in Wissenschaft & Frieden 1998-2: Kinder und Krieg

zurück vor

Editorial

von Christiane Lammers

In den letzten Monaten gingen viele spektakuläre Nachrichten durch die Presse, die ein Gefühl vermittelten, daß wir uns »mit Recht« vor unseren Kindern zu schützen hätten: Kinder als brutale Täter, die mit Lust quälen, verletzen, schießen, töten, alle Grenzen des menschlichen Zusammenlebens überschreiten.

Schon werden die Konsequenzen aus der Angst gezogen: Kinderknäste werden eingerichtet, die altersmäßigen Begrenzungen der Strafgerichtsbarkeit herabgesetzt, Visumspflicht für ausländische Kinder eingeführt usw. usw. Der gesellschaftliche und staatliche Mechanismus ist immer derselbe: Härte und Ausgrenzung regieren die Politik.

Nicht nur in Hinblick auf die betroffenen Kinder ist dies fatal; die Reaktion verweist auf grundsätzliche Entwicklungen, die schon seit mehreren Jahren zu beobachten sind:

Statt Kinderinteressen vorrangig zu berücksichtigen, werden diese – bei knappen Kassen – immer weiter weg- und abgeschoben. Noch vor knapp 10 Jahren, am 29. November 1989, wurde im Rahmen der Feierlichkeiten zum 30. Jahrestag der Verabschiedung der »Erklärung der Rechte des Kindes« durch die Generalversammlung der Vereinten Nationen das »Übereinkommen über die Rechte des Kindes« verabschiedet. Dieses regelt relativ detailliert aber kaum einklagbar die Verpflichtungen der Vertragsstaaten gegenüber den Kindern. Nur einige Passagen aus dem Vertragswerk, das die Bundesrepublik am 26. Januar 1990 unterzeichnet hat, seien hier erwähnt: „… Die Vertragsstaaten treffen alle geeigneten Maßnahmen, um sicherzustellen, daß das Kind vor allen Formen der Diskriminierung oder Bestrafung wegen des Status, der Tätigkeiten, der Meinungsäußerungen oder der Weltanschauung seiner Eltern (…) geschützt wird (Art 2.2). (…)Bei allen Maßnahmen, die Kinder betreffen, gleichviel ob sie von öffentlichen oder privaten Einrichtungen der sozialen Fürsorge, Gerichten, Verwaltungsbehörden oder Gesetzgebungsorganen getroffen werden, ist das Wohl des Kindes ein Gesichtspunkt, der vorrangig zu berücksichtigen ist (Art.3.1).(…) Die Vertragsstaaten erkennen das Recht jedes Kindes auf einen seiner körperlichen, geistigen, seelischen, sittlichen und sozialen Entwicklung angemessenen Lebensstandard an (Art.27.1). (…) Die Vertragsstaaten stimmen darin überein, daß die Bildung des Kindes darauf gerichtet sein muß, a) die Persönlichkeit, die Begabung und die geistigen und körperlichen Fähigkeiten des Kindes voll zur Entfaltung zu bringen; b) dem Kind Achtung vor den Menschenrechten und Grundfreiheiten und den in der Charta der Vereinten Nationen verankerten Grundsätzen zu vermitteln; c) dem Kind Achtung vor seinen Eltern, seiner kulturellen Identität, seiner Sprache und seinen kulturellen Werten, den nationalen Werten des Landes, in dem es lebt, und gegebenenfalls des Landes, aus dem es stammt, sowie vor anderen Kulturen als der eigenen zu vermitteln (…) (Art 29.1).“

Angesichts heutiger Kinder- und Jugendpolitik, praktizierter Bildungs- und Familienpolitik, einer den Wachstumsmechanismen unterworfenen Wirtschafts- und Umweltpolitik, aber auch angesichts des gesellschaftlichen Klimas muß leider konstatiert werden, daß auch die Bundesrepublik noch weit davon entfernt ist, diese Rechte der Kinder tatsächlich realisiert zu haben.

Ihre Christiane Lammers

in Wissenschaft & Frieden 1998-2: Kinder und Krieg

zurück vor

weitere Informationen dieses Fenster ausblenden