in Wissenschaft & Frieden 1998-3: Friedenskonzepte

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ConverArt

Die Kunst der Abrüstung

von Corinna Hauswedell / Susanne Heinke-Mikaeilian

Anläßlich des 350. Jahrestages des Westfälischen Friedens hat das Bonner Konversionszentrum (BICC) einen Wettbewerb unter Kunststudenten zum Thema Abrüstung und Konversion ausgeschrieben, dessen Ergebnisse bis zum 27. September im Westfälischen Landesmuseum Münster zu sehen sind. Die Illustrationen in W&F 3/98 dokumentieren Ausschnitte aus dieser Ausstellung. <0>Das BICC zeigt ConverArt zusammen mit einer Informationsausstellung »Abrüstung und Konversion – Vom Kalten Krieg ins Jahr 2000«.

Es scheint auf den ersten Blick ein ungewöhnliches Projekt für ein internationales Forschungs- und Beratungsinstitut zu sein. Die gedankliche und praktische Umwandlung ehemals militärischer Ressourcen für eine zivile Nutzung ist jedoch ein vielschichtiger und schwieriger Prozeß. Die Öffentlichkeit daran zu beteiligen, gehört zu den Aufgaben des Bonn International Center for Conversion (BICC) und jede Erweiterung des Blickfeldes ist hierfür produktiv.

Eine Werkstatt

Entstanden ist eine »Werkstatt« junger Künstlerinnen und Künstler: Ideenskizzen, Entwürfe, Aktionskunst, work in progress und fertige Werke. Die 41 Teilnehmer, vorwiegend Studierende an den Kunst- und Medienhochschulen sowie den entsprechenden Fachbereichen in Nordrhein-Westfalen und Brandenburg, kommen aus Bosnien, Deutschland, England, Nigeria, Österreich, Rumänien, Rußland, Taiwan und Vietnam.

Offensichtlich gibt es inzwischen eine internationale Wahrnehmung des Themas Militärkonversion mit zum Teil für die Herkunftsländer der jungen Künstler sehr typischen Facetten: die soziale Not und die Wohnungsprobleme demobilisierter Soldaten in Rußland, die Rohstoffversorgung aus den Überresten des Krieges in Vietnam, die Rekultivierung der vielen »freigegebenen« Liegenschaften in Deutschland, der Umgang mit »überschüssigen« Waffen in Bosnien oder in Afrika.<0>

Indem die Teilnehmer von ConverArt sich einer großen Vielfalt von Genres bedienen – Malerei, Collagen, Fotoarbeiten, Film- und Videoprojekte, skulpturale und archtitektonische Skizzen, Installationen und Inszenierungen, wird eindrucksvoll und dem Thema »angemessen« , seine virtuelle und reale Komplexität reflektiert. Metaphorisches und utopiegeleitete Entwürfe stehen neben Dokumentarischem und praktischen Ideen einer Umwandlung: Kunst als Subjekt und Objekt von Konversion.

Es fällt auf, daß von den männlichen <-3>Teilnehmern häufiger das offenkundig faszinierende Material der militärischen »hardware« – wenn auch in verfremdender Absicht – aufgegriffen wurde, während die Künstlerinnen – oft ironisierend – die nicht-stofflichen Aspekte mentaler Beeinflussung durch das Militär thematisiert haben.<0>

Das Experiment: Veränderung von Realität

Nicht alles konnte realisiert werden, manches ist ein Entwurf geblieben. Das liegt an den begrenzten Mitteln eines solchen Wettbewerbs, der Veranstalter und seiner Teilnehmer – aber auch am Gegenstand selbst. Warum soll es jungen Künstlern leichter fallen als der heutigen Generation von Wissenschaftlern und Praktikern, die widerspruchsvollen, neuen Wege des militärisch-zivilen Wandels konzeptionell und praktisch zu beschreiten?

Militärische Phänomene sind langlebig, hart im Umgang, gefährlich in den Folgen und kostspielig in der Entsorgung. Sie haben sich in Landschaften, im Boden, im Wasser, in Produktionsstätten, in den Technologien und in den Köpfen der Menschen festgesetzt. Es gibt sie – die Faszination des Militärs. Auch deshalb bleibt Konversion oft auf halbem Wege stehen.

Einige der Werke von ConverArt sind ein interessanter Spiegel dieser Widersprüche. Gleichwohl verfügt Kunst über ein anderes Repertoire der Umwandlung von Wirklichkeit.

Konstruktionen des Erinnerns

Ve>rlassene Liegenschaften, Militärbrachen, Kasernen, Bunker, Flaktürme und Grenzstreifen werden zu »Denkmälern«, zu Orten der Spurensicherung in einer »Militärkultur« von gestern. »Für die Ewigkeit« nennt Marc Zicklam seine Modelle zur Begehbarmachung von zwei unterirdischen Bauwerken, dem »zivilen« Oberrieder Stollen und dem Bunker Valentin im Norden von Bremen. Wenn die Soldaten abziehen, ist das, „als wäre jemand weggegangen und hätte vergessen wiederzukommen“ – die Schwarz-Weiß-Fotografien russischer Kasernen von Daniela Karcher erzählen deutsche Nachkriegsgeschichte. Beinahe wie eine Korrespondenz der nach Rußland Heimgekehrten wirkt der Stadtplan mit der »Nizhni Novgoroder Deutschen Treppe«, der Jevgeniya Norenkova die Funktion einer Versöhnungsarchitektur zuweist.<0>

Transzendent: Die Altlasten im Kopf

Ganz andere Assoziationen wecken Werke wie die Acrylbilder »Getauscht« von Manuela Fersen, der »Mythos« von Uwe Hardt, »Transkontinental« von Gleb Choutov oder auch die Filminstallation »Die winzigen weiber von luxor« (Gabi Horndasch) und das Kompensationsvideo »Immer wieder geht die Sonne auf« (Marion Schebesta). Veränderung geht durch den Kopf und die Sinne, beim Lesen, beim Fernsehen, beim Musik hören. Vom Militär geprägte Gedankenwelten können transzendiert werden – spielerisch durch den Austausch von Soldatenglanzbildchen gegen Friedenssinnsprüche, durch Gegenüberstellung ziviler und militärischer Allmachtsymbole, durch suggestive und autosuggestive Konfrontationen mit der scheinbar unauflöslichen Eigendynamik des Militärischen. Ironisierung dient als Brücke zur Grenzüberschreitung: Die Vergeblichkeiten, die »Attraktion«, der langen Geschichte der Kriege werden zurückgelassen.

Not macht erfinderisch – Ironien der Wiederverwendung

Wie nah Frustrationen, Elend und humorvolle Alltagsweisheit beieinander liegen können, zeigen die Recherchearbeiten für das Dokumentarfilmprojekt »Metamorphosen« von vier Kamerastudenten aus Potsdam-Babelsberg und Hanoi. Leben von den Überresten der Schlachtfelder ist in Vietnam ein Wirtschaftsfaktor geworden: Militärschrott findet beim Boots- und Hausbau, in Landwirtschaft und Industrie sowie bei der Herstellung von Kultgegenständen vielfältigste Wiederverwendung.

Der Umgang mit »überschüssigem« Waffenmaterial ist auch das Thema anderer Arbeiten von ConverArt. Waffen aus dem Verkehr zu ziehen, ist ein schwieriges Geschäft. Grenzen der Konversion werden deutlich im »Sleeping Room«, einem Bunkermodell, in dem Dragan Lovrinovic einbetonierte Waffen »konservieren« will. Das Projekt »Tank Art« (Alexander Schneider/Joachim Schulz) schlägt vor, Künstlern möglichst viele Panzer als Medium zur Verfügung zu stellen, damit die kostenintensive Entsorgung entfallen kann.

In zivilen Alternativen denken und handeln

Mit Hilfe sehr unterschiedlicher Medien widmen sich einige Arbeiten von ConverArt der Frage, was in Folge der Konversion entstehen und wie das eigene Handeln dies beeinflussen kann. »Wachsendes Haus« ist der Entwurf ziviler Lebensumstände für demobilisierte Soldaten, vorgestellt von BANDuTuK, einer Gruppe russischer Architekturstudenten aus Nizhni Novgorod, einer ehemals besonders rüstungsabhängigen Region. Aurelia Mihai läßt in einer Videoinstallation den Betrachter zum Akteur im internationalen »Machtspiel« um Auf- bzw. Abrüstung werden. In dem Aktionsprojekt »Luftsprünge« werden Cottbuser Bürgern auf einem seit 1914 genutzten Militärflugplatz »Flugscheine für neue Gedanken« ausgestellt.

Die sehr unterschiedlichen Arbeiten von ConverArt sind kulturell und politisch aufschlußreiche Momentaufnahmen für Sichtweisen und Mentalitäten, Befürchtungen und Wünsche der heutigen Generation zum Thema Krieg und Frieden. Deutlicher als in den seltenen früheren Darstellungen von Konversion in der Kunst, die sich je nach vorgefundener Realität zwischen Idealisierung, Heroisierung und Propaganda bewegten, stehen heute häufig ironisierende Distanz und realitätsorientierte Veränderungsphantasien im Vordergrund und durchaus nicht im Widerspruch zueinander. Vielleicht wurde dies im Falle von ConverArt auch durch die deutlich politische, in sich aber komplexe Themenstellung des Wettbewerbs provoziert. Mancher Hochschullehrer hatte deshalb Vorbehalte gegenüber diesem heutzutage in der Kunstszene recht unüblichen Wettbewerbsanliegen geäußert oder die Gefahr des (weniger unüblichen) »Mißbrauchs« der jungen Kunst für Werbezwecke gewittert.

Weder Waffen noch Geld waren für die Zwecke von ConverArt so leicht zu beschaffen wie gehofft. Die Unterstützung durch zuständige Bundesministerien z. B. ging leider über Absichtserklärungen einzelner aufgeschlossener Individuen nicht hinaus. Überschüssige Waffen lassen sich immer noch einfacher auf Halde legen oder exportieren als zur künstlerischen Bearbeitung freigeben.

Das die Ausstellung trotzdem in dieser Form stattfinden kann, ist vor allem der großzügigen Unterstützung und Hilfe des Landes Nordrhein-Westfalen, der Schirmherrin Anke Brunn und dem Landemuseum Münster zu danken sowie den privaten Sponsoren, die sich – vor allem auf regionaler und lokaler Ebene – für das Projekt und einzelne Künstler begeistern konnten. Die Einladung zum Schauen und Nachdenken verbinden wir mit dem Wunsch nach einer möglichst weiten Verbreitung der Ideen von ConverArt.<0>

Dr. Corinna Hauswedell (Projektleitung) und Susanne Heinke-Mikaeilian haben das ConverArt Projekt für das BICC von Beginn an begleitet.

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