in Wissenschaft & Frieden 1997-4: USA

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Der Drache wird nicht immer siegen

Alltagsnotizen aus dem anderen Amerika

von Dorothee Sölle

Seit über fünf Jahren war ich nicht mehr in den Vereinigten Staaten. Ich will wissen, was sich alles verändert hat, politisch, im Lebensstil, geistig, religiös. Stimmt es, daß sich die Werte der Rechten – Besitz, Leistung, die patriarchal organisierte Familie, der Rückzug des Staates aus allen sozialen Bereichen und dafür mehr Kontrolle, Polizei, freier Waffenhandel und Gefängnisse – endgültig durchgesetzt haben? Zunächst lerne ich lauter neue Wörter: Schwarze heißen jetzt »african americans«, zur politischen Korrekheit gehört es, nicht nur die verschiedenen Rassen und Geschlechter, sondern auch verschiedene sexuelle Orientierungen samt den »transgendered« Leuten zu erwähnen. Ich frage unschuldig nach, werde aber beruhigt, es geht um die Überwindung der anerzogenen Geschlechtsrollen.

»Globalization« ist ein anderes neues Zauberwort, damit ist der Prozeß gemeint, in dem sich die nationalen Märkte für das Finanzkapital zum globalen Markt zusammengeschlossen haben. Wieviel Angst diese Wirtschaftsglobalisierung der Großen nicht nur für das überflüssige untere Drittel der Bevölkerung, sondern auch für die bedrohte Mittelklasse macht, zeigt sich mir bei einer Konferenz zu diesem Thema in New York: statt der erwarteten 500 TeilnehmerInnen standen plötzlich 2.500 vor den Türen der Columbia Universität. Globalisierung hat auch eine kulturelle Innenseite und ist zweifellos zur Zeit die wichtigste theologische Mode: Auch die Religionen sollen sich endlich entregionalisieren, von ihren Alleinansprüchen lösen, um sich auf dem gemeinsamen Markt verkaufen zu können.

Meine erste Station in den Staaten in einer kleinen Universitätsstadt in Oregon brachte mich gleich in Kontakt mit dieser neuen Gestalt des Miteinander von Juden, Katholiken, Protestanten und den Sympathisanten all dieser verschiedenen religiösen Gruppen. Eine Gruppe von Laien organisiert jeden Herbst eine Reihe von Vorlesungen zu gegenwärtigen religiösen Fragen, mein Thema war: Nach der Shoah: Erinnerung, Schmerz und Hoffnung. Die gut besuchten Veranstaltungen fanden in einer lutherischen Kirche statt, in einen liturgischen Rahmen eingebettet. Ein Kirchenmusiker hatte eine neue Hymne zu diesem Thema verfaßt, in der die Fragen nach der Allgüte des allmächtigen Gottes radikal und religionskritisch gestellt wurden. Mich faszinierte diese Mischung aus Tradition und Erneuerung. „Toleranz ist nicht genug, sagte mir ein jüdischer Gelehrter im Nachgespräch, sehr bewegt, ich habe noch nie so verstanden, was ein wirklicher Dialog ist, ein voneinander lernen.“

In diesem Zusammenhang lernte ich Leute kennen, die in Eugene ein Zentrum für Überlebende der Folter in Lateinamerika gegründet haben. Bei diesen Freunden der Überlebenden, den »amigos de los sobreviventes« traf ich eine junge Frau aus Guatemala, die nach furchtbaren Schlägen auf den Kopf erblindet ist. Sie ist auch psychisch traumatisiert. Gordie, die zu den Schwestern von Loretto gehört, die dem Vatikan schon lange wegen ihrer Friedensliebe verdächtig sind, geht mit ihr zu den Krankenhäusern, zur psychologischen Therapie, sie organisiert kostenfreie Behandlung für Menschen ohne Paß und Legitimation – in einer Zeit, da es in kalifornischen Krankenhäusern und Schulen seit neuestem verboten ist, illegale Einwanderer und ihre Kinder überhaupt aufzunehmen – falls nicht der Oberste Gerichtshof diese Gesetzesvorlage doch noch als verfassungswidrig erklärt.

Multi-Kulti und Globalisierung wird überall im virtuellen Bereich groß gehandelt, in der Praxis der Regionen allerdings sieht es anders aus. Eine Freundin in San Francisco berichtet mir von den Trennungen zwischen Nord und Süd, Reich und Arm. Früher stand an der Grenze zwischen USA und Mexiko eine kleine Bude für Süßigkeiten. Eines Tages vor 20 Jahren wurde ein Hühnerzaun errichtet, später ein höherer, aber immer noch so, daß die Gringokinder und die Mexikanos Baseball über den Zaun spielen konnten. Erst 1990, ironischerweise kurz nach dem Fall der Berliner Mauer, wurde dort ein riesiger Stahlzaun aus Kriegsmaterialien errichtet. Kein Durchkommen mehr, kein Zwischenhandel, kein Verwandtenbesuch, es sei denn für wohlhabende Geschäftsleute und Paßbesitzer. Alle anderen Grenzgänger werden stundenlang festgehalten, untersucht und weggeschickt. Die Region verödet. Koreanische Textilfirmen, die nicht steuerpflichtig sind und keine Rücksichten auf die Gesundheit der Arbeiterinnen nehmen müssen, siedeln sich hinter dieser Mauer zwischen Nord und Süd an. Eine christliche Gruppe, die dort im Interesse der rechtlosen Frauen eine Art Grenzbereich-Theologie, »borderline theology«, betreibt, ein wenig ökonomischen Nachhilfeunterricht geben wollte, erhielt von einer der Frauen die Antwort: „Wir brauchen keine leicht gefaßte Erklärung, die Inflation, die Verarmung, das ist unser tägliches Brot!“ Ich erinnere mich, daß ich vor 20 Jahren in USA den Ausdruck die »Unbeschäftigbaren« (the »unemployable«), die in den Arbeitslosenstatistiken nicht mitgerechnet werden, kennenlernte; heute spricht man gern von den »expendable«, dem entbehrlichen Drittel der Bevölkerung, die überflüssig sind, weil sie weder etwas produzieren noch Nennenswertes konsumieren.

Etwas sauberer als vor fünf Jahren ist die Stadt New York schon geworden, es liegt weniger Abfall auf den Straßen herum. Eine Erklärung für diese Beobachtung der ersten halben Stunde höre ich später: es gibt – endlich – ein noch unvollständiges Recycling-system. Flaschen, Dosen und Zeitungspapier wird von Obdachlosen gesammelt, einer von ihnen hat die Sache organisiert und läßt, reich geworden, seine Lastwagen durch die Stadt fahren.

Ich besuche meine alte theologische Schule und feiere einen der halbstündigen Gottesdienste, wie sie dort viermal in der Woche stattfinden. Es ist der 9. November und drei junge Frauen aus Holland, Bulgarien und Deutschland haben in kurzen Beiträgen ihre Erfahrungen mit dem Fall der Berliner Mauer zusammengestellt. Die Bulgarin erzählt, wie schwierig es für sie ist, zu Europa zu gehören und ausschließlich bemitleidet zu werden! Die junge deutsche Frau erinnert an die Kristallnacht von 1938. Und »Gott ist Gedächtnis« ist auch das Thema meiner kurzen Meditation. Ich reflektiere das schöne englische Wort für »sich erinnern«, »to re-member«, wieder ein Mitglied der menschlichen Familie zu werden.

Ein Nachmittagsausflug in die »Hauptstadt der Kultur« konfrontiert mich wieder mit den immer noch wachsenden Widersprüchen des Lebens hier. Mit einer Freundin besuche ich ein Konzert im Lincoln-Center, Kurt Masur dirigiert. Im Programmheft liegt ein Beileidsbrief an die Mitglieder der Israelischen Philharmonie, Rabin war zwei Wochen vor seiner Ermordung zu Gast in New York und hörte dort die neunte Symphonie von Beethoven. Das Nachdenken über dieses Ereignis bewegt hier alle, vor allem, weil die Gruppe, die den Mord geistig und finanziell vorbereitete, von Brooklyn aus gesteuert wird. Der fundamentalistische Rabbi, der das Land für von Gott an Israel gegeben hält, also nicht gegen Frieden austauschbar, ist zwar als Terrorist verboten, aber die Sache geht weiter. Der größte Schock ist, daß ein Grundgefühl jüdischer Menschen zerstört wurde; die Menschen in Israel wurden als eine Familie empfunden. Später rufe ich einen jüdisch-amerikanischen Freund an, der mir die erste Frage „how are you?“ fast übelnimmt. „Wie soll es mir gehen, jetzt“, sagt er traurig.

Als wir das wie immer lichtergeschmückte Lincoln-Center verlassen, besuchen wir einen Obdachlosen, den meine Freundin seit sechs Jahren kennt. Sie bringt ihm warme Sachen mit, Unterwäsche und eine Hose für »outdoors«. Er lebt sommers wie winters, Tag und Nacht auf der Straße. „Mein Körper richtet sich nach den Jahreszeiten“, sagt er und ist nie erkältet. Er hält seine Zehen ununterbrochen in Bewegung, um nicht zu erfrieren. Früher war er Sportler, er wirkt sehr diszipliniert. Ich bin vor Jahren schon einmal länger bei Obdachlosen auf der Straße gewesen, habe heißen Kaffee verteilt und mich unterhalten. Meine Freundin stellt mich als »Dorothee aus Deutschland« vor, und er antwortet ruhig, heiter, herzlich. „Oh, ich kenne dich, du warst schon mal hier“. Mir fällt wieder ein, wie er aussah, als nur sein Kopf aus dem Pappkarton, den er sich allabendlich zusammenstellt, hervorlugte. Damals habe ich ihn gefragt, ob er die Geschichte von Noah und der großen Flut kenne, dieses Papphaus hat mich an die Arche erinnert und New Yorks wachsende Elendsviertel lassen sich mit der großen Flut vergleichen. Heute unterhalten Scott und wir beiden Mittelklassedamen uns vorzüglich auf einer Bank sitzend im Süden Manhattans. Ein Auto hält dicht vor uns an, wir werden von zwei Männern – Polizei? Kripo?, ich weiß es nicht – beobachtet, aber als sie sehen, wie heiter wir lachen, fahren sie weiter. Scott bringt uns, es ist uns zu kalt geworden, zwei Blocks weiter zur U-Bahn, weiter traut er sich nicht. Janet erzählt mir, daß er sich von Dämonen umstellt glaubt, ich habe nichts Neurotisches an ihm bemerkt, er weiß nicht nur, daß Hamburg eine berühmte Rotlichtszene hat, sondern kennt sogar – und spricht mühsam aus – den Ort »Kaiserslautern«, den Ort, wo die meisten amerikanischen Soldaten stationiert waren.

Ein früherer Student von mir, Japaner, erzählt so begeistert von der schwarzen Gemeinde in Harlem, daß ich mit ein paar anderen Europäerinnen dort zum Gottesdienst gehe. „Ihr müßt eine halbe Stunde früher dasein, die Kirche ist bis auf den letzten Platz gefüllt“. In dieser Vorzeit wird Musik gemacht, »Sunday-school«, eine Einrichtung, für die es kein deutsches Wort gibt, für etwa 30 ältere Frauen abgehalten. Zwei Chöre singen abwechselnd, alle Teilnehmer kennen die Lieder und singen mit oder feuern durch Rufe, Aufspringen und Klatschen an. Der Millionenmarsch von schwarzen Männern nach Washington liegt wenige Wochen zurück, ein jüngerer Geschäftsmann, sorgfältig gekleidet, wie fast alle hier, (nur unsere beiden Studentinnen in Jeans fallen etwas aus dem Rahmen!) berichtet über das Treffen und wirbt für den Zusammenschluß schwarzer Männer. Ist es eine neue Bürgerrechtsbewegung, die hier entsteht, frage ich mich, die sich gegen den allgegenwärtigen Rechtsruck, den Abbau des Gesundheitssystems, die Vernachlässigung der öffentlichen Schulen und die Tatsache, daß jeder vierte junge »african american« im Gefängnis sitzt, in dem Land, das weltweit die höchste Anzahl von Gefängnissen pro Kopf der Weltbevölkerung hat und ständig neue baut, statt sich um Schulen, Arbeitsplätze und erschwingliche Wohnungen zu kümmern? Aber kritische Töne dieserart fehlen, die Predigt in diesem Gottesdienst ist ganz auf der Linie einer moralischen Erneuerung, die Farakan vertritt: Selbstverantwortung, die eigene Freiheit wahrnehmen, sich selber nicht ständig als Opfer ansehen, sondern ebenso als Täter. „Madison Avenue, so der schwarze Prediger über die Macht der Werbung, macht die Freiheit kaputt!“, gegen den Konsumismus, der mit seinen Zwängen gerade die Kinder der Armen, die mithalten wollen, es aber nicht können, zerstört. Wir Besucherinnen diskutieren hinterher nicht nur diese jede andere Erziehung zerstörenden Zwänge, sondern auch die Ziele der Söhne des Islam. Es ist eine Männerbewegung, ein Ruf zu schwarzem Stolz und schwarzer Verantwortung, über Farakan, von dem horrende antisemitische und sexistische Äußerungen bekannt sind, können wir uns nicht einigen; vielleicht ist die Bewegung selber wichtiger als dieser Anführer.

Schwarzen Stolz und eine neue Selbstgewißheit erlebe ich später auf der großen alljährlichen Religionskonferenz der American Academy of Religion (AAR) unter den schwarzen Theologinnen. Ich habe selten auf einer wissenschaftlichen Versammlung so viel Feuer und Leidenschaft, rückhaltlose Ehrlichkeit und Frömmigkeit, Humor und Heiterkeit, Suche und Gewißheit, ausgeprägte Individualität und Gemeinsamkeit erlebt wie unter den »womanists«, wie die schwarzen Feministinnen in Amerika sich nennen. Ich kam mit dem glücklichen Gefühl aus dieser Versammlung, daß die Religion nicht tot ist, höchstens bei uns, daß das goldene Kalb nicht überall angebetet wird und daß die Frauen nicht unterzukriegen sind.

Die beste öffentliche Veranstaltung auf dieser Konferenz von 3.000 war ebenfalls von einer schwarzen Frau bestimmt, es war die Lesung der Literaturnobelpreisträgerin Tony Morrison. Ich kannte ihre Bücher, vor allem »Menschenskind«, den nach meiner Meinung besten amerikanischen Roman der letzten 30 Jahre, Morrisons sprachliche Kraft und Präzision, ihr kreativer Reichtum der Erfindung, was Geschichten und Figuren angeht – aber ich hatte sie noch nie gesehen und gehört. Eine große füllige ältere Frau, die mit ihrem Auftreten eine gespannte Stille herstellt, die langsam und klar artikuliert spricht, jedes Wort zählt, jedes Gefühl überträgt sich, jeder Gedanke ruft nach dem nächsten, man vergißt zu atmen, nichts lenkt ab. »Präsenz« ist ein großes Wort für solche Erlebnisse, die reine Gegenwart in dem wunderbaren Sinn, den dieses deutsche Wort aus »gegen«-über-sein und warten enthält.

Meine letzte Station in den Staaten war Cambridge bei Boston und der Ort, wo ich am meisten Natur und Landschaft, die Reste des berühmten »indian summer« und seiner roten Wälder erlebte. Jeden Morgen spazierte ich mit meiner Freundin und ihren drei riesigen Hunden eine Stunde durch den Park am Ufer eines Stausees. Vor einigen Jahren fand sich in diesem Park plötzlich mitten im Wald auf einem Hügel ein großer Marmorblock, eine Bank zum Sitzen einladend, niemand wußte woher und von wem. Die Behörden rätselten monatelang, ob dieses unbefugte Aufstellen eines Denkmals statthaft sei, sie versuchten vergeblich, es zu entfernen, es hätte anderer Maschinen bedurft, um das Trumm wieder wegzuschaffen. Außerdem war er an einer Stelle, von der aus man den See überblicken kann, gelegen, einige Sätze aus Virginia Woolfs Buch Orlando waren eingeritzt, viele Wanderer fühlten sich angezogen. So blieb die seltsame Bank, Ausdruck der immer noch lebendigen Anarchie Neuenglands, stehen. Vielleicht so mutmaßten Freunde, ist er ein Totengedenken, daß ein reicher Mann seinem jüngeren an Aids gestorbene Freund setzen wollte. Wir werden es nicht wissen. Ich fühlte mich an Henry Thoreau, den Widerstandsphilosophen des 19. Jahrhunderts, der eine Zeitlang unweit von hier am Waldensee in einer Blockhütte fern aller Zivilisation gelebt hat, erinnert. Ich kann immer noch nicht glauben, daß die Tradition des zivilen Ungehorsams gegen den Staat und die der selbstgenügsamen Verweigerung des Luxus und seiner tausendfältigen Optionen, daß diese freigewählte Einfachheit des Lebens, die Thoreau »simplicity« nannte, ausgestorben sein sollen. Sie haben es allerdings nicht leicht, diese Traditionen eines anderen Amerika.

Eine der schönsten menschlichen Begegnungen war die mit zwei Frauen, die in den letzten zwanzig Jahren mit den und für die Armen in Roxbury, dem schwarzen Elendsviertel in Boston gelebt haben. Sie hatten einen Vortrag von mir gehört, und weil »Gerechtigkeit, nicht Almosen!« ihr Lebensthema ist, sitzen wir für Stunden beim Lunch zusammen. Kip Tiernan, eine drahtige Weißhaarige, mit scharfgeschnittenem Profil und einem noch schärfer funktionierenden Mundwerk, hatte zuvor ihr eigenes Geschäft für Werbung und Öffentlichkeitsarbeit. Ihre Partnerin, Fran Froehlich, war über 15 Jahre lang Nonne in einem karitativen Orden. Beide sind Christinnen in der Tradition des Catholic Worker.

Kip erzählt, wie sie dazu kam, eine Unterkunft für obdachlose Frauen, »Rosies Place« zu organisieren. „Eine Zeitlang hatte ich beobachtet, daß Frauen sich als Männer verkleideten, um eine warme Mahlzeit in einer der Männerunterkünfte zu bekommen. Frauen wußten nicht wohin. Ich fing an, immer mehr obdachlose Frauen auf der Straße wahrzunehmen. Ich schrieb einen Brief an 50 oder 60 karitative Organisationen, wir müßten etwas für obdachlose Frauen tun. Sie antworteten mir, es gäbe keine. Wir alle erlauben uns ja in diesem Land eine ständige Verleugnung der Realität. In einem aufgegebenen Lebensmittelladen, den wir für einen Dollar im Jahr von den Behörden überlassen bekamen, öffneten wir die Notunterkunft – und waren in einem Monat total überfüllt.“

Das South End Viertel von Boston war eine der ersten Gegenden, die die Banken Anfang der siebziger Jahre rot umzirkelten, dorthin wurden keine Kredite mehr gegeben. Später kamen dann die Stadtentwickler, die dafür sorgten, daß die armen Leute aus den verfallenen Häusern herausgeworfen wurden und die »Gentrification«, die Veredelung der innerstädtischen Armenviertel, begann. „Ich merkte,“ sagte Kip, „daß all meine Bemühungen zwar helfende Hände waren, aber daß sich nichts änderte, ich konnte die Obdachlosigkeit nicht verhüten, die Armut nicht stoppen, und wenn ich ehrlich hinsehe, half ich sogar, die Probleme zu verewigen.“ Im Laufe der Jahre wurden immer mehr staatliche Notunterkünfte, »shelters«, gebaut, wohl um den häßlichen Anblick der Verelendeten zu verbergen, aber es gibt keine Aussicht auf erschwingliche Wohnungen. Tausende von Menschen wurden von den Wohlfahrtslisten gestrichen, der Gesundheitsversorgung beraubt, medizinische und zahnärztliche Hilfe zu erlangen wurde so kompliziert, daß die meisten Armen, vor allem die Alten und Verwirrten, es aufgeben. Kip nimmt kein Blatt vor den Mund. „Almosen sind Krümel, die von den Tischen der Reichen fallen, während Gerechtigkeit hieße, daß alle zu Tisch gebeten werden.“

Im Jahr 2003, so errechnet ein Wohnungsexperte vom MIT, werden 19 Millionen obdachlos sein – es sei denn, der Staat baute erschwingliche Wohnungen. Kip und Fran sind unromantische, realistische Christinnen. Ihre Lobbyarbeit für die Rechtlosgemachten hat zu einer Shelter-Industrie geführt, nicht zu mehr Gerechtigkeit. Sie sehen auch die wachsende Gewalt auf den Straßen nicht isoliert, wie es die rechte Wirtschaftsgewalt tut, die alte schwarze Frauen auf die Straße wirft und Kindern statt Gesundheitsvorsorge und Schulen der Brutalität der Straße aussetzt.

Vor Jahren habe ich den Unterschied zwischen Manhattans Straßen und denen von Hamburg, auf denen es damals noch keine Obdachlosen gab, immer unserem Lande zugute gehalten. Indessen ist die Amerikanisierung auch dieses Lebenssektors weitergegangen. Wird Gerechtigkeit, »justice«, allmählich ein schmutziges Wort oder „ein rein emotionales Gefühl“, wie ein führender Richter in Philadelphia kürzlich erklärte? Er hatte den schwarzen Journalisten und politischen Gefangenen Mumia Abu-Jamal 1982 zum Tode verurteilt und ich hörte diesen Satz auf einer Demonstration für Mumia vor dem Gericht in Philadelphia. Was mich tröstete, war, daß zwei führende Theologen, Freunde von mir, der Neutestamentler Walter Wink und die feministische Systematikerin Carter Heyward dort sprachen. Eine Kirchengemeinde hielt eine Gebetswache ab für die Versöhnung eines Richters, der Menschen haßt. Kleine Zeichen, sicher, aber doch Senfkörner… oder wie Kip sagte: „Der Drache wird nicht immer siegen.“

Prof. Dr. Dorothee Sölle ist Theologin und freie Schriftstellerin. Sie ist seit vielen Jahren aktiv in Friedens- und Menschenrechtsbewegungen und war von 1975 bis 1987 Professorin am Union Theological Seminar in New York.

in Wissenschaft & Frieden 1997-4: USA

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