in Wissenschaft & Frieden 1998-3: Friedenskonzepte

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Friedensvisionen

Thesen für eine Zivilisierung der Weltgesellschaft

von Wolfgang R.Vogt

Abschied von Utopien – Bedarf an Vision

In Zeiten historischer Umbrüche, in denen das Alte nicht mehr und das Neue noch nicht gilt, sind konstruktive Zukunftsentwürfe zur Friedensentwicklung besonders wichtig. Am Ende des 20. Jahrhunderts – das viele Kennzeichen einer krisenhaften Übergangsperiode aufweist – gibt es diesbezügliche Defizite, es fehlt an Mut zu neuen Visionen vom Frieden.

Das Verblassen bzw. Zerfallen der Utopien klassischer Art ist durch eine Reihe von Gründen bedingt, so vor allem

Fazit: Insgesamt bewirken diese Entwicklungen und deren Einschätzungen durch die Öffentlichkeit und die Politik eine skeptische oder gar ablehnende Haltung gegenüber klassischen Utopien im Sinne umfassender Idealentwürfe von einer »besseren« Gesellschaft, einer »friedlichen« Zukunft. Das bedeutet aber nicht, daß politisches Handeln und menschliches Streben generell auf realisierbare Visionen und davon abgeleitete Zielprojektionen verzichten kann. Im Gegenteil, weil die großen Heilslehren sich als politische Irrwege und Sackgassen erwiesen haben, sind pragmatische Visionen von um so aktuellerer Bedeutung für die Entwicklung von Frieden und die Gestaltung der Zukunft.

Ohne Friedensvisionen keine Friedensgestaltung

Friedensvisionen sind wichtig, um die Defizite zwischen den diagnostizierten (Gewalt-) Zuständen in der Gegenwart und den projektierten (Friedens-) Verhältnissen für die Zukunft zu ermitteln. Ohne Visionen vom Frieden lassen sich keine politischen Strategien und keine konkreten Programme zur Gewaltreduzierung und zur Friedensgestaltung entwickeln.

Wir müssen unser Denken und Handeln durch einen Paradigmenwandel, d.h. durch eine Modernisierung unserer Welt(an)sichten fit für die zukünftigen Chancen und Herausforderungen und offen für die positiven Visionen einer Friedens- und Zukunftsentfaltung durch eine umfassende und nachhaltige Zivilisierung machen.

War es das Ziel moderner Sozialwissenschaft, unser Wissen über die Welt zu organisieren, so besteht die Aufgabe gegenwärtiger postmoderner Sozialwissenschaft darin, die Prozesse nachzuzeichnen, in denen die Welt von denen, die sie bevölkern, konstruiert und interpretiert wird.

Die postmoderne Diskussion hinterfragt die Mythen der Moderne – und insoweit ist sie auch für die friedenswissenschaftliche Diskussion anregend und weiterführend. Postmodernes Denken unterscheidet zwischen subjektiv und objektiv, real und ideal, Verstand und Gefühl und – am wichtigsten – zwischen erkennendem Subjekt und zu erkennendem Objekt. Die Theorie des »Post-Modernismus« hat ein Bündel von kritischen Forschungsstrategien herausgebildet, die alle eine bestimmte philosophische Orientierung teilen, derzufolge Realität nicht als eine objektive, externe Identität interpretiert wird, sondern als eine Vielfalt von konstruierten, veränderbaren und provisorischen Praxen, deren Grenzen inhärent anfechtbar sind. Die universalistischen Ansprüche solcher organisierender Vorstellungen wie Mensch, Gott, Wissenschaft und Souveränität sind damit ihrer vermeintlichen Unabhängigkeit von menschlicher Praxis entkleidet.

Fazit: So sehr die postmoderne Betonung der Verschiedenheit, der Uneindeutigkeit der Verhältnisse sowie der Gleichzeitigkeit ungleicher Bedingungen und Entwicklungen in den verschiedenen Regionen der Welt zu respektieren ist, so wenig vermag der Habitus der Beliebigkeit im Sinne eines »anything goes«, der für einige Strömungen des postmodernen Denkens typisch ist, als eine adäquate Sicht- und Denkweise für die Friedens- und Konfliktforschung zu überzeugen. Auch die Skepsis postmoderner Denker gegenüber umfassenden Theoriekonzepten, globalen Entwicklungsvisionen und politischen Gestaltungsstrategien widerspricht dem Selbstverständnis einer kritisch-reflexiven Friedenswissenschaft. Entsprechend ihrer normativ begründeten Erkenntnis-Interessen (Friedensmodellierung – Konfliktregulierung – Gewaltreduzierung) kann die kritisch-reflexive Friedenswissenschaft ihren Anspruch auf die Entwicklung komplexer (Friedens-, Konflikt- und Gewalt-) Theorien und visionärer Entwürfe für die »bessere«, d.h. friedlichere Gestaltung der Zukunft nicht aufgeben.

Funktionen von Friedensvisionen

Visionen enthalten einen Vorstellungsüberschuß, der dem (noch) Bestehenden gedanklich entflieht und ihm eine vorauseilende Phantasie in der Absicht entgegenstellt, das gegenwärtige Ist mit dem zukünftigen Soll in eine produktive Spannung zu setzen.

Visionen sind »aufgeklärte Utopien« ; sie sind eine »mögliche Realität«, die durch zielbewußtes Handeln herbeigeführt werden kann. Visionen vom Frieden sollen als konkrete Vorstellungen von den realisierbaren Möglichkeitsbedingungen eines nachhaltigen Friedens und zukünftiger Lebensverhältnisse ohne existentielle Bedrohung durch Gewalt verstanden werden.

Friedenspolitische Visionen erfüllen wesentliche Funktionen für die Konzeptualisierung einer umfassenden Friedenstheorie und -politik:

Fazit: Für die Konzeptualisierung einer Friedenspolitik, die ebenso problemlösend, realitätstauglich und zukunftsfähig sein soll, bedarf es einer gelungenen Synthese zwischen historischem Wirklichkeitsdenken und visionärem Möglichkeitsdenken. Damit Visionen nicht zu reinen Phantasiegebilden und naiven Utopien werden, wie oftmals in der Geschichte der Utopien geschehen, sind eine kritische Prüfung und eine realistische »Erdung« mit den harten Fakten der bestehenden Wirklichkeit angezeigt. Friedenspolitische Visionen beinhalten erreichbare Optionen und ermutigende Orientierungen über zukünftige Möglichkeiten der Gestaltung gewaltloser bzw. gewaltärmerer Lebensverhältnisse.

Keine Friedensvisionen ohne Friedenstheorie

Visionen vom Frieden, die mehr als nur die Sehnsucht nach Frieden zum Ausdruck bringen, bedürfen der Fundierung durch eine kritisch-reflexive Friedenstheorie.

Der kritisch-reflexive Friedenstheorie-Ansatz

Der kritisch-reflexiven Friedenstheorie liegt ein weiter (positiver) und differenzierter Friedensbegriff zugrunde. Frieden wird definiert als Prinzip einer gewaltfreien Konfliktbearbeitung, als Prozeß zur Verhinderung von Gewaltandrohung und -anwendung, als Produkt einer gelungenen Zivilisierung.

Fazit: Der Friedensbegriff ist nicht a priori auf die Verhütung militärischer Gewalt im Sinne von »nur« Nicht-Krieg beschränkt, sondern er wird vor allem als ein anzustrebender Sollwert definiert. Frieden ist insofern als ein Prozeß zu interpretieren, in dessen Verlauf diese Strukturbedingungen nach und nach mit Hilfe von Friedensstrategien in die Praxis implementiert werden. Im Verlaufe dieses Friedensprozesses ist immer wieder zu überprüfen, in welchem Zustand sich der Frieden als ein Produkt friedenspolitischer Anstrengungen befindet. Alle drei Aspekte des Friedensbegriffes – Prinzip, Prozeß, Produkt – werden für differenzierte Friedensanalysen benötigt und sind für kritisch-reflexive Untersuchungen in einer jeweils problemadäquaten Kombination zu nutzen.

Friedensvisionen brauchen Strategien der Zivilisierung

Die Ziel-Variablen des Zivilisierungsprozesses beinhalten den »inneren« und den »äußeren« Schutz der Individuen und Gesellschaften vor Gewalt und Krieg, Not und Armut, Verfolgung und Unterdrückung sowie vor Anomie und Identitätsverlust.

Als friedenswissenschaftliche Basiskategorie bezeichnet der Begriff der Zivilisierung das Geflecht jener Bedingungen und Entwicklungen, die dazu beitragen,

Wenn Visionen für eine positive Friedensentwicklung und einen konsequenten Zivilisierungsprozeß nutzbar sein sollen, dann müssen sie eine Reihe von Bedingungen erfüllen:

Fazit: Nur wenn diese Bedingungen weitgehend erfüllt sind, haben friedenspolitische Visionen eine Chance, von sog. »Realisten« nicht einfach als Tagträume von unverbesserlichen Optimisten abgetan, sondern als politische Handlungsalternativen ernstgenommen zu werden.

Strategie präventiver Gewaltvermeidung

Bisher wird der Entstehungsphase von gewaltträchtigen Konflikt- und Krisenlagen in vielen Lebensbereichen nicht die ihr gebührende Aufmerksamkeit gewidmet. Dringlich ist die Entwicklung von Strategien der Gewaltprophylaxe, damit es zur Verhinderung oder Eindämmung von Gewalt kommt.

Im friedens- und konfliktwissenschaftlichen Nexus soll unter Prävention die Minderung bzw. Beseitigung struktureller Ursachen potentieller Gewalt verstanden werden. Hauptanliegen der Prävention ist die Etablierung von Vorkehrungen der zivilen Konfliktbewältigung. Wesentlich dafür sind die Einräumung und Wahrung von Minderheitenrechten, ökonomische und soziale Prosperität, Abrüstung und Vertrauensbildung, der Schutz natürlicher Lebensgrundlagen sowie die demokratische Verfassung von Staaten.

Die Forderung nach einer Früherkennung und Prävention von Gewaltkonflikten zu erheben ist jedoch leichter, als sie zu erfüllen. Erfolgreiche Prävention erfordert zudem eine große Bereitschaft von Staaten und Gesellschaften, langfristig zu denken und vorab Ressourcen zur Konfliktbeilegung zur Verfügung zu stellen. Diese Bereitschaft war und ist jedoch eher gering, obwohl Früherkennung und Prävention insgesamt kostengünstiger sind als jede andere Form der Konfliktintervention. Zeiten relativen Friedens, die die Gelegenheiten bieten, erkannte Probleme zu lösen, müssen konsequenter, als dies bisher in der Regel geschieht, zur Beseitigung krisen- und gewaltträchtiger Ursachen genutzt werden.

Fazit: Auf einer allgemeinen Ebene läßt sich sagen, daß die Förderung und Unterstützung demokratischer, sozial- und rechtsstaatlicher Verhältnisse der beste Weg ist, um zu verhindern, daß Konflikte gewaltsam ausgetragen werden. Doch kann vermutlich auch eine noch so perfektionierte Prävention nicht immer den Ausbruch und die Eskalation von Konflikten sowie ihre gewalttätige Entgleisung verhindern. Dieser Hinweis soll nicht die hohe Bedeutung der Prävention in Abrede stellen; über die dringliche Notwendigkeit, die Prävention durch »early warning« und »early action« auszugestalten, besteht unter Friedens- und KonfliktforscherInnen breiter Konsens. Dabei mag es nützlich sein, die Ansätze, Methoden und Erfahrungen der Präventiv-medizin und auch der Kriminalprävention zu analysieren, um sie für die Verbesserung der Konzepte und Mittel friedenspolitischer Gewaltprävention einzusetzen.

Strategie ziviler Konfliktbearbeitung

Konflikte sind Urtatbestände des menschlichen (Zusammen-) Lebens, sie sind die Normalität im Alltag. Konflikte haben, wenn sie nicht gewalttätig und nicht unfair ausgetragen werden, eine Reihe positiver Funktionen. Dynamische Demokratien leben von Konflikten, die die »Fronten« klären, Alternativen zur Entscheidung stellen, Ideen generieren und die Anpassung der Menschen und Gesellschaften, Organisationen und Programme an die Veränderungen ermöglichen. Das Ziel kann also nicht darin bestehen, die Konflikte zu beseitigen, sondern Wege zu finden, um mit ihnen konstruktiv und vor allem gewaltfrei umzugehen.

Zivilisierung zielt darauf, Moral, Vernünftigkeit und Gewaltlosigkeit real werden zu lassen. Diese Wertedimensionen der Zivilisierung sind der zentrale Analysefocus der »Friedensethik«, die sich nicht nur mit den einzelnen Prinzipien und Werten (Frieden, Sicherheit, Freiheit etc.) befaßt, sondern vor allem Prozeduren und Kriterien für die Bewältigung von stets vorhandenen Wertkonflikten und immer wieder erforderlichen Güter- und Übelabwägungen erarbeitet.

Die nach wie vor dominierende Realismus-Schule der »Macht- und Militärlogiker« geht davon aus, daß Kriege eine letztlich nicht abschaffbare Form der Konfliktbearbeitung darstellen. Auch der angeblich neuen Sicherheitspolitik der NATO nach dem Ende des Ost-West-Konfliktes liegt das uralte Paradigma zugrunde, wonach Macht- und Interessenpolitik notfalls mit Hilfe von Militärgewalt (wenigstens im Sinne von Gegengewalt) gegen Aggressionen und rechtswidrige Widerstände durchzusetzen ist.

Dagegen argumentieren die »Zivil- und Friedenslogiker«, daß Militärgewalt generell nicht taugt zur Lösung politischer, ökonomischer, ökologischer oder kultureller Konflikte. Sie verschlechtert in der Regel nur deren langfristige, grundlegende und dauerhafte Befriedung, weil jede durch Gewalt erreichte Vorteilnahme oder erzwungene »Ordnung« zwangsläufig die Antriebe zu ihrer gewaltsamen Überwindung und Rückgestaltung in sich trägt. Mit modernen Waffen geführte Kriege kennen zudem keine echten Sieger und Helden, sondern ausschließlich Verlierer und Opfer.

Potentiell und tendenziell stehen militärische Gewalt und zivilisatorische Entwicklung in einem historischen Verhältnis strukturell-funktionaler Unvereinbarkeit. Diese zivil-militärische Inkompatibilität ist das Ergebnis des Industrialisierungsprozesses. Er hat einerseits die strukturelle Verwundbarkeit entwickelter Risiko-Gesellschaften bis zu ihrer Selbstgefährdung (z.B. durch Atom- und Chemieanlagen) bewirkt und andererseits zugleich eine existenzgefährdende Steigerung der Destruktivitätskraft militärischer Gewalt zur Folge gehabt. Auch die sog. (Bürger-) Kriege stellen einen kollektiven Selbstmord auf Raten dar.

Vor dem Hintergrund der globalen und epochalen Entwicklungen und Bedingungen mit ihren vor allem nicht-militärischen Risiken und Herausforderungen sind nationale Streitkräfte inzwischen zu »historical-lag«-Institutionen geworden. Sie weisen zunehmend mehr Merkmale von Dysfunktionalität auf, weil sie den neuen Erfordernissen von Schutz und Sicherheit aufgrund der veränderten, nicht-militärisch bedingten Risikoentwicklungen immer weniger gerecht zu werden vermögen.

Friedenstheoretisch betrachtet, liegt national organisierte Militärgewalt in vielerlei Hinsicht »quer« zum Zivilisierungsprozeß, die Diskrepanzen zwischen den »neuen« Risikobedingungen und den »alten« Militärapparaten sind offenkundig, und sie verschärfen sich. Nationale Streitkräfte stehen einer Internationalisierung, Kollektivierung und Zivilisierung der Friedenssicherung und -gestaltung tendenziell und potentiell im Wege. Je mehr Europa zu einer politischen Einheit zusammenwächst, desto paradoxer ist die Existenz nationaler Streitkräfte in Europa.

Fazit: Die existentiellen Gefährdungen von Sicherheit und Frieden, Entwicklung und Überleben können ursächlich nur mit Hilfe politischer Konzepte und Strategien entschärft bzw. bewältigt werden. Würde der Großteil der immensen Mittel und Energien, die noch immer für das Militär mit dem fixierten Blick auf den »Ernstfall« aufgewendet werden, für zivile Lösungen der vielfältigen Krisen und Konflikte eingesetzt, und das heißt, zur Beseitigung der ihnen zugrundeliegenden Ursachen verwendet, müßten die Krisen nicht mehr in ihren letzten, gewaltförmigen Auswirkungen militärisch bekämpft werden.

In der Regel besteht ein schiefes Verhältnis zwischen den Aufwendungen an Ressourcen (Kapital, Material und Personal), die für militärische (Schutz-) Aktionen oder Präsenz eingesetzt werden, und jenen, die für zivile (Hilfs-) Aktionen zur Verfügung gestellt werden. Überdies sind die Kosten für zivile Leistungen von Militärkontingenten, die sie in Konkurrenz zu gesellschaftlichen Hilfsorganisationen durchführen, nicht nur oft um ein Vielfaches höher, sondern in der Regel auch von geringerer Professionalität. Statt weiterer Aufwendungen für die Unterhaltung und Modernisierung nationaler (Über-) Rüstungen sind zuallererst deshalb neue politische, nicht-militärische Instrumente und Verfahren zur vorsorglichen Verhütung, Erkennung, Beilegung und Regelung von Konflikten sowie zur friedlichen, kooperativen internationalen Bearbeitung der neuen Risiken gefragt und zu »erfinden«.

Strategie nachhaltiger Friedensgestaltung

Neben der aktuellen Gewaltregulierung und der zivilen Konfliktregulierung sind – längerfristig gesehen – strukturelle Bedingungen erforderlich, damit nachhaltiger Frieden entsteht und erhalten bleibt.

Aufgrund einschlägiger Untersuchungen der Friedens-, Konflikt- und Gewaltforschung sind folgende Strukturen und Variablen von besonderer Bedeutung:

Tiefe Einschnitte in die sozialen Netze (Sozialabbbau) verschärfen die bestehenden Ungerechtigkeiten. Um den sozialen Frieden in einer Gesellschaft langfristig zu erhalten, ist ein hinreichendes Maß an Verteilungsgerechtigkeit bezüglich der zentralen Güter und Lebenschancen geboten.

Vision von einer Kultur des Friedens

Die Realisierbarkeit von Friedensvisi-onen ist in entscheidener Weise von den Kompetenzen der Akteure und deren Friedensfähigkeit abhängig. Friedens-wissenschaftlich ist auf der Handlungsebene vor allem zu untersuchen, wie es generell um die anthropologische (Aggressivitäts-) Ausstattung der Menschen bestellt ist und unter welchen gesellschaftlichen bzw. alltagsweltlichen Bedingungen und Entwicklungen es zur Einhegung oder aber zur Entladung aggressiver Potentiale in gewalttätiges Verhalten kommt. Von besonderer Relevanz ist dabei die Frage nach den Chancen und Möglichkeiten einer friedenspädagogischen Optimierung des Erlernens von Friedenskompetenzen. Dazu ist die Entwicklung einer Kultur des Friedens eine wesentliche Voraussetzung.

Von einer Kultur des Friedens kann konkret gesprochen werden, wenn die Kultur einer Gesellschaft durch folgende Merkmale charakterisiert ist:

Kurzum: Eine Kultur des Friedens ist gegeben, wenn die Menschen – die miteinander in Kontakt stehen – in der Lage sind, mit Konflikten auf friedvolle Art und Weise umzugehen.

Fazit: »Zivilität« setzt den Erwerb bzw. die Nutzung von generellen und speziellen Friedenskompetenzen voraus. Eine nachhaltige Zivilisierung der Einstellungsmuster und der Verhaltensweisen läßt sich allerdings nicht per Dekret verordnen, sondern sie ist nur in kommunikativen und demokratisierten Diskursverfahren und langwierigen Sozialisationsprozessen zu erlernen. Dabei können geeignete Techniken, Methoden und Programme zur konstruktiven Konfliktbearbeitung und Gewaltvermeidung wertvolle Hilfen geben. Dazu gehört u.a. auch eine konsequente Unterbindung jeglicher Formen kultureller Gewalt und der unreflektierten, kritiklosen Gewaltdarstellung, insbesondere der Gewaltverherrlichung in den Medien.

Westliche Kultur als globale Friedenskultur?

Das Zivilisationsmodell der Moderne, das den westlichen Gesellschaften in Varianten als Entwicklungsfolie dient, befindet sich in einer fundamentalen Krise des Übergangs. Es taugt nicht als Muster für die Gestaltung der Weltgesellschaft, sondern bedarf der kritisch-reflexiven Reformen und der Ausrichtung an zukunftsfähigen Friedensvisionen.

Die moderne Zivilisation abendländischer/westlicher Prägung ist janusgesichtig. Zieht man eine überschlägige Gesamtbilanz, so stehen den unbezweifelbaren Zivilisierungsgewinnen nicht übersehbare Zivilisierungsverluste gegenüber. Einerseits werden durch Demokratie, Gewaltenteilung, Rechtsstaat, Wachstum und Wohlstand zwar Gewaltpotentiale gezähmt und reguliert. Andererseits sind aber durch die Technisierung der Kriegsführung, die Erfindung der Massenvernichtungswaffen, die Konzentration der Macht, die kapitalistische Wirtschaftsweise und Ressourcenausbeutung und durch die Entwurzelung und Ausgrenzung großer Bevölkerungsteile die Destruktions- und Desintegrationspotentiale in bisher nicht bekannter Weise gesteigert worden. Der Erfolg der westlichen Zivilisation kehrt sich in der Spätphase mehr und mehr gegen sich selbst, so daß eine Implosion nicht mehr ausgeschlossen werden kann.

In ihrer Gesamtheit deuten die Krisenindikatoren darauf hin, daß sich in den entwickelten, westlichen Industriegesellschaften ein Systemwechsel vollzieht. Historisch betrachtet, weisen diese Symptome auf einen sich anbahnenden bzw. vollziehenden Epochenwandel hin. Insgesamt ist deshalb von der Einsicht auszugehen, daß eine fundamentale Hinterfragung und Überwindung des Paradigmas der westlichen Moderne dringend erforderlich ist. Das einst in Europa ersonnene Modell der Zivilisation hat sich zwar als konkurrenzlos dynamisch und erfolgreich erwiesen. Doch für die Gestaltung der Zukunft ist es nicht geeignet.

Vor dem Hintergrund europäischer (und vor allem deutscher) Geschichte (Kolonialismus, Weltkriege, Holocaust, Kapitalismus) und der gegenwärtigen Krise der Moderne haben die Europäer – und insbesondere die Deutschen – keine moralische Berechtigung, in der Attitüde eines Lehrmeisters oder Wegweisers aufzutreten. Angemessener ist eine Haltung der Offenheit und Toleranz, der Empathie und Akzeptanz gegenüber den anderen Kulturen. Gemeinsame Schnittflächen und Ankopplungen zwischen den Weltkulturen auszumachen, ohne die eigene Identität aufzugeben, wäre ein friedensstiftendes Konstitutionsprinzip für die Entwicklung einer zugleich flexiblen wie authentischen Multi-Identität.

Fazit: Das alte Modell der westlichen Moderne ist mitnichten der »Exportschlager« für die Befriedung der Welt, als der er von verschiedenen Seiten propagiert wird. Bevor ein Gesellschafts-, Politik- und Wirtschaftssystem als Folie für die Strukturierung der Weltgesellschaft dienen kann, ist es selbst einer kritischen Inventur und Reform zu unterziehen. Durch eine »Aufklärung der Aufklärung«, die deren Schieflagen und Fehlentwicklungen kritisch reflektiert und praktisch korrigiert, könnten Visionen und Optionen für den Aufbruch in eine »Zweite Moderne« gewonnen werden. Ein weiterführender Beitrag der Europäer zur Entwicklung einer globalen Friedenskultur ist nur aus der Einstellung und Sicht einer europäischen Selbst-Reflexivität zu leisten. Konkret bedeutet dies, Europa zu einer weitgehend demilitarisierten »Friedensmacht« umzugestalten, die eine konstruktive Weltpolitik zivilisierter, nicht-militärischer Friedensgestaltung zu ihrem Politikkonzept macht.

Die Thesen wurden für W&F sehr stark gekürzt. Sie erscheinen Mitte September in der Originalfassung mit umfangreichen Literaturangaben in den »Beiträgen zur Friedenswissenschaft« der IWIF und können für DM 4,- plus Porto bei der Redaktion angefordert werden.

Dr. Wolfgang R. Vogt., Dozent, Vorsitzender des Trägervereins von W&F

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