in Wissenschaft & Frieden 1996-4: Weltweit im Kommen: Die neue Bundeswehr

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Bundeswehr wohin?

Deutschland auf dem Weg zur alten Militärkultur?

von Paul Schäfer

Die Bundeswehr ist im Umbruch. Ihre Wandlung von einer reinen Verteidigungsarmee zu einer für Kriseninterventionen tauglichen Streitmacht ist in vollem Gange. Dies ist der Hintergrund, der die gegenwärtigen Debatten über die Wehrform, über den besonderen Ehrenschutz für Soldaten, über die Rolle der Wehrmacht und die Rehabilitierung der Wehrmachtsdeserteure mitprägt und ihnen Brisanz verleiht. Dieser Wandel ruft grundsätzliche Fragen auf, die der langgediente Bonner Diplomat Hans Arnold so formuliert hat: Wie verändert sich das ethische Selbstverständnis der Truppe, wenn sie Tötungsbefehlen folgen muß, die mit der Verteidigung des »Vaterlandes« nichts gemein haben? Auf welche Legitimität will sich die Bundeswehr stützen, der bisher solche Auslandseinsätze fremd sind? Welche Probleme erwachsen daraus, daß es immer noch nicht gelungen erscheint, ein klares Verhältnis zur Wehrmacht und zur deutschen Geschichte überhaupt zu finden? Die Debatte über die künftige militärische Rolle Deutschlands und über die Rolle, den Umfang und die Struktur der Bundeswehr ist überfällig (H. Arnold, 1996). Der folgende Beitrag versucht die Problemfelder abzustecken. Nicht mehr und nicht weniger.

Der Bundestagsabgeordnete Winfried Nachtwei hat nach der Bosnien-Reise der Grünen der Bundeswehr ein hohes Maß an »Zivilität« attestiert. Sollte die Bundeswehr tatsächlich dem Bild entsprechen, das sie selber seit geraumer Zeit in der Öffentlichkeit pflegt? Hat sich da einer hinters Licht führen lassen? Nein. Nachtwei ist ein genauer Beobachter. Das Konzept der »Inneren Führung«, auch wenn es nie unumstritten war, scheint Früchte getragen zu haben. Auch die in langen Jahren der Bundesrepublik gepflegte Politik militärischer Zurückhaltung hat sicherlich dazu beigetragen, daß die Bundeswehr nicht als Rambo-Truppe auftritt. Hat sich da eine bis dato unbekannte Militärkultur etabliert, die die Blutspuren des preußischen und des hitlerischen Militarismus endgültig hinter sich gelassen hat? Die Entwicklungen seit 1990 weisen leider in eine andere Richtung. Umrisse einer »Militärkultur« werden sichtbar, die an verhängnisvolle Traditionen erinnert und die nichts Gutes für die Zukunft verheißt.

In einer aufwendigen Werbekampagne ist die Bundeswehr seit geraumer Zeit bemüht, sich ein humanitär gefärbtes Image zuzulegen. Die Streitkräfte präsentieren sich als Retter in der Not (»Ja. Helfen.«), die möglichst auf Gewaltvermeidung bedacht, internationale Verantwortung wahrnehmen. Alle Möglichkeiten an der Werbefront werden inzwischen ausgeschöpft. Demnächst geht eine neue ZDF-Serie »Die Rettungsflieger« über den Äther.

Weg frei zur direkten Kriegsbeteiligung

Tatsächlich hat die Bundeswehr bei ihren bisherigen Auslandseinsätzen einen eher „humanitären“ Part übernommen. Geschossen haben die anderen. Mit den AWACS- und Tornado-Aufklärungsflugzeugen im ehemaligen Jugoslawien jedoch hat die Bundeswehr dazu beigetragen, daß die Bomber der USA, Großbritanniens und Frankreichs ihre tödliche Fracht ans Ziel bringen konnten. Das war mehr als nur mittelbare Unterstützung des Krieges, aber immer noch eine Teilhabe ohne »schmutzige Hände«.

Eine reine Friedensmacht war die BRD auch vorher nicht. Aber mit den Tornados und der Beteiligung an der NATO-IFOR-Mission im ehemaligen Jugoslawien wurde eine Schwelle überschritten; der Weg zur direkten Kriegsbeteiligung scheint nunmehr frei. Das beabsichtigte stärkere Engagement bei der neuen Sfor-Truppe für Bosnien ist da nur der nächste, konsequente Schritt. Die Hardthöhe will sich u.a. mit luftbeweglichen Brigaden des Heeres beteiligen und hat – logischerweise – auf mehr Einfluß im Führungsstab gedrängt. Es gehe um einen „Beitrag, der sich in der Qualität nicht von dem unserer Verbündeten unterscheidet.“ (V. Rühe, 1996 b)

Dennoch legt Verteidigungsminister Rühe Wert darauf, daß die Bundeswehr-Kontingente nicht allzu martialisch auftreten. Statt mit Leopard-Kampfpanzern sollen die Einheiten mit den Radpanzern Fuchs und Luchs (Spiegel, 1996) ausgerüstet werden. Zum gleichen Zeitpunkt haben Sprecher der Bundesregierung Forderungen nach einer deutschen Beteiligung an einer internationalen Friedenstruppe in Zaire/Ruanda strikt zurückgewiesen. Die sinnige Begründung: Dort wären die ehemaligen Kolonialmächte in der Pflicht. Die Bundesregierung mag bei dieser Absage auch die Kosten und Risiken dieser Mission im Auge haben. Es geht ihr aber auch darum zu signalisieren, daß zumindest in absehbarer Zeit bei Militäreinsätzen Zurückhaltung geübt werden soll.

Liegt hier ein Gesinnungswandel vor? Mitnichten. Der Prozeß der schrittweisen Aufwertung des Militärischen erinnert ohnehin bisweilen an die Echternacher Springprozession. Während die Minister Kinkel und Rühe erst gegen die »Kultur der Zurückhaltung« zu Felde zogen, bemühen sie seit einiger Zeit selber die Wendung, Deutschland stünde Zurückhaltung gut an. Während die Regierung vor einigen Jahren den Anspruch formulierte, Deutschland müsse normale (militärische) Großmacht werden, hat nun Volker Rühe auf die Frage, ob die Bundeswehr künftig normales Instrument der Kriegsführung werden soll, geantwortet: „Nein, Normalität finde ich den falschen Begriff. Ich finde, jeder muß seinen eigenen Weg gehen, und für uns bleibt die Landes- und Bündnisverteidigung das wichtigste.“ (V. Rühe 1996 a)Der Grund für die unvermutete Bonner Zurückhaltung scheint darin zu liegen, daß man mit der Hauptsache durch ist – und nun in Einzelfällen wählerisch sein kann.

Die Hauptsache: „Ein prinzipiell kriegsfähiges, das heißt aus den Fesseln der rechtlichen und politischen Beschränkung des Gebrauchs seiner Streitkräfte ausschließlich zur Verteidigung befreites Deutschland, ist das Ziel.

Und weiter: „Niemand will deutsche Soldaten in einen Krieg schicken für nationale Eroberungs- und Unterwerfungsziele. Aber man möchte aufhören, zurückstehen zu müssen.“ So hat es der Hamburger Friedensforscher R. Mutz definiert (R. Mutz, 1993).

Dafür brauchte man die Verteidigungspolitischen Richtlinien vom November 1992, die verschiedenen konzeptionellen Leitlinien und die juristische Weihe durch das Bundesverfassungsgerichts-Urteil vom 12. Juli 1994.

Deutschland als prinzipiell kriegsfähige Macht etablieren

Es ging zunächst darum, sich die Kriegführungsoption zu eröffnen, Interventionsfähigkeit zu erwerben. Motiviert war dieses Streben weniger aus militärischer Abenteuerlust, sondern vor allem aus allgemein-machtpolitischen Erwägungen. Dieses Ziel, Deutschland als prinzipiell kriegsfähige Macht zu etablieren, scheint nunmehr weitgehend erreicht zu sein; die Legitimationsbasis, um das Militär künftig als Faktor außenpolitischer Machtprojektion einsetzen zu können, ist geschaffen worden. Die Deutschen und die internationale Öffentlichkeit wurden mit Hilfe einer nicht ungeschickten Salamitaktik wieder an deutsche Soldaten in aller Welt gewöhnt.

Der bundesrepublikanische Nachkriegskonsens, der auf reiner Verteidigungspolitik beruhte, konnte so binnen weniger Jahre ausgehebelt werden. Minister Rühe stellte daher am 21. Juni 1996 fest: „Die Zeit des Grundsatzstreits ist vorbei. In Deutschland herrscht jetzt ein völlig neuer Konsens.“ (V. Rühe 1996 c) Inzwischen werden beängstigende Sympathiewerte für die Bundeswehr ermittelt (P. Breuer 1996). Zugleich befindet sich die Quote der Kriegsdienstverweigerer weiterhin auf beachtlichem und konstantem Niveau. Daher ist die Hardthöhe weiter bemüht, das »neue Image« der Bundeswehr in der Öffentlichkeit aufzupolieren. Auch künftig sollen Zapfenstreiche, Gelöbnisse und dgl. in großem Stil zelebriert werden. Um die lästige Störung dieser Rituale auszuschalten, soll das Militär mit dem geplanten Ehrenschutzgesetz wieder metaphysisch überhöht werden. Selbst die Kritik des Generalinspekteurs der Bundeswehr, der das Gesetz schlicht für überflüssig hält, kann die verteidigungsbeflissenen Politiker mit dem »liberalen« Minister Schmidt-Jortzig im Gepäck nicht davon abhalten, das Gesetz unbedingt durchpauken zu wollen. Wenn das Gesetz durchgehen sollte, bestätigt sich die alte Wahrheit: Wo das Militärische zuviel Raum hat, bleibt die Freiheit auf der Strecke.

Gerne wird in der öffentlichen Debatte das Schlagwort von der »Militarisierung deutscher Außenpolitik« benutzt. Tatsache ist, daß das Militär auf neue Weise für außenpolitische Interessenwahrung instrumentalisiert werden soll. Kennzeichnend für die deutsche Auseinandersetzung ist aber nachgerade, daß dabei sowohl die politischen Ziele wie der konkrete Nutzen der Streitkräfte im Nebulösen bleiben.

Deutschland als Kontinental- oder als Globalmacht? Für welche Ziele soll diese Macht eingesetzt werden?

In welche Regionen sollen deutsche Soldaten geschickt werden, aus welchem Anlaß? Welche Interessen sollen sie durchsetzen helfen?

Wollen wir uns an Interventionen beteiligen, die eher den Charakter internationaler Polizeieinsätze tragen, oder soll es um militärische Erzwingungsmaßnahmen gehen?

Überhaupt: Welchen Bedrohungen und Risiken soll auf welche Weise begegnet werden?

Wenn wir von der ohnehin in der Grauzone wabernden Diskussion um Geopolitik und Geostrategie bei der Neuen Rechten absehen, scheint auch die regierungsnahe Debatte um die neudeutschen Machtambitionen dadurch bestimmt, präzise Aussagen zu vermeiden. Am klarsten hat seiner Zeit der damalige Generalinspekteur Klaus Naumann formuliert. Deutschland solle, inzwischen auf der internationalen Kommandobrücke stehend, mit Hilfe der Streitkräfte gestaltend handeln. Zum ersten Male in der Geschichte hätten die Deutschen die Chance, Konflikte auf Distanz zu halten, wenn nötig auch militärisch (K. Naumann 1995). Seine Einlassung, deutsche Streitkräfte hätten in diesem Jahrhundert nur zweimal Vergleichbares erlebt, und dabei die Niederschlagung von Aufständen in China 1900 und in Deutsch-Südwestafrika 1904 erwähnte, war gewiß Klartext. Die Aussage Naumanns ist noch immer in der Welt, und Naumanns Protegee, Bundeskanzler Kohl, hat bis heute keine Veranlassung zur Richtigstellung gesehen.

Einer der Fürsprecher eines neuen, selbstbewußten Deutschlands, der KanzlerBerater Arnulf Baring, hat jüngst entschieden vor einem militärischen Engagement Deutschlands in Afrika gewarnt. Deutschland müsse sich zurückhaltend zeigen und alle Abenteuer vermeiden. Es könne und dürfe nicht zu einer Hegemonialpolitik zurückkehren.

„Uns fehlen heute alle Voraussetzungen einer dominierenden Rolle: Ein Altersheim in einem Industriemuseum kann keine imperiale Politik betreiben!“ (A. Baring 1996) Baring wiederholt seine alten Thesen, daß Deutschland sich vor allem um seine osteuropäischen Nachbarn kümmern solle, unter Auslassung seiner Auffassung, daß dabei deutsche Suprematie unvermeidlich sei. Das Konzept geopolitischer Beschränkung teilt er weitgehend mit einem anderen Kanzler-Berater, dem Bonner Politologen Hans-Peter Schwarz. Die Frage bleibt: Woher auf einmal die machtpolitische Bescheidenheit? Haben Baring und andere neue Einsichten in unvermeidliche Realitäten gewonnen, geht es um taktische Anpassungen oder um Umdenken?

Allein die Unklarheit und Ambiguität dieses machtpolitischen Diskurses bietet keinerlei Anlaß zur Beruhigung. Und vor allem: Die an fatalistischen Worst-case-Szenarien orientierte militärische Strategiebildung und die darauf fußende Beschaffungspolitik (!) scheint dieser Außenpolitik-Debatte wieder einmal uneinholbar voraus. Außenpolitische Weichenstellungen werden damit präjudiziert und Handlungsspielräume des Parlaments auf unerträgliche Weise eingeengt.

Die Folgen sind schon heute absehbar:

Einsatzbereite, hochgerüstete Krisenreaktionskräfte, die auf Militärintervention getrimmt sind, wollen auch eingesetzt werden.

Offiziere, die sich durch ihren Eid an die Landesverteidigung gebunden fühlen, quittieren den Dienst.

Auch darf die Frage gestellt werden, was aus dem Konzept der »Inneren Führung« in den multilateral eingebundenen Eingreifverbänden wird. Wie wird sich die personale Zusammensetzung der Bundeswehr ändern, ist erst der Aufbau der »Out-of-area-Armee« vollzogen? Schon heute quittieren Offiziere, die sich durch ihren Eid an die Landesverteidigung gebunden fühlen, den Dienst. Was bleibt von der oben beschriebenen »Zivilität«, wenn die Bundeswehr in Interventionskriege involviert ist? Hans Arnold hat in dem oben erwähnten ZEIT-Beitrag die Aufstellung sog. Krisenreaktionskräfte und die Bildung eines Kommandos Spezialkräfte (KSK) mit einer zweiten Wiederbewaffnung verglichen. Und hinzugefügt:

Die Zurückdrängung ethischer Reflexionen und Gewissensregungen ist besonders in denjenigen Teilen von Armeen ausgeprägt, die im allgemeinen als Elitetruppen, Spezialeinheiten, Kommandotruppen oder Rangers bezeichnet werden. Die Soldaten solcher Einheiten zeichnen sich durch eine besonders starke und unreflektierte Fixierung auf eine ethisch neutrale Automatik von Befehl und Gehorsam aus.“

(H. Arnold, 1996)

Schließlich: Alle Erfahrung besagt, daß – ist die Logik des Krieges erst einmal in Gang gesetzt – auch die »Fesseln« der Zivilisation abgestreift werden. Das Gemetzel der US-Soldaten an den hilflosen Irakis(„Truthahnschießen“) war keine zufällige, sondern eine normale Entgleisung.

Die Formulierung des neuen Auftrages der Bundeswehr war eine Sache, die Etablierung einer veränderten »Militärkultur« ist eine andere. Wir sind mitten drin in dieser Auseinandersetzung. Bundeswehr und Gesellschaft müssen moralisch-psychologisch auf die veränderte Aufgabenstellung eingestimmt werden. Wie der Freiburger Militärhistoriker Wolfram Wette gezeigt hat, begann dieser Prozeß schon unmittelbar im Gefolge des 2. Golfkrieges (W. Wette, 1994). Die militärinterne „Wiederbelebung kampf- und kriegsorientierter Denkmuster“ hatte dabei eine Entsprechung in der öffentlichen Bellizismus/Pazifismus-Debatte. In einschlägigen Fachzeitschriften wurde angemahnt, daß Krieg der Ernstfall sei und die Bundeswehr endlich kriegstüchtig werden müsse. Kriege lägen im Wesen des Menschen. Ihnen mit militärischer Gewalt zu begegnen, sei nun mal das Sittengesetz des Soldaten.

Die Entwicklung ist seitdem weitergegangen. In zwei grundsätzlichen Beiträgen darf der Oberstleutnant i.G. Reinhard Herden in der Zeitschrift Truppenpraxis/ Wehrausbildung 2 und 3/1996 sich über das Wesen künftiger Konflikte auslassen. Sein Resumee:

Künftige Kriege und Konflikte werden in dem Unvermögen vieler Staaten zur gerechten Verteilung ihrer Ressourcen wurzeln, in der Unfähigkeit ganzer Völker, die Anforderungen der Postmoderne in Konkurrenz mit anderen bewältigen zu können.

Und: „Im nächsten Jahrhundert werden die jetzt in Frieden miteinander lebenden wohlhabenden Staaten gegen die Völker der armen Staaten und Regionen ihren Wohlstand verteidigen müssen.“

Die Konsequenz dieses sozialdarwinistischen Ansatzes liegt auf der Hand. Der Westen werde Expeditionsstreitkräfte einsetzen, um in fernen Gebieten seine Interessen zu wahren. Auch Deutschland werde um eine Beteiligung an diesen Kriegen gebeten werden! Die Bundeswehr werde dabei „Kriegern“ gegenüberstehen, die haltlos, extrem grausam, unberechenbar, nur zur Gewalt fähig etc. seien. Mit diesen Söldnern könne nicht verhandelt werden. Die Bundeswehr müsse „für die brutalen Kriege gegen die kleinen bösen Männer“ ausgebildet werden!

Kaum verhüllter Rassismus darf also wieder ungestraft in Publikationen des BMVg propagiert werden.

Das sind schon mehr als Anklänge an Nazi-Ideologie. Kaum verhüllter Rassismus darf also wieder ungestraft in Publikationen des BMVg propagiert werden. Der Bundestagsabgeordnete Gerhard Zwerenz hat Kanzler Kohl im August dieses Jahres einen 30 Seiten starken Brief geschrieben, in dem er diese fatalen Entwicklungen detailliert aufzeigt. Auch die Herden-Aufsätze kommen ausführlich zur Sprache. Die Antwort des Regierungschefs: Eisiges Schweigen. Indirekte Reaktionen aus dem Kanzlerumfeld lassen darauf schließen, daß man über einige, allzu kecke Einlassungen der Militärs nicht begeistert ist. Aber Distanzierung? Fehlanzeige. Derweil geht die Ausrichtung der Bundeswehr an den „Krisen- und Gefechtsszenarien der kommenden Jahre“ weiter. „Partisanenkämpfe, Kämpfe gegen unsichtbaren Feind, subversive und dysfunktionale Szenarien und Psychoterror“ werden u.a. als Konfliktfelder genannt. Dabei müßten die Soldaten der Bundeswehr „durch Drill streßresistent gemacht“ werden (D. Ungerer, 1996).

Die Ausbildung neuer Soldaten für neue Kriege ist keine Theorie mehr. Am 1. Juli hat der Generalinspekteur des Heeres, General Helmut Willmann, die »Weisung Körperliche Leistungsfähigkeit im Heer« erlassen. Seine Soldaten will er künftig auf die »Kämpferbahn« schicken.

Dabei sollen die Soldaten neben der körperlichen Fitness vor allem ihre „psychologische Durchhaltefähigkeit“ (Bundeswehr aktuell, 1996) in extremen Streßsituationen trainieren. Wie der Korrespondent der Süddeutschen Zeitung in Bonn zu berichten weiß, wird die neue Art des neuen Heeresinspekteurs „in der Truppe als erlösend empfunden, weil sie mit einem Tabu bricht und viele Soldaten aus einer Sinnkrise erlöst.“ (C. Schwennicke, 1996)

Die sportliche Ertüchtigung der Rekruten und Offiziere erscheint auf den ersten Blick eher harmlos. Aber in Verbindung mit den anderen Indizien, die vom veränderten Kampfauftrag über neue Führungsdoktrinen (Neudefinition der Auftragstaktik für low-intensity-conflicts, deep battle etc.) bis zum kräftig aufgestockten Etatansatz für »Ehrenzeichen der Bundeswehr« reichen, offenbart auch dies eine gefährliche Tendenz: Unsere Soldaten sollen wieder auf ihre »eigentliche Bestimmung« hin – das Kriegshandwerk – ausgerichtet und ausgebildet werden. Die eingangs erwähnte Zivilität wird dabei auf der Strecke bleiben. Die Bundeswehr wurde bisher dafür kritisiert, daß sie – im Unterschied zu Nationen wie Österreich und Schweden – nicht in der Lage war, eine Ausbildung für spezifische Blauhelm-Anforderungen durchzuführen.

Anscheinend hat sie dennoch ein Qualifikationsprofil entwickelt, in dem eher »zivile« (im Sinne diplomatischer Vermittlung und politischer Organisation) und militärische Fähigkeiten zugleich angeeignet wurden. Die Orientierung daran, gut gedrillte Kämpfernaturen hervorzubringen, verheißt auch in dieser Hinsicht nichts Gutes.

Ein Kristallisationspunkt bei der Debatte um das Für und Wider der Bundeswehr war und ist der Streit um die Rolle der deutschen Wehrmacht. Gerade eine Unternehmung wie das Militär lechzt nach Tradition und geschichtlicher Kontinuität. Die »alte« Bundeswehr lebte lange Zeit gut mit der Verdrängung und Ignorierung deutscher Geschichte. Zwar waren Kasernen nach Nazi-Generälen benannt, durfte sich das Nazi-Idol Rudel auf Kameradschaftsabenden von Soldaten feiern lassen, aber die Wehrmachtstradition war offiziell tabu. Spätestens mit den Auslandseinsätzen der Bundeswehr (»Deutsche Soldaten auf dem Balkan«) kam das Thema wieder hoch. Hinzu kamen die Ausstellung des Hamburger Instituts für Sozialforschung über den »Vernichtungskrieg«, neuere Forschungsergebnisse über die Verbrechen der Wehrmacht, die provozierenden Thesen Goldhagens, der Zwist um die Rehabilitierung der Wehrmachtsdeserteure.

Die Diskussion ist auf Seiten der Militärpolitiker davon bestimmt, historischen Ballast abzuwerfen. Rühe und andere aufgeklärte Konservative möchten am liebsten erst 1955 anfangen. Gerade noch Scharnhorst und Gneisenau und die Männer des 20. Juli möchten sie traditionsbildend gelten lassen. Die „Wehrmacht könne kein Vorbild sein“, hat Minister Rühe kurzerhand beschieden und lange überfällige Umbenennungen von Kasernen – gegen den Widerstand örtlicher und anderer Kommandeure – im letzten Jahr vollzogen.

Den Hardlinern (»Stahlhelm-Fraktion«) geht es darum, die deutsche Geschichte dieses Jahrhunderts durch »Relativierungen«, »Normalisierungen« zu entsorgen, um dadurch moralisch bedingte Schranken für den hemmungslosen Einsatz von Macht, auch militärischer Macht, niederzureißen. Deshalb ist ihr Standardthema, daß Deutschland nicht länger im »Büßer-gewand« auftreten dürfe. In diesem Kontext ist die Reinwaschung der Wehrmacht natürlich Programm. Die Erzkonservativen verfügen in Politik, Industrie und Militär noch immer über erheblichen Einfluß. Zugleich hat die Neue Rechte seit der Zeitenwende 1989/90 erhebliche Terraingewinne erzielt; eine Grauzone zwischen Neuer Rechten und Unionskonservativen hat sich inzwischen etabliert, deren Ausmaße man nur ahnen kann (J. Heilbrunn,). Es ist kein Wunder, daß dieser rechte Diskurs die Bundeswehr längst erreicht hat.

Da wird im Umfeld des Militärgeschichtlichen Forschungamtes die These von Stalins Angriffskrieg verbreitet; da kommt der Chef des Heeresamtes angesichts der Leistungen der deutschen Fallschirmjäger im Zweiten Weltkrieg ins Schwärmen („Weder waren deutsche Fallschirmjäger bei ihren Einsätzen besser ausgerüstet als andere Truppen, noch hatten sie Überfluß an Kräften, Waffen oder Vorräten. Was sie unterschied, war der Geist. Der kriegerische Geist, der Korpsgeist, der Geist der Ritterlichkeit.“ (J. Reichert, 1996)); da zieht ein Kapitän zur See und Referatsleiter im Führungsstab Marine vom Leder, „Wer die Geschichte eines Volkes kriminalisiert, macht es krank.“ (D. Stockfisch, 1996) Immerhin: Die Bekenntnisse des Kapitäns lösen eine breitere Leserdiskussion aus. Der stellvertretende Chef des Streitkräfteamtes distanziert sich (W. Vogel, 1996).

Dies mag ein Indiz dafür sein, daß die Durchsetzung der neu-alten Militärkultur nicht reibungslos funktioniert. Und diese trotz der besonders in Militärfragen kraft- und konzeptionslosen Bonner Opposition (dies betrifft leider v.a. die SPD). Aber Alternativen zur gegenwärtig einseitigen Militärdiskussion wären gefragt.

Literatur

Arnold, Hans (1996). Wann dürfen Soldaten töten? in: Die ZEIT, Nr. 46, 8.11.1996, S. 46.

Baring, Arnulf (1996). In Grenzen halten, in: FAZ vom 18.11.1996.

Breuer, Paul (1996). Zustimmung zur Bundeswehr auf über 70 Prozent gestiegen, in: Welt am Sonntag, 6.10.96.

Bundeswehr aktuell, 24.10.1996, S. 3.

Heilbrunn, Jacob. Germany`s New Right, in: Foreign Affairs, Volume 75 No 6.

Mutz, Reinhard (1993). Schießen wie die anderen? in: Dieter S. Lutz, Deutsche Soldaten weltweit? Reinbek bei Hamburg S. 17.

Naumann, KLaus (1995). Bundeswehr vor neuen Herausforderungen, in: Soldat und Technik 1/1995, S. 9ff.

Reichardt, Jürgen ( Generalmajor) (1996). Leistungen erbringen, die als unmöglich gelten, in: Die Welt vom 14. April 1996.

Rühe, Volker (1996 a). Interview in der ARD, 19.9.96, zitiert nach: Stichworte zur Sicherheitspolitik, hrsg. vom Presse- und Informationsamt der Bundesregierung, Oktober 1996, S. 30.

Rühe, Volker (1996 b). Interview am 9.10.96 in der ARD, zitiert nach: Stichworte Nov. 1996, S. 54.

Rühe, Volker (1996 c). Zitiert nach: Frankfurter Rundschau vom 22.7.1996, S. 4.

Schwennicke, Christoph (1996). Süddeutsche

Zeitung vom 27.9.1996, S. 10.

SPIEGEL (1996). Spiegel vom 18.11.96, S. 20.

Stockfisch, Dieter (1996). Zur Gestalt des Soldaten in unserem Land, in: Soldat und Technik 7/1996, S. 419.

Ungerer,Dietrich (1996) und Axel Diepold, Ralf Bultschneider. Menschenführung im Frieden und im Gefecht. In: Truppenpraxis/Wehrausbildung 11/1996, S. 734ff.

Vogel, W. (Brigadegeneral) (1996). In: Soldat und Technik, 9/1996, S. 552.

Wette, Wolfram (1994). „Neue Normalität“, Militarisierungen und Weltmachtstreben, in: Extremismus der Mitte. Vom rechten Verständnis deutscher Nation. Hrsg. Hanns-Martin Lohmann, Frankfurt/M., S. 193ff.

Paul Schäfer ist wissenschaftlicher Mitarbeiter des Bundestagsabgeordneten Zwerenz und im W&F-Redaktionsteam.

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