in Wissenschaft & Frieden 1998-1: Gewaltverhältnisse

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Leitbilder der Naturwissenschaft

von Klaus Michael Meyer-Abich

Das wissenschaftliche Erkenntnishandeln beeinflußt den Austrag der gesellschaftlichen Konflikte so, als wenn während eines bereits im Gang befindlichen Spiels die Spielregeln geändert, also z.B. neue Züge erlaubt würden. Im Fall eines Spiels wird dies in der Regel zum Vorteil einiger und zum Nachteil anderer Spieler sein, also die Gewinnchancen der Beteiligten verändern. So ist es auch in der Politik, wenn durch die Wissenschaft auf einmal neue Erkenntnisse in die Welt gesetzt werden, welche die Formen des Austrags der jeweils bestehenden Konflikte verändern. Typische Beispiele sind die Entdeckung der Atomkernspaltung vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs und die Entdeckung der Mikroelektronik nach dem Krieg.

In der wissenschaftlich-technischen Welt ist die Entwicklung der Wissenschaft die entscheidende Determinante dafür, wie wir in Zukunft leben werden, ist also viel politischer als alles, womit unsere Regierungen sich sonst beschäftigen. Demokratie und Wissenschaft passen deshalb nur insoweit zusammen, wie auch Wissenschaft und Technik in die politische Verantwortung eingebunden sind. Sie sind es bisher nicht hinreichend. Es fragt sich also, wie Wissenschaft und Technik künftig in die politische Verantwortung eingebunden werden könnten, damit die Wissenschaft sich mit der Demokratie verträgt.

Wo aber liegen die politischen Dimensionen des wissenschaftlichen Erkenntnishandelns? Wenn ich mich hier zuerst den unmittelbaren Akteuren zuwende, den Wissenschaftlern, so soll damit nicht gesagt sein, die politische Verantwortung für die Wissenschaft sei im wesentlichen die der Wissenschaftler, denn es gibt in Zeiten der öffentlich gewollten und finanzierten Wissenschaft gleichermaßen eine Verantwortung der Öffentlichkeit für diesen gesellschaftlichen Akt Wissenschaft. Was daran politisch ist, wird sich aber doch am ehesten zeigen, wenn man auf das Wissenschaften als ein erkenntnisbezogenes Handeln blickt, und dessen unmittelbare Subjekte sind nun einmal die Wissenschaftler.

Wo zeigt sich der politische Kern der Wissenschaft im Handeln der Akteure? Die wissenschaftliche Tätigkeit besteht grundsätzlich aus drei Phasen:

In der Öffentlichkeit werden im allgemeinen nur die Ergebnisse der wissenschaftlichen Arbeit als Wissenschaft wahrgenommen. Dementsprechend richtet sich auch die Frage nach der Verantwortung des Wissenschaftlers meistens auf die Ergebnisse und ihre Anwendungen. Von dieser Seite her muß man aber zunächst überlegen, wieweit der Wissenschaftler für die Anwendungen überhaupt verantwortlich ist. Dabei kann immer nur herauskommen, daß er allenfalls eine Mitverantwortung im Rahmen der Gesamtverantwortung für die gesellschaftliche Umsetzung seiner Ergebnisse hat, die er sich mit den daran beteiligten Ingenieuren, Ökonomen, Militärs, Politikern etc. teilt. So waren z.B. die Entdecker der Kernspaltung mitverantwortlich für die Atombombe und ihren Einsatz, aber in dieser Mitverantwortung zeigt sich nicht ihre besondere Verantwortung für das, was sie und nur sie getan haben. Denn sie haben ja eigentlich nur bestimmte Ergebnisse in die Welt gesetzt, und was soll daran politisch, also zu verantworten gewesen sein?

Im wesentlichen auf die Ergebnisse zu blicken ist auch deshalb irreführend, weil die Verantwortung für ein Handeln immer nur so weit reicht, wie es ein freies Handeln ist. Zwar wird die Verantwortung der Wissenschaftler manchmal als eine Begrenzung ihrer Freiheit empfunden, aber das ist ein Mißverständnis. Manche Wissenschaftler pflegen dieses Mißverständnis und interpretieren die Wissenschaftsfreiheit als einen verantwortungsfreien Raum. Freiheit ist jedoch niemals so zu verstehen, daß man tun kann, was einem gerade so paßt, sondern Freiheit impliziert Selbstverantwortung. Wo ich gezwungenermaßen etwas tue oder anderweitig gar nicht anders handeln kann als ich handle, reicht meine Verantwortung allenfalls so weit, wie ich es selbst zu verantworten habe, in diese Zwangslage geraten zu sein. Zumindest eine unmittelbare Verantwortung für das betreffende Handeln habe ich jedoch nicht, wenn ich gar nicht anders handeln konnte. Gerade so aber steht es zumindest in den Naturwissenschaften mit den wissenschaftlichen Ergebnissen. Denn wenn ich einmal entschieden bin, etwas Bestimmtes wissen zu wollen, kann es zwar passieren, daß ich das Ergebnis nicht finde; wenn ich es aber finde, kann nur eines das Richtige sein, d.h. jenseits der gestellten Frage gab es eigentlich keine Freiheit mehr, dieses oder jenes herauszubekommen. Für das Ergebnis als solches gibt es, wenn die Frage einmal feststeht, insoweit keine besondere Verantwortung.

Dies ist nun auch bereits für die Phase 2, die Beantwortung der gestellten Frage, d.h. für die eigentliche wissenschaftliche Arbeit gesagt. Allerdings gibt es anscheinend zunehmend auch den Fall, daß ein wissenschaftliches Ergebnis gefälscht wird, also gar kein Ergebnis ist. Hier wird die Wahrhaftigkeit verletzt, die zu wahren eine spezifische Verantwortung der Phase 2 ist. Diese Verantwortung aber kann wiederum nicht die gesuchte politische sein, denn die Freiheit zur Fälschung von Ergebnissen hat wohl keine besonderen politischen Folgen. Zumindest kenne ich kein Beispiel dieser Art und kann mir auch keines vorstellen.

Im Erkenntnishandeln des Wissenschaftlers kann die Freiheit, deren Gebrauch politische Folgen hat, also allenfalls in der Phase 1 auszumachen sein, das aber ist in der Tat der Fall. Dieses wissen zu wollen und jenes nicht, also dieser Frage nachzugehen und jener nicht, ist eine im strengen Sinn politische Entscheidung des Wissenschaftlers, wenn davon Lebensverhältnisse abhängen. Zwar ist nicht jeder einzelne Wissenschaftler frei, gerade das zu erforschen, was er möchte. Zumindest gruppenweise aber besteht diese Freiheit durchaus.

Nun sagt man, die durch das wissenschaftliche Erkenntnishandeln zu beantwortenden Fragen seien »wissenschaftliche« Fragen. Sind aber die Fragen genau so wissenschaftlich wie die Ergebnisse, mit denen sie beantwortet werden? Sind z.B. beide gleichermaßen richtig oder falsch? Wissenschaftliche Ergebnisse sind normalerweise in dem Sinn richtig, daß die gegenteilige Antwort falsch wäre. Wie aber steht es mit den Fragen? Sind auch sie entsprechend zu bewerten, und lassen sie sich daraufhin überprüfen?

Betrachten wir beispielsweise das Fallgesetz. Es ist im Rahmen der klassischen Physik und unter den jeweiligen Spezifikationen, z.B. im Vakuum, zweifellos richtig. Wie richtig aber war der Gedanke, das Fallgesetz wissen zu wollen? Was hätte Galilei in einem Antrag an die Italienische Forschungsgemeinschaft oder ein Forschungsministerium, wenn es dergleichen damals gegeben hätte, geltend machen können, um Personal- und Sachmittel zur Erforschung des freien Falls von Körpern im Gravitationsfeld zu akquirieren? Das Fallgesetz gilt zwar, wie man so sagt, immer auch beim Blumengießen. Hier aber ist es eigentlich uninteressant, sozusagen nicht wissenswert. Dafür hätte es schwerlich eine Finanzierung gegeben. Anders ist es, wenn man mit Kanonen schießen will, denn dann gilt es Ziele zu treffen, also die Bahn des Geschosses im Schwerefeld zuvor abschätzen zu können, und dazu braucht man das Fallgesetz. Dies ist der typische Fall des technisch-wissenschaftlichen Interesses, nämlich die Kanonenkugel in einer erlernbaren und möglichst mühelosen Weise so fliegen zu lassen, daß sie einmal abgeschossen von alleine ins Ziel kommt. Zur Beantwortung dieser Frage wäre Galilei sein Forschungsantrag wohl auch damals schon genehmigt worden, zumal nach den ebenfalls waffentechnisch orientierten Vorarbeiten von Tartaglia.

Wie richtig, wie gut oder wie sinnvoll aber war es, die Frage beantworten zu wollen, auf die mit dem Fallgesetz eine richtige Antwort gefunden worden ist? War es richtig, schießen und dazu wenn schon geschossen werden soll: sinnvollerweise die Geschoßbahnen vorausberechnen zu wollen? Man sieht: Die Richtigkeit der Antwort enthebt uns nicht der Überlegung, ob es auch eine richtige, gute oder berechtigte Frage gewesen ist, auf die hier eine richtige Antwort gefunden wurde. Beides ist unabhängig voneinander zu beurteilen. Während die Antworten auf ihre Richtigkeit überprüfbar sind, bleibt hinsichtlich der Fragen eine deutliche Unsicherheit. Zwar werden in der Regel nur diejenigen Fragen beantwortet, an deren Beantwortung ein Interesse besteht; Interessen geltend zu machen aber bedarf grundsätzlich einer Legitimation.

Dabei ist nicht zu erwarten, daß wissenschaftliche Fragen wiederum wissenschaftlich zu rechtfertigen sind. Wie richtig das Fallgesetz ist und ob es wissenswert ist, ob es also wissenschaftlich interessant und wünschenswert zu wissen ist, sind zwei ganz verschiedene und nicht in gleicher Weise zu beantwortende Fragen. Die Ergebnisse sind wissenschaftlich zu beweisen oder wenigstens zu begründen, die Fragen aber lassen sich nur dadurch rechtfertigen, daß ein Interesse an ihrer Beantwortung besteht. Im wissenschaftlichen Erkenntnishandeln wird in Worten von Max Weber immer schon vorausgesetzt, „daß das, was bei wissenschaftlicher Arbeit herauskommt, wichtig im Sinn von »wissenswert« sei. Und … diese Voraussetzung ist nicht wieder ihrerseits mit den Mitteln der Wissenschaft beweisbar“ (Weber 1919, 599). Man möchte etwas wissen, aber warum? Anscheinend sind auch in der Wissenschaft letztlich Wünsche die Väter und Mütter der Gedanken. Die Wissenschaft ist sozusagen nicht so wissenschaftlich wie ihre Ergebnisse.

Was also rechtfertigt eine wissenschaftlich zu beantwortende Frage? Wo Sozialwissenschaftler sich mit den Motiven beschäftigt haben, deretwegen bestimmte Erkenntnisse für wissenswert gehalten worden sind, haben sie dafür in der Regel persönliche, politische oder ökonomische Interessen namhaft gemacht. Interessen sozioökonomischer Art aber können noch nicht das letzte Wort sein, wenn eine wissenschaftliche Frage gerechtfertigt werden soll, denn nicht alle Interessen setzen sich durch. Soviel ich sehe, gibt es in aller Vielfalt des wissenschaftlichen Erkenntnishandelns ein gemeinsames Leitbild, das nicht wiederum wirtschaftlich, sondern eher religiös motiviert ist. Ich meine die Sicherheit als ein in der neuzeitlichen Naturwissenschaft erkenntnisleitendes Ziel, nämlich die Sicherheit vor der Natur.

Ich kann diesen Gedanken hier nur kurz andeuten und beschränke mich zur Erläuterung auf drei Belege, einen wissenschaftsgeschichtlichen, einen allgemeingeschichtlichen und einen legitimatorischen.

Galilei begründete sein Plädoyer für die mathematische Naturwissenschaft im »Dialogo« damit, daß wir durch Mathematik Einsicht in die Notwendigkeit und somit göttliche Erkenntnis der Naturvorgänge gewinnen, über die hinaus es wohl keine größere Sicherheit geben kann (comprendere la necessità, sopra la quale non par que possa esser sicurezza maggiore; 1632, VII 129). Tatsächlich geht es in der Naturwissenschaft immer um die Einsicht in Kausalitäten, deretwegen etwas notwendigerweise geschieht. Es ist aber ja eigentlich nicht notwendig, sondern eher etwas zwanghaft, sich in allem Geschehen ausgerechnet für seine Notwendigkeit zu interessieren. Die Einsicht in die Notwendigkeit ist jedoch ein erkenntnisleitendes Interesse, wenn man einem Grundbedürfnis nach Sicherheit folgt, also vor Überraschungen sicher sein möchte. Dies ist dann allerdings auch die Sicherheit des Tyrannen, der nur dann ruhig schläft, wenn er weiß, daß in seinem Herrschaftsbereich nichts passiert, was er nicht selbst gewollt oder zumindest zugelassen hat.

Der allgemeingeschichtliche Beleg ist, daß Sicherheit in der Neuzeit auch sonst ein handlungsleitendes Grundinteresse gewesen ist. Das Hauptziel des ebenfalls im 17. Jahrhundert aufkommenden Liberalismus war ja wiederum die Sicherheit des Bürgers vor dem Staat. Und in neuerer Zeit dient der Sozialstaat wiederum der Sicherheit des Einzelnen vor den Mitmenschen, um nämlich im Alter und im Krankheitsfall nicht auf sie angewiesen zu sein.

Einen legitimatorischen Beleg dafür, daß der gemeinsame Nenner des vielfältigen Erkenntnishandelns der herrschenden Naturwissenschaft ein Sicherheitsbedürfnis ist, sehe ich schließlich darin, daß diese Wissenschaft immer wieder durch eine vermeintliche Feindschaft der Natur gerechtfertigt wird. Historisch läßt sich zeigen, daß diese Feindschaft als umso bedrohlicher stilisiert worden ist, je bedrohlicher umgekehrt das menschliche Handeln für die außermenschliche Natur wurde. Tatsächlich gibt es in der Natur vielerlei Möglichkeiten, sich in Gefahr zu begeben, z.B. in einem erdbebengefährdeten Gebiet ein Haus zu bauen, bei aufkommendem Sturm aufs Meer hinaus zu segeln oder einem wilden Tier ungebührlich nahe zu kommen. Als Feindschaft aber wird dies alles nur bewerten, wer sich aus einer Grundangst heraus unsicher fühlt und deshalb Sicherheit sucht.

Das Sicherheitsmotiv ist ein Grundton der allgemeinen Bewußtseinsentwicklung in der Neuzeit. Beispielsweise glaubte Descartes, nur seiner selbst sicher sein zu können und begründete damit den philosophischen Subjektivismus der Neuzeit. Kants »Kritik der reinen Vernunft« begann dann damit, wie die neueren Wissenschaften endlich einen »sicheren Gang« gefunden haben.

Das bloße Sicherheitsbedürfnis ist aber noch nicht das letzte Wort, wenn man wissen möchte, welchem Leitbild die wissenschaftlichen Fragen folgen, wie also die Wissenschaftler von ihrer Freiheit Gebrauch machen und wofür sie verantwortlich sind. Man kann nämlich die Autonome von der Gemeinsamen Sicherheit unterscheiden. Eine Autonome Sicherheit sucht derjenige, der sich von seiner Mitwelt nicht abhängig machen, sondern jederzeit auf sich gestellt sein möchte. Dies ist die typische Haltung des Eroberers im Feindesland. Demgegenüber ist es das Ziel der Gemeinsamen Sicherheit, daß man gegenseitig keine Angst voreinander zu haben braucht. Ich übernehme dieses Konzept von Egon Bahr (1982) aus der Friedensforschung. Den beiden Arten von Sicherheit entsprechen ganz unterschiedliche Verhaltensweisen. Wer eine Autonome Sicherheit anstrebt, fühlt sich umso sicherer je stärker er ist; dies entspricht dem herkömmlichen militärischen Denken. Wem es um die Gemeinsame Sicherheit zu tun ist, der wird demgegenüber auch ein eigenes Interesse daran haben, daß der Andere, der »Gegner«, keine Angst vor ihm zu haben braucht.

Die in der modernen Naturwissenschaft gesuchte Sicherheit ist eine Autonome Sicherheit, denn wir tun alles, um uns vor der außermenschlichen Natur zu schützen, obwohl diese uns mittlerweile viel mehr zu fürchten hat als wir sie. Dies entspricht dem Menschenbild der Industriegesellschaften, daß wir Menschen sozusagen wie ein interplanetarisches Eroberervolk auf die Erde niedergegangen seien, also mit den hienieden Eingeborenen eigentlich nichts gemein hätten. Die klassische Naturwissenschaft ist der Kanon derjenigen Regeln, an die man sich halten muß, wenn man über die außermenschliche Natur wie über einen Sack voll Ressourcen verfügen will. Dies ist gerade das Herrschaftswissen, das die interplanetarischen Eroberer brauchen.

Es kommt mir nun nicht darauf an, ob dieses Menschenbild richtig oder falsch ist, sondern nur darauf, daß die Naturwissenschaft einem bestimmten Leitbild, dem der Autonomen Sicherheit, folgt, wenn sie das zu den Interplanetariern passende Naturbild entwirft. Dem Leitbild der Gemeinsamen Sicherheit würde also eine andere Wissenschaft entsprechen. Sie könnte eine Mit-Wissenschaft genannt werden, weil es nun darauf ankäme, die außermenschliche Natur in ihrem Mitsein mit uns wahrzunehmen, d.h. als unsere natürliche Mitwelt, die nicht als unsere Umwelt nur um uns herum und für uns da ist. In der Mit-Wissenschaft ist nur das wissenswert, was sich im Mitsein zeigt. Eine Arbeitsgruppe hat sich in den letzten Jahren damit beschäftigt, welche neuen Wege dazu in den Naturwissenschaften und in der Ökonomie zu gehen wären. Die Ergebnisse sind soeben in einem von mir herausgegebenen Buch unter dem Titel »Vom Baum der Erkenntnis zum Baum des Lebens Ganzheitliches Denken der Natur in Wissenschaft und Wirtschaft« veröffentlicht, auf das ich hier natürlich nur hinweisen kann. Hervorheben möchte ich nur, daß auch die Mit-Wissenschaft als ein Handlungswissen gemeint ist. Die Naturwissenschaft handelt immer davon, was wir getan und erfahren haben, pflegte Niels Bohr zu sagen. Es kommt also darauf an, was wir tun und wie wir uns im Erkenntnishandeln, das die Grundform des wirtschaftlichen Handelns ist, verhalten: als Interplanetarier oder als Mensch gewordene Natur. Eine Naturwissenschaft beschreibt nicht einfach Die Ordnung Der Natur, sondern jede Naturwissenschaft, auch eine auf die Gemeinsame Sicherheit hin orientierte Mit-Wissenschaft, handelt davon, wie ein mutmaßlich Gutes nach unserer Einsicht ins Werk zu setzen ist. Welches die richtige Wissenschaft ist, wissen wir dann allerdings auch nicht genauer, als was zu wollen gut ist.

Jede Wissenschaft folgt einem Leitbild, das nicht wiederum wissenschaftlich zu beweisen ist. Haben wir dies nun einmal eingesehen, so liegt die allgemeingesellschaftliche Verantwortung für die Wissenschaft darin, einen politischen Willen zu bilden, was das Ziel des menschlichen Lebens in der Natur sein soll. Wollen wir uns weiterhin wie interplanetarische Eroberer verhalten, dann ist die herrschende Wissenschaft tendenziell die richtige, bedarf allerdings der systemtheoretischen Vervollkommnung, wie sie ja auch angestrebt wird. Wollen wir hingegen als Erdensöhne und Erdentöchter in der Gemeinschaft der Natur die Gemeinsame Sicherheit mit der natürlichen Mitwelt suchen, so sollten wir uns auf den Weg der Mit-Wissenschaft einlassen. Ich halte diesen zweiten Weg für den richtigen, möchte hier aber nur für eine Konsequenz eintreten, auf die sich beide Seiten einigen können sollten, daß nämlich diese Alternative überhaupt erörtert wird.

Falsch wäre es jedenfalls, die Entscheidungen über das Wissenswerte weiterhin den sogenannten Experten zu überlassen. Und es gibt außerdem z.B. hinsichtlich des Übermaßes an Zerstörungswissen und des Mangels an Erhaltungswissen hinreichend begründete Zweifel daran, ob wir grundsätzlich auf dem richtigen Weg sind. Unter diesen Umständen bedarf es eines gesellschaftlichen Diskurses, wie wir in Zukunft leben möchten und was wir dafür in der Natur wissen wollen sollten. An diesem Diskurs müßten die Wissenschaftler sich jedenfalls beteiligen. So lange aber die Allgemeinheit ihn nicht führt, sollten die Wissenschaftler sogar damit beginnen, denn wir dürfen uns von der Gesellschaft keine Verantwortung mehr aufhalsen lassen, die wir nicht allein tragen können. Um einen Anfang zu machen, schlage ich vor, daß jeder Wissenschaftler fortan ein Zehntel seiner Zeit der Frage widmet:

Warum mache ich das eigentlich?

Dasjenige nämlich, mit dem er seine Zeit wissenschaftlich verbringt. Ein Teil dieses Zehnten mag dem persönlichen Nachdenken, ein weiterer Teil dem Gespräch mit den Kollegen und ein dritter dem in der Öffentlichkeit gewidmet sein, damit diese sich allmählich traut, ihre allgemeine politische Verantwortung für die Wissenschaft authentisch wahrzunehmen. Auf diese Weise könnten wir dazu beitragen, daß unsere Gesellschaft das wissenschaftliche Erkenntnishandeln als ein eminent politisches Handeln wahrnimmt und mit der Wissenschaft dann tatsächlich besser als ohne sie lebt, was derzeit nicht ausgemacht ist. Diesen Anfang mit dem neuen »Zehnten« zur Frage: Warum machen wir das eigentlich? zu machen, halte ich einstweilen für die wichtigste Verantwortung des Wissenschaftlers.

Literatur

Bahr, Egon (1982): Für unsere Sicherheit. In: Physik, Philosophie und Politik. Festschrift für Carl Friedrich von Weizsäcker zum 70. Geburtstag. Hrsg. von K. M. Meyer-Abich. München (Hanser), S. 193-202.

Galilei, Galileo (1632): Dialogo sopra i due massimi sistemi del mondo. Le opere di Galileo Galilei. Nuova ristampa della edizione nazionale Vol. VII. Firenze (Barbèra Editore) 1965; Dialog über die beiden hauptsächlichsten Weltsysteme, das ptolemäische und das kopernikanische. Aus dem Ital. übers. und erläutert von Emil Strauss. Leipzig (Teubner) 1891, lxxix, 586 S.

Galilei, Galileo (1633): 2384. Galileo ad Elia Diodati [in Parigi]. Firenze, 15 gennaio 1633. In: Le opere di Galileo Galilei. Nuova ristampa della edizione nazionale … Vol. XV. Florenz (Barbèra-Editore) 1966, S. 23-26.

Meyer-Abich, Klaus Michael (1997): Praktische Naturphilosophie Erinnerung an einen vergessenen Traum. München (C.H. Beck), 520 S.

Meyer-Abich, Klaus Michael/Scherhorn, Gerhard u.a. (1997): Vom Baum der Erkenntnis zum Baum des Lebens Ganzheitliches Denken der Natur in Wissenschaft und Wirtschaft. München (C.H. Beck), 470 S.; darin: Mit-Wissenschaft – Erkenntnisideal einer Wissenschaft für die Zukunft, S. 19-161.

Weber, Max (1919): Wissenschaft als Beruf. In: Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre. 3., erweiterte und verbesserte Aufl., hrsg. von Johannes Winckelmann. Tübingen (Mohr) 1968, S. 582-613.

Dr. Klaus Michael Meyer-Abich ist Professor für Philosophie an der Universität Gesamthochschule Essen

in Wissenschaft & Frieden 1998-1: Gewaltverhältnisse

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