in Wissenschaft & Frieden 1998-1: Gewaltverhältnisse

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Forschungsfreiheit oder versiegende Lust auf Technik

von Ernst Rößler

Nur wenige Jahre nach dem Ende des Kalten Krieges stellt sich das diffuse Gefühl ein, daß wir in einer fundamentalen Krise stecken. Auch wenn der Kapitalismus als Sieger aus dem Wettlauf der Systeme hervorging, blieb ihm nur wenig Zeit, dies gebührend zu feiern. Plötzlich tauchen – unter dem Schlagwort »Globalisierung« – düstere Wolken am Horizont der westlichen Industriegesellschaften auf.

Zum einen propagieren Neoliberale das internationale »Laissez faire«, fordern »Deregulierung« auf allen Ebenen, einen schlanken Staat, eine schlanke Fabrik und eine schlanke Universität. Sie verheißen einen weltweiten »Wohlstand der Nationen« durch einen globalen Wettbewerb. Zum anderen werden in Europa Millionen Menschen in die Arbeitslosigkeit entlassen. Es gibt immer mehr Arbeit für immer weniger Menschen. Die Renten und das Gesundheitssystem scheinen nicht mehr bezahlbar zu sein, und das Gespenst der Armut geht wieder um. Obwohl das Bruttosozialprodukt weiterhin zunimmt, wird die öffentliche Hand ärmer und ärmer. Immer weniger Geld bleibt für die Planung zukünftiger Entwicklungen; insbesondere schrumpfen die nationalstaatlichen Möglichkeiten. Es gilt nur noch, möglichst schnell »Strukturanpassungen« an internationale Sachzwänge vorzunehmen.

Kurz: Zu dem Gefühl, daß uns eine Krise erfaßt hat, daß nichts mehr so sein wird wie bislang, kommt das Gefühl der Ohnmacht. Doch Optimisten würden hier sagen, das ist genau jener Humus, der Neues gebiert!

Die Hochschulreform in den 70er und 90er Jahren

Unter diesen Randbedingungen ist es natürlich nicht verwunderlich, daß auch die Universität in ihrer bisherigen Form in Frage gestellt wird. Deshalb seien zunächst hierzu einige Gedanken geäußert, und zwar beginnend mit der Hochschulreform in den 70er Jahren. Diese Reformperiode war gekennzeichnet durch einen massiven Ausbau der Universitäten. Die Zahl der Studierenden erhöhte sich von 0.51<0> <>Mio. (1970) auf 1.85<0> <>Mio. (1994). Die Öffnung der Universitäten war sowohl von sozialen und partizipatorischen als auch von wirtschaftlichen Motiven geprägt. Der Modernisierungsprozeß der Wirtschaft verlangte nach neuen Bildungsreserven. Im Zuge der Studentenrevolte etablierte sich auch eine kritische Wissenschaft, die Selbstreflexion üben wollte. Die Gruppenuniversität wurde geschaffen, wenn auch letztendlich nur rudimentär, und die Potentiale für eine Zukunft sollten sich im Wettstreit unterschiedlicher gesellschaftlicher Interessen entwickeln.

Die Hochschulreform in den 90er Jahren ist dadurch gekennzeichnet, daß der Arbeitsmarkt insbesondere für Absolventen naturwissenschaftlicher Studiengänge gesättigt ist und daß eine verschärfte Konkurrenz um »Leistung« und »Qualität« national wie international entbrannt ist. Chronisch rückläufige Bildungsetats bestimmen die Hochschullandschaft, und dies hat schon seit langem in vielen Fächern zu einer Überlastung geführt. Weiterhin ist festzustellen, daß die Universitäten die Kraft verloren haben, Menschen zu versammeln, die mehr als nur eine Ausbildung wollen. Wer erwartet heute von der Universität noch Impulse? An den naturwissenschaftlichen Fakultäten zeigt sich ein weiteres Phänomen: Das Interesse an den Naturwissenschaften geht zurück. Es gibt immer weniger Studenten!

Ideen zur Reform der Universität haben Hochkonjunktur, und der Zustand der Universitäten wird in düsteren Farben gemalt: Er sei „verrottet“, „Humboldt in der Masse erstickt“, „Lethargie“ wird beklagt. Allerdings ist nicht klar, was die jeweiligen Autoren eigentlich meinen. Geht es um die technische Bewältigung der Überlast, oder geht es im Rahmen von gewagten Elitetheorien darum, daß die Begabungen in der Bevölkerung nicht gleich verteilt sind? Ist mit 11% eines Jahrgangs bessere Wissenschaft zu machen als mit 37%? Worin besteht die behauptete mangelnde Exzellenz unserer Forschung?

Vor dem Hintergrund der »Qualitätssicherung« ist die Universität als Dienstleistungsbetrieb, der seine Effizienz und Wirtschaftlichkeit steigern muß, um die Zuteilung von Ressourcen zu rechtfertigen, der sich ausprägende Trend. Schlagworte wie »Autonomie« und »Deregulierung« fallen überall. Von den demokratischen Gremien sollen Aufgaben auf die Universitätsleitung übergehen. Geplant ist eine Entpolitisierung der Entscheidungen. Die Reste der Gruppenuniversität sind hier nur noch störend, werden als »Deregulierungsdefizit« betrachtet. Nicht mehr Partizipation und Emanzipation, sondern die Ausrichtung an den Wünschen der Wirtschaft wie auch an denen eines »schlanken« Staates, stehen im Zentrum der Bemühungen. Studiengebühren werden diskutiert. So haben sich die Zeiten geändert: Wollte der Staat in den 70er Jahren noch das allgemeine Bildungsniveau anheben, soll sich heute jeder einzelne darum kümmern – und zahlen.

Der bislang geschützte Bereich der Universität wird infolge der geplanten Maßnahmen einer verstärkten Außenlenkung ausgesetzt; dies ist natürlich das Gegenteil von »Autonomie«. Auf allen Ebenen wird eine verschärfte Konkurrenz stattfinden, sowohl zwischen den als auch innerhalb der Hochschulen. Schon wird eine »Spaltung der Hochschullandschaft« (große gegen kleine Universitäten) befürchtet. Das marktwirtschaftliche Konzept für die Universität suggeriert wie jedes Marktmodell eine Gleichheit der Ausgangsbedingungen, die in Wirklichkeit jedoch nicht vorhanden ist. Es werden Ungleichgewichte verstärkt, die dann gerade der Motor der Effizienzsteigerung sind, die aber auch eine Menge Verlierer zurücklassen werden. So funktioniert unsere Wirtschaft! Bei wem kann man sich beklagen, wenn man aus marktwirtschaftlichen Gründen entlassen wird?

Gerät die Unabhängigkeit der Wissenschaft in Gefahr?

Aufgrund dieser Entwicklungen ist zu befürchten, daß das kulturelle Projekt der Naturwissenschaften nur unter großen Anstrengungen zu halten ist. Im Spannungsfeld von Technikfolgen, globalen Verwertungsinteressen und der Knappheit öffentlicher Mittel wird der Anspruch der Grundlagenforschung aufgerieben. Es wird immer weniger Instanzen für die Suche nach der Wahrheit oder weniger pathetisch ausgedrückt für eine unabhängige Expertise geben. Die Kategorien »wahr« oder »nicht wahr« werden sich in die Kategorien des Marktes, in »Haben« oder »Nichthaben«, verflüchtigen. Brauchen wir überhaupt noch eine »interessensfreie« Wissenschaft? Gehen wir einer »post-akademischen« Wissenschaft entgegen, die nicht mehr auf öffentliches Wissen zielt, sondern eine Privatisierung des Wissens propagiert?

Dazu können die Wissenschaftsorganisationen nicht schweigen. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) gibt eine Broschüre mit dem Titel »Forschungsfreiheit« (1996) heraus, und Repräsentanten außeruniversitärer Forschungseinrichtungen erheben einen Aufruf gegen den Niedergang der deutschen Forschung (1997). An diesen Aufrufen fällt auf, daß es in erster Linie nicht um die Wissenschaft geht, sondern um den Standort Deutschland. Zwar wird im Vorwort (W. Frühwald) der DFG-Broschüre angemerkt: „Der international zu beobachtende Trend, Wissenschaft und Forschung als bloße Wirtschaftsfaktoren zu betrachten, Wissen möglichst rasch und gewinnbringend in Eigentum zu verwandeln, statt die Möglichkeiten zur Entstehung neuen Wissens in den Freiheitswurzeln der Gesamtkultur eines Landes zu suchen, … sind nur Symptome dieses nicht zu unterschätzenden Entwertungsprozesses.“ Jedoch wird gleichzeitig beklagt: „eine nennenswerte biotechnische Industrie konnte in Deutschland … nicht enstehen.“ In beiden Sätzen geht es natürlich um völlig verschiedene Dinge – zum einen um vermeintliche wirtschaftliche Nachteile und zum anderen um die Unabhängigkeit der Wissenschaft!

Die DFG-Broschüre ist von verschiedener Seite kritisiert worden, und es soll kurz auf sie eingegangen werden. Ihr Ausgangspunkt ist, daß in Deutschland das Bewußtsein dafür geschwunden sei, „daß das Grundrecht auf Forschungsfreiheit durch die Rechtsordnung grundsätzlich nicht begrenzt ist, daß also jede Einschränkung dieses Verfassungsgebotes ihrerseits legitimiert werden muß.“ Festgestellt wird, daß Wissenschaft zum Überleben der Menschheit unentbehrlich sei, jedoch viele Menschen ihr mit Angst begegnen. „Gedeihen kann Forschung aber nur in einem Klima wenn schon nicht uneingeschränkter Akzeptanz, so doch wenigstens rationaler Aufgeschlossenheit.“ Forschungsbehinderung sieht die DFG z.B. bei der Kernenergie oder bei der Gentechnik sowohl in Form von Gesetzen als auch in Form von „Gruppen, die dazu neigen, normative Präferenzen als absolute Wertsetzungen zu betrachten, und unter Berufung auf diese rechstwidrige Gewaltaktionen durchführen … .“ Damit komme es zu „Wettbewerbsverzerrungen“ in der Forschung zu Lasten der deutschen Wissenschaft. Es folgen Empfehlungen der Art, daß der Gesetzgeber „Selbstbeschränkung“ üben und stattdessen die „Selbstkontrolle der Wissenschaft auf der Grundlage des Standesethos ihrer wissenschaftlichen Gesellschaften“ stärken sollte.

Die Grundhaltung dieser DFG-Broschüre ist selbstgerecht und dokumentiert ein Unverständnis öffentlicher Kritik gegenüber. Seitens ihrer Autoren gibt es praktisch keine berechtigten, »rationalen« Gründe, Mißtrauen gegenüber naturwissenschaftlicher Forschung zu haben. Insbesondere gibt es keinen Regelungsbedarf aus demokratischen oder humanen Gesichtspunkten. Man spürt deutlich, daß die Autoren wenig Lust verspüren, die durch die Anwendung z.B. der Gentechnik entstehenden ethischen Probleme auszutragen. Es fallen Sätze wie: „Ist jedoch das Risiko etwa der Gesundheitsgefährdung gering und abstrakt, wie bei der überwiegenden Mehrzahl aller gentechnischen Versuche, ist eine Einschränkung des Grundrechts der Forschungsfreiheit nicht gerechtfertigt.“ Fazit: Die Wissenschaft bzw. ihre Standesorganisationen scheuen die Öffentlichkeit und eine Diskussion über normative Konflikte wie der Teufel das Weihwasser. „Für die komplexen moralischen Probleme, die durch die von der Wissenschaft eröffneten neuen Handlungsmöglichkeiten entstehen, sollten wissenschaftliche Institutionen zuständig sein.“ Eine öffentliche Rechtfertigung der »Forschungsfreiheit« wird abgelehnt. Manch »alter Hut feiert wieder fröhliche Urständ«: So wird die aktuelle Konjunktur um »Effizienzsteigerung« von den Wissenschaftsverbänden dafür genutzt, den Spielraum einer selbstbezüglichen Bewertung durch die »scientific community« zu erweitern.

Wir sind kurz davor, Eugenik- oder gar Euthanasie-Programme aufzustellen, und eine beträchtliche Anzahl von Wissenschaftlern möchte am liebsten die soziale Frage mit Hilfe der Wissenschaft lösen. So glauben viele, daß das Studium der Erbeigenschaften weit mehr Erkenntnisse zu Tage fördern und damit Manipulationsmöglichkeiten eröffnen wird als das Studium der sozialen Verhältnisse. Der Kriminalität möchte man mit medizinischen Mitteln zu Leibe rücken. Und das sollen wir einer kleinen Gruppe von Leuten überlassen? Damit würde man den Bock zum Gärtner machen! Ganz abgesehen davon, daß Deutschland damit schon die schlimmsten Erfahrungen gemacht hat. Hier ein Beispiel: Nobelpreisträgers J. Watson hat sich dafür ausgesprochen, daß Eltern die Möglichkeit für eine Abtreibung erhalten sollten, wenn sich mit einer Genanalyse bei dem Ungeborenen die Anlage für Homosexualität feststellen lasse.

Erstaunlich sind die Äußerungen der Wissenschaftsorganisationen angesichts der weltweit sich auftürmenden Probleme, die ja gerade eine Politisierung und demokratische Legitimation vieler Entscheidungen notwendig machen. Die Rekrutierung unabhängiger Experten, wie wir sie für die Bewältigung der Zukunft benötigen, ist nicht das Anliegen der DFG-Broschüre! Die Gefahr für die Freiheit der Wissenschaft, wie sie heute durch den Anwendungsdruck entsteht, wird eben nicht diskutiert – außer kurz im Vorwort.

Ca. 400 Jahre nach Galilei hat die Naturwissenschaft es geschafft, sich mit ihrem unbedingten Willen zum wissenschaftlichen Fortschritt in Konflikt mit den Wünschen vieler Menschen zu bringen. Ihre Vertreter überreagieren auf jegliches Ansinnen, der Wissenschaft in die Karten zu schauen. Welch merkwürdiger Rollentausch: Zu Galileis Zeiten wollten die Pfaffen nicht ins Fernrohr schauen, heute fürchtet die Wissenschaft den Kontakt mit der Öffentlichkeit! Die beklagte Irrationalität ist bis ins Zentrum der Wissenschaft vorgerückt, und die Wissenschaft entpuppt sich damit als mehr oder weniger würdige Nachfolgerin der Kirche.

Alternative Wissenschaft ?

Wie kann es also weitergehen, wenn sich die Wissenschaft schmollend in die Ecke der vermeintlichen Wertfreiheit verkriecht bzw. mit den Mächtigen dieser Welt kollaboriert und auf die Durchsetzung des »wissenschaftlichen Fortschritts« pocht? Manch ein klassischer Wissenschaftler wird dann von der »wahren Forschungsfreiheit«, der »objektiven Erkenntnis« und der »Neutralität der Wissenschaft« sprechen, und es gelte die Wissenschaft vor dem Verwertungsdruck zu schützen, eben die Universität als geschützter Raum. Dem entspricht die traditionelle Auffassung, daß Wissenschaft und Technik zu unterscheiden seien. Doch spätestens, wenn die Wissenschaft zur Machenschaft wird, wenn sie die Welt verändern will – und wie ich glaube, wollte sie dies von Anbeginn – gibt es keine Objektivität mehr. Die Machtnähe der heutigen Wissenschaft erfordert mehr als Objektivität, sie verlangt nach Kontrolle.

Zusätzlich zur gesellschaftlichen Kontrolle wird von kritischer Seite eine Selbstkritik der Naturwissenschaft gefordert, eine »alternative Wissenschaft« soll entstehen. Zitiert wird G. Picht: „Eine Wissenschaft, die die Natur zerstört, kann keine wahre Erkenntnis der Natur sein.“ Wahrheit muß auch ethisch qualifiziert werden. So schreibt H.-J. Fischbeck: „daß es eine intrinsische Wissenschaftskritik gibt, die wieder zugelassen werden muß, nachdem Ethik in der Aufklärung aus guten Gründen aus der Naturwissenschaft verbannt wurde.“ Um es aber gleich zu sagen: Ich halte diese Forderung nach normativer Naturerkenntnis, d.h. nach einer Wiederverbindung – wie in der Antike – von objektiver Geltung und moralischen Ansprüchen im Begriff der Erkenntnis als wenig erfolgversprechend, wenn nicht sogar gefährlich, läuft sie doch Gefahr – so wie in den Ländern des einstigen Ostblocks geschehen – einem autoritären Wissenschafts- und Gesellschaftssystem Vorschub zu leisten.

Das technologische Potential der Wissenschaft

Auch wenn die Wissenschaft ein gesellschaftliches Teilsystem mit relativer Autonomie geschaffen hat, in der es um zweckfreie Theoriebildung und Selbstbezüglichkeit der Wissenschaft geht, kann die Wissenschaft mit der heutigen, enormen finanziellen Unterstützung nicht mit einem kulturellen Bedürfnis (z.B. der ewigen Neugier des Menschen) begründet werden, sondern nur mit dem technologischen Potential der Forschung (vgl. W. von den Daele). Dieses Potential kann aber nur zum Zuge kommen, wenn ein Interesse an Technik besteht. Mit anderen Worten: Die wissenschaftliche Produktion technischer Möglichkeiten ist nur dann wertvoll, wenn man von einem technischen Zeitalter ausgeht, wenn wir also die bürgerliche Gesellschaft mit ihrer Leistungsethik, Technikgläubigkeit und Fortschrittserwartung voraussetzen. Nur mit Hilfe der Technik konnten die Raubzüge der Moderne durchgeführt werden. Dies ist der wesentliche Grund, warum wir Naturwissenschaftler so verwöhnt wurden.

Fortschrittserwartungen trieben vielleicht schon die Begründer der modernen Wissenschaft um. So schreibt F. Bacon (1627): „Der Zweck unserer Gründung ist es, die Ursachen und Bewegungen sowie die verborgenen Kräfte der Natur zu erkennen und die menschliche Herrschaft bis an die Grenzen des überhaupt möglichen zu erweitern.“ Offenbart sich hier nicht ein mittelalterliches Erbe, genauer ein religiöser Impuls? Die Kluft zwischen dem Ideal einer göttlichen Welt und der Wirklichkeit auf Erden sollte verringert werden. Ja vielleicht soll der Mensch überhaupt mit Hilfe seiner Technik erlöst werden. Hier stoßen wir auf einen irrationalen Impuls vieler Wissenschaftler: ihr unbedingter Wille zur Technik als Möglichkeit zur Überwindung der vermeintlichen menschlichen Begrenztheit. Naturwissenschaftler sind meist »politische Schwärmer«! Wie die Religion verheißt die Technik eine Befreiung von den weltlichen Nöten. Diese „in der Technik liegende Triebkomponente“ (A. Gehlen) macht ihre Tiefenwirkung aus.

Die letzten Jahrhunderte sind von politischem Eifer gezeichnet, die Welt nach unseren Plänen zu verändern. Und gerade greifen die Biowissenschaften nach neuen Sternen: Ersatzteillager für den Menschen, Mensch-Maschine-Kopplungen und »artificial life« von Softwaresystemen werden konzipiert. Eine rekombinierte Schöpfung wird neue biologische »Systeme« auf der Erde erzeugen. Die Trennung des menschlichen Geistes von seinem biologischen Substrat wird diskutiert. Kurz: das ewige Leben scheint greifbar nah, und eine Entwicklung zum Transhumanen hat eingesetzt.

Von Anfang an ging es der Moderne darum, die Welt dazu zu zwingen, eine andere zu sein, als sie ist. Die Vernichtung des Bestehenden ist das Programm der Moderne, und die Naturwissenschaften sind dafür eine phantastische Hilfe. Ohne Zwang, ja Gewalt ist die Moderne nicht denkbar. Also: Mit dem weltweiten Siegeszug der technischen Veränderung der Welt, mit der »Rundumverteidigung« der Naturwissenschaftler, dem global operierenden Kapitalismus, offenbart sich der eigentliche Charakter der Moderne.

Versiegende Lust auf Technik

Was aber nun, wenn die Gesellschaft ihr Interesse an der Technik verliert? Vielleicht ein etwas merkwürdiger Gedanke, insbesondere wenn es vordergründig nicht danach aussieht? Könnte es sein, daß jene psychische Energie im Zentrum des neuzeitlichen Menschen versiegt, die ihn veranlaßt hat, besessen die Welt zu verändern und dafür zu sorgen, daß das Bisherige, das Unpassende oder das Wilde gefälligst verschwindet?

Welche Gründe könnten die Gesellschaft veranlassen, nicht mehr alles auf die eine Karte »Technisierung« zu setzen? Ich möchte hier zunächst die Schlagworte »Moderne« und »Postmoderne« aufnehmen und Gedanken von Z. Bauman folgen, ist doch der Niedergang der klassischen Wissenschaft eingebettet in die Kultur der Postmoderne.

Postmoderne: Abschied von der »gesetzgebenden Vernunft«

„Postmoderne ist ein Freibrief, zu tun wozu man Lust hat, und eine Empfehlung, nichts von dem, was man selbst oder was andere tun, allzu ernst zu nehmen“ (Bauman). Unter den Bedingungen der Postmoderne kommt dem Menschen v. a. die Rolle als Konsument und Spieler zu. Mit anderen Worten: Der Genußtrieb bzw. das einst gefährliche Lustprinzip wird zum Motor des Wirtschaftens. Das Streben nach Vergnügen wird angespornt durch die ständige Verführung des Marktes. War in der Moderne noch eine »gesetzgebende Vernunft« damit beschäftigt, einem Staatsapparat zu dienen, haben heute die Marktkräfte jegliches Interesse an verbindlichen Wahrheiten verloren. Mit dem Zusammenbruch des Kommunismus ist der letzte Versuch gescheitert, mit Hilfe einer »gesetzgebenden Vernunft« den Menschen den Weg zu weisen. Endlich kann es keinen erhobenen Zeigefinger des neuzeitlichen Europäers mehr geben. Positiv formuliert: Die postmoderne »interpretierende Vernunft« geht von der Hybris zur Besonnenheit über, d.h. die Philosophie erkennt z.B. an, daß das, „was für manche besser sein mag, für andere fast mit Sicherheit schlechter ist, daß das Glück einiger auf dem Elend von anderen beruht“ (Bauman). Mit der Postmoderne sind die großen »Wahrheitskonzepte« überholt; dies ist auch die eigentliche Ursache für die Krise der Universität.

Jenseits von mittelalterlichem Offenbarungsglauben und jenseits von aufklärerischen Traditionen geht das postmoderne Individuum seiner Lieblingsbeschäftigung nach, der Selbstkonstruktion, der Selbstinszenierung. Der Erwerb von Distinktion ist das Ziel, und das politische und kulturelle Leben ist durch Produktion und Verteilung von öffentlicher Aufmerksamkeit bestimmt. In dieser Welt ist das Ethos des Wissenschaftlers nur noch ein Anachronismus. Er ist der letzte Mohikaner der Moderne und seine Auslassungen zum Thema »Forschungsfreiheit« haben deshalb auch etwas Rührendes. Träumt er doch von jenen glücklichen Tagen, als die Wissenschaft noch glaubte zu wissen, wo es lang geht.

Die Postmoderne ist ein Fortschritt und eine zwangsläufige Folge der Moderne – und Wissenschaft und Technik werden natürlich nicht überflüssig werden. Ganz im Gegenteil: Die Postmoderne benötigt die Technik, um jene Ressourcen zur Verfügung zu stellen, die der von allen Beschränkungen befreite Konsum benötigt. „Die Energien, die von den um Symbole rivalisierenden freien Individuen freigesetzt werden, steigern den Bedarf nach Produkten der kapitalistischen Industrie in immer schwindelerregendere Höhen …“ (Bauman). Die Technik muß diesen scheinbar unendlichen Kreislauf unterhalten, in dem sie enorme Mengen an Energie zur Verfügung stellt und die Abfallprodukte möglichst unsichtbar verschwinden läßt. Andererseits hat sich in der Postmoderne mit dem zu sich selbst gekommenen Kapitalismus die »gesetzgebende Vernunft« vom Politischen auf den Markt verlagert. Der Zwang der Moderne findet sich in den Anforderungen und Versuchungen des Marktes wieder. Die Gewaltausübung setzt sich also fort. Und die vom Markt angetriebene Technisierung erscheint mehr denn je als unbewußte Zielsetzung des Menschen. So schreibt V. Flusser mit Blick auf die neuen Medien: „Wer gegenwärtig politisch im Sinne der hergebrachten Kategorien denkt und etwa meint, daß Technik politisch neutral sei, geht an der gegenwärtigen Kulturrevolution vorbei.“

Jenseits der Postmoderne

Auch die Postmoderne mit ihrem globalen Kapitalismus und ihrer »technologischen Aufladung« setzt eine unendliche Welt voraus. Angesichts der sich abzeichnenden Überlebenskrise der Menschheit wird jedoch diese Epoche von kurzen Lebensdauer sein. Wir stoßen an die Grenzen des Lustprinzips; auf irgendeine Weise wird sich das Realitätsprinzip wieder Gehör verschaffen. Ich möchte zum Abschluß einige Gründe erwähnen, die ein versiegendes Interesse an Technik wahrscheinlich bzw. wünschenswert erscheinen lassen.

Technische Probleme sind insofern trivial, als es um die Zerlegung der Wirklichkeit in einfache Ursache-Wirkung-Beziehungen geht. Die menschliche Wirklichkeit ist jedoch eine Vernetzung vieler solcher Kausalketten, und die lassen sich nicht mehr auseinanderdröseln (vgl. H.-P. Dürr). Der Wunsch die Zukunft zu planen, wird auch im 21 Jahrhundert eine Illusion bleiben, die »Schrecken der Geschichte« kehren zurück. Angesichts der Rückwirkungen der Veränderungen, die der Mensch mit seiner Technik auf der Welt erzeugt, wird immer deutlicher, daß die Wissenschaft keine Problemlösungskompetenz hat. Mit anderen Worten: Wenn die Folgen durch die Nebenfolgen durchkreuzt werden, offenbart sich das Waterloo des technischen Verstands. Dies ist natürlich die späte Folge jener »Objektivierung der Welt«, von der das Experiment und damit die naturwissenschaftliche Erkenntnis lebt: Die Trennung von Subjekt und Objekt. Der Schritt von einer so gewonnenen Erkenntnis zum Machen ist angesichts der Begrenztheit dieser Erkenntnis ein nicht begründbarer Schritt.

Wir haben fast fünf Millionen Arbeitslose, und die traditionellen Konzepte von Beruf und Arbeit, die für das Selbstverständnis des modernen Menschen so wichtig sind, werden einen erheblichen Wandel erfahren. Die Lösung dieser Probleme kann nicht im „Paradigma der Industriegesellschaft gelingen“ sondern „was wir brauchen, sind soziale Innovationen vom Kaliber der bisherigen technischen.“ (H.G. Danielmeyer). Eine erstaunliche Feststellung eines technischen Physikers.

Die ständig zunehmende Innovationsgeschwindigkeit führt zu einer zunehmenden Verknappung der Zeit und einem sich steigernden Leistungsdruck. Dies führt an biologische Grenzen, sofern wir den Menschen nicht biologisch »härten«, sprich genetisch »verbessern« wollen. Wenn ich mich umschaue, sehe ich nur den »Wettlauf der Besessenen«. Nichts scheut offensichtlich der moderne Mensch mehr als die Ruhe, in der er nachdenken könnte. Alles muß schneller gehen. Der vermeintlichen Macht der Fakten folgen alle in blindem Gehorsam – und unsere technokratischen Eliten verkaufen dies als Fortschritt. Die gewaltsame Veränderung der Welt mit Hilfe der Technik verschlingt den Sinn des Lebens! Streben wir die Bewußtlosigkeit an?

Der von den Menschen in den letzten Jahrhunderten in Gang gesetzte Energieverbrauch ist ökologisch nicht nachhaltig. Auch die viel gepriesene Globalisierung ist es nicht. Ein Produkt einmal um die Erde zu schiffen, nur um Standortvorteile auszunutzen, ist nur möglich, wenn wir die Transportkosten externalisieren, d.h. die Kosten der nächsten Generation aufhalsen. Wir verursachen Klimaveränderung, deren Folgen nicht zu überblicken sind. Kurz: Wir können uns den technischen Fortschritt nicht mehr leisten. Dies wird auch deutlich, wenn man die Kosten unseres Gesundheitssystems betrachtet. Es wird unendlich viel Geld kosten, das ewige Leben zu verwirklichen. Ganz abgesehen davon, daß wir dann diskutieren müßten, wie nah ein jeder (arm oder reich) ihm kommen darf.

Das sind einige Gründe dafür, warum das Interesse an Technik zurückgehen wird. Die meisten Naturwissenschaftler versperren sich diesen Anzeichen – mit der wahrscheinlichen Folge, daß es zu einer massiven »Expertenvertreibung« kommen wird.

Epilog: Ein Leben ohne Götter

Der heutige Mensch versäumt sein Leben. Die Technik ist ein Mittel für die Flucht vorm Leben. Aus Angst vor dem Sterben entscheiden wir uns für das Unbelebte, gegen das stets vergängliche Leben. Womit beschäftigt sich das moderne Leben? Um mit W. Siebeck (Stichwort: gutes Kochen) zu sprechen: „Mit Lesen von Gebrauchsanleitungen und mit Blutdruckmessen.“ Oder mit K. Jaspers: „Das Denken unserer Zeit orientiert sich überall, auch wo nichts mehr zu »machen« ist, am »Machen«.“ Im Totalwerden der Technisierung triumphiert der nichtsprachliche Zugang zur Welt – Kritik kann nicht mehr greifen. Ohnmächtig geworden schmiegt sich der Mensch an seine Artefakte und vollendet den Zweck der Technisierung: die Befreiung der Kreatur vom Bewußtsein (vgl. A. Hutter).

Die neuzeitliche Geisteshaltung in Form des naturwissenschaftlichen Denkens und der kapitalistischen Gesinnung funktioniert lokal, eröffnet aber immer neue, globale Sachzwänge. Aber „die Zukunft hängt von unseren Leidenschaften ab, nicht von unseren Berechnungen.“ (D. de Rougemont) Dies nicht zu sehen, ist der fundamentale Irrtum der Naturwissenschaftler. Die Neutralität des wissenschaftlichen Sachverstandes ist eine Fiktion, so wie es auch keine neutralen Werkzeuge gibt. Die ökologischen Folgen dieser Haltung werden den Traum der Neuzeit jäh beenden.

Noch einmal Rougemont: „Der Sieg der Technik ist ein Pyrrhussieg. Er gibt uns eine Freiheit, derer wir nicht mehr würdig sind. Indem wir sie erwerben, verlieren wir, durch die Bemühung um sie, gerade die Kräfte, die sie uns wünschen ließen…. In dem Moment, in dem er die Ziele, die seine Zivilisation seit beinahe zwei Jahrhunderten verfolgt, erreicht, wird der Mensch des Abendlandes von einem sonderbaren Unbehagen gepackt. Es blitzt der Verdacht auf, daß in seinen Zielen vielleicht eine grundlegende Absurdität steckte… Eine ganze Epoche hat sich geirrt.“

Die Zukunft braucht also keine Naturwissenschaft bzw. wer die Naturwissenschaft retten will, muß auf die heutige Technisierung verzichten, und wer die Zukunft gewinnen will, muß ganz andere Wege gehen. Vor diesem Hintergrund bekenne ich mich zu einer Technikfeindlichkeit. Am Ende des zweiten Jahrtausend nach Christi steht uns ein großer kultureller Umbruch bevor: human zu sein ohne Hilfe von Göttern, endlich am Ende einer langen Zeit großer und schmerzreicher Verirrungen.

Dr. Ernst Rößler ist Professor für Experimentalphysik an der Universität Bayreuth und Mitglied des Beirates der Naturwissenschaftler-Initiative.

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