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Nachdenken über Schuld und Zukunft der Medizin

von Lars Pohlmeier

ÄrztInnen stellen sich beim Nürnberger IPPNW-Kongreß »Medizin und Gewissen« historischer Verantwortung und diskutieren ethisches Grundwerte-Papier für neuen ÄrztInnen-Kodex

Im Oktober 1946 begann in Nürnberg ein Gerichtsverfahren gegen 20 deutsche Ärzte, angeklagt wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Es wurde eine „verpaßte Chance“ der Aufarbeitung der eigenen Geschichte, wie es der Münsteraner Medizinhistoriker Prof. Dr. Gerhard Toellner ausdrückte. Die deutsche Ärzteschaft blieb jahrzehntelang unfähig zur Selbstreflexion und zum Schuldeingeständnis. Die IPPNW – »Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges / Ärzte in Sozialer Verantwortung« hat dieses Schweigen immer wieder durchbrochen. Mit dem Nürnberger Kongreß »Medizin und Gewissen« 50 Jahre nach Prozeßbeginn leistete die IPPNW einen weiteren Beitrag zur Aufarbeitung der Geschichte. Mehr noch, aus dieser Erfahrung heraus fragte die IPPNW nach der ethischen Verantwortung der Ärzteschaft heute.

Den Bogen schlagen vom historischen Rückblick zu bedenklichen Entwicklungen und Ansätzen in der Gegenwartsmedizin“, so beschrieb Psychoanalytiker und IPPNW-Vorstandsmitglied Horst- Eberhard Richter bei der Eröffnung das Ziel des Kongresses. Für Richter kommt es auf die „innere Haltung der Menschen an, die in diesem Beruf handeln und forschen“. Das Gewissen des einzelnen sei die „ursprüngliche Quelle des Mitfühlens und ein unüberhörbarer Ansporn zum Helfen.“ Richter fordert, den einzelnen Menschen als Ganzes in den Vordergrund ärztlichen Handelns zu stellen: „Das Gewissen schlägt nicht für Gene, vielmehr ausschließlich für den ganzen Menschen und auch nie für deren Benutzung durch das noch so wohlmeinend dargestellte Interesse von Wirtschaft oder Staat.“

Tatsächlich verwirrt die Vielzahl technologischer Entwicklungen in der Medizin PatientInnen und ÄrztInnen gleichermaßen, macht es scheinbar immer schwieriger, sich einen festen ethisch begründeten Standpunkt zu erarbeiten. Wo sind die Gefahren der Gentechnologie? Wie gehen wir mit den Widersprüchen der Transplantationsmedizin um? Welchen ethischen Preis bezahlen wir für die fortschreitende Forschung an Embryonen in der Präimplantations-Diagnostik?

»Medizin und Gewissen« konnte nicht auf alles Antworten geben. Aber die Zweifel und Sorgen um diese Themen bekamen eine Plattform. Wie groß der Bedarf zur Diskussion ist, bewies der Andrang. Mit mehr als 1500 Teilnehmern wurden selbst die kühnsten Erwartungen der Veranstalter übertroffen. Ziel der Veranstalter war es, einen neuen Ethik-Kodex für ÄrztInnen zu schaffen. Das Vorhaben der »Nürnberger Thesen« war zu ehrgeizig, vieles muß noch weitergedacht werden. Dennoch weist die verabschiedete »Nürnberger Erklärung« den Weg für ethisch verankerte moderne Medizin. „Das gesundheitliche Wohl des Individuums ist für uns Ärztinnen und Ärzte ein unbedingt zu schützendes Gut“ heißt es in dem Papier, das der Wiener Psychoanalytiker Ernst Federn und die Erlangener Medizinstudentin Kerstin Langhans auf der Abschlußveranstaltung gemeinsam vortrugen.

Konkret wird gefordert, Gentests an eine in voller Entscheidungsfreiheit erteilte Zustimmung der Betroffenen zu binden und den Mißbrauch der Diagnostik für kommerzielle oder bevölkerungspolitische Zwecke zu verbieten. Auch wird die Verpflanzung von Körpergewebe und Organen nur legitimiert, wenn der Betroffene seine Zustimmung ausdrücklich erteilt hat. »Nicht-einwilligungsfähige« Menschen müssen vor fremdnütziger Forschung geschützt werden. Aber die Dimension ärztlicher Verantwortung wird zugleich weit gezogen, wenn es heißt: „Als Ärztinnen und Ärzte erkennen wir unsere Mitverantwortung für ein friedliches, soziales, gerechtes und umweltbewußtes Zusammenleben von Menschen und Völkern an.“

Viel Zustimmung fand ein Aufruf, den Bundestag um ein »Moratorium für neue Gentests« anzurufen, bis besser abzusehen ist, welche ethischen und sozialen Folgen die Einführung neuer Techniken für die Menschen haben. Es ist der Versuch, nötige Zeit zur Refelexion zu gewinnen. Dies angesichts eines Trends, in der Medizin zu erlauben, was technisch machbar ist. Prominente MedizinerInnen haben den Aufruf bereits unterzeichnet.

»Medizin und Gewissen« war kein historischer Kongreß, gleichwohl der Rückgriff in die Geschichte immer wieder breiten Raum einnahm in den mehr als 60 Diskussions-Foren. Erinnert wurde an den 25. Oktober 1946, als die Anklageschrift gegen 20 ÄrztInnen und drei weitere Staatsbeamte vorgelegt wurde. Die Hauptanklagepunkte: Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Zu Gericht saß ein amerikanisches Militärgericht, das ein Jahr später Freisprüche, Haftstrafen und insgesamt sieben Todesurteile aussprechen sollte. Die Verhandlungen galten unter Beobachtern als sehr fair, keine Siegerjustiz. Doch die Öffentlichkeit interessierte das nicht, und so wurde vom Prozeß kaum Notiz genommen. Und die ÄrztInneneschaft? Mit 50 Prozent höher als jeder andere Berufsstand in der NSDAP vertreten, verdrängte die ÄrztInnenschaft ihre Schuld. Die offiziell mit sechs Personen besetzte ärztliche Beobachterkommission der Bundesärztekammer war bei Prozeßbeginn bereits auf drei Mitglieder zusammengeschmolzen. Das waren der Medizinstudent Fred Mielke und die beiden ÄrztInnen Alexander Mitscherlich und Alice Ricciardi von Platen. Letztere übernahm an alter Wirkungsstelle die Präsidentschaft auf dem IPPNW-Kongreß. Der Abschlußbericht der deutschen Kommission, der in einer Auflage von 10.000 erschien, fand keine LeserInnen. „Es war und blieb ein Rätsel – als ob das Buch nie erschienen war,“ kommentierte Mitscherlich später. Die englischen Prozeß-Unterlagen sind in ihrer Gesamtheit nie ins Deutsche übersetzt wurden. Erst eine Initiative des Psychiaters Prof. Dr. Klaus Dörner fast 50 Jahre nach Prozeßende wird zur Veröffentlichung führen. Die Hamburger Stiftung für Sozialgeschichte des 20.Jahrhunderts wird die Unterlagen übersetzen und publizieren. Finanziert wird das Unternehmen durch Spenden, nachdem die Bundesärztekammer eine finanzielle Beteiligung abgelehnt hatte.

Der Ärzte-Prozeß war nur eine »Stichprobe«, wie es Mitscherlich nannte. Noch heute ist ungeklärt, in welchem Ausmaß Ärztinnen und Ärzte sich versündigten. Was wir wissen, ist niederschmetternd: 70.000 geistig und körperlich behinderte Menschen oder Altersschwache erfaßt und ermordet. 250.000 Menschen zwangssterilisiert, 5.000 hilflose Kinder ermordet, vom ärztlich begleiteten millionenfachen Völkermord in deutschen Konzentrationslager ganz zu schweigen. Dazu kommt die unbekannte Zahl der ermordeten Kriegsgefangenen und »Fremdarbeiter«. Und dennoch sind es die Geschichten der einzelnen Menschen, die das Grauen erst wirklich erahnen lassen. Da ist der Angeklagte Dr.Karl Gebhardt, der selbst im Gerichtssaal keine Einsicht zeigt. „Nicht schuldig,“ seine Forderung. Es sind viele Geschichten erzählt worden. Dahinter stecken Stachel, die böse in die deutsche Nachkriegsgeschichte hineinragen. Unzählige Karrieren von MedizinerInnen, die ungeschoren davongekommen sind. Aber auch andere haben mitgemacht. Da werden die Dia-Bilder eines KZ-Häftlings aus Dachau neben denen des US-Astronauten John Glenn gezeigt. Die Verbindung heißt Hubertus Strughold, Arzt im Reichsluftfahrt-Ministerium, Konstrukteur von Unterdruckkammern. Der unbekannte KZ-Häftling, dessen Atmenorgane und Gehirn vorsätzlich zum Platzen gebracht wurden unter Unterdruck-Verhältnissen, war Strughold lange hilfreich. Nach dem Krieg machte Strughold Karriere im US.-Miltärapparat. Er trug mit bei zur bemannten Raumfahrt der USA. Der Nazi-Arzt wurde reingewaschen von einer wissenschaftsgeilen Militärmaschinerie, die gar eine bedeutende Militär-Bibliothek und einen Orden nach Strughold benannt hat.

Der mit enormem Aufwand vorbereitete Nürnberger Kongreß ist zu Ende. Aber in einem gewissen Sinne hat der »Nachdenk-Prozeß Nürnberg« erst begonnen. Alice Ricciardi-von Platen, letztes Mitglied der Ärztekommission von 1946 und Präsidentin des IPPNW-Kongresses kam trotz ihres hohen Alters aus Rom angereist. Sie komme heute erlöst nach Nürnberg, sagte sie: „Dieses Gefühl der Vergeblichkeit, mit dem ich [damals, d.A.] aus Nürnberg abgereist war, relativiert sich ein wenig.“

Lars Pohlmeier ist Redaktuer des IPPNW-Forums

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