in Wissenschaft & Frieden 1997-3: Wahnsinn ohne Ende

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Das weltweite Kriegsgeschehen seit 1945

Statistisch-empirischer Überblick

von Patricia Schneider, Wolfgang Schreiber und Boris Wilke

Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges und bis Ende 1992 ist eine fast stetige Zunahme der weltweiten Kriegsbelastung von etwa einem laufenden Krieg pro Jahr zu beobachten.1 Bestimmte historische Ereignisse oder Perioden wie z.B. der Ost-West-Konflikt und die Dekolonisation übten nicht den ihnen oft unterstellten Einfluß auf diesen Trend aus. Anscheinend wirken sich hier längerfristige und tiefergehende Prozesse aus.

Kriegsschauplätze / Akteure

Bei einer näheren Betrachtung der Kriege fällt zunächst auf, daß die Zentren der bürgerlich-kapitalistischen Welt weitgehend pazifiziert sind. Über 90 Prozent der Kriege nach 1945 fanden in Regionen der Dritten und ehemaligen Zweiten Welt statt, kriegerische Auseinandersetzungen verlagerten sich also fast vollständig in die Peripherien.

Allerdings steht der Befriedung innerhalb der industriegesellschaftlichen Welt nach 1945 ein relativ hohes Maß an kriegerischem Eingreifen einiger Industriestaaten in der Dritten Welt gegenüber. Bei der Häufigkeit der Kriegsbeteiligungen liegen Großbritannien (19 Beteiligungen), die USA (13) und Frankreich (12) (neben Indien (16), Irak (12) und China (10)) in der Spitzengruppe. Die nähere Betrachtung zeigt jedoch, daß hierbei spezifische historische Umstände wie die Stellung als (ehemalige) Kolonialmächte oder der Versuch der USA, ihren Hegemonieanspruch militärisch durchzusetzen, eine Rolle spielten, die aber an Einfluß verlieren. Insgesamt ergibt sich ein Rückgang von industriestaatlichen Kriegsbeteiligungen.

Zu Anfang der 90er Jahre deuteten Interventionen der UNO bzw. im Auftrag oder zumindest mit ausdrücklicher Billigung des UN-Sicherheitsrates »weltpolizeiliche« Lösungen an. Diese Tendenz ist jedoch nicht sicher. Überdies haben sich die wenigen UN-gestützten Interventionen als nicht sonderlich erfolgreich erwiesen, insbesondere wenn man eine politische Lösung als Maßstab anlegt. Die Bilanz der Interventionen von Einzelstaaten oder Staatengruppen ohne UN-Autorisierung sieht nicht besser aus. Auch diese scheiterten überwiegend entweder bereits militärisch, oder es konnte keine politische Lösung erzielt werden. Insgesamt ist zu beobachten, daß die Beteiligung Dritter an innerstaatlichen Kriegen2 seit den 80er Jahren merklich zurückging. Dies läßt sich wohl auf die Erfahrung zurückführen, daß parteiisches Mitkämpfen in Kriegen anderer sich nicht »auszahlt«.

Als Fazit der Betrachtung von Kriegsregionen und Akteuren kann man festhalten: „Die Dritte Welt liegt mehr und mehr mit sich selbst im Krieg“ (Gantzel / Schwinghammer 1995: 107).

Innerstaatliche Kriege

Zwei Drittel aller Kriege seit 1945 sind innerstaatliche Kriege gewesen und nur ein knappes Viertel internationale Kriege, einschließlich der Dekolonisationskriege.3 Das fast stetige Wachstum der jährlichen Kriegsbelastung nach dem Zweiten Weltkrieg resultiert eindeutig aus der Zunahme der innerstaatlichen Kriege. Daß das Kriegsgeschehen nach dem Zweiten Weltkrieg von diesen dominiert wird, stellt eine qualitative historische Veränderung gegenüber früheren Perioden dar.

Bei den Kriegstypen sticht der hohe Anteil der »Antiregimekriege« hervor. Dieses sind Kriege, in denen um den Sturz der Regierenden oder um die Veränderung oder den Erhalt des politischen Systems oder gar der Gesellschaftsordnung gekämpft wird. Diese machen fast die Hälfte aller innerstaatlichen Kriege aus, so daß der Kampf um Gesellschaftsform und Macht im Staate das Kriegsgeschehen seit 1945 am stärksten bestimmte. Vielen Machthabern in Ländern der Dritten Welt fehlt Legitimität. Prinzipien, Regeln und institutionelle Formen, nach denen Systemwandel und Machtzuteilung bzw. Machtwechsel gewaltlos erfolgen können, sind nicht vorhanden. Der gesellschaftliche Grundkonsens fehlt.

Beim Typ der sonstigen innerstaatlichen Kriege dominieren eindeutig Kriege, in denen eine der beiden Kriegsparteien um größere (Autonomie) oder völlige (Sezession oder Anschluß an einen Nachbarstaat) Unabhängigkeit von der Zentralregierung kämpft. Auch dies ist ein Hinweis auf eine nur mangelhaft erfolgte gesellschaftliche Integration.

Ein erheblicher Teil der innerstaatlichen Kriege resultiert aus noch nicht erfolgter oder gescheiterter gesellschaftlicher Integration in einem häufig nur formal vorhandenen Staat. Dieses Scheitern wiederum ist Folge wirtschaftlicher Strukturschwächen, krasser Ungleichheiten in der Einkommensverteilung und der willkürlichen politischen Privilegierung bestimmter Gruppen.

Kriegsbeendigungen

Bei der Untersuchung, wie und mit welchen Ergebnissen Kriege enden, stellt sich heraus, daß nur ein knappes Fünftel aller Kriege durch einen militärischen Sieg der angreifenden Seite entschieden wurde. Wesentlich öfter – bei einem knappen Drittel der Kriege – behauptet sich die militärisch angegriffene Seite. In einem Zehntel der Fälle endeten Kriege einfach durch einen Abbruch der Kämpfe, und nur geringfügig häufiger stand am Ende eine Vereinbarung, sei es durch einen Waffenstillstand oder durch einen Kompromiß.

Mit etwa einem Drittel ist der Anteil der Kriegsbeendigung durch Vermittlung von dritter Seite überraschend hoch. Die Vermittlung durch Dritte ist offenbar zur Institution der Weltgesellschaft geworden. Auch wenn keine Daten zur Anzahl gescheiterter Vermittlungsbemühungen vorliegen, läßt sich feststellen, daß Vermittlungen weit häufiger zur Kriegsbeendigung beitragen, als es gemeinhin den Anschein hat. In den erfolgreichen Fällen agierten in beachtlichen 40 Prozent die Vereinten Nationen als Vermittler. Auch wenn dies nur 12 Prozent der Gesamtzahl der beendeten Kriege sind, so ist die UNO offensichtlich besser als ihr Ruf.

Bemerkenswert ist auch, daß über zwei Drittel der zwischenstaatlichen Kriege im politischen Ergebnis unentschieden endeten bzw. der Status quo ante erhalten blieb oder wiederhergestellt wurde. Bei keinem Typ der innerstaatlichen Kriege hat die angreifende Seite eine deutliche Erfolgschance.

Das gegenwärtige Kriegsgeschehen

Die 90er Jahre waren zu Beginn durch einen starken Anstieg der Zahl der Kriege gekennzeichnet. Hier haben vor allem die Kriege im Gefolge der Auflösung der Sowjetunion und Jugoslawiens ihren Niederschlag gefunden. Seit 1992 läßt sich aber eine stark gegenläufige Tendenz feststellen. So sank die Zahl der Kriege von 51 im Jahr 1992, dem höchsten Stand seit Ende des Zweiten Weltkriegs überhaupt, auf 28 im Jahr 1996. Die Erklärungen für dieses Phänomen sind derzeit noch unzureichend. Zwar gab es auch in früheren Perioden kurzfristige Rückgänge, allerdings bislang keine, die so ausgeprägt waren wie in den letzten Jahren.

Wie der Grafik zu entnehmen ist, weist die Zahl der pro Jahr neu begonnenen Kriege keine Besonderheiten gegenüber der Zeit vor 1992 auf. Auffallend ist dagegen das Aufeinanderfolgen von mehreren Jahren mit hohen Zahlen von beendeten Kriegen. Die betreffenden Kriege lassen allerdings, was die Art ihrer Beendigung angeht, keine einheitliche Erklärung zu. Weder Vermittlungen Dritter noch militärische Erfolge oder ein Abbruch der Kämpfe stechen besonders hervor. Eine Differenzierung nach Regionen läßt zwar durchaus gewisse Unterschiede bei der quantitativen Rückläufigkeit erkennen (s. Tabelle), diese haben aber insgesamt keinen erklärenden Charakter.

Der starke Abfall der jährlich geführten Kriege von 46 Prozent im Zeitraum von 1992 bis 1996 sollte allerdings nicht zu übermäßigem Optimismus veranlassen. Denn der Rückgang erweist sich als weniger drastisch, wenn man die von der AKUF seit 1993 erfaßten »bewaffneten Konflikte«4 zu der Zahl der Kriege addiert.

Das gegenwärtige Kriegsgeschehen stellt sich wie folgt dar: Nachdem der Krieg im ehemaligen Jugoslawien beendet wurde, fanden wieder alle im Jahr 1996 geführten Kriege ausschließlich in der Dritten Welt statt. Von den weltweit 28 Kriegen und 21 bewaffneten Konflikten (siehe Kasten) lag nur 1 bewaffneter Konflikt (Nordirland) in Europa. Afrika war am stärksten betroffen mit insgesamt 10 Kriegen und 9 bewaffneten Konflikten, gefolgt von Asien mit 7 Kriegen und 6 bewaffneten Konflikten, dem Vorderen und Mittleren Orient mit 6 Kriegen und 3 bewaffneten Konflikten und Lateinamerika mit 5 Kriegen und 2 bewaffneten Konflikten.

Allein die gegenwärtig noch andauernden Gewaltkonflikte forderten nach vorsichtigen Schätzungen bisher mehr als 6,7 Millionen Todesopfer und noch mehr Verwundete. Dabei läßt sich feststellen, daß der Anteil der getöteten Zivilpersonen im Verhältnis zu den gefallenen Soldaten immer mehr angewachsen ist. Beim Einsatz vieler Waffen, wie z.B. Landminen, kann nicht mehr zwischen Militär und Zivilisten unterschieden werden. Zudem zielen manche Strategien gerade auf die Zivilbevölkerung ab, um die Kampfmoral der Gegner zu schwächen.

Zu den Opfern von Gewaltkonflikten sind auch ein Großteil der Mitte der 90er Jahre weltweit über 18 Millionen Flüchtlinge und 24 Millionen, die als Vertriebene im eigenen Land leben, zu zählen.

Der »Hamburger Ansatz«

Schon die Bezeichnung »Arbeitsgemeinschaft Kriegsursachenforschung« deutet den Anspruch an, Kriege nicht nur zu beschreiben und statistisch zu dokumentieren, sondern auch einen Beitrag zur vergleichenden Erforschung von Kriegsursachen leisten zu wollen. Der Hamburger Ansatz erhebt den Anspruch, einen gesellschaftstheoretischen Erklärungsrahmen für das weltweite Kriegsgeschehen im Grundsatz skizziert zu haben. Theoretische Prämisse und Ausgangspunkt des Hamburger Ansatzes5 ist der Prozeß globaler Vergesellschaftung und die »Leitdifferenz« zwischen traditionalen und modernen Formen der Vergesellschaftung. Mit der sukzessiven Ausbreitung bürgerlich-kapitalistischer Verhältnisse über den Globus und der Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft zur Weltgesellschaft ergibt sich ein analytischer Bezugsrahmen, der eine allgemeine Theorie zur vergleichenden Erforschung kriegsursächlicher Prozesse prinzipiell ermöglicht. Der Prozeß globaler Vergesellschaftung erhebt die bürgerliche Gesellschaft weltweit zum Vergleichsmaßstab, auch für die Kriegsursachenforschung. Dabei ist der kapitalistische Transformationsprozeß keineswegs auf die ökonomische Sphäre oder den Weltmarkt beschränkt. Er umfaßt ebenso die formale Durchstaatlichung der Welt6 und die Ausbreitung bürgerlicher Ideale und Lebensstile.

Die Kernthese des Hamburger Ansatzes lautet nun, daß das Kriegsgeschehen seit den Anfängen genuin kapitalistischer Entwicklung im 16. Jahrhundert entlang dem Ausbreitungsmuster bürgerlich-kapitalistischer Vergesellschaftung zu verfolgen ist und in dem unabgeschlossenen Transformationsprozeß von vorkapitalistischen zu kapitalistischen Verhältnissen seine zentrale, strukturelle Konfliktursache hat (Siegelberg 1994: 41). Die kapitalistisch induzierte Modernisierung bewirkt vor allem in der Dritten Welt zunächst Heterogenität und Fragmentierung, führt also nicht bruchlos zur Verstetigung bürgerlicher Verhältnisse. Mit ihrer Ausbreitung geht der konfliktive Zerfall traditionaler Vergesellschaftungsformen einher. Während in den entwickelten Staaten des Nordens nach dem Zweiten Weltkrieg eine innergesellschaftliche (wenn auch prekäre und stets unsichere) Pazifizierung, ein Wandel von personalen zu »subjektlosen« (Gerstenberger 1990) Gewaltverhältnissen stattgefunden hat, wird die potentiell pazifizierende Kraft des bürgerlich entwickelten Kapitalismus in den Staaten der Dritten Welt noch durch vielfältige traditionale, nichtkapitalistische Elemente gebrochen. Auch nach der (teilweise kriegerischen) Dekolonisation bleibt die Pazifizierung der gesellschaftlichen Verhältnisse zunächst auf die entwickelten Staaten begrenzt, die auch untereinander keine Kriege mehr führen. Die postkolonialen Gesellschaften sind dagegen durch den Gegensatz zwischen kapitalistischen und nichtkapitalistischen Vergesellschaftungsformen widersprüchlich bestimmt. Insgesamt sind dort drei strukturelle Konfliktlinien erkennbar:

Für das Kriegsgeschehen in der Dritten Welt und in den ehemals staatssozialistischen Gesellschaften ist die erste Konfliktlinie mit Abstand von größter Bedeutung. Die Regulierung der Konflikte wird dadurch erschwert, daß Staat und Gesellschaft selten zur Deckung kommen. Das bürgerlich-kapitalistische Staatsmodell wurde den postkolonialen Gesellschaften als Beteiligungsbedingung an den Formen und Institutionen der Weltgesellschaft von außen auferlegt (vgl. Diner 1985: 336). Oftmals stellt der postkoloniale Staat der Dritten Welt nur eine formale Hülle dar. Der Prozeß der nachholenden Konsolidierung vorausgesetzter Staatlichkeit bildet daher die allgemeinste Bedingung der gewaltsamen Konflikte in der Dritten Welt. Da viele traditionale Institutionen durch die kapitalistisch induzierte Modernisierung zersetzt werden, ohne durch moderne substituiert zu werden, bewegen sich die Widersprüche und Konflikte in einem Vakuum gesellschaftlicher Regulierung. Phänomene wie die Diffusion von Gewalt oder die Privatisierung des staatlichen Gewaltmonopols zur Aneignung von Ressourcen, etwa durch charismatische Führer oder warlords, sind ebenso kennzeichnend für den konfliktiven Transformationsprozeß wie die Politisierung substaatlicher Integrationseinheiten, seien es nun Kultur- , Religions- und Abstammungsgemeinschaften oder Ethnien. Hinter diesen auch unter dem Schlagwort Fundamentalismus firmierenden Erscheinungen verbergen sich häufig Konflikte um die Grenzziehung zwischen religiösem und säkularem Geltungsbereich, die darauf zurückzuführen sind, daß traditionale Ordnungs- und Symbolsysteme durch das Übergreifen moderner Herrschaftsformen und Ordnungsvorstellungen als gefährdet wahrgenommen werden. Das konfliktive In- und Nebeneinander moderner und traditionaler Vergesellschaftungsformen stellt sich innerhalb der Gesellschaften der Dritten Welt als »Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen« dar.

Der gesellschaftliche Transformationsprozeß und die nachholende Konsolidierung vorausgesetzter Staatlichkeit als strukturelle Bedingungen kriegerischer Konflikte sind als Erklärungsmuster jedoch nicht ausreichend. Denn sie geben noch keinen Aufschluß über die subjektiven Gründe des konfliktiven Handelns der Akteure. Diese Kernfrage der Kriegsursachenforschung, wie nämlich die im globalen Vergesellschaftungsprozeß induzierten Widersprüche auf seiten der Akteure mit Ideen und Weltbildern verknüpft werden, kann nur auf der Grundlage des Analysekonzeptes »Grammatik des Krieges« beantwortet werden (vgl. Siegelberg 1994: 179-193). Die »Grammatik des Krieges«zerlegt den kriegsursächlichen Prozeß in die vier systematischen Analyseebenen: Widerspruch – Krise – Konflikt – Krieg. Auf der Widerspruchsebene finden sich alle gegensätzlichen oder widersprüchlichen gesellschaftlichen Verhältnisse, die allerdings nur dann kriegsursächlich werden, wenn sie auf der Ebene Krise einen Anknüpfungspunkt in den Weltbildern und Ideen der Akteure finden und ein Umschlag von Objektivität in Subjektivität erfolgt. Auf der Ebene Konflikt erfolgt dann der doppelte „Umschlag der Verhältnisse in Verhalten“ (Siegelberg 1994: 190): „von passivem Wahrnehmen zu aktivem Handeln und von friedlichem zu kriegerischem Konfliktaustrag“ (Jung 1995: 236). Auf der Kriegsebene schließlich verselbständigt sich die Gewalt sukzessive von ihren Ursachen und wird selbst zur Ursache von Gewalt.

Für eine kausale Rekonstruktion kriegerischer Prozesse ist der Hamburger Ansatz inzwischen über seine allgemeinen Bestimmungen wie die »Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen« und die »nachholende Konsolidierung vorausgesetzter Staatlichkeit« hinaus begrifflich ausdifferenziert worden (Jung 1995; Schlichte 1996). Dabei steht die Operationalisierung und idealtypische Präzisierung der »Leitdifferenz« zwischen traditionalen und bürgerlich-kapitalistischen Formen der Vergesellschaftung entlang der drei sozialen Funktionsbereiche materielle Reproduktion, politische Herrschaft und (über Ideen und Weltbilder vermittelte) symbolische Ordnung im Vordergrund. Für vergleichende Fallstudien bietet die Grammatik des Krieges den geeigneten Analyserahmen und die Differenzierung nach Funktionsbereichen die notwendigen Untersuchungsfelder. Damit wird die erklärungsnotwendige Verknüpfung von strukturellen Ursachen und subjektiven Gründen des Akteurshandelns möglich.

Als Einheit von gesellschaftstheoretischer Erklärung und Analyserahmen für die Kriege der Gegenwart läßt sich der Hamburger Ansatz auch in der Praxis nutzen. Er liefert Ansatzpunkte für Verhandlungs- oder Vermittlungsversuche genauso wie für präventive Maßnahmen.

Kriege und bewaffnete Konflikte 1996
Kriege Bewaffnete Konflikte
Afghanistan Ägypten
Algerien Angola (Cabinda)
Birma (Myanmar) Angola (Unita)
Burundi Äthiopien
Guatemala Bangladesch
Indien (Kashmir) Indien (Assam)
Irak (Kurdistan) Indien (Bodos)
Kambodscha Indien (Nagas)
Kolumbien (ELN) Indien (Naxaliten)
Kolumbien (FARC) Irak (Shiiten)
Libanon Iran (Kurdistan)
Liberia Israel
Mali Kenia
Mexiko (Chiapas) Mexiko (EPR)
Pakistan Niger (FDR)
Papua Neuguinea (Bougainville) Niger (Tuareg)
Peru (Sendero Luminoso) Nordirland
Philippinen (Mindanao) Peru (MRTA)
Russische Föderation (Tschetschenien) Philippinen (NPA)
Sudan Ruanda
Sierra Leone Senegal
Somalia
Sri Lanka
Tadschikistan
Tschad
Türkei (Kurdistan)
Uganda
Zaire
Quelle: Arbeitsgemeinschaft Kriegsursachenforschung,, Universität Hamburg
Rückgang der Zahl der Kriege und bewaffneten Konflikte von 1993 bis 1996
Kriege Kriege u. bewaffnete Konflikte
1993* 1996 Rückgang 1993 1996 Rückgang
Europa 3 100 % 3 1 67 %
Afrika 13 10 23 % 22 19 14 %
Vorderer u. mittlerer Orient 11 6 45 % 13 9 31 %
Asien 13 7 46 % 15 13 13 %
Lateinamerika u. Karibik 5 5 0 % 7 7 0 %
Gesamt 45 28 38% 60 49 18 %
*) Der Rückgang der Kriege von 1992 auf 1993 verteilt sich auf die einzelnen Regionen wie folgt: Asien drei Kriege,, alle anderen je einen.
Quelle: Arbeitsgemeinschaft Kriegsursachenforschung, Universität Hamburg

Literatur:

Diner, Dan 1985: Imperialismus, Universalismus, Hegemonie. Zum Verhältnis von Politik und Ökonomie in der Weltgesellschaft, in: Fetscher, Iring / Münkler, Herfried (Hrsg.): Politikwissenschaft. Begriffe – Analysen – Theorien. Ein Grundkurs, Reinbek, S. 36-360.

Gantzel, Klaus Jürgen / Schwinghammer, Torsten 1995: Die Kriege nach dem Zweiten Weltkrieg bis 1992. Daten und Tendenzen, Münster – Hamburg.

Gerstenberger, Heide 1990: Die subjektlose Gewalt. Theorie der Entstehung bürgerlicher Staatsgewalt. Münster.

Jung, Dietrich 1995: Tradition – Moderne – Krieg. Grundlagen einer Methode zur Erforschung kriegsursächlicher Prozesse im Kontext globaler Vergesellschaftung, Münster – Hamburg.

Rabehl, Thomas / Trines, Stefan (Red.) 1997: Das Kriegsgeschehen 1996. Arbeitspapier Nr. 3/1997 der Forschungsstelle Kriege, Rüstung und Entwicklung, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.

Schlichte, Klaus 1996: Vergesellschaftung und Krieg in Afrika. Ein Beitrag zur Theorie des Krieges. Münster – Hamburg.

Siegelberg, Jens 1994: Kapitalismus und Krieg. Eine Theorie des Krieges in der Weltgesellschaft, Münster – Hamburg.

Anmerkungen

1) Die Daten bis 1992 und die darauf basierenden statistischen Auswertungen sind Gantzel/ Schwinghammer (1995) entnommen. Daten für die Zeit nach 1992 stammen aus der AKUF-Kriegedatenbank bzw. den jährlichen Veröffentlichungen der AKUF zum aktuellen Kriegsgeschehen. Zurück

Die AutorInnen danken dem Betreuer der AKUF-Kriegedatenbank, Wilhelm Nolte, für die Unterstützung bei der Erstellung der Tabellen und Grafiken.

2) Bei der AKUF wird der Ausdruck »Bürgerkrieg« nicht verwendet. Erstens weckt dieser falsche Assoziationen, da in der Regel nicht Bürger gemeint sind, die gegen andere Teile der Bevölkerung kämpfen, sondern bewaffnete Gruppen, die gegen staatliche Streitkräfte Krieg führen. Zweitens fehlt gerade in Gesellschaften der Dritten Welt oftmals das Zugehörigkeitsgefühl zu dem Staat und damit auch ein staatsbürgerliches Bewußtsein. Drittens ist es problematisch, innerstaatliche Kriege, die um Sezession geführt werden, als Bürgerkriege zu bezeichnen, da diese ja anstreben, eben nicht mehr Bürger des Staates zu sein. Daher wird der Begriff »innerstaatliche Kriege« vorgezogen. Zurück

3) Die AKUF klassifiziert Kriege derzeit nach vier Typen: A (Antiregimekriege), B (sonstige innerstaatliche Kriege), C (zwischenstaatliche Kriege) und D (Dekolonisationskriege). Mischtypen sind dabei möglich. Zurück

4) Im Unterschied zum Krieg wird ein bewaffneter Konflikt als eine gewaltsame Auseinandersetzung definiert, bei der die Kriterien der Kriegsdefinition, insbesondere die Kontinuierlichkeit der bewaffneten Operationen, nicht in vollem Umfang erfüllt sind bzw. die Informationslage eine zweifelsfreie Einordnung als Krieg nicht zuläßt. Zurück

5) Dazu vgl. insbesondere Siegelberg 1994, Jung 1995, Schlichte 1996 Zurück

6) Die gegenwärtig zu beobachtenden entgegengesetzten Phänomene von Staatszerfall widersprechen diesem Trend nicht. Da Staatszerfall häufig im Gefolge von kriegerischer Gewalt auftritt, ist er eher ein Beleg für den konfliktiven, von Widersprüchen geprägten Charakter des Prozesses der globalen Vergesellschaftung. Zurück

Patricia Schneider, Wolfgang Schreiber und Boris Wilke sind Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft Kriegsursachenforschung (AKUF)

in Wissenschaft & Frieden 1997-3: Wahnsinn ohne Ende

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