in Wissenschaft & Frieden 1997-3: Wahnsinn ohne Ende

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Demobilisierung am Horn von Afrika

von Kiflemariam Gebrewold • Kees Kingma

Das Horn von Afrika hat viele Kriege und zivile Unruhen erlebt, die sich in Ausmaß, Intensität und Art unterscheiden. Äthiopien erlebte einen »dreifachen Krieg« in den letzten drei Jahrzehnten auf seinem Territorium. Militarisierung und Kriege führten zum Anschwellen der Zahl des militärischen Personals von 240.000 Anfang der 80er Jahre auf fast eine halbe Million in 1991. Nach der Machtübernahme durch Mengistu Haile Mariam (1974) führten bewaffnete Konflikte zwischen verschiedenen Oppositionsgruppen und Gegnern des Militärregimes (Derg) zu viel Blutvergießen vor allem unter den Jugendlichen und zur massiven Militarisierung der gesamten Gesellschaft. Ein bewaffnetes »Blockwartsystem« wurde im ganzen Land etabliert, mit dem Ziel, die Bevölkerung politisch zu kontrollieren.

Äthiopien führte auch einen externen Krieg – Ende der 70er Jahre – gegen Somalia. Dieser Krieg war zum Teil Resultat der Innenpolitik, was widersprüchliche Einschätzungen der militärischen Strategie Äthiopiens zur Folge hatte. Die Invasion Somalias in Äthiopien (Ogaden) führte zu einer starken Solidarisierung der Äthiopier untereinander, in der Hoffnung, so die Eindringlinge vertreiben zu können. Die Sowjetunion und Kuba haben in bis dahin unbekanntem Maße mit Mensch und Material geholfen. Der dramatischste Konflikt war aber wohl der zwischen Eritrea und Äthiopien. Dieser Konflikt hat auf beiden Seiten zu erheblichen menschlichen Verlusten geführt. Während Eritrea den Krieg als nationalen Befreiungskampf sah, war er für die äthiopische Regierung nur eine interne Revolte.

Das Ende der Kriege in Djibouti, Eritrea und Äthiopien

Im Mai 1991 fiel das Derg-Regime. Anfang 1991 umzingelten die »Ethiopian People's Revolutionary Democratic Forces« (EPRDF) Addis Abeba und die »Eritrean People's Liberation Front« (EPLF) näherte sich Asmara. Mit dem Verlust mehrerer wichtiger Städte verlor die äthiopische Armee ihre Manövrierfähigkeit. Während ihrer militärischen Erfolge wurden Anfang 1991 die EPRDF, die EPLF und die »Oromo Liberation Front« (OLF) zu einer Konferenz (London) unter der Ägide der USA eingeladen. Andere nichtbewaffnete Gruppierungen wurden von diesem Prozeß zur Übernahme der Regierung ausgeschlossen. Die realpolitische Herangehensweise der USA im Frühjahr 1991 bedeutete de facto die Anerkennung der bewaffneten Gruppierungen, die im Mai 1991 ermutigt wurden, die Hauptstadt einzunehmen. Der Zerfall des Regimes hatte bereits Ende der achtziger Jahre eingesetzt und selbst die Einführung quasi marktwirtschaftlicher Strukturen, die vorher immer abgelehnt wurde, hatte nicht den erwünschten Meinungsumschwung in der Bevölkerung zur Folge. Mit dem politischen Umschwung in der DDR und in der UdSSR unter Gorbatschow verlor das Mengistu-Regime seine Waffenlieferanten und Berater.1

Nach etwa drei Jahrzehnten sind die Bürgerkriege in Eritrea und Äthiopien heute beendet. Jedoch bedeutet der »krieglose« Zustand nicht, daß Frieden in der Region eingekehrt ist. Auch nach dem Krieg gab es noch bewaffnete Konflikte mit den Nachbarstaaten. Verschiedene Meldungen weisen darauf hin, daß es in Äthiopien und Eritrea nach wie vor bewaffnete Oppositionsgruppen gibt.

Der interne Konflikt in Djibouti war hauptsächlich ein Kampf um die politische Macht zwischen den Volksgruppen der Afar und Issa. Eine der Hauptfiguren in diesem Konflikt ist der seit der Unabhängigkeit herrschende Präsident, der mit Hilfe französischer Truppen2 Oppositionsbewegungen niederschlug. 1991 bis 1994 haben die in der »Front Uni de l'Opposition Djiboutienne« (FUOD) vereinigten Kräfte gegen die Regierung gekämpft. Während des Konfliktes wuchs die Zahl der Soldaten von 3.000 auf 18.000 (Africa Confidential, 06.07.97, S. 7). Durch Vermittlung Frankreichs wurde 1994 schließlich ein Friedensabkommen unterzeichnet (Matthies 1997).

Kriege im Sudan und in Somalia

Somalia befindet sich seit der blutigen Schlacht Anfang 1991, die zu der Vertreibung von Präsident Siad Basse führte, nahezu ununterbrochen im Bürgerkrieg. Gleichzeitig zerfielen die nationalen Streitkräfte. Die wichtigsten bewaffneten Fraktionen, die um die Macht kämpfen, entstammen verschiedenen Clans. Sie variieren je nach politischem Bündnis, strategischen Notwendigkeiten und dem Gemüt ihres Führers. Somalias interne Kämpfe sind zu einem Sicherheitsproblem auch für die Nachbarstaaten geworden. Eine von den USA geführte Invasion begann Ende 1992 – später bekannt und fortgeführt als »United Nations Operations in Somalia« (UNOSOM I&II)- und wurde Ende 1995 beendet, ohne daß die gesetzten Ziele erreicht wurden. Die UNO schätzte Anfang 1995 die Zahl der bewaffneten Männer auf 134.000. Äthiopien ist gegenwärtig Gastgeber von (scheinbar) fruchtbaren Friedensverhandlungen. Bisher vorgelegte Lösungen wurden allerdings kürzlich von einigen Fraktionen abgelehnt.

Die Regierung des Sudans, die von der »National Islamic Front« (NIF), einer politisch-religiösen Partei, kontrolliert wird, befindet sich im Krieg mit der »Sudanese People Liberation Front« (SPLA) und anderen Gruppen, die sich gegen die »Arabisierung« und »Islamisierung« wenden. Die Regierung betreibt eine systematische Kampagne gegen ihre Gegner und besteht auf der zwangsweisen Einberufung zur Miliz und Armee. Während die bewaffnete Hauptopposition (SPLA) gegen die Regierung kämpft, haben andere Gruppen kürzlich eine Friedensvereinbarung erzielt. Doch diese Vereinbarung ist weit von dem entfernt, was ein »Friedensprozeß« beinhalten müßte, nämlich eine Teilnahme aller Betroffenen und klar erkennbare Schritte in Richtung friedenschaffende Maßnahmen. Diese Vereinbarung wird wohl noch nicht zu einem Ende des Konflikts führen.

Demobilisierung

Als Resultat der Beendigung einiger Konflikte am Horn von Afrika haben seit 1991 mehrere Demobilisierungen stattgefunden. Zunächst wurde in Äthiopien die Armee des Derg-Regimes, etwa eine halbe Million Soldaten, vollständig abgebaut. Sie wurde durch die Armee der EPRDF ersetzt und entsprechend in »Ethiopian National Defense Force« (ENDF) umbenannt. Diese besteht zur Zeit aus ca. 120.000 Soldaten.3 Nachdem die OLF die Regierungskoalition verließ und gegen die Regierungstruppen kämpfte, wurden zwischen 1992 und 1994 weitere 22.200 Kombattanten der OLF demobilisiert. Die neue Regierung hat 1995 ca. 20.000 Soldaten entlassen (hauptsächlich Tigreer), um einen Prozeß zur Herstellung einer »ethnischen Balance« in den Streitkräften einzuleiten (Horn of Africa Bulletin, 6/1995, S. 6). Da diese mit anderen Nationalitäten ersetzt wurden, sollte dies nicht als Demobilisierungsmaßnahme aufgefaßt werden, auch wenn dieser Vorgang ähnliche Reintegrationshilfsmaßnahmen erforderte.

Als das Regime von Mengistu im Mai 1991 fiel, waren die Streitkräfte in der Auflösung begriffen. Einige Soldaten flüchteten und landeten in Flüchtlingslagern in benachbarten Ländern (Djibouti, Kenia und Sudan). Die ehemaligen Derg-Soldaten wurden im Juli 1991 offiziell zur Demobilisierung aufgerufen und anschließend in Demobilisierungslagern zusammengefaßt. Viele Soldaten wurden per Luft und Straße von Nachbarländern mit Hilfe des UNHCRs in ihr Heimatland zurückgeschickt. In den Lagern wurden die Soldaten registriert, erhielten medizinische Versorgung und Nahrungsmittel. Das Internationale und das äthiopische Rote Kreuz unterstützten den Aufbau und die Verwaltung der Lager. Die ehemaligen Soldaten wurden nach Dienstgrad und gesundheitlicher Verfassung und Ihren Siedlungswünschen (städtisch bzw. ländlich) kategorisiert (Coletta et al, 1996).

Etwa 71.000 ehemalige Soldaten, die weniger als 18 Monate gedient hatten, wurden direkt in ihren Gemeinden angesiedelt. Andere, die mehr als 18 Monate gedient hatten, wurden für maximal 6 Monate kaserniert und unterzogen sich während dieser Zeit einem Reorientierungskurs und anderen Bildungsmaßnahmen, die sie auf die Rückkehr in das zivile Leben vorbereiten sollten. Weitere 90.000 Soldaten, die sich allerdings erst zu einem späteren Zeitpunkt bei den neuen Behörden gemeldet hatten, wurden mit ähnlichen Rehabilitationsmaßnahmen bedacht (Kingma and Sayers, 1995). Bis Januar 1992 waren alle demobilisierten Soldaten, entweder in ihrer ursprünglichen Heimatgemeinde oder in Gebieten, in denen sie sich vorzugsweise niederlassen wollten, angekommen. Alles in allem hat die äthiopische Regierung ca. 475.000 Soldaten demobilisiert.

Mehrere Programme wurden aufgestellt, um die Reintegration der Ex-Soldaten zu fördern. Die Regierung stellte ein Übergangspaket für die ehemaligen Soldaten zur Verfügung, das aus Bargeld und Gütern bestand. Jeder ehemalige Derg-Soldat erhielt zum Zeitpunkt der Entlassung aus der Armee eine Bargeldsumme in Höhe von 137 Birr (2,07 Birr=1 US-Dollar). Die 158.710 ehemaligen Derg-Soldaten, die in städtische Zentren zurückkehrten, erhielten für sieben Monate einen zusätzlichen monatlichen Betrag von 50 Birr (Coletta et al, 1996). Die Reintegration wurde auch von ausländischen Organisationen, wie der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ), den »Catholic Relief Services« (CRS) und Oxfam unterstützt. Die GTZ beispielsweise unterstützte den Reintegrationsprozeß u.a. durch die Finanzierung von landwirtschaftlichen Betriebsmitteln, arbeitskraftintensiven Konstruktionsvorhaben, Ausbildungsmaßnahmen, um die selbständige Beschäftigung zu fördern, und bot kostengünstige Wohnungsbauprojekte an.

Die neue Regierung in Eritrea hat seit der Unabhängigkeit in 1993 ca. 55.000 der 95.000 Kämpfer demobilisiert. Die erste demobilisierte Gruppe (1993) betraf 26.000 Soldaten. Dabei handelte es sich hauptsächlich um junge Kämpfer, die der Unabhängigkeitsbewegung nach der entscheidenden Schlacht um Massawa (Februar 1990) beigetreten waren. 1994 und 1995 wurden 22.000 Kämpfer, die bereits länger gedient hatten – einige länger als zwei Jahrzehnte – und 1996 weitere 6.000 Kämpfer schrittweise demobilisiert. (Bruchhaus und Mehreteab, erscheint in Kürze). Diese in Eritrea demobilisierten Kämpfer unterschieden sich erheblich von den Soldaten in Äthiopien. Sie waren alle sehr diszipliniert und engagiert und hatten gerade einen drei Jahrzehnte langen Krieg siegreich beendet. Für die Bevölkerung waren sie die Befreier. Sie selber hatten im allgemeinen Vertrauen in ihre Regierung und Geduld, wenn erforderlich. Etwa ein Drittel der Kämpfer waren Frauen. Viele der Kämpfer (8.000-10.000) wurden im öffentlichen Dienst eingesetzt, um die zurückgekehrten Äthiopier zu ersetzen. Formal waren sie während dieser Zeit nicht demobilisiert und erhielten nur ein Taschengeld. Die Kämpfer, die in der ersten Phase demobilisiert wurden, erhielten zwischen 1.000 und 5.000 Birr (je nach Dauer der Zugehörigkeit zur EPLF) und Nahrungsmittelrationen für sechs Monate. Die der zweiten Phase, erhielten 10.000 Birr und Nahrungsmittelrationen für ein Jahr. (Bruchhaus und Mehreteab, erscheint in Kürze) Die Zahlungen wurden durch ein Darlehen finanziert, das die Regierung bei der Commercial Bank aufnahm. Da Eritrea weiterhin die äthiopische Währung verwendet (Birr), bedeutet dies im Endeffekt, daß die Zentralbank Äthiopiens die Aktion subventioniert hat. Die Demobilisierungsmaßnahmen wurden mit erheblicher Unterstützung seitens der »Abteilung für die Reintegration von demobilisierten Kämpfern« des Verteidigungsministerium durchgeführt.

Das Friedensabkommen von Djibouti beinhaltete die Verpflichtung, die 18.000 Mann starke Streitmacht auf die Hälfte zu reduzieren (La Nation, 02.06.1996). Die Regierung versucht weiterhin, die Finanzierung durch ausländische Geldgeber abzudecken. Sie beabsichtigt den Ex-Soldaten pro Kopf 1.500 US Dollar zu zahlen. Sie hofft, daß viele der demobilisierten Issas nach Südwestäthiopien zurückkehren, von wo sie 1991 rekrutiert wurden (Africa Confidential, 06.06.1997, S.7).

Trotz des Anhaltens von Gewalt und einem akuten Regierungsmangel in Somalia wurden in den letzten Jahren vereinzelt Demobilisierungsbemühungen unternommen. Nachdem nach der Borama-Konferenz (1992) eine relativ stabile Situation im Nordwesten Somalias erreicht wurde, unternahm die selbsternannte Regierung von Somaliland teilweise erfolgreiche Versuche, die Zahl der Waffen und bewaffneten Männer im Land zu reduzieren. Mit Hilfe einer kleinen UNDP-Beratergruppe begann ein nationales Demobilisierungskommittee damit, den Demobilisierungs- und Abrüstungsprozeß zu fördern und zu organisieren. Es gab erste Erfolge, bis Spannungen zwischen den verschiedenen Parteien auftraten und erneut Kampfhandlungen entflammten.

Im Januar 1993 versuchte die UNO-Aktionstruppe (UNITAF) in Somalia ein sogenanntes »Nahrung-für-Waffen«-Programm zu starten. Das Programm wurde aber schnell abgebrochen, als es zu Spannungen kam zwischen der UNITAF-Führung und Nothilfeorganisationen, die die Nahrungsmittel bereitstellen sollten (Adibe, 1995). Demobilisierungsbemühungen der UNOSOM scheiterten wegen fortwährender Kämpfe zwischen den verschiedenen Fraktionen. Die Erwartung, daß die UNO nicht in der Lage sein würde ihr Abrüstungsprogramm durchzusetzen und die Tatsache, daß die Macht auch weiterhin von der militärischen Fähigkeit der Milizen abhängen würde, machte wirksame Demobilisierungsmaßnahmen unmöglich. Dennoch sind kürzlich einige Versuche unternommen worden junge Männer aus den Milizen herauszuholen. Gegen Anreize werden diese Männer ermutigt ihre Waffen abzugeben und sich weiterzubilden oder andere Aktivitäten aufzunehmen. Ein Ziel dieser Maßnahmen ist es, einen Beitrag zum Versöhnungsprozeß zu leisten. Die meisten dieser Projekte werden von ausländischen Entwicklungshilfeagenturen, wie z.B. der Europäischen Union und des UN-Entwicklungshilfeprogramms (UNDP), unterstützt und von lokalen und internationalen NGOs umgesetzt.

Reintegration

Der Umzug der ehemaligen Soldaten in die neuen Gemeinden, um dort ein neues Leben zu beginnen, ist der Beginn des Reintegrationsprozesses. Es muß festgehalten werden, daß der größte Teil der Last der Reintegrationsbemühungen auf den Schultern der ehemaligen Kombattanten4 und denen ihrer Familien und Gemeinden liegt. Zumindest die oben genannten Demobilisierungsmaßnahmen wurden durch Regierungen, NGOs oder internationale Entwicklungsagenturen unterstützt. Hier sahen sich die Entscheidungsträger mit der Frage konfrontiert, ob sie die Ex-Soldaten als eine spezielle Zielgruppe betrachten sollten. Bei der Entwicklung der Unterstützungsmaßnahmen mußten einerseits die spezifischen Interessen der ehemaligen Kombattanten berücksichtigt werden, auf der anderen Seite mußte aber verhindert werden, eine Unzufriedenheit bei den oftmals armen Gemeinden hervorzurufen, denn dies hätte eine wirkliche Integration gefährdet (Kingma, 1995). Die Demobilisierungs- und Reintegrationsmaßnahmen fanden nicht isoliert statt, sondern im Zusammenspiel mit Bemühungen die Wirtschaft zu stabilisieren, lokale Institutionen zu stärken, die Infrastruktur, die Landwirtschaft und die Industrie wieder aufzubauen sowie zurückkehrenden Flüchtlingen und anderen vom Krieg betroffenen Gruppen Hilfestellung zu leisten.5

Reintegration ist nicht nur ein ökonomischer Prozeß, um den Lebensunterhalt zu sichern. Sie hat auch wichtige soziale und psychologische Aspekte. Die Ex-Kombattanten müssen in ihren Gemeinden akzeptiert werden und in der Regel fällt es ihnen schwer, ihre Einstellungen und Erwartungen der neuen Situation anzupassen. Für eritreische Kämpfer beispielsweise war es anfangs schwer mit Geld umzugehen, da sie in ihrer Zeit bei der EPLF über keines verfügten. In Eritrea ist die Reintegration besonders für Frauen schwierig. Sie haben während des Krieges neue Rollen übernommen, aber nach dem Krieg erwarteten viele Männer, daß sie zu ihren traditionellen Rollen zurückkehren, was automatisch zu Spannungen führte. Unter den Ex-Kämpfern wurde eine hohe Scheidungsrate festgestellt (Klingebiel et al, 1995). Eine andere Gruppe mit besonders großen Problemen sich zu reintegrieren stellen die behinderten Ex-Kombattanten dar. Sowohl in Äthiopien als auch in Eritrea waren viele der demobilisierten Soldaten auf irgendeine Art behindert, von der halben Million ehemaligen Soldaten Äthiopiens waren es ca. 45.000.

Nach Beendigung des Konfliktes und während der Demobilisierungphase tauchten zwei eng miteinander verbundene und auf die Waffen bezogene Probleme auf. In den Lagern der (neuen) Regierungen verblieben große Mengen an Waffen, für die es keine Verwendung gab. Sowohl in Eritrea als auch in Äthiopien ist eine große Menge von Waffen und Waffenschrott vorhanden, der vor sich hinrostet und zu schwerwiegenden Umweltproblemen führen kann. Eine weitaus größere Gefahr ist aber, daß diese Waffen gestohlen oder exportiert werden (beispielsweise in andere afrikanische Staaten). Es gibt Hinweise darauf, daß z.B. Waffen aus Äthiopien und Eritrea an die SPLA in den Sudan verschifft wurden und große Mengen äthiopischer Waffen nach Somalia gelangt sind.

Das Risiko, daß Waffen bei den Ex-Kombattanten bleiben oder in die Hände Dritter geraten, stellt das zweite Sicherheitsproblem dar. Es wird vermutet, daß zahlreiche Waffen aufgrund des Umfangs des Demobilisierungsprozesses und der lückenhaften Vorbereitung in Äthiopien bei ehemaligen Soldaten verblieben sind. Es wird angenommen, daß einige Überfälle auf Lastwagen von ehemaligen Derg-Soldaten verübt wurden (Africa Confidential, 05.01.1996, S. 4). Die genauen Zahlen der Waffen, die sich in Umlauf befinden, kennt niemand, zumal sie leicht über die durchlässigen nationalen Grenzen geschmuggelt werden können. Die Entwaffnung der eritreischen Kämpfer stellte hingegen kein großes Problem dar, da die EPLF alle während des Befreiungskrieges verwendeten Waffen registriert hatte (Klingebiel et al, 1995). Waffenkontrolle und Abrüstung wird am Horn von Afrika oftmals auch dadurch erschwert, daß der Waffenbesitz zum Teil gesellschaftlich akzeptiert ist. In einigen Gegenden ist nur ein bewaffneter Mann ein »richtiger Mann«.

Schlußbetrachtung

Alle Demobilisierungsmaßnahmen fanden in einem spezifischen historischen Kontext statt. Die Entscheidung zu demobilisieren beruhte auf spezifischen militärischen, politischen und sozio-ökonomischen Umständen und Ereignissen.6 Die äthiopische Derg-Armee wurde geschlagen und abgebaut. In Eritrea wurde die EPLF zur nationalen Armee des neuen unabhängigen Staates. Das heißt, hier beschloß die siegreiche Armee zu demobilisieren. Im Falle von Djibouti wurde die geplante Demobilisierung in einem Friedensabkommen vereinbart. Die nur teilweise erfolgreichen Demobilisierungsversuche in Somalia sind vor Ort vereinbart worden, sind aber ständig durch neue Kampfwellen gefährdet.

In Eritrea und Äthiopien haben sich die ehemaligen Kombattanten im allgemeinen gut reintegriert.7 Die auftretenden Probleme stehen in direkter Beziehung zu der schwierigen wirtschaftlichen Situation. Unterstützung für die Demobilisierungs- und Reintegrationsmaßnahmen hat es in den meisten Fällen deshalb gegeben, weil der langfristige Schaden für die Gesellschaft höher gewesen wäre, wenn die ehemaligen Soldaten nicht in der Lage gewesen wären, außerhalb der Streitkräfte für ihren Lebensunterhalt zu sorgen und sich in ihren Gemeinden sozial zu reintegrieren. Dies hätte zu einer höheren Verbrechensrate und politischer Instabilität geführt.

Trotz anhaltender Unruhen und dem grenzüberschreitenden Charakter einiger Konflikte, hat sich die Demobilisierung positiv auf die regionale Sicherheit ausgewirkt und Entwicklungschancen eröffnet. Während der Wissensstand in der praktischen Handhabung von Demobilisierung und Reintegration wächst, bleibt der komplexe Aspekt der Förderung von Frieden und Stabilität eine Herausforderung für die Regierungen und Bevölkerung des Horns.

Reintegration ist eine Entwicklungsbemühung, die langfristig angelegt ist. Es ist deshalb entscheidend, daß alle am Konflikt Beteiligten, sich bereits während eines Krieges Gedanken darüber machen, was mit den diversen Kämpfern nach Beendigung des Konflikts geschehen soll. Weiterhin ist es wichtig, daß sich die Geldgeber auf die Demobilisierungs- und Reintegrationsmaßnahmen vorbereiten. Dies kann u.a. durch die Koppelung von Notstands- und Entwicklungsaktivitäten geschehen und durch die Schaffung von Flexibilität und effektiver Koordination innerhalb der Organisationen (Spencer, 1996).

Demobilisierung am Horn von Afrika
Äthiopien fast eine halbe Million Soldaten der besiegten Derg-Armee wurden nach 1991 demobilisiert; zwischen 1991-1994 weitere 22.200 OLF-Kombattanten
Djibouti die Demobilisierung von 9.000 Soldaten ist geplant
Eritrea 55.000 ehemalige Kämpfer der EPLF sind seit 1993 demobilisiert worden
Somalia seit 1992 sind mehrere – bisher weitestgehend erfolglose – Demobilisierungsmaßnahmen unternommen worden.

Literatur

Adibe, Clement 1995: Managing Arms in Peace Processes: Somalia. Disarmament and Conflict Resolution Project. Geneva: UN Institute for Disarmament Research (UNIDIR).

Bonn International Center for Conversion (BICC) 1996: Conversion Survey 1996; Global Disarmament, Demilitarization and Demobilization. Oxford: Oxford University Press.

Bruchhaus, Eva-Maria / Mehreteab, Amanuel (forthcoming): The Impact of Demobilization in Eritrea. Bonn: BICC.

Colletta, Nat J. / Kostner, Markus / Wiederhofer, Ingo 1996: Case Studies in War-to-Peace Transition; The Demobilization and Reintegration of Ex-Combatants in Ethiopia, Namibia and Uganda._ World Bank Discussion Paper no. 331. Africa Technical Department Series. Washington D.C.: World Bank.

Kingma, Kees 1995: Demobilisierung und Wiedereingliederung von Soldaten: Wichtige Schritte im Friedensprozeß. In Hanne-Margret Birckenbach, Uli Jäger and Christian Wellmann (Hrsg.) 1996: Jahrbuch Frieden. München, S. 177188.

Kingma, Kees / Sayers, Vanessa 1995: Demobilization in the Horn of Africa. Proceedings of the IRG workshop, Addis Ababa, December 1994. Brief 4. Bonn: BICC.

Klingebiel, Stephan / Gärke, Inge / Kreidler, Corinna / Lobner, Sabine / Schütte, Haje 1995: Promoting the Reintegration of Former Female and Male Combatants in Eritrea. Berlin: German Development Institute.

Matthies, Volker 1997: Äthiopien, Eritrea, Somalia, Djibouti: Das Horn von Afrika, 3., überarb. und erw. Aufl. München.

Spencer, Denise 1995: Donor Response to Demobilization and Reintegration in the Horn of Africa. Report of Seminar organized by the International Resource Group on Disarmament and Security in the Horn of Africa (IRG) and the Bonn International Center for Conversion (BICC), Copenhagen, 11 September 1995.

Vogt, Margaret A. 1994: Demobilization in Somalia: Problems and Prospects. Life & Peace Review. Vol. 8, No. 4, pp. 2629.

Anmerkungen

1) Anfang der 90er Jahre waren noch 900 von ehemals einigen Tausend Beratern verblieben. Zurück

2) Gegenwärtig sind ca. 3 500 französische Soldaten in Djibouti stationiert (Süddeutsche Zeitung,09.07.97) Zurück

3) An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, daß mit der Unabhängigkeit Eritreas die äthiopische Marine überflüssig wurde und die Schiffe verkauft werden mußten. Anfang 1996 hatten die 16 Schiffe eine Besatzung von nur noch 250 Mann – die letzten Mitglieder einer Marine, die 1990 noch 4.000 Mann zählte. Zurück

4) Der Begriff Kombattant umfaßt sowohl Soldaten als auch Mitglieder bewaffneter Oppositionsgruppen. Zurück

5) Rückkehrende Flüchtlinge und innerhalb des Landes vertriebene Menschen übertreffen in ihrer Zahl bei weitem die ehemaligen Kombattanten, sowohl in Eritrea als auch in Äthiopien. In Äthiopien sind ca. 8 Millionen Menschen durch den Krieg zu Flüchtlingen innerhalb ihres Landes geworden (Coletta et al, 1996, S.30). Zurück

6) Hinsichtlich der sechs Hauptfaktoren, die zu Demobilisierung führen können siehe BICC, 1996, S. 153. Zurück

7) Eine Einschätzung der tatsächlichen Auswirkungen der Demobilisierung in Äthiopien und Eritrea (als auch in Mozambique und Uganda) wird zur Zeit vom BICC erarbeitet. Zurück

Kiflemariam Gebrewold ist wissenschaftlicher Mitarbeiter des BICC. Von 1994 bis 1996 war er technischer Berater bei einer äthiopischen Nichtregierungsorganisation im Auftrag von Dienste in Übersee.
Kees Kingma ist seit 1994 Leiter des Demobilisierungsprojektes im BICC. Zur Zeit ist er mit der Veröffentlichung einer Studie zu »Auswirkungen von Demobilisierung in Afrika südlich der Sahara« befaßt.

in Wissenschaft & Frieden 1997-3: Wahnsinn ohne Ende

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