in Wissenschaft & Frieden 1998-1: Gewaltverhältnisse

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Zwischen Freizeitpark und Wohlstandsmüll

Arbeitslosigkeit als Beispiel des Wirkens struktureller Gewalt

von Barbara Hedderich

Über 4,8 Millionen offiziell registrierte Arbeitslose in Deutschland Ende Januar 1998; ein trauriger Rekord, der auf der einen Seite Betroffenheitsbekundungen provoziert, andererseits kommt es aber auch immer wieder zu Verbalattacken, von denen das Unwort des Jahres 1997, das die Arbeitslosen zu »Wohlstandsmüll« abstempelte, wohl ein überdeutliches Beispiel bietet. In der Diskussion über mögliche Lösungen angesichts der festzustellenden ökonomischen Krise finden sich Ambivalenzen bis hin zum Paradoxen. Da werden die einen ermahnt, mehr zu arbeiten und Deutschland nicht als Freizeitpark zu betrachten, während den anderen (z.B. Asylbewerbern) verboten wird zu arbeiten. Arbeitslosigkeit ist ganz offensichtlich ein stark mit widersprüchlichen Emotionen besetzter Begriff, was nicht verwundert, wenn bedacht wird, daß Arbeitslosigkeit nichts anderes als das Fehlen von Erwerbstätigkeit bedeutet.

Erwerbstätigkeit ist aber in einer Gesellschaft, die als Arbeitsgesellschaft sich identitätsstiftend über dieses Konzept definiert, einer der entscheidenden Bereiche, der über das Ausmaß an ökonomischer und sonstiger gesellschaftlicher Partizipation bestimmt. Strukturelle Gewalt wird durch den Ausschluß von dieser Partizipation ausgeübt. Sie ist insofern unbeabsichtigt als sie durch eine gesellschaftliche Ordnung hervorgerufen wird, von der alle Beteiligten – sowohl die Besser- als auch die Schlechtergestellten – geprägt sind.

Einige Zahlen

Das Diagramm zeigt ein durchaus uneinheitliches Bild. Während die Arbeitslosigkeit in einigen Ländern wie den USA, Norwegen und den Niederlanden in den letzten Jahren gesunken ist bzw. auf vergleichsweise niedrigem Niveau verblieb, stieg sie in anderen Ländern, darunter Deutschland, kontinuierlich an. Mit Ausnahme von Norwegen liegen alle Werte über 5%. In allen Quoten wird ein hoher Durchfluß nur kurzer Zeit Arbeitsloser mit den sogenannten Langzeitarbeitslosen zusammengefaßt. Gerade die Zunahme im Bereich der letzten Gruppe gibt Anlaß zur Besorgnis, da hier eine Ausgliederung aus der Arbeitsgesellschaft befürchtet werden kann, die zu Abhängigkeit von Sozialhilfe und relativer Armut führt.In vielen Industrieländern ist nahezu jeder zweite Arbeitslose bereits länger als ein Jahr arbeitslos. Hierunter befinden sich neben gering Qualifizierten überdurchschnittlich viele Jugendliche.“ (Kulessa/Grzib, 1998: 174) Als weitere Problemgruppen lassen sich Frauen mit durchschnittlich höheren Arbeitslosenquoten als Männer und ältere Arbeitnehmer anführen. Lediglich die Minderheit gut qualifizierter, nicht zu alter Männer scheint keiner Problemgruppe anzugehören. Das Potential der von Arbeitslosigkeit akut gefährdeten Personen ist somit groß; umso wichtiger scheint die Suche nach Lösungsmöglichkeiten.

Erwerbsarbeit als Leitbild unserer Gesellschaft

Dabei wird die Suche nach Lösungsmöglichkeiten durch unser aller Eingebundensein in vorhandene Strukturen erschwert, vor allem da diese Strukturen im Laufe ihrer Entstehung und Ausbreitung mit Werten und sinnstiftenden Mustern angefüllt wurden, die erst durch Alternativen ersetzt werden müssen. So ist Arbeitslosigkeit ein zeitgebundenes Phänomen. Es gibt sie erst, seitdem sich im Laufe der Industrialisierung das Konzept der Erwerbstätigkeit entwickelte, denn Arbeitslosigkeit ist ja nicht das Fehlen von Arbeit an sich, wie der Name nahelegen könnte, sondern die Unmöglichkeit, einer Erwerbstätigkeit nachzugehen. Zum Problem wird Arbeitslosigkeit, wenn Erwerbstätigkeit wie in den westlichen Gesellschaften eine zentrale Funktion zugestanden wird. So wird Erwerbstätigkeit als die normale legitime Form der Einkommenserzielung zumindest für die Mehrheit der männlichen Gesellschaftsmitglieder gesehen, und an diese Einkommenserzielung knüpfen sich die Möglichkeiten an dem materiellen Wohlstand der Gesellschaft zu partizipieren. Auch Systeme der sozialen Absicherung, wie Krankheits- und Altersvorsorge sind bei uns im Regelfall direkt mit der Erwerbstätigkeit verknüpft. Über diese im engeren Sinne ökonomischen Aspekte hinaus verweist Marie Jahoda (1986: 99) auf Erfahrungen, die die Erwerbstätigkeit den Arbeitenden aufzwingt, wie „die Auferlegung einer festen Zeitstruktur, die Ausweitung der Bandbreite sozialer Erfahrungen in Bereiche hinein, die weniger stark emotional besetzt sind als das Familienleben, die Teilnahme an kollektiven Zielsetzungen oder Anstrengungen, die Zuweisung von Status und Identität und die verlangte regelmäßige Tätigkeit.“

Der Entzug dieser Erfahrungsmöglichkeiten wird als Verlust erlebt, d.h. Arbeitslose werden nicht nur von allen ökonomischen Vorteilen der Erwerbstätigkeit sondern auch von deren Erfahrungsmöglichkeiten ausgeschlossen. Allerdings deutet schon das Verb »aufgezwungen« auf eine vielschichtige Ambivalenz in der Beurteilung gerade dieser nichtökonomischen Vorteile hin. Es ist zumindest zweifelhaft, ob diese psychischen Erfordernisse tatsächlich bleibenden menschlichen Bedürfnissen entsprechen oder nicht vielmehr zeit- und kulturgebunden sind. Für diese Vermutung spricht neben der Tatsache, daß es Erwerbstätigkeit in unserem heutigen Sinne in früheren Zeiten nicht gab, auch die Beobachtung, daß diese konkreten durch Erwerbsarbeit zu erfüllenden Bedürfnisse im Rahmen der Sozialisation vorbereitet werden müssen. Dickinson/Emler (1992: 15f.) sehen darin eine der Hauptaufgaben der Schule und Jahoda (1986: 149) verweist auf die Gefahr, daß gerade arbeitslose Jugendliche die Gewohnheiten und Erwartungen ablegen könnten, die ihnen Schule und Familie mit auf den Weg gegeben haben. Und selbst wenn es sich um grundlegende menschliche Bedürfnisse handeln sollte, stellt sich die Frage, ob es nicht unter Umständen bessere Möglichkeiten als die Erwerbsarbeit zu ihrer Befriedigung gibt, denn diese kann inhumane (entfremdende, krankmachende (Jahoda, 1986: 40 / Triebig, 1995: 46)) Züge aufweisen.

Diese Ambivalenz gegenüber der Erwerbsarbeit spiegelt sich in der Beurteilung der Arbeitslosen. Tritt der Aspekt des Ausschlusses in den Vordergrund, werden sie als bemitleidenswerte Opfer gesehen. Bilden demgegenüber die negativen Aspekte der Erwerbsarbeit den Bezugsrahmen für ihre Beurteilung, können sie als arbeitsscheue Faulenzer abgestempelt werden, die sich auf Kosten anderer den unangenehmen Seiten der Erwerbsarbeit entziehen, wobei die Arbeitslosen selbst diese ambivalente Beurteilung ihrer Situation in gewissem Umfang teilen dürften. In der Arbeitsgesellschaft entsteht folgende Situation: Möglichst viele Mitglieder der Gesellschaft werden auf eine Akzeptanz und Befürwortung des zentralen Konzeptes der Erwerbsarbeit hin sozialisiert, um für ein effizientes Funktionieren eines auf Erwerbstätigkeit basierenden Produktionssystems zu sorgen. Ist die Gesellschaft erfolgreich in dem Sinne, daß viele dieses Konzept internalisieren und bietet die Gesellschaft dann Einzelnen oder Gruppen keine Möglichkeit zur Ausübung dieser Lebensform, schließt sie sie von der vollen gesellschaftlichen Partizipation auf der ökonomischen sowie auf der sinnstiftenden Ebene aus. Der Ausschluß erfolgt auch dann, wenn es zwar alternative Lebensentwürfe gibt, diese aber nicht alle Kategorien enthalten, die von den Gesellschaftsmitgliedern als wichtig wenn nicht sogar als lebensnotwendig erachtet werden. Ein Beispiel hierfür ist der traditionelle weibliche Lebensentwurf, der die direkte ökonomische Partizipation nicht vorsieht und dem allgemein eine niedrigere gesellschaftliche Wertschätzung zugeordnet wird. Die Konzentration auf die Wertschätzung eines einzigen Standardlebensentwurfs bedingt zwangsläufig die Abwertung aller anderen Lebensentwürfe. Dem kann sich ein einzelnes Gesellschaftsmitglied kaum entziehen, da Identitätsstiftung und Partizipationsmöglichkeiten den Rückhalt einer Gruppe erfordern.

Ursachen der Arbeitslosigkeit und Vorschläge zu ihrer Überwindung

Als eine Hauptursache für steigende Arbeitslosigkeit wird schon lange die Abnahme der Erwerbsmöglichkeiten vermutet. Keynes prophezeite in den 30er Jahren ein Ende der Notwendigkeit, sich mit dem ökonomischen Problem der Knappheit von Gütern zur Befriedigung von Bedürfnissen auseinanderzusetzen. Er zeichnet die Utopie einer Menschheit, die dank der Kapitalakkumulation und des technischen Fortschritts die Freiheit zur Muße gewinnt (Keynes, 1972: 325). Die Vernichtung der Erwerbsarbeit wird von ihm als Chance gesehen. Allerdings müssen für die Verwirklichung dieser von ihm als paradiesisch geschilderten Zustände einige Bedingungen erfüllt sein. So dürfen die positiven Fortschrittseffekte weder durch kriegerische Auseinandersetzungen noch durch übermäßiges Bevölkerungswachstum überkompensiert werden. Zudem müssen die Bedürfnisse grundsätzlich begrenzt sein, d.h. das Streben nach Positionsgütern, die dazu dienen sollen, unsere Stellung im Vergleich zu anderen zu verbessern, muß aufgegeben werden (Keynes, 1972: 326). Diese Forderung wird in neueren Diskussionen noch aufgrund von ökologischen Grenzen eines quantitativen Wirtschaftswachstums (vgl. Fetscher, 1995: 35) gestellt. Wie genau diese Voraussetzungen geschaffen werden sollen, ist jedoch unklar.

Keynes verweist auf Widerstände gegen die Aufgabe alter Gewohnheiten und sieht es als schwierige Herausforderung an, sich mit der neugewonnenen Freiheit sinnvoll auseinanderzusetzen. Außerdem sieht er natürlich auch die Probleme der Übergangszeit, in der Erwerbsarbeit durchaus noch nötig sein wird, wenn auch in immer geringerem Umfang. Er empfiehlt eine stetige Verringerung der Arbeitszeit (Keynes, 1972: 329). Nicht angesprochen wird von Keynes in diesem Zusammenhang, daß uns auch bei Rückgang der Erwerbstätigkeit Arbeit an sich nicht ausgeht, wie jede Hausfrau und die wenigen Hausmänner, die sich um Kinder, ältere Menschen und sonstige Mitmenschen kümmern, bestätigen können. Viele dieser Funktionen lassen sich im Sinne einer Professionalisierung in das Korsett der Erwerbstätigkeit zwängen. Es gibt aber auch Überlegungen in umgekehrter Richtung, langfristig heute schon professionalisierte Funktionen, Pflege und Hilfstätigkeiten aus dem Erwerbskonzept herauszunehmen (Gorz, 1989: 202ff). Geklärt werden muß allerdings, wie die Partizipation der Einzelnen am gesellschaftlichen Wohlstand geregelt werden soll und vor allem, wie wir ausgehend von unseren Verankerungen in der heutigen Arbeitsgesellschaft zu dieser utopischen Gesellschaft gelangen sollen. Konfliktfrei wird dies kaum möglich sein, denn es ist unwahrscheinlich, daß die Vorstellungen verschiedener gesellschaftlicher Gruppen über eine angemessene Teilhabe gerade auch im ökonomischen Bereich zusammenpassen. Es bleibt nur die Hoffnung, daß eine Utopie über ein besseres Leben so tragfähig ist, daß die verschiedenen Gruppen sich auf eine friedliche Austragung ihrer Interessenskonflikte mit dem Ziel einer Kompromißbildung einigen.

Prognosen darüber sind zum jetzigen Zeitpunkt schwierig, da wir uns mitten in einer Phase des Wandels befinden. Sicher scheint nur, daß das Ende der Erwerbstätigkeit trotz Massenarbeitslosigkeit noch nicht abzusehen ist. Selbst hohe europäische Arbeitslosenquoten wie die spanische, die seit 1993 über 20% liegt, bedeuten ja immer noch, daß die Mehrheit der sogenannten Erwerbsbevölkerung eine Erwerbstätigkeit hat, d.h. aber auch, daß viele zumindest noch die Hoffnung haben, über Erwerbsarbeit gemäß ihrer erlernten Erwartungen gesellschaftlich zu partizipieren. An erster Stelle steht daher die Suche nach Möglichkeiten, das Problem der Arbeitslosigkeit durch Erhöhung der Erwerbstätigkeit zumindest zu mildern. Nur als Nebenprodukt lassen sich Tendenzen zu einer Abkehr vom allumfassenden Erwerbstätigkeitsprinzip erahnen.

Bei der Reduktion von Arbeitslosigkeit mittels Erhöhung der Erwerbstätigenzahl kommen dabei jedoch durchaus unterschiedliche Strategien zur Anwendung und je nach vermuteter Ursache- bzw. Interessenlage werden auch verschiedene Lösungswege empfohlen. Die USA mit einer Arbeitslosenquote, die schon seit Jahren unter dem europäischen Durchschnitt liegt, wird gerne von denen angeführt, die die Probleme vor allem in der Inflexibilität europäischer Arbeitsmärkte vermuten und sich von einem Abbau dieser Verkrustungen einen Beitrag zur Lösung des Arbeitslosenproblems erhoffen. Allerdings verweisen selbst Befürworter dieser Strategie auf ihre Schattenseiten. So schreibt der Sachverständigenrat in seinem Gutachten (1996/97: 44), daß bei einer Diskussion, ob in Europa aus dem amerikanischen Modell des Arbeitsmarktes Lehren gezogen werden sollen, die unterschiedlichen gesellschaftlichen Strukturen berücksichtigt werden müssen. „Betrachtet man den hohen Beschäftigungsstand in den Vereinigten Staaten vor diesem Hintergrund, dann darf nicht übersehen werden, daß dieser Vorzug für den einzelnen Arbeitnehmer mit einer geringeren sozialen Absicherung und für nicht wenige mit dem Risiko zu verarmen einhergeht. Demgegenüber bieten die europäischen Modelle eine weitaus größere Sicherheit bei allerdings oftmals höherer Erwerbslosigkeit.“

Die aufgestellte Alternative zwischen Erwerbslosigkeit und Armut läßt kaum Hoffnung aufkommen, da in beiden Fällen die ökonomischen Partizipationsmöglichkeiten der Betroffenen eingeschränkt werden. Auch die Erfolge einer Flexibilisierung in Großbritannien, die durch eine größere Furcht vor Verlust des Arbeitsplatzes sowie durch eine zunehmende Ungleichheit in der Einkommensverteilung erkauft wurden (Sachverständigenrat 1997/98: 35), lassen sich in Bezug auf eine Verringerung struktureller Gewalt kritisch bewerten. In den Niederlanden hingegen scheint es möglich gewesen zu sein, sich der Keyneschen Empfehlung des Einstiegs in die Arbeitszeitverkürzung zu nähern, bei gleichzeitiger Flexibilisierung des Arbeitsmarktes. Betont wird in der Literatur der gesellschaftliche Konsens als Basis für den Erfolg der niederländischen Strategie (vgl. Kulessa/Grzib, 1998: 172 und Sachverständigenrat 1997/98: 37).

Arbeitslose werden wieder Akteure

Typischerweise werden als Akteure bei diesem Konsens Arbeitnehmer, Arbeitgeber und Staat genannt. Die Arbeitslosen bleiben auch hier außen vor. Die anderen haben zwar ebenfalls ein Interesse an der Lösung des Problems, um ihr eigenes Arbeitslosigkeitsrisiko zu reduzieren bzw. den für alle notwendigen sozialen Frieden zu erhalten. Die Sicht der direkt Betroffenen wird in der Regel nicht gehört, was bezeichnend für ihre gesellschaftliche Ausgeschlossenheit ist. Für sie, nicht mit ihnen, werden Arbeitslosengeldbestimmungen und Sozialleistungen ausgehandelt, werden Löhnerhöhungsspielräume nicht ausgeschöpft und Flexibilisierungen der Regeln beschlossen.

In dieser Hinsicht ist die französische Arbeitslosenbewegung ein hoffnungsvoller Anfang der Betroffenen, sich in der Gesellschaft wieder selbst Gehör zu verschaffen, ihre eigene Perspektive im Rahmen der gesellschaftlichen Diskussions- und Verhandlungsprozesse einzubringen. Pierre Bourdieu spricht in diesem Zusammenhang sogar von einem soziologischen Wunder. Die Bewegung in Frankreich durchbricht damit bisher beobachtbare Verhaltensmuster von Langzeitarbeitslosen, die eher isoliert und als Einzelne sich ihrem Schicksal auslieferten und höchstens ab und zu ihre Frustration in kurzen Gewaltaktionen entluden. Wenn es gelingt, die Arbeitslosen in irgendeiner Form institutionell abgesichert auf Dauer am gesellschaftlichen Dialog zu beteiligen, hat das für alle den Vorteil, daß Konflikte offen ausgetragen werden. Es besteht die Möglichkeit, konsensuale Kompromisse zu finden, denn es ist wohl eine trügerische Hoffnung anzunehmen, der bisherige Rückzug der Arbeitslosen ins Private schaffe keine Probleme. Diese fallen vielmehr völlig unvorbereitet auf eine Öffentlichkeit zurück, die ihre Entwicklung im privaten Bereich nicht wahrgenommen hat. So stören die resignierten Arbeitslosen oder die, die ihre Frustration an sich selbst oder ihren Familien auslassen, erst einmal nicht. Aber sie tragen zu einer Aushöhlung des gesellschaftlichen Leitbildes bei, da die von Frustration und Resignation Betroffenen an der allgemeinen gesellschaftlichen Aufgabe der Sozialisation nachwachsender Gesellschaftsmitglieder nur noch bedingt teilnehmen (Jahoda, 1986: 151). Auch das Ausweichen als andere Rückzugsmöglichkeit Arbeitsloser, z.B. in Schwarzarbeit und in viel geringerem Ausmaß in Kriminalität sowie extreme politische Gruppierungen, führt direkt zu einer Aufweichung des Leitbildes. Auch wenn eine grundsätzliche Abkehr vom jetzigen Leitbild angestrebt werden sollte, bringt diese Form der unterschwelligen Abkehr allen Beteiligten Nachteile. Die Arbeitslosen schaffen sich im privaten Rückzug höchsten Notbehelfe, denen eine gesellschaftliche Anerkennung versagt bleibt. Der Ersatz führt nicht zur vollständigen Partizipation. Die anderen müssen eine vage für sie nicht näher faßbare Bedrohung durch die Arbeitslosen als Reaktion auf den Ausschluß aus der gesellschaftlichen Mitte befürchten, ohne die Möglichkeit zu haben, durch einen eventuellen Ausgleich an einem für alle akzeptablen Ergebnis mitzuarbeiten.

Literatur

Bourdieu, Pierre (1998): Kapitalismus als konservative Restauration. Das Elend der Welt, der Skandal der Arbeitslosigkeit und eine Erinnerung an die Sozialutopie Ernst Blochs, in: Die Zeit, Nr. 5, 22. Januar, S. 45

Dickinson, Julie/ Emler, N. (1992): Developing Conceptions of Work. In: Hartley, I./Stephenson, G. (Hrsg.): Employment Relations, Oxford, S. 19-43.

Fetscher, Iring (1995): Arbeit, Muße, Spiel. In: Ruprecht-Karls-Universität (Hrsg.): Arbeitslosigkeit in der Arbeitsgesellschaft, Heidelberg, S. 29-43.

Gorz, Andrè (1989): Kritik der ökonomischen Vernunft, Sinnfragen am Ende der Arbeitsgesellschaft, Berlin.

Jahoda, Marie (1986): Wieviel Arbeit braucht der Mensch? Arbeit und Arbeitslosigkeit im 20. Jahrhundert, Weinheim/Basel.

Keynes, John Maynard (1930/1972): Economic Possibilities For Our Grandchildren. In: The Collected Writings of John Maynard Keynes, Vol. IX, London/Basingstoke, S. 321-332.

Kulessa, Margareta/Grzib, Andreas (1998): Arbeit und Beschäftigung. In: Hauchler, Ingomar/Messner, Dirk/Nuscheler, Franz: Globale Trends 1998. Fakten Analysen Prognosen, Frankfurt am Main, S. 168-191.

Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, Jahresgutachten 1996/97 und 1997/98, Stuttgart 1996 und 1997.

Triebig, Gerhard (1995): Krank durch Arbeit oder krank ohne Arbeit? In: Ruprecht-Karls-Universität (Hrsg.): Arbeitslosigkeit in der Arbeitsgesellschaft, S. 45-57.

Barbara Hedderich ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Fachbereich Rechts- und Wirtschaftswissenschaften derJohannes-Gutenberg-Universität, Mainz.

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