Städte wie Diyarbakir, Adiyaman, Mardin oder Siverek ein karges Dasein zu fristen und mit Tagesjobs den Lebensunterhalt zu bestreiten. Bereits die Umsiedlung der überfluteten Dörfer bereitete der Türkei massive Probleme. Zahlreiche DorfbewohnerInnen, die seit 1985 durch das Ansteigen des Atatürk-Sees evakuiert werden mußten, haben bis heute noch nicht die vereinbarte Entschädigungssumme erhalten, die landlose Bevölkerung ging sowieso leer aus.

Katastrophal sind die Aussichten im östlichen Teil des GAP-Gebietes. Die Provinzen Diyarbakir, Batman, Mardin und Cizre sind z.Z. Schauplatz einer ethnischen Säuberung, in dessen Folge bisher, so der Menschenrechtsverein von Diyarbakir, weit über 2.000 Dörfer entvölkert wurden. Das Militär vertreibt die Menschen, vernichtet deren Häuser und brennt die Felder und Olivenhaine ab, die Militärverwaltung verweigert den Vertriebenen regelmäßig die Rückkehr und den Wiederaufbau ihrer Dörfer. Hier entsteht eine völlig neue Situation in Bezug auf Landbesitz und die zukünftige Nutzung der Böden, besonders da es in dieser Region keine Boden-Kataster gibt. Das Gebiet gilt als Hochburg der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) .

Mit den Umsiedlungsaktionen und den ethnischen Säuberungen schafft die türkische Regierung Fakten, die die Entwicklung einer Agroindustrie mit großen Feldern und modernem Landbau forcieren kann. Das Bewässerungsprojekt wird nur einer kleinen Schicht von Großgrundbesitzern und kapitalkräftigen Anlegern zugute kommen, die Masse der Bevölkerung wird noch mehr verelenden.

Zahlreiche Dörfer, die seit 1985 im Rahmen der Überflutungen an Euphrat und Tigris evakuiert wurden, haben bis heute noch nicht die vereinbarte Entschädigungssumme erhalten, die landlose Bevölkerung ging sowieso leer aus. Das Dorf Sylemanbey am Euphrat wurde 1985 evakuiert, bis heute streiten sich die 3.000 Bewohnerinnen und Bewohner mit dem türkischen Staat um mindestens 1,5 Millionen türkische Lira, die ihnen bereits 1985 zugesagt, bis heute aber nicht ausgezahlt wurden. Die meisten der Vertriebenen hausen heute in den Slums von Diyabarkir, Urfa oder Mardin.

Nach Aussage von DorfbewohnerInnen erhielten die Großgrundbesitzer aufgrund ihres Einflusses bei den Behörden umgehend Entschädigungszahlungen. Dazu kam, daß sie, im Wissen um Entschädigung, Land in den zu überflutenden Gebieten aufkauften. Die Gleichen kaufen nun in dem ausgewiesen Tourismusbereich am Atatürk-See wiederum Land, das später an internationale Hotelketten weiterverkauft werden soll. So werden die Reichen immer reicher, während ein Großteil der vertriebenen kurdischen Bevölkerung weiter verarmt.

Ökologische Auswirkungen

Zu den politischen Problemen in der Region kommen ökologische. Umweltschützer werfen den Planern vor, die ökologischen Folgen des riesigen Stausees nicht bedacht zu haben. Probleme wie Versalzung oder die Änderung des Regionalklimas tauchen in den Planungsvorgaben des Masterplans überhaupt nicht auf, eine Umweltverträglichkeitsstudie wurde bisher nicht erstellt, sie soll erst nach (!) Abschluß der Bestandsaufnahme erarbeitet werden, wenn wesentliche Teile des Projektes bereits fertiggestellt oder im Bau sind.

Umweltrelevante Aspekte finden sich in den bisher erschienen Ausgaben nur insoweit, wie sie die ökonomischen Zielsetzungen unterstützen.

Besonders gravierend könnten sich auch die Maßnahmen der türkischen Armee erweisen. Seit über fünf Jahren werden besonders im Tigris-Projektgebiet zur Guerillabekämfung systematisch die vorhandenen Wälder abgebrannt.

Kulturdenkmäler

Bei jedem Staudammbau werden kleinere oder größere Ortschaften überflutet, deren BewohnerInnen müssen das Gebiet verlassen. Hier – wie auch in vielen anderen Ländern, die solche Projekte als Entwicklung verstehen – oftmals ohne Entschädigung und ohne den Menschen eine Perspektive zu geben. Im Fall des GAP-Projekt kommt noch dazu, daß durch das Aufstauen und die Bauarbeiten in großer Zahl Kulturdenkmäler zerstört werden. Das empört besonders kurdische Intellektuelle und Nationalisten, die den Umgang des türkischen Staates mit seinen Kulturschätzen scharf kritisieren. Das GAP-Gebiet war seit Tausenden von Jahren besiedelt, dem Atatürk-Stausee fielen u.a. die Hauptstadt des Komagene- Königreichs Samsat und die 9.000 Jahre alte Siedlung Nevali Çori zum Opfer.

Ein ähnliches Schicksal wird bei Aufstauung des Tigris die römische Stadt Hasankeyf treffen. Verhindert wird der Bau des Itisu-Dammes möglicherweise durch den Guerillakampf der Arbeiterpartei Kurdistans. Deren Vorsitzender, Abdullah Öcalan, erklärte bereits im Juni 1993 in einem Interview mit dem britischen Radiosender BBC, seine Organisation werde den Bau dieses Dammes nicht zulassen, da er ein kolonialistisches Projekt sei und nicht den Interessen der Bevölkerung diene. Zudem sei die kulturelle Zerstörung einer so bedeutenden Stadt wie Hasankeyf nicht zu akzeptieren. Dies ist im Übrigen eine der wenigen Aussagen der PKK zum GAP-Projekt. Es scheint aber, daß kurdische Nationalisten dem Projekt als integriertes Entwicklungsvorhaben insgesamt positiv gegenüberstehen.

Der Streit ums Wasser

Wasser ist in der Region des Nahen Osten Mangelware. Durch fehlende Niederschläge sind die Türkei, Syrien und der Irak auf eine ständige Bewässerung ihrer landwirtschaftlichen Nutzflächen angewiesen. Somit wird der Zugang zu Wasser zu einer existenziellen Frage.

In einem Abkommen konnte Syrien 1987 die Türkei verpflichten, mindestens 500 m³/s Euphratwasser zu garantieren. Während Syrien sich immer wieder beklagt, daß diese Menge nicht erreicht wird, fordert der Irak 700 m³/s. Da es bisher noch keine völkerrechtlich verbindliche Regelung zur Nutzung von Flußanliegern gibt, kann die Türkei mit den Durchflußgeschwindigkeiten Druck auf die am Unterlauf der beiden Flüsse liegenden Staaten ausüben. Letztendlich sitzt das Land am Oberlauf immer am längeren Hebel, wobei erst mit dem vollständigen Ausbau aller Staudämme die Türkei die Wassermengen fein regulieren kann.

Der ehemalige UN-Generalsekretär Butros-Ghali erklärte, daß das Wasser eines Tages zu einem neuen Zündstoff in der Region werden kann: „Wenn es zu einem weiteren Krieg in dieser Weltgegend kommen wird, dann wird er ums Wasser geführt werden.“ Denn die Türkei macht schon jetzt mit ihrem Wasser Politik: Während des zweiten Golfkrieges wurde – mit Zustimmung der Syrer – dem Irak buchstäblich das Wasser abgedreht. Die vertragsgemäße Belieferung Syriens mit dem lebenswichtigen Euphratwasser wird immer wieder von einem Ende der Unterstützung der Arbeiterpartei Kurdistans abhängig gemacht.

Ausblick

Ob das gesamte Projekt bis zum Jahre 2005 steht, ist noch längst nicht klar. Zum einen gibt es massive Proteste der Anrainerstaaten, allen voran Syrien. Es wird deutlich, daß dringend ein internationales Abkommen über die Zukunft des Wassers notwendig ist. Dabei werden sich auch multinationale Gremien einmischen, und es ist davon auszugehen, daß die Türkei nicht allein über die Wassermengen von Euphrat und Tigris entscheiden kann.

Zweitens kann schon jetzt der Zeitplan nicht mehr eingehalten werden: An den Baustellen im östlichen GAP-Gebiet wird nicht mehr gearbeitet, da die Guerilla der Nationalen Volksbefreiungsarmee ARGK in der Vergangenheit mehrmals Materiallager und Fahrzeugpools angegriffen hat.

Drittens muß die allgemeine wirtschaftliche Lage der Türkei berücksichtigt werden. Wirtschaftskrise und der Krieg in Kurdistan haben dafür gesorgt, daß die Kassen leerer wurden und dringend benötige Gelder zum Weiterbau bzw. Ankauf von Importprodukten nicht mehr zur Verfügung stehen. Die Arbeiten an den begonnen Dämmen am Tigris sind daher weitgehend eingestellt worden, der Bau von Bewässerungsanlagen am Euphrat ist ins Stocken geraten. Bei der allgemeinen ökonomischen und wirtschaftlichen Krise der Türkei ist nur aus Prestigegründen ein weiterer Fluß der Kapitalmittel in Richtung GAP-Projekt zu erwarten.

Literatur

Hauptmann, Gerhard (1988): Nevali Çori: Architektur, in: Anatolica XV, S. 99-110.

Hinz-Karadeniz, Heidi u. Stoodt, Rainer (Hrsg.) (1993): Die Wasserfalle. Vom Krieg um Öl zum Krieg um Wasser: Aufstieg und Fall eines Großprojektes in Kurdistan, Gießen.

Hinz-Karadeniz, Heidi (1994): Vom Krieg um Öl zum Krieg um Wasser. In: Hinz-Karadeniz /Stoodt (Hrsg.) Kurdistan: Politische Perspektiven in einem geteilten Land, Gießen, S. 203-229.

Jungfer, Eckhardt (1998): Wasserressourcen im Vorderen Orient. Geographische Rundschau 50, H. 7-8, S. 400-405.

Kolars, J.F. / Mitchell, W.A. (1991): The Euphrates River and the Southeast Anatolia Project, Carbondale and Edwardsville.

Riemer, Andrea (1998): Die Türkei an der Schwelle zum 21. Jahrhundert. Die Schöne oder der kranke Mann am Bosporus, Frankfurt.

Struck, Ernst (1994): Das Südostanatolien-Projekt. Geographische Rundschau 46, H. 2, S. 88-95.

Tekinel, O. et. al. (1992): »Southeastern Anatolian Projekt« and its possible effects on development of the GAP-Region and Turkish agriculture, in: Deutsch-Türkische Agrarforschungen, hg. vom Verband deutsch-türkischer Agrar- und Naturwissenschaftler e.V., Hohenheim.

Rainer Stoodt, M.A., Autor mehrerer Bücher zum Thema Türkei – Kurdistan.

in Wissenschaft & Frieden 1998-4: Türkei

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