in Wissenschaft & Frieden 1997-4: USA

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High-Tech für den Krieg

USA bauen ihren Vorsprung weiter aus

von Ingo Ruhmann

Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs sind militärpolitische Fragestellungen und Ziele in den USA untrennbar mit einer Politik technisch basierter militärischer Überlegenheit verbunden. Die unter dem Druck des Krieges erarbeiteten wissenschaftlichen Ergebnisse waren die Grundlage nicht nur für Wissenschaftszweige wie Operations Research, Informatik oder Kognitionswissenschaften. Die dabei gemachten Erfahrungen und entwickelten Organisationsformen waren Ausgangspunkt einer staatlichen Forschungspolitik und -förderung, die bis heute von der wechselseitigen Befruchtung und Fortentwicklung von Wissenschaft und Militärtechnologie lebt und dies auch in absehbarer Zukunft fortzuführen gewillt ist.

Die vor 1939 nur spärliche und vor allem wenig koordinierte staatliche Förderung von Forschung und Entwicklung wurde im Krieg einem fundamentalen Wandel unterzogen. Zwar rührten die Erfolge vor allem aus „der Anwendung bestehenden Wissens auf die Probleme des Krieges“ (Bush 145: 4), doch zeigte sich, daß ohne aufwendige wissenschaftliche Forschungsprogramme kein konventioneller Krieg und erst recht nicht das heranbrechende Zeitalter atomarer Abschreckung zu bestehen war. Die sich entwickelnde staatliche Förderung der Wissenschaft kombinierte zivile Ziele wie den Kampf gegen Krankheiten und Arbeitslosigkeit mit denen staatlicher Sicherheit. Die „reconversion“ (Bush 1945: 22) wissenschaftlicher Expertisen aus der Kriegszeit für zivile Zwecke legte einen der Grundsteine für die wirtschaftlichen Erfolge der USA in den 50er Jahren. Grundkonsens war die Auffassung, allein die Grundlagenforschung schaffe die benötigten ökonomischen und sicherheitspolitischen Voraussetzungen für eine Hochtechnologienation (Bush 1945: 43). Einstellungen dieser Art wirkten sich bis heute und trotz deutlicher Brüche Mitte der 60er und Anfang der 80er Jahre prägend auf das Verhältnis zwischen Politik und Wissenschaft in den USA aus.

„Modern war requires the use of the most advanced scientific techniques.“

(Vannevar Bush)

Vor diesem Hintergrund ist es folgerichtig, daß der US Director of Defense Research and Engineering noch 1992 erklärte: „Technologische Überlegenheit ist ein Schlüsselelement der Abschreckung im Frieden. In einer Krise liefert sie der Nationalen Kommandoautorität und den Stabschefs ein weites Spektrum von Optionen und Vertrauen für unsere Alliierten. Im Krieg verstärkt sie die Kampfeffektivität und vermindert den Verlust von Personal und Ausrüstung, wie die Leistung unserer Waffen und Unterstützungssysteme im Krieg gegen den Irak demonstrierte. Die Leistung unserer Militärtechnologie voranzutreiben, bleibt eine nationale Aufgabe.“ (DDR&E 1992: ES-1).

Erst zwei Jahre später fanden die geänderten politischen und technologischen Bedingungen Eingang in die Pläne des US Department of Defense (DoD). Nicht länger spielte Militärtechnologie darin die leitende Rolle, sondern die allgemeine technologische Überlegenheit der USA. Militärische Forschung – nicht unähnlich den erklärten Zielen in der Bundesrepublik (Kiper 199.) – sollte nur dort ansetzen, wo keine kommerziellen Angebote verfügbar sind (DDR&E 1994: Preface). Technischer Fortschritt wird in vielen Bereichen nicht länger vom militärischen sondern zivilen Bedarf vorangetrieben. Weiterhin ist „technologische Überlegenheit eine prinzipielle Charakteristik unseres militärischen Vorteils. … Jedoch suchen wir nicht nur reine technologische Überlegenheit. Statt dessen suchen wir eine Streitmacht, die in der Lage ist, jeden potentiellen Gegner über das gesamte Spektrum militärischer Operationen zu dominieren – Dominanz erlaubt uns, schnell, entschlossen und mit minimalen Verlusten zu gewinnen“ (DDR&E 1996: 1).

Seit 1994 ist es dabei das Ziel, den „Zugang der Militärs zu neuen technischen Möglichkeiten zu einem Bruchteil der Kosten“ zu ermöglichen (DDR&E 1994: 23). Über allem steht jedoch weiterhin, daß „technische Optionen … militärische Probleme lösen sollen“. Hohe militärische Anforderungen führen allerdings dazu, daß das DoD weiterhin in großem Umfang technologische Spitzenentwicklungen fördert. Um die vorhandenen Ressourcen ökonomisch nutzen zu können, ist es das Ziel des DoD, „dieselbe Technologie und dieselbe industrielle Basis wo immer möglich zu nutzen, um militärische und kommerzielle Produkte zu bauen“ (DDR&E 1994: 29). Die Verkopplung ziviler und militärischer Ziele in Dual-Use-Vorhaben ist seither technologiepolitisches Ziel des DoD, das den Unternehmen damit „verbesserte ökonomische Sicherheit“ (DDR&E 1994: 29) verspricht.

Politische Ziele militärischer High-Tech-Rüstung

Die technologischen Entwicklungen und Rüstungsanstrengungen der USA folgen expliziten militärpolitischen Zielen. Diese sind neben der Abwehr einer nuklearen Bedrohung der USA die globale »power projection« zur Durchsetzung nationaler Interessen. Als Mittel zu deren Umsetzung wird eine Ausrüstung der Truppe gesehen, die sie binnen Stunden an jedem Ort der Welt einsetzbar macht, ohne dabei auf eine politische Kontrolle solcher Einsätze zu verzichten. Neben der stärkeren Nutzung luftgestützter Angriffs- und Transportmittel bedeutet dies zusätzlich den Ausbau der Kommunikationsinfrastruktur und weltraumgestützter Aufklärung sowie die generelle informationstechnische Aufrüstung der Streitkräfte. Informationstechnik wird jedoch nicht nur als Mittel zur Erreichung militärpolitischer Ziele gesehen: „Informationstechnik wird in zukünftigen Konflikten eine kritische Rolle bei der Erringung der Dominanz spielen, die wir anstreben“ (DDR&E 1996: 1). Unter dem Begriff »Full Spectrum Dominance« wird dabei in einem doppelten Sinne sowohl die volle Dominanz des elektromagnetischen Spektrums bei Information Warfare, vor allem aber die Dominanz des vollen Spektrums militärischer Aktivitäten in bewaffneten Konflikten verstanden (DDR&E 1996: 10). Ziel der Entwicklung und des Einsatzes von High-Tech soll ein revolutionärer Wandel militärischer Operationen sein.

High-Tech-Arsenale

Was die USA militärtechnologisch von anderen Nationen unterscheidet, ist kaum die Nutzung oder Beschaffung herkömmlicher Waffentechnologie. Im Gegensatz etwa zur russischen Armee steht bei der US Army derzeit nicht die Einführung eines neuen Kampfpanzers an. Trotz der kostspieligen Aufstockung von 14 auf 20 B-2 Bomber sind weiterhin B-<0> <>52 Bomber mit einem Durchschnittsalter von über 30 Jahren das Rückgrat der strategischen Bomberflotte der Air Force. Auch die Navy schließt derzeit die Beschaffung von konventionellen Schiffstypen ab, die für die aus 12 Carrier Battle Groups bestehende Seestreitmacht auf Kiel gelegt wurden und wird dafür weitere 19 Mrd. Dollar in den nächsten zehn Jahren ausgeben. Die Dimensionen der High-Tech-Rüstung der US-Streitkräfte erschließen sich nur bedingt in der Übersicht des mit 247,7 Mrd. US-Dollar um etwa 3,3 Mrd. angewachsenen Verteidigungshaushalts des DoD für das Haushaltsjahr 1998, sondern erst bei speziellen Beschaffungen, dem Blick ins Detail entsprechender Entwicklungsprogramme sowie auf die Manöver und Operationen von speziellen Einheiten.

Die auffallendste und gleichzeitig für die nukleare Abrüstung gefährlichste High-Tech-Aktivität stellt die Nutzung des Weltraums für militärische Zwecke dar. Der im SDI-Programm gewählte Fokus auf ein System aus Raketenabwehr-Satelliten stellt sich nach zahlreichen grundlegenden Programmänderungen nun dar als eine deutlich ausdifferenzierte Nutzung des Weltraums, in die das ursprüngliche SDI-Konzept zerlegt wurde. Zum Schutz der USA vor einem Nuklearschlag werden Vorhaben verfolgt, die nuklearfähige Raketen bei ihrem Start aufspüren und vernichten oder die sich dem Ziel nähernde Raketen abfangen. Für die verschiedenen Raketenabwehrprogramme der Ballistic Missile Defense Organsiation (BMDO)1 sind nach derzeitigem Stand bis zum Jahr 2003 Ausgaben in Höhe von 16,142 Mrd. Dollar vorgesehen (Dornheim 1997a). In die Schlagzeilen kam vor wenigen Wochen der Versuch, mit einem bodengestützten Laser einen Satelliten zu erfassen (Süddeutsche Zeitung 22.10.97: 7). Weniger Aufmerksamkeit erregt derzeit ein Lasersystem der US Air Force, das von Bord eines Jumbojets aus Raketen in der Startphase zerstören soll.2 Vor allem dieses System, für das im Etat 1998 157 Mio. Dollar vorgesehen sind (Mann 1997), ist nicht nur für den Einsatz gegen Interkontinentalraketen sondern auch gegen Kurzstreckenraketen auf dem Schlachtfeld gedacht.

Operationsgrundlage derartiger Raketenabfangsysteme sind Daten, die von Aufklärungssystemen rund um die Uhr in Echtzeit geliefert werden. Hierbei spielt wiederum die qualitative Erweiterung der satellitengestützten Aufklärungssysteme eine herausragende Rolle. Der dazu stattfindende Wandel macht aus Satelliten – bisher Quellen hochsensitiver Daten für wenige Eingeweihte – nun durch die Installation von Satellitenempfangseinrichtungen in verschiedensten Systemen Mittel der taktischen Aufklärung und operativen Planung. In Lagezentren werden deren Daten mit denen anderer Quellen zu einem aktuellen Lagebild aufbereitet. So bereitet das Eagle Vision 2-System der US Army die Daten von militärischen und kommerziellen Daten zu Lagebildern auf (Scott 1997).

Neben dem Start eines neuen »Lacros<0><>se«-Radarsatelliten gilt der »Trumpet«-Signalaufklärungssatellit als neuer Meilenstein satellitenbasierter Aufklärungstechnologie. Mit einem Antennendurchmesser von einhundert Metern soll dieser dritte Satellit der »Trumpet«-Reihe Tausende von Kommunikationsquellen vor allem in den nördlichen Breiten Rußlands und Chinas simultan überwachen. Zivile Gegenstücke sind in der Lage, über eine 13-Meter-Antenne 16.000 Kommunikationsverbindungen abzuwickeln. Diese Kommunikationsüberwachung vervollständigt die Dominanz des elektromagnetischen Spektrums, die durch zwei »Lacrosse«-Radarsatelliten und die vier funktionsfähigen, im optischen und Infrarot-Bereich arbeitenden KH-11-Satelliten und weitere Orbitalspäher der USA sichergestellt wird (Covault 1997).

Die Weltraumaktivitäten der US-Militärs werden erweitert durch Studien zu einem unbemannten, wiederverwendbaren Mini-Raumgleiter, der Nutzlasten von 1.200 Pfund bis in einen geosynchronen Orbit befördern und dort bis zu einem Jahr verweilen kann (Dornheim 1997b). Damit soll der Weltraum als Aktionsradius und Aufmarschraum erschlossen werden. In der Diskussion ist auch ein »Orbital Combat Vehicle«, das von einem Trägerflugzeug aus einen niedrigen Orbit ansteuert, dort bis zu vier Abstandswaffen ausklinkt und binnen 2-4 Stunden wieder zur Ausgangsbasis zurückkehrt (Scott 1994). Derartige Trägersysteme mit globalem Aktionsradius ermöglichen politisch den Rückzug von vorgeschobenen Basen in verbündeten Nationen ohne Verzicht auf militärische Schläge in jeder Weltregion. Wie ähnliche Pläne schon nach dem Zweiten Weltkrieg, markieren solche Ideen die Kombination der in den USA vertretenen politischen Strömungen des Isolationismus einerseits mit dem Anspruch politischer und militärischer Weltgeltung andererseits. Diese Aktivitäten bergen jedoch die Gefahr einer schleichenden Militarisierung des Weltraums.

Auch die US Air Force setzt weiter auf technologische Überlegenheit als Ziel ihrer Entwicklungen und Beschaffungen. Mit den Tarnkappenbombern B-2 und F-117 eröffnete sie schon Ende der 70er Jahre ein neues Kapitel in der Luftfahrttechnik. In geheimen Programmen wurden verschiedene Entwicklungspfade der Stealth-Technologie erprobt (Fulghum 1996a), zu der aus anderen Staaten nichts Vergleichbares entwickelt wurde. Nun beschreiten die USA mit dem seit 1986 entwickelten F-22 Jagdbomber mit Stealth-Charakteristik, Schubvektorsteuerung, deutlich erhöhter Geschwindigkeit und Zuladung wiederum technologisch neues Terrain. In der Entwicklung sind mittlerweile Studien zu leitwerklosen, hochmanövrierfähigen Flugzeugen, unbemannte Jagdbomber (Fulghum 1996b), Abstandswaffen und die Mittel zur störungsfreien Kommunikation mit semiautonomen Flugrobotern (Fulghum 1995). Lediglich mit dem von Rockwell und der DASA entwickelten und erprobten X-31 Experimentalflugzeug werden auch außerhalb der USA einige wichtige Teilaspekte von US-Programmen erprobt (Avitation Week & Space Technologie 1994: 54f). Vergleiche dieser Entwicklungen mit europäischen Typen wie dem Eurofighter oder dem schwedischen Gripen, aber auch den russischen Mig 29, Su 27 und der geplanten Su 35 verdeutlichen den großen technologischen Abstand zwischen den US-Flugzeugen und anderen in absehbarer Zeit eingesetzten Typen. Dieser Abstand resultiert in einer weitgehenden Luftraumüberlegenheit der USA in jedem militärischen Krisengebiet.

Bei der US Navy wird der technologische Vorsprung mittlerweile kaum noch hinterfragt. Die atomare Unterseebootflotte war ihren (heute russischen) Gegenstücken schon länger einen Schritt voraus. Bei Überwasserschiffen läßt sich oft kaum noch ein Vergleich anstellen: Keine andere Flotte verfügt über technisch ähnlich ausgerüstete Flugzeugträger oder Lenkwaffenzerstörer wie etwa die Aegis-Klasse, von denen vier weitere Schiffe beschafft werden. Auch ohne den Bau eines Stealth-Schiffes ist die US Navy in der Lage, einerseits so gut wie jede andere Marine in deren Basen zu zwingen und andererseits als Instrument einer »power projection« militärische Schlagkraft in jedem Winkel der Weltmeere zu demonstrieren.

Die hohen Ausgaben für die Hochtechnologierüstung von Air Force und Navy sollten jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, daß die weit bedeutsameren technologischen Veränderungen bei der Army zu beobachten sind, ohne daß es dabei um die Beschaffung teurer Hardware ginge – im Gegenteil: Für die Army ist in den nächsten Jahren der geringste Teil der Rüstungsausgaben vorgesehen. Während die Luft- und Seeüberlegenheit amerikanischer Streitkräfte seit dem Zweiten Weltkrieg ausgebaut wurde, ließ sich technologische Leistungsfähigkeit lange Zeit weit weniger deutlich in militärische Überlegenheit auf dem konventionellen Schlachtfeld übersetzen. Der Vietnamkrieg zeigte den Militärs in den USA, daß zwischen dem Vertrauen auf Hochtechnologie und der Guerillataktik eines Volkskrieges wesentliche Differenzen bestehen. Getreu der Einsicht, daß Kriege am Boden gewonnen werden, hat die US Army mittlerweile erhebliche Mittel in die Erweiterung ihrer Fähigkeiten und die Nutzung von Hochtechnologie investiert.

Seit dem in der AirLand-Battle-Doktrin vollzogenen Schritt, das Vorgehen von Land- und Luftstreitmacht miteinander intensiv zu verzahnen, mutierte das Schlachtfeld zum Schlachtraum, in dem heute technologische Überlegenheit in ein hochgradig koordiniertes und wesentlich beschleunigtes Vorgehen mit taktisch massierter Kampfkraft übersetzt wird. Die hierbei genutzte Technik benötigt die im Vergleich zu anderen Teilstreitkräften komplexesten Systeme.

Während einige Zeit die Entwicklung nichtletaler Waffen durch die US-Militärs die Öffentlichkeit beschäftigte, sind diese Arbeiten derzeit wieder in den Hintergrund gerückt. Aktuell geht es der Army nicht um die Beschaffung neuer militärischer Großtechnik wie Kampfpanzer oder ähnliches, sondern um die Anbindung und Kopplung der Vielzahl einzelner Teilnehmer am Kampfgeschehen in einem integrierten Kommandonetz. Als entscheidend gilt nunmehr nicht mehr der Kampf einzelner Soldaten gegeneinander, der in der Vergangenheit in die Notwendigkeit zu Armeen in Millionenstärke umgemünzt wurde, sondern die militärische Überlegenheit durch die Nutzung des technologischen Vorsprungs in der Ausrüstung und Kampfdoktrin einer begrenzten Zahl von Soldaten. Die Schlüssel zu dieser Überlegenheit sind die konsequente Nutzung aller verfügbaren Informationsquellen und die umfassende Verarbeitung aller daraus anfallenden Daten. Die Mittel dazu stellt die Informationstechnik bereit, die damit von einem Hilfsmittel für Kommando und Kontrolle zu einem zentralen Instrument militärischer Machentfaltung mutiert.

Mit den operativen, technischen und strategischen Fragen dieses Wandels beschäftigen sich US-Militärs bereits seit den 80er Jahren. Ihre Bemühungen werden heute unter dem Begriff »Information Warfare« subsumiert. Dessen zentrales Ziel ist die Informations-Dominanz, die aufgefächert wird in die Forderungen

Mit »situational awareness« wird dabei der intensive Austausch von Positions-, Zustands- und Videodaten beschrieben, wodurch dem Soldaten eine verbesserte Kenntnis seiner Lage im militärischen Kontext ermöglicht werden soll. »Top sight« beschreibt die genaue Übersicht über die Geschehnisse auf dem Schlachtfeld, die den Kommandeuren durch die Daten ihrer Einheiten vermittelt wird..> Diesem Modell entsprechend wurden in den USA bereits militärische Einheiten reorganisiert: Seit 1993 verfügt die U.S. Air Force über ein Air Force Information Warfare Center und das DoD über ein Joint Command and Control Warfare Center, das mit Aufgaben der psychologischen Kriegsführung, operativen Sicherheit und Destruktion von Kommunikationsnetzen und Kommandoeinrichtungen betraut ist.

Noch intensiver beschäftigt sich jedoch die Army mit der Adaption von Informationstechnik für ihre Zwecke, die das voll digitalisierte Schlachtfeld zu ihrem Ziel gemacht hat. Dazu treibt sie die Anbindung aller Einheiten an das taktische Kommando- und Kontrollnetz voran. So sollen in naher Zukunft vom »Battle Command Vehicle« über den Kampfpanzer bis zur »Manpack Tactical Workstation« alle Ebenen miteinander verbunden sein. Erprobt wird das Zusammenwirken verschiedener neuartiger Kommando- und Kontrollkomponenten bei gepanzerten Einheiten und Infanteristen, sowie die unter dem Titel Force XXI zusammengefaßten »Konzepte des 21. Jahrhunderts« durch eine besondere Experimentiereinheit (Experimental Force, EXFOR), in die 1994 die zweite gepanzerte Division in Fort Hood, Texas, umgewandelt wurde.> Die Division wurde restrukturiert und vollständig mit Computern ausgerüstet, um ein zwischen allen Ebenen interoperables Kommando- und Kontrollsystem in der realitätsnahen Manöverpraxis zu erproben (US Army News, Dec.6, 1994). Zusätzlich sollen verbesserte Mittel zur »power projection« und Waffen getestet werden, die zunächst kleineren Vorausabteilungen eine höhere Feuerkraft zur Verfügung stellen (Ackermann 1994). Wichtig ist für die Army außerdem der Ausbau von Telemetrie und Telemedizin, um zum einen die Vitaldaten der Soldaten telemetrisch zu verfolgen und zum anderen eine bessere und schnellere medizinische Versorgung für Verwundete zu gewährleisten (Ackermann 1994)3. Den Überblick über das digitalisierte Schlachtfeld hat der Kommandeur der Division in seinem »battle command vehicle«, dessen Daten aber auch an andere Kommandostellen übermittelt werden.

Funktionen der High-Tech-Rüstung

Die informationstechnische Kopplung von der Kommandozentrale bis hinunter zum einzelnen Soldaten dient nicht allein der Übersetzung eines technologischen in einen militärischen Vorsprung, sondern auch der besseren Steuerung bei der Übersetzung politischer Ziele in militärische Aktionen (vgl. Bernhardt/Ruhmann 1997). Die geschrumpfte Zahl von Gegnern und deren militärischer Ausrüstungsgrad verleiht der technisch gestützten militärischen Bereitschaft der USA Glaubwürdigkeit. Fehlschläge wie bei der UN-Mission in Somalia werden dabei gern ausgeblendet, Erfolge wie nach dem Golfkrieg oder auch beim Bosnieneinsatz hervorgehoben.

Als politische Funktion dieser Art von Glaubwürdigkeit entpuppt sich Information Warfare als neues Mittel, um potentiellen Aggressoren als zur Abschreckung taugliches Kriegsspiel zu dienen. Die Technik dafür kann als mindestens ähnlich glaubhaft angesehen werden wie die gleichfalls auf Berechnungen beruhende Abschreckung zu Beginn des nuklearen Zeitalters. Der Kommandeur des Joint Command and Control Warfare Centers sieht in der Abschreckung ebenso den Zweck von Information Warfare wie die jüngste Weiterentwicklung der AirLand-Battle-Doktrin (Tradoc 1997) .

Neben der militärischen Bedeutung einer Hochtechnologiearmee ist auch weitgehend unumstritten, daß die Förderung von Militärtechnologie durch die Regierung auch ein Mittel zur Stärkung der US-Industrie im zivilen Sektor ist. Neben der Luft- und Raumfahrtindustrie hat davon auch die Informationstechnik-Branche profitiert. Über die Nutzung verschiedener Technologielinien und die Ausgestaltung der für unterschiedliche Technologielinien notwendigen Organisationsstruktur herrscht allerdings keine Einigkeit. So wird kritisiert, das DoD verteidige mit seiner Technologienutzung lediglich den Status Quo und sei weder willens noch in der Lage, die aus neuen politischen Gegebenheiten erforderlichen militärischen Weichenstellungen auch militärtechnologisch umzusetzen (Odom 1997: 62). Wenn jedoch Truppenstruktur und militärtechnologischer Zuschnitt lediglich „Industrielobbies, lokale politische Interessen und Rivalitäten zwischen den Teilstreitkräften“ kennzeichnen (Odom 1997: 63), so ist der einzige eindeutige Zweck der Hochtechnologierüstung der US-Streitkräfte die in den Programmen des Forschungs- und Entwicklungsdirektors des DoD durchgehend betonte Förderung technologischer Überlegenheit gerade auch im Zivilsektor.

Dies und die Betonung von Dual Use, zugleich aber auch die Eigenschaften einer computergestützten Produktion lassen jedoch jenseits der Dispute über die »richtige« Militärtechnologie auch eine andere Deutung zu. Dabei ist zu bedenken, daß die USA gerade in Zeiten reduzierter Militärbudgets wie nach dem Vietnamkrieg wesentliche Neuerungen entwickelten, ohne diese auch notwendigerweise zu beschaffen. Die Multimilliardenbeträge, die das DoD in die Förderung der Forschung und Entwicklung von Informationstechnik steckt (APRA 1997), können danach auch der Erzeugung einer Optionenvielfalt in dem Sinne dienen, daß es hier nicht um Rüstungsprogramme großen Stils, sondern um die Machbarkeit einer Vielzahl von Entwicklungslinien und die Erprobung ihrer militärischen Nutzbarkeit geht. Resultat wäre daher eine von sichtbaren und politisch debattierten Rüstungsvorhaben abgekoppelte »immaterielle Rüstung«, deren Zweck es ist, qualitativ entscheidende Rüstungsgüter nicht mehr materiell bereitzuhalten, sondern als jederzeit abrufbare Design- und Produktionsdaten zum geeigneten Zeitpunkt und für spezifische Zwecke in den Herstellungsprozeß einbringen zu können.

Fazit

Mit der Qualität ihrer Hochtechnologierüstung haben sich die USA schon deutlich von der Ausstattung anderer Streitkräfte abgehoben. Dennoch setzt das DoD weiterhin auf umfangreiche Forschung und Entwicklung, deren Ergebnisse nur sporadisch in den militärischen Einsatzalltag gelangen. Konzeptionelle Defizite und Brüche in der Formulierung politischer und militärischer Ziele werden hier sichtbar. Die Demonstration technologischer Stärke wird aber auch eingesetzt, um einerseits der Abschreckung auf der Basis konventioneller Rüstung Nachdruck zu verleihen und andererseits die Grundlagen für eine immaterielle Rüstung zu legen, deren Anwendung als Potential offengehalten wird. Damit unterscheidet sich diese Herangehensweise kaum von den Grundsätzen einer Technologiepolitik, die Vannevar Bush schon nach dem Zweiten Weltkrieg skizzierte und die weiterhin auf technologische Dominanz setzt, bei der militärische mit ökonomischen Gründen verbunden werden.

Literatur

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Anmerkungen

1) Dies sind die Programme: Kampfwertsteigerung Patriot und Hawk, Navy Area Defense, Theater High Altitude Air Defense (Thaad), Medium Extended Air Defense (MEADS), Navy Theater Wide Defense und National Missile Defense. Zurück

2) Zu einer ersten Studie: PhilipsLab Awards ABL Contracts; in: Aviation Week and Space Technology, May 23, 1994, S. 15; zur Prototypenbeschaffung: Boeing Team tapped to Build Laser Aircraft, Aviation Week and Space Technology, Nov. 16, 1996, S. 22-23. Zurück

3) Medizinische FuE wird beschrieben im: Director of Defense Research and Engineering: Defense Science and Technology Strategy, Springfield, VA, July,1992, S. II-56, S. 4-2f. Zurück

Ingo Ruhmann ist Diplom-Informatiker und wissenschaftlicher Mitarbeiter beim forschungspolitischen Sprecher der Bundestagsfraktion Bündnis 90 / Die Grünen.

in Wissenschaft & Frieden 1997-4: USA

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