in Wissenschaft & Frieden 1998-3: Friedenskonzepte

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Konflikttransformation mit friedlichen Mitteln

Die Methode der Transzendenz

von Johan Galtung

Konflikte haben ihren eigenen Lebenszyklus, fast wie ein Organismus. Sie erscheinen, erreichen einen emotionalen, gar gewalttätigen Höhepunkt, werden dann schwächer, verschwinden – und kommen oft wieder. Dahinter steht eine Logik, da Einzelne und Gruppen (wie Nationen und Staaten) ihre Ziele haben:

So kann ein Konflikt unendlich lange leben, zu- und abnehmen, entstehen und verschwinden. Der Originalkonflikt gerät in den Hintergrund, so wie im Kalten Krieg alle Aufmerksamkeit meist auf Nuklearwaffen als Zerstörungsinstrument gerichtet war.

Konflikte können sich in Serie oder parallel zu komplexen Konfliktformationen kombinieren; mit vielen Parteien, mit vielen Zielen, da die gleichen Parteien und/oder die gleichen Ziele daran beteiligt sind. Die einfache Konfliktformation aus zwei Parteien, die ein Ziel verfolgen, ist rar, es sei denn, daß pädagogische Zwecke oder das polarisierende Ergebnis von Haß und Gewalt zu einer vereinfachten Konfliktformation führt. Der normale Konflikt hat viele Akteure, viele Ziele und viele Probleme, ist komplex, kann nicht leicht festgemacht werden, obwohl genau dieses Festlegen von essentieller Bedeutung ist.

Der Lebenszyklus eines Konfliktes

Ein Konflikt kann aus drei aufeinander folgenden Phasen bestehen: vor der Anwendung von Gewalt, während Gewaltanwendung und danach. Diese Phasen können durch den Ausbruch von Gewalt und einer Waffenruhe getrennt sein. Dies heißt nicht, daß Gewalt unvermeidbar oder daß Konflikt gleich Gewalt und Zerstörung ist.

Ein Diagramm dieses Konflikts sieht gewiß beeindruc<-2>kend aus, aber es ist letztendlich ziemlich einfach. In der horizontalen Achse ist die Zeit, im griechischen Sinn von »chronos», Zeit, die fließt, physikalische Zeit. Dann aber gibt es zwei Punkte im Sinn von »kairos«, Zeit, die anhält und Zeit, die gewisse Ereignisse aus dem Fluß der Zeit hervorhebt: der Ausbruch der Gewalt und das Ende der Gewalt, die Waffenruhe. Zw<0>eifellos sind dies wichtige Ereignisse.

Aber es gab auch schon den Konflikt vor dem Ausbruch der Gewalt. Vier Schwerpunkte für die Konfliktbearbeitung wurden aufgezeigt: Gewalttätige Kulturen, die Gewalt legitimieren, wie Machismus; gewalttätige Strukturen, die Menschen ausnutzen, unterdrücken und entfremden; gewalttätige Akteure, Schläger ohne Gewissen in bezug auf den Schaden und Verletzungen, die sie anrichten; und, schließlich, wie sie gemeinsam grundlegende Konflikte entstehen lassen, die unbeachtet bleiben.

Das <-3>Diagramm zeigt dann, was in den drei Phasen zu tun ist. Dieses Handbuch hat seinen Schwerpunkt auf Phase I mit einigen Bemerkungen bezüglich Phase II und III.<0>

Phase I – Vor dem Ausbruch der Gewalt

Es ist zynisch, diese Phase als »Vorbeugungsphase« zu bezeichnen, in der Gewalt zu vermeiden ist. Ein grundlegender Konflikt an sich ist schon Grund genug, um sich ernsthaft mit ihm zu beschäftigen. Bereits hier leiden Menschen. Allerdings ist ein Konflikt auch immer eine Einladung für die betroffenen Parteien, die Gesellschaft und die ganze Welt, voranzugehen, die Herausforderung zur Lösung des Problems anzunehmen, und dies mit Empathie (in alle Parteien), Nicht-Anwendung von Gewalt (auch mit Blick auf der Prävention von Metakonflikten) und mit Kreativität (um Auswege zu finden).

Die Aufgabe ist, den Konflikt ins Positiv<-2>e zu transformieren. Positive Ziele für alle Parteien zu finden, ideenreiche Arten und Weisen, sie ohne Gewalt zu kombinieren. Die Unfähigkeit, Konflikte zu transformieren, führt zu Gewalt. Jeder Gewaltakt kann als Denkmal für diese menschliche Unfähigkeit angesehen werden.<0>

Das Diagramm schlägt vier Schwerpunkte für Konfliktbearbeitung in dieser Phase vor. Gewalt kann in gewalttätigen Kulturen verwurzelt sein, die Gewalt rechtfertigen oder in gewalttätigen Strukturen (der Unterdrückung, Ausbeutung und Verfremdung, der Trennung von Menschen, die zusammensein wollen oder der Nähe solcher, die nicht zusammensein möchten); ebenso in gewalttätigen Akteuren, die durch Gewalt angezogen werden (zur Bildung ihrer eigenen Identität gegen andere Gruppen). Mit zunehmendem Haß und einer steigenden Neigung zu Gewalt kann auf Empathie, gewaltfreie Ansätze und Kreativität noch weniger verzichtet werden. Jedoch bekommen solche positiven Talente in einer tief polarisierten Formation – genau dann, wenn sie besonders gebraucht werden – immer weniger Chancen, überhaupt entdeckt zu werden, zu wachsen und sich zu entwickeln.

Es ist jedoch wichtig, nie den Konflikt zu vergessen, die Ziele, die der jeweiligen Partei im Wege sind. Diese Konflikte vereinen die gewalttätigen Kulturen, Strukturen und Akteure; jeder Unaufmerksamkeit folgt mehr Schaden und Unglück.

Türken in Deutschland

Ein konkretes Beispiel: Türkische Gastarbeiter (die oft deutsche Staatsbürger sind) in Deutschland. Ein Minimalprogramm mit vier Schwerpunkten:

Schwerpunkt Kulturen:

Im allgemeinen sprechen wir hier über Kulturen mit starkem Nationalismus, die „Deutschland den Deutschen“ und „die Türkei den Türken“ verlangen sowie über Kulturen der Gewalt: Konflikte sind nicht da, um für beide Parteien zur Zufriedenheit gelöst zu werden, sondern um gewonnen zu werden. Solche Kulturen müssen herausgefordert werden. Hierfür braucht man jedoch viel Zeit. Fehlende Friedenskulturen müssen ersetzt werden.

Schwerpunkt Strukturen:

Normalerweise gibt es eine Kombination von Ausbeutung und übermäßiger Nähe. Fehlende Friedensstrukturen, wie ein Council for Inter-group Relations, in dem sich Nationen treffen und Lösungen finden können, müssen eingeführt werden bevor sie aufgrund der Gewaltspirale noch unflexibler werden.

Schwerpunkt Akteure:

Manchmal kann man sie identifizieren, da sie selbst ihre Bereitschaft zur Anwendung von Gewalt ankündigen. Sie ernst zu nehmen und sie in Dialoge über sämtliche Aspekte der Situation mit einzubeziehen, ist nötig. Wenn sie vernachlässigt werden, werden sie nur noch unbeugsamer. Wenn Gewalt angewendet worden ist, ist die gerichtliche Ahndung mit Gefängnisstrafe unzureichend. Der Dialog muß weitergehen, wenn nicht mit den Opfern oder ihren Familien, dann mit anderen Mitgliedern des gleichen Volkes.

Schwerpunkt Konflikte:

Fehlende Ausbildung, Wohnungen und Jobs sowie die Bedrohung ihrer Identität können Probleme darstellen. Klar ist, daß die Kapazität eines jeden Landes, Ausländer aufzunehmen, seine Grenzen hat. Eine solche Grenze ist nicht notwendigerweise ein Zugeständnis an starken Nationalismus, noch ist eine erweiterte Kapazität eines Landes ein Zugeständnis an Druck aus anderen Ländern. Eine Identität, die auf starkem Nationalismus basiert, ist wesentlich problematischer. In unserer schrumpfenden Welt gibt es nur Platz für »weichen« Nationalismus, in dem man mit Neugier auf den Anderen zugeht und willens ist, mit ihm einen Dialog zu führen.

Die allgemeine Aufgabe ist eindeutig: den Konfliktprozeß nach oben zu heben, nämlich in die »Friedensregion«, indem Kulturen, Strukturen und Akteure friedlicher gemacht werden, so daß Konflikte ohne Gewalt angepackt werden können. Das ganze Konfliktsyndrom wird verändert und in die obere Hälfte des Schaubildes eingebettet, denn da gehört es hin.

Konkret heißt dies, daß auch eine Verlagerung auf friedliche Kulturen in die Tradition der Menschenrechte eingebracht werden könnte, und daß diese Verlagerung auf friedliche Strukturen ein Appell an die demokratische Tradition ist. Beide sind nützliche Beispiele für einen großzügigeren Ansatz. Sie sind jedoch nicht unproblematisch, wie das Beispiel kultureller Andersartigkeit zeigt. Sie passen besser in westliche »Ich« Kulturen, in denen ganz besonders Wert auf Individualismus, Rechte des Einzelnen und einzelne Gedanken gelegt wird; in denen Einzelne wählen und die Stimmen dann zusammengezählt werden. Sie passen weniger in »Wir« Kulturen in denen besonders Wert auf Gruppen (Clans, Stämme, Völker), gemeinsame Rechte und den Dialog im Konsens gelegt wird.

Mit der Bildung des Schwerpunktes für friedliche Akteure kann es sein, daß mehr Frauen und andere Akteure aus dem religiösen/intellektuellen oder geschäftlichen Umfeld/Tradition und weniger aus der aristokratischen/kriegsführenden Tradition angezogen werden. Dies kann dazu führen, daß genug Empathie, Nicht-Anwendung von Gewalt und Kreativität mobilisiert wird, um den Konflikt umzuwandeln. Ob dies durch einzelne Dialoge mit allen Parteien oder durch direkte Dialoge am »Runden Tisch« geschieht, ist unerheblich.

Strukturelle Gewalt kann genauso schlimm oder sogar schlimmer sein als direkte Gewalt. Menschen sterben oder das Leben wird zur Qual, weil sie politisch unterdrückt oder wirtschaftlich ausgebeutet werden oder ihnen die Freiheit entzogen wird, mit den Menschen zusammen zu sein, mit denen sie sich identifizieren oder sie gezwungen werden, in der Nähe derer zu sein, die sie nicht mögen. Dies als »Vorwarnung« für zukünftige direkte Gewalt zu bezeichnen, ist, wie schon erwähnt, zynisch und respektlos den bereits erlebten Leiden gegenüber. Direkte Gewalt sollte als eine Warnung behandelt werden, die »zu spät« kommt bei unerträglichen strukturellen und kulturellen Bedingungen, die von zynischen Akteuren ausgenutzt werden.

Dies bietet eine neue Perspektive der Entwicklung. Die traditionelle Perspektive verwenden die weiter entwickelten Länder (More Developed Counties, MDCs) als Modell für die weniger entwickelten Länder (Less Developed Countries, LDCs) und sehen dabei die Unterschiede, d.h. Defizite, die die letzteren im Vergleich haben. Diese Defizite werden so ausgeglichen, daß Geld entweder durch eigene Einkünfte (d.h. durch Export) oder durch Kredite und Zuschüsse beschafft wird, um von den MDCs die Dinge zu importieren, die wichtig erscheinen, um sich (weiter) zu entwickeln.

Die MDCs entwickelten sich jedoch ursprünglich, indem sie selbst produzierten, um Importe zu ersetzen. Importe zur Verringerung der Defizite sind wie Transplantationen, die nicht richtig anwachsen und nach einiger Zeit wieder abgestoßen werden. Darüber hinaus bedeutet jeder Import mehr Ressourcen für einige und weniger für andere. Es kommt unvermeidlich zu Konflikten durch die Nichtbeachtung der Kultur und der Struktur. Die darauffolgenden Reibungen und ein möglicher Ausbruch von Gewalt kann jeglichen materiellen Gewinn wieder zunichte machen.

Eine einfachere Definition von Entwicklung kann folgendermaßen aussehen: Entwicklung heißt die Schaffung von Kapazität zur Umwandlung von Konflikten.

Versuchen Sie, Gewalt durch Arbeit an den Schulen einzuschränken, durch Entglorifizierung und Entmystifizierung von Gewalt, durch aktives Zeigen, wie Konflikte mit Empathie, Nicht-Anwendung von Gewalt und Kreativität gelöst werden können.

Verringern Sie strukturelle Gewalt mit Hilfe der 1966 verabschiedeten »Human Rights Convention Against Repression« (politische und Bürgerrechte) und Ausbeutung (wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte).

Dies ist kein Ersatz für die oben genannte wirtschaftliche Entwicklung. Jedoch ist es möglich, daß die Gesellschaft nach einigen kulturellen und strukturellen Rekonstruktionen für eine bedeutendere wirtschaftliche Entwicklung bereit ist. Projekte für einen besseren Lebensunterhalt für Millionen können tiefer verwurzelt werden. Dementsprechend sollten in Phase I die folgenden Punkte enthalten sein: Konfliktlösung, Wiederaufbau und Versöhnung. Es darf nicht darauf gewartet werden, daß die Gewalt zuschlägt oder aufhört.

Phase II – Anwendung von Gewalt

Wird Gewalt angewandt, ist selbstverständlich die erste Aufgabe, sie zu stoppen, da sie in sich schlecht ist und da sie den zugrundeliegenden Konflikt schwerer erkennbar macht. Aber zuerst sind ein paar Gedanken darüber angebracht, was Menschen veranlaßt, von Phase I zu Phase II überzugehen.

Die erste Antwort ergibt sich aus dem zugrundeliegenden Ausgangskonflikt: es wird zu Gewalt gegriffen, um eine andere Partei oder andere Parteien lahmzulegen, so daß ihnen die Ziele der ersten Partei aufgezwungen werden können. Dies wird manchmal »militärische Lösung« genannt, ein Oxymoron, wenn das Wort »Lösung« »akzeptabel« bedeutet.

Die zweite Antwort ergibt sich auch aus dem zugrundeliegenden Konflikt, ist jedoch weniger rational: Aggression aus Frustration, von jemandem blockiert zu werden; Gewalt aus Haß.

Die dritte Antwort ergibt sich aus der Logik der Metakonflikte: der Konflikt als Gelegenheit, Ruhm und Ehre zu erhalten, wenn man ihn gewinnt und Mut zu zeigen und Ruhm und Ehre zu erhalten, selbst wenn man ihn nicht gewinnt.

Die vierte Antwort ergibt sich auch aus dem Metakonflikt: Gewalt als Rache für Gewalt, unter der man selber jetzt oder früher gelitten hat.

Dies sind vier wichtige Gründe, die sehr ernst genommen werden müssen. Jedoch darf niemals angenommen werden, daß Gewalt genauso ein Teil des menschlichen Wesens ist wie das Bedürfnis nach Essen und Sex. Diese zwei Bedürfnisse finden sich überall wo Menschen sind; in der Vergangenheit wie in der Zukunft. Die Bedürfnisse mögen unterdrückt werden, jedoch bestätigt dies ihre allgemeine Bedeutung. Gewalt existiert immer als Potential, das Potential wird aber nur dann aktiviert, wenn:

Die Lösung ist eindeutig: Grundlegende Konflikte müssen, wie offene Wunden, beobachtet und behandelt werden. Gewalt darf auch nicht gerechtfertigt werden.

Dennoch, Gewalt dauert nicht für immer und breitet sich auch nicht unendlich aus. Wenn es das täte, gäbe es keine Menschen auf der Erde. Gewalt läßt nach, weil es den kriegführenden Parteien an folgendem mangelt:

Dies gibt uns vier Möglichkeiten, wie wir Gewalt beenden können: durch Waffen- und Söldnerembargos, durch die Evakuierung von Menschen und die Entfernung von Zielen (Taktik der verbrannten Erde), durch das Demoralisieren von Soldaten, indem die sichtbaren und unsichtbaren Konsequenzen der Gewalt klargemacht werden, und um so eine Verweigerung des Kriegsdienstes zu veranlassen; durch das Hervorheben der Tatsache, daß langfristig wegen der Gewaltspirale alle Parteien verlieren werden.

Es gibt jedoch noch eine fünfte Möglichkeit, zwischen den Parteien zu vermitteln. Wenn Frieden mit friedlichen Mitteln geschaffen werden soll, so wird der Weg frei für Operationen nach Chapter 6, nicht aber für Operationen nach Chapter 7 der UN Charta. Was in dem Schaubild vorgeschlagen wird, ist, daß friedenssichernde Maßnahmen dadurch verbessert werden, indem Experten nicht nur auf den Bereich der militärischen Taktik und der Mittel zur Ausübung von Gewalt, sondern auch auf den Bereich der zivilen Konfliktbekämpfung (Polizei), die Fähigkeiten der Nicht-Anwendung von Gewalt und auf vermittelnde Aktivitäten zurückgreifen.

Da Frauen eher mit Menschen als mit Geräten umgehen, könnten sie möglicherweise 50 der Einheiten ausmachen. Darüber hinaus sollte deren Anzahl drastisch erhöht werden. Kurz gesagt, es sollte nicht nur Blauhelme, sondern einen blauen Teppich der Friedenstruppen geben, der so dicht gewebt ist, daß kaum noch Platz zum Kämpfen ist. Die Erhaltung des Friedens sollte die gleichen drei Aspekte beinhalten wie Phase I: Wiederaufbau, Versöhnung und Konfliktlösung. Es darf nicht darauf gewartet werden, daß die Gewalt aufhört.

Phase III – Nach dem Ende der Gewalt

Nach dem Ende der Gewalt kann die Erl<-2>eichterung darüber, daß die Gewalt vorbei ist, blind für die unsichtbaren, lange andauernden Folgen der Gewalt (wie Traumata und der Wunsch nach mehr Ruhm sowie nach Rache) machen und dafür, daß Kulturen, Strukturen und Akteure möglicherweise noch gewalttätiger geworden sind. Die Aufgabe ist schwieriger und komplexer geworden als vor Ausbruch der Gewalt. Allein die Aufgabe des Wiederaufbaus nach Beendigung der Gewalt, der Rehabilitation der Verletzten und nach der Zerstörung von Gebäuden kann so schwierig sein, daß eine Versöhnung zur Lösung des Metakonfliktes und die Lösung des zugrundeliegenden Ausgangskonfliktes vergessen oder verschoben wird, und dies möglicherweise für immer.<0>

Die Aufgaben, denen man sich widmen muß, sind gewaltig:

Wiederaufbau nach Anwendung der Gewalt

Ein Überblick der Ansätze

Versöhnung nach dem Ende der Gewalt Ein Überblick der Ansätze

Die Welt ist für die meisten dieser Aufgaben schlecht ausgerüstet. Es gibt offizielle Lösungen (»Executive Outcomes«) für Gewalt, aber nicht für die Auflösung von Gewalt. Und es gibt einen einfachen Grund, warum dies so wichtig ist. Der Ausdruck »nach dem Ende der Gewalt« ist zu optimistisch. Wenn nichts gegen die Wurzeln des grundlegenden Konfliktes und der Umwandlung des Konfliktes selbst getan wird, wird die Gewalt wiederkommen sobald die Erinnerung an die Schreckensbilder der letzten Gewalt nicht mehr bewußt, sondern »nur« noch unbewußt ist. Und so wird »nach dem Ende der Gewalt« leicht »vor Ausbruch der Gewalt«.

Übung: ein Tisch, auf dem Tisch eine Orange, zwei Kinder sitzen am Tisch. Was geschieht: So viele Ideen wie möglich, bitte. Und nicht arrogant sein, die meisten finden nur 8 Ideen von 16.

Das Diagramm zeigt die fünf allgemeinen Typen von Konfliktlösungen in einem Konflikt zweier Parteien. In diesem Fall sind [1] und [2] gleich, bei beiden herrscht eine Partei vor. In einem konkreten Konflikt hat jeder allgemeine Typ eine Reihe von spezifischen Interpretationen:

Eine Partei herrscht vor

Die Regel des Menschen: Kämpfe es aus; Macht ist Recht (zu vermeiden). Die Regel des Gesetzes: Treffe eine Entscheidung, ein gewisses Prinzip (wie Bedarf, kulturelle Präferenz). Die Regel des Zufalls: Irgendeine zufällige Methode. Kompensation: Erweiterung (Dreieck), Vertiefung (Doppelkonflikt).

Rückzug

Vor des Situation weglaufen. Orange zerquetschen oder weggeben. Orange nur beobachten. Orange in den Kühlschrank legen.

Kompromiß

Orange wird geteilt. Orange wird ausgepreßt. Orange wird geschält und in ihre Segmente geteilt. Irgendeine andere Form des Teilens.

Transzendenz

Eine weitere Orange wird geholt. Mehr Leute werden geholt, die sich die Orange teilen. Es <-2>wird ein Orangenkuchen gebacken, eine Lotterie veranstaltet und die Erlöse geteilt. <0>Orangenkerne werden gesät, ein Plantage angelegt, der Markt übernommen.

Grundthese: Je mehr Alternativen desto weniger wahrscheinlich wird Gewalt.

Die Methode der Transzendenz versucht, eine Lösung zu finden, die über das Herausnehmen des Konfliktes aus seiner Umgebung und das Verankern an einer anderen Stelle hinausgeht. Man geht über die eine Orange hinaus, holt noch eine („Lehrer, Sie haben eine Orange vergessen!“). Oder man richtet seine Aufmerksamkeit auf den wichtigsten Teil der Orange, ihre Kerne, und pflanzt sie ein.

So viel über grundsätzliche Ergebnisse von Konflikten, was aber ist mit den grundsätzlichen Prozessen oder Ansätzen, die in Konflikten angewandt werden? Sie sind ähnlich:

These Nr. 1:

Gewalt führt oft zu [1, 2], eine Partei herrscht vor; Gewalt wird benutzt, um das Ziel des Siegers dem Verlierer aufzudrängen oder vorherrschen=oben sein, Gewalt ist ein Prozeß.

These Nr. 2:

Das Treffen einer Entscheidung führt auch oft zu [1, 2], eine Partei herrscht vor; Das Treffen einer Entscheidung wird dazu benutzt, zu entscheiden wer Recht hat (weder wer Schuld ist noch wer verantwortlich ist) oder: vorherrschen=recht haben, das Treffen einer Entscheidung ist ein Prozeß.

These Nr. 3:

Ausflucht führt oft zu [3], dem Rückzug; Rückzug schließt mit ein, daß die Zeit noch nicht reif ist, der Status Quo wird vorgezogen oder der Rückzug; Ausflucht ist ein Prozeß.

These Nr. 4:

Verhandlungen zwischen Parteien führen oft zu [4], einem Kompromiß; Kompromiß: es wird angenommen, daß keine Partei diktiert oder zum Erzielen eines Kompromisses muß verhandelt werden (ein Prozeß).

These Nr. 5:

Dialog mit den Parteien führt oft zu [5], der Transzendenz; Transzendenz definiert eine neue Situation oder über den Konflikt hinaus denken; Dialog ist ein Prozeß.

In anderen Worten: Das Ergebnis ist schon im Prozeß versteckt, und der gewählte Prozeß hängt von dem gewünschten Ergebnis eines Konfliktes ab.

Laßt uns jetzt zurück zu der Unterscheidung zwischen dem Original-, dem Ausgangs- und dem Metakonflikt. Bei dem Urkonflikt geht es darum, irgendein Ergebnis, eine Lösung, einen Ausweg, eine Umwandlung, wie es auch immer genannt wird, zu finden. Bei dem Metakonflikt geht es hauptsächlich um eins: zu gewinnen. Es gibt nur eine Lösung: eine Partei herrscht vor. Der Metakonflikt kann physisch, mit Gewalt, Krieg bekämpft werden und führt meist zu dem Sieg für eine und der Niederlage für die andere Partei (manchmal auch mit einem Unentschieden. Dies geschieht, wenn der Krieg in die Länge gezogen wurde).

Es kann auch verbal gekämpft werden, wie vor Gericht, mit größtenteils ähnlicher Struktur. Die Urteilsfindung ist eine Art zu entscheiden, wer Recht hat und wer nicht schuld oder verantwortlich ist; es ist kein guter Prozeß, um die drei anderen Ergebnistypen zu erhalten. Im allgemeinen ist die Entscheidung über den Sieger höchst asymmetrisch.

Der Metakonflikt wird oft dazu benutzt, den Ausgangskonflikt zu entscheiden. Der Sieger bekommt alles, auch das, worüber sich im Ausgangskonflikt gestritten wird. Dieses Ergebnis kann akzeptiert werden und es kann anhaltend sein. Oder auch nicht. Der Metakonflikt kann auch nur als eine Anzeige physischer oder rechtlicher Macht betrachtet werden. Und jede Entscheidung zugunsten einer Partei alleine scheint simplistisch und strittig, obwohl nicht bestritten wird, daß es auch Konflikte gibt, in denen eine Partei objektiv Recht hat. Es ist auch unbestritten, daß Gerichte besser sind als Kriege.

Der Rückzug mag kurzfristig funktionieren, aber über kurz oder lang muß der Konflikt angegangen werden. Der traditionelle Ansatz besteht aus Verhandlungen zwischen den Parteien. Dabei besteht das Problem, daß die Parteien den Verhandlungstisch als verbales Schlachtfeld behandeln und bestenfalls einen leeren Kompromiß erzielen können, der keinen zufrieden stellt und der die Gelegenheit zum Vorwärtsgehen nicht am Schopfe faßt. Daher die Tendenz zugunsten des fünften Ergebnisses: Transzendenz, über das Eigentliche hinausgehen. Die beste Methode ist der Dialog miteinander, vielleicht für den Anfang noch besser zusammen mit einem Konfliktarbeiter.

Der vorliegende Beitrag wurde für das Handbuch der »Crisis Environments Training Initiative und des Disaster Management Training Programme der Vereinten Nationen« geschrieben. Heike Webb, Diplom-Übersetzerin, Bonn, übersetzte den Text aus dem Englischen.

Johan Galtung, Dr. hc. mult., Professor of Peace Studies lehrt an den Universitäten Granada, Ritsumeikan, Trömso und Witten/Herdecke

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