in Wissenschaft & Frieden 1996-3: Leben und Überleben

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Virtuelle Atomtests

Wird der Teststoppvertrag per Computer umgangen?

von Martin B. Kalinowski

Nachdem die Technologie des unterirdischen Testens entwickelt war, wurde 1963 der partielle Teststoppvertrag abgeschlossen. Seitdem wurde immer wieder gefordert, auch unterirdische Kernwaffentests zu verbieten. Dieses Ziel ist jetzt zum Greifen nahe.

Stand der Verhandlungen

Seit 1993 verhandelte die Konferenz für Abrüstung in Genf um einen Umfassenden Teststoppvertrag (Comprehensive Test Ban Treaty – CTBT). Ein Entwurf wurde erstellt, aber das anvisierte Ziel, den Vertrag für die Generalversammlung der Vereinten Nationen im September 1996 im Konsens zu verabschieden, wurde nicht erreicht. Deshalb wurde von Australien mit der Unterstützung einer sehr großen Zahl von Ländern wenigstens der Vertragsentwurf in Verbindung mit einer Resolution, diesen zu unterzeichnen – dort eingereicht. Der Unterzeichnungsprozeß begann am 24. September.

Als letzter Streitpunkt erschien die Regelung, wie der Vertrag in Kraft treten soll. Der Vertragsentwurf enthält eine recht ungewöhnliche Variante, wonach eine Anzahl von 44 bestimmten Ländern den Vertrag ratifiziert haben müssen, damit er in Kraft treten kann. In dieser Liste befinden sich die de-facto Kernwaffenstaaten Israel, Indien und Pakistan. Das bedeutet, daß der Vertrag bereits durch eins der gesetzten Länder blockiert werden kann. Offensichtlich wird daraufgesetzt, daß diese Regelung dazu führt, daß auf alle ein massiver internationaler Druck ausgeübt wird, so daß sie dem Vertrag beitreten.

Indien hat durch sein Veto verhindert, daß die Konferenz für Abrüstung in Genf den Vertragsentwurf formal an die Generalversammlung in New York übergeben konnte. Dabei hat es betont, daß es den Vertrag in der vorliegenden Form nicht unterzeichnen könne, einem CTBT aber auch nicht im Weg stehen wolle. Über die wirklichen Absichten Indiens kann nur spekuliert werden. Die grundsätzliche Kritik, die Indien gegen den Vertragsentwurf vorbringt, ist aber berechtigt.

Tatsächlich blockieren die Kernwaffenstaaten einen wirklich umfassenden Vertrag, da sie ihre Kernwaffenforschung mit anderen Mitteln weiter betreiben und ihre Kernwaffen nicht vollständig abrüsten wollen.

Die offiziell anerkannten fünf Kerwaffenstaaten (kurz P-5) sind sich darin einig, daß der Teststoppvertrag nur Kernexplosionen verbieten soll, ob unterirdisch oder im Meer oder in der Atmosphäre. Seit Beginn der Verhandlungen sind sie dabei, mit gigantischem Aufwand Technologien zu entwickeln und Forschungsanlagen zu bauen, mit denen die Funktion unterirdischen Testens ersetzt werden soll.

Zwar wird von den P-5 zugestanden, daß die qualitative Weiterentwicklung von Kernwaffen durch den CTBT eingeschränkt sein wird, aber sie sperren sich vehement dagegen, daß das Ziel der Beendigung von Kernwaffenentwicklung in den Vertragstext hineingeschrieben wird. Auf Nachfrage im Auswärtigen Amt war zu hören, daß die deutsche Bundesregierung diese Position voll unterstützt.

Vorreiter USA

Die Entscheidungsträger in der bei Rüstungs- und Abrüstungsfragen meinungsprägenden und dominanten USA waren sich sicher genug, daß ihr Land in der Lage wäre, Kernwaffenforschung ohne unterirdische Tests fortzuführen. Im theoretischen Verständnis von Kernwaffen, in der Materialforschung und in der Datenbasis werden sogar erhebliche Fortschritte für nötig und möglich erachtet, die die gesamte Kernwaffenforschung wesentlich verändern. Um diese zu ermöglichen, müssen neue Investitionen in Milliardenhöhe getätigt werden und bei der engen Haushaltslage war es günstig, auf die hohen Kosten für unterirdische Tests verzichten zu können. Aus der Beendigung unterirdischer Tests konnte nun ein dringend nötiger abrüstungspolitischer und auch ein ökologie-ethischer Gewinn geschlagen werden.

Den Waffenlabors wurde gleichzeitig versprochen, alle oberirdischen Testverfahren kräftig auszubauen. Dazu gehören vor allem hydrodynamische Tests, Trägheitseinschlußfusion, Neutronenstreuung, gepulste Leistungsgeneratoren und Computersimulationen. Der entsprechende Posten im Forschungsetat wurde kräftig erhöht. Im U.S. Haushaltsplan für 1996 stiegen die Ausgaben für Kernwaffenforschung um 9.4<0> <>%, während andere Forschungsbereiche im Schnitt nur um 1,7<0> <>% zulegten. Das Energieministerium der USA legte für die zukünftige Kernwaffenforschung das Science Based Stockpile Stewartship (SBSS) Programm auf. Hierfür wurden 3,6 bis 4 Milliarden U.S. Dollar pro Jahr veranschlagt. Insgesamt werden derzeit rund 25 Milliarden U.S. Dollar pro Jahr für das Kernwaffenprogramm ausgegeben.

Andere Kernwaffenländer

Ähnlich sieht die Entwicklung in anderen Kernwaffenländern aus, auch wenn die Simulationstechnik dort bisher nicht so weit entwickelt ist. Mit Beginn der Verhandlungen zum Teststoppvertrag in Genf im Jahre 1993 startete Frankreich ein umfassendes Programm unter dem Namen PALEN (Preparation à la Limitation Experimentation Nucléaire).

Rußland verkündete kurz nach dem G7+1 Gipfel im April diesen Jahres in Moskau, daß es ein Programm starten werde, um die Kernwaffenforschung auch ohne unterirdische Tests fortführen zu können. Die Kernwaffenforschungszentren sollen bestehen bleiben und neue Programme werden aufgelegt. Die Wiederaufnahme von Kernwaffentests soll möglich sein, wenn eine Situation entsteht, in der Rußland sich nicht mehr an die Restriktionen des erwarteten CTBT gebunden fühlt. Diese Formulierungen erscheinen wie eine späte Nachahmung entsprechender Verlautbarungen der USA aus den vergangenen Jahren.

Kernwaffentests dienten im Wesentlichen zur Überprüfung der Funktionfähigkeit neuer Kernwaffen. So dienten die letzten französichen Tests zum Teil zum Test des Sprengkopfes der neuen strategischen U-Boot-gestützten Rakete M5. Es gab aber auch Vermutungen, daß eine neue Kernwaffe für Luft-Boden-Raketen getestet wurde. Offiziell gaben die Franzosen an, einige Tests zur Validierung ihrer Computersimulationsprogramme zu benötigen. Es ist aber schwer vorstellbar, daß dafür irgendwelche militärisch belanglosen atomaren Explosionen durchgeführt werden.

Was bedeutet Simulation?

Computersimulationen von Vorgängen in Kernwaffen sind keineswegs etwas Neues, sie werden aber – wenn unteriridische Tests international gebannt sein werden – eine besondere Bedeutung gewinnen.

Unter Simulation versteht man nicht nur die modellhafte Berechnung auf dem Computer, sondern auch experimentelle Verfahren, bei denen Kernwaffeneigenschaften geprüft werden können, ohne komplette Kernwaffen einzusetzen. Schon immer haben sich experimentelle Daten und computergestützte Simulationen ergänzt. Jedes der beschriebenen Experimente wird auch mit Computerprogrammen simuliert, um die Programme für die verschiedenen Modellierungsaufgaben für Kernwaffen zu validieren und um dafür physikalische Meßdaten zu bekommen.

Für die Simulation einer Kernwaffe wird ein ganzes Programmpaket benötigt. Es gibt Programme, mit denen die Explosionsdynamik der chemischen Explosion berechnet werden kann, mit der das spaltbare Material komprimiert wird, um die Bedingungen für den Start einer Kettenreaktion von Spaltungen des Urans oder Plutoniums zu erhalten. Die Kompression ist ein quasifluid-mechanischer Vorgang, der mit hydrodynamischen Modellen simuliert werden kann. Das Einsetzen und Ausbreiten der Kettenreaktion läßt sich mit neutronenphysikalischen Codes nachahmen. Schließlich verwendet man verschiedene Programme, um die Entwicklung und Ausbreitung von Schockwelle, Lichtblitz, Neutronen- und Gammastrahlung und die Bildung von elektromagnetischen Impulsen zu simulieren.

Neue Aufgaben für Kernwaffenforschung

In Zukunft wird es wichtig, das theoretische Verständnis von Kernwaffen zu verbessern, da das reale Explosionsverhalten einer kompletten Kernexplosion nicht mehr getestet werden kann und weil mit dem Ende des Kalten Krieges der längerfristige Erhalt von Kernwaffen die Experten vor eine völlig neue Aufgabe stellt.

Bisher hat die Einsatzzeit der Kernwaffen in den USA nie wesentlich das Durchschnittsalter von 13 Jahren überschritten. Nach dem Vertrag zur Abrüstung strategischer Waffen (START II) wird von gegenwärtig etwa 9.000 Waffen im aktiven Arsenal auf 4.500 abgerüstet, darunter etwa 1.000 konventionelle Kernwaffen. Neue Kernwaffen werden kaum dazu kommen. Es kann zu der Situation kommen, daß Kernwaffen über die geplante Einsatzzeit von 20 bis 25 Jahren hinaus einsatzbereit gehalten werden. Die Waffenbauer sind besorgt darum, daß sie nicht wissen, welche Korrosions- und Zerfallsprozesse im Materiall der Kernwaffen auftreten und welche Konsequenzen derartige Schäden oder mit anderen Werkstoffen ersetzte Bauteile auf die Funktionsfähigkeit und Sicherheit der Kernwaffen haben werden. Generell kann aufgrund zufälliger Unterschiede in Materialeigenschaften und durch zeitliche Abweichungen bei den Zündungsvorgängen das Explosionsverhalten stark differieren. Häufig treten dabei statistische Phänomene auf, die mit unterirdischen Testexplosionen einzelner Sprengköpfe ohnehin nicht gelöst werden könnten. Mit Computern kann man aber beliebig viele Exemplare virtuell testen. Victor Reis vom US Energieministerium stellt dazu fest: „Computersimulation wird ein wesentliches Mittel sein, um die Sicherheit, Zuverlässigkeit und Effektivität der nuklearen Abschreckung der USA zu gewährleisten.“

Milliarden für neue Rechner

Die Laboratorien wünschen sich für diese Aufgabe eine höhere räumliche Auflösung mit zig Millionen Zellen, dreidimensionale statt zweidimensionale Rechnungen, um räumliche Inhomogenitäten berücksichtigen zu können, und eine verbesserte und lückenlose Datenbasis der physikalischen Parameter wie Neutronenwirkungsquerschnitte verschiedener Isotope.

Um diesen Anforderungen gerecht zu werden, muß die gegenwärtig genutzte Hardware verbessert werden. Daher stellt die Beschleunigte Strategische Computerinitiative (Accelerated Strategic Computing Initiative – ASCI) einen wesentlichen Teil des Science Based Stockpiles Stewartship Programms der USA dar. Neue Investitionen werden v.a. in das Laboratory Integrated Simulation and Computer Center (LISAC) am Sandia National Laboratory in Albuquerque, Neu Mexiko gesteckt.

Mit dieser »Initiative« soll die Fähigkeit entwickelt werden, um hochzuverlässige Vorraussagen über das gesamte System einer Kernwaffe machen zu können. Verbunden wird dieses Ziel mit der Absicht, die gegenwärtige Geschwindigkeit von Rechenoperationen und den Umfang von Datenspeichern jeweils um einen Faktor 1000 zu verbessern. Es geht also um die hochgesteckte Forderung nach einer Verbesserung der Computertechnologie über die Grenzen des heute als möglich Erscheinenden hinaus.

Allerdings sind sich die Fachleute nicht darüber einig, ob die Verbesserung von Hochleistungsrechnern die richtige technologische Strategie zur Erreichung der militärischen Ziele ist. Seit Jahren besteht dabei ein starker Trend, neue Rechnerarchitekturen mit massiv parallel arbeitenden Prozessoren zu bauen. Das vom Energieministerium für eine unabhängige Evaluierung der Pläne eingesetzte JASON Gremium der MITRE Corporation kam zu dem Schluß, daß die Zukunft von viele Millionen Dollar teuren Supercomputern fraglich ist. Es wird angezweifelt, daß ein kommerzieller Markt zur Produktion derartiger Supercomputer sich bilden kann ohne massive finanzielle Unterstützung durch die Regierung und ohne Bündelung der Interessen von Abnehmern im kommerziellen Sektor. Die Zukunft könnte eher bei kommerziellen Workstations liegen, die in lokalen Netzen verbunden werden.

Dennoch erteilte die USA im September 1995 der Firma Intel den Auftrag zum Bau eines Computers bei Sandia in Albuquerque, der nach Intel-Angaben die addierte Leistung aller rund 50.000 weltweit installierten Großcomputer bieten soll. In diesem Supercomputer sollen 9.000 mit dem Codenamen P6 bezeichnete Mikroprozessoren aus der Pentium Prozessor-Familie parallel geschaltet werden. Er soll eine Spitzenleistung von 1,8 Billionen Fließkommaoperationen pro Sekunde (Teraflops) und einen Arbeitsspeicher von 262 Gigabytes haben. Wo man sonst gerne mit dem Wert von Aufträgen protzt, ist diesmal wenig zu erfahren: „Kein Kommentar!“ heißt es beim Intel-Pressesprecher, was natürlich die Vermutung nährt, daß eine neue Größenordnung für Computer-Preise erschlossen wird.

Schon der Vorgänger mit dem Namen Paragon erreichte mit 140 Gigaflops einen Geschwindigkeits-Weltrekord. Eine Sequenz von Bildern, die mit diesem Rechner erstellt wurde, kann auf dem Internet betrachtet werden (http://www.sandia.gov/LabNews/LabNews.htm). Sie zeigt Trümmer der Explosion des chemischen Sprengstoffes einer Kernwaffe, die die Innenseite ihres Lagerbehälters erreichen und ihn aufreißen.

Auch andere Computerhersteller profitieren von neuen Aufträgen für Kernwaffenforschung. Der neueste Cray-Rechner mit dem Namen T3E soll 1,2 Teraflops haben und Anfang 1996 zu den ersten Kunden ausgeliefert werden. Dazu gehört die militärische Forschungsabteilung der französischen Atomenergiekommission. Rußland hat den Elberus 3-1 Computer gebaut, der mit wenig mehr als 1 Gigaflop vergleichsweise langsam anmutet.

Qualitatives Wettrüsten auf dem Computer

Die interessante Frage ist nun, was man mit Simulationen von Kernwaffen herausfinden kann und was nicht ohne echte unterirdische Tests zu machen ist. Insbesondere stellt sich die Frage, ob neue Kernwaffen mit Hilfe von Simulationen entwickelt werden können. Die Kernwaffenländer behaupten zwar, daß sie die Simulation bräuchten, um die Sicherheit und Zuverlässigkeit ihrer alten und älter werdenden Kernwaffen überprüfen zu können. Es besteht aber ein starker Verdacht, daß sie mit den dafür entwickelten Technologien sowie mit den aufgebauten Infrastrukturen und Forschungsteams auch neue Kernwaffen entwickeln.

Die Kernwaffenstaaten spielen ein doppeltes Spiel. Sie beteuern zwar, daß keine neuen Kernwaffen in Auftrag gegeben seien. Aber dies ist eine Täuschung, wie am Beispiel der USA verdeutlicht werden kann.

Prinzipiell lassen sich alle neuen Kernwaffenkonzepte auch theoretisch und mithilfe von Simulationen entwickeln. Schon die ersten Kernwaffen, die gebaut worden sind, haben ohne Fehlversuche bereits im ersten Einsatz bzw. Test funktioniert, obwohl noch keine Computersimulationswerkzeuge zur Verfügung standen. Länder wie Pakistan und Israel haben Kernwaffen gebaut, ohne jemals getestet zu haben. Die Frage ist also eher, mit welcher Zuverlässigkeit die Sprengkraft und andere Eigenschaften einer neuen Kernwaffe vorausgesagt werden können.

Bisher wurde bei einer unterirdischen Explosion die Sprengkraft gemessen, dann wurde angenommen, daß die anderen Exemplare derselben Produktionsserie dieselbe Sprengkraft haben. Es ist aber ein Trugschluß, davon auszugehen, daß die Unsicherheit bei der Vorhersage der Wirkung nur von Meßfehlern der unterirdischen Diagnoseinstrumente abhängen. Erstens gibt es durch eine gewisse Frühzündungswahrscheinlichkeit vor der optimalen Dichteüberhöhung eine statistische Schwankung in der Sprengkraft aller Kernwaffen derselben Serie und zweitens ist die tatsächliche Wirkung auch abhängig von den Einsatzbedingungen, wie Abstand der Waffe zum Erdboden während der Explosion. Diese Unsicherheiten können durch Computersimulation eingegrenzt werden. Im Computer können falls nötig auch hundert Exemplare einer Serie unter allen denkbaren Einsatzbedingungen getestet werden.

Fehlzündung im Computer?

Der systematische Fehler, mit dem Computervorhersagen von der Realität abweichen, kann allerdings sehr groß sein. Abweichungen von über 10<0> <>% sind bei komplexen neutronenphysikalischen Simulationen eher der Normalfall und auch größere Fehler können auftreten. Daher ist es unentbehrlich, die Computersimulationen mit Meßergebnissen abzugleichen. So lassen sich Fehler bei der Programmierung finden und Simulationsergebnisse an realen Messungen normieren, falls die Ursache für eine systematische Abweichung nicht ausgemerzt werden kann.

Aus diesen Überlegungen kann man leicht schließen, daß die Computersimulationen umso schlechter sind, je stärker der simulierte Vorgang von allen Fällen abweicht, mit denen das Simulationsprogramm validiert worden ist. Für die Validierung stehen die Meßergebnisse aus früheren realen Kernwaffentests zur Verfügung, ungenau bekannte physikalische Größen sollen in Zukunft mit den oben beschriebenen Laborexperimenten präziser bestimmt werden. Somit gehen Experimente wie Trägheitseinschlußfusion und hydrodynamische Explosionen Hand in Hand mit der Computersimulation von kompletten Kernwaffen.

Wenn es also um leichte Veränderungen an bestehenden Kernwaffen geht, dann kann die Funktionsweise der Kernwaffe sehr gut auf dem Computer simuliert werden. Leichte Änderungen können beispielsweise notwendig werden, um einzelne Komponenten durch neue aus beständigeren Materialien zu ersetzen oder um neue Sicherheitsfunktionen einzubauen, beispielsweise damit ein Unfall mit der Bombe nicht gleich zur Explosion führt. Auch der Nachbau alter Kernwaffen wird leichte Abweichungen mit sich bringen, weil nicht immer Materialien und elektronische Komponenten mit exakt den gleichen Spezifikationen verwendet werden können.

Wenn ein Sprengkopf für ein neues Trägersystem entwickelt wird, kann auf alte Blaupausen zurückgegriffen werden, bei denen allenfalls Kleinigkeiten wie die geometrischen Abmessungen angepaßt werden müssen. Die Optimierung von Kernwaffen zur Erzeugung von elekromagnetischen Impulsen geschieht schon heute am besten im Computer, weil in hohen Schichten der Atmosphäre schon seit dem partiellen Atomteststoppvertrag aus dem Jahre 1963 nicht mehr getestet werden darf. Kernwaffen mit geringer Sprengkraft und insbesondere solche, die durch Erd- und Betonschichten dringen sollen, bevor sie explodieren, werden auch in Zukunft mit hydrodynamischen Experimenten fast vollständig bis zum Beginn der Kettenreaktion getestet. Die anschließende Spaltungen können hinreichend genau mit dem Computer simuliert werden.

Computer als Kernstück für die Entwicklung neuer Fusionswaffen

Schwierig wird die Simulation von ganz neuen Kernwaffentypen, insbesondere wenn sie einen Fusionsteil enthalten, weil die Zündung dieses Teils durch eine Spaltexplosion nicht mehr in unterirdischen Tests geprüft werden kann. Für Wasserstoffbomben taugen keine hydronuklearen Experimente, erst recht nicht subkritische, bei denen es zu keiner selbsterhaltenden Kettenreaktion und zu keiner nuklearen Explosion kommt. Für derartige Neuentwicklungen stellen Computersimulationen in Kombination mit Daten aus Experimenten wie der Trägheitseinschlußfusion die einzige Stütze dar. Diese Kernwaffentestsubstitution durch den Computer kann man also eher als aufrüstungs- denn als abrüstungspolitische Maßnahme auffassen.

Sollten wesentliche Unsicherheiten über die Funktionsweise bestehen, dann könnten sowohl die Entwicklung eines Prototyps wie auch alle Vorbereitungen für unterirdische Tests durchgeführt werden. Im Falle eines Krieges könnte das Land aus dem Teststoppvertrag ausscheren und die Waffe sofort testen.

Die Kernwaffenländer wollen in der Lage sein jederzeit die unterirdischen Tests wieder aufnehmen zu können. In einer Broschüre des U.S. Energieministeriums über das Stockpile Stewartship and Management Program vom Mai 1995 heißt es unmißverständlich: „The program must provide the ability to reconstitute U.S. nuclear testing and weapon production capacities, should national security so demand in the future.“ Die wichtigste Maßnahme dafür ist die Fortführung sogenannter subkritischer unterirdischer Tests, die nur eine sehr geringe nukleare Energiefreisetzung haben und dadurch durch die Maschen des geplanten Umfassenden Kernwaffenteststoppvertrages rutschen sollen.2 Das Ziel der Experimente besteht darin, bestimmte physikalische Parameter von gealtertem Plutonium unter Kompression zu studieren. Die so gewonnen Daten werden für eine verbesserte Computersimulation von Kernwaffen benötigt. Für die Zukunft hält sich das DoE vor, auch komplette Waffenkonfigurationen subkritisch zu testen. Damit wird auch eine Entwicklung modifizierter oder neuer Kernwaffen mit neuen Eigenschaften möglich.

Abrüstung? Fehlanzeige!

Damit wird der eigentliche Skandal um den Kernwaffenteststoppvertrag deutlich. Seitdem dieser Vertrag vor mehr als 30 Jahren gefordert wurde, sollte damit die Weiterentwicklung von Kernwaffen blockiert werden. Vertreter der Kernwaffenländer sagen jetzt unverblümt, daß ihrer Auffassung nach ein solcher Vertrag nicht eine Abrüstungsmaßnahme für sie selber wäre. Er sei immer und einzig als eine Maßnahme zur Vermeidung der Weiterverbreitung von Kernwaffen gedacht, mit der nuklearen Schwellenländern die Möglichkeit genommen werden soll, in unterirdischen Test zu prüfen, ob ihnen der Bau einer einfachen Kernwaffe oder gar der Schritt zur Fusionsbombe geglückt ist.

Nach Wunsch der Kernwaffenländer sollen mit dem neuen Vertrag lediglich unterirdische Testexplosionen verboten werden. Dem schließen sich auch Länder wie Deutschland an, die von den Kernwaffen im Rahmen ihres Bündnisses zu profitieren glauben. Realpolitisch wird argumentiert, ein derart eingeschränkter Vertrag sei besser als gar nichts. Das ist wohl richtig, wenn man selber nicht mehr möchte oder wenn man zu der ernüchternden Einschätzung kommt, daß mehr von den Kernwaffenstaaten im Moment nicht zu erwarten ist.

Die USA können mit diesem Teststoppvertrag im Grunde sehr zufrieden sein: Sie sichern sich damit ihren waffentechnologischen Vorsprung. Deshalb hat das Pentagon seinen jahrzehntelangen Widerstand gegen diesen Vertrag beendet. Großbritannien ist ohnehin stark abhängig von den USA und durfte das Testgelände in Nevada mitbenutzen. China hat 1994 entgegen dem strategischen Hochtechnologieexportverbot aus der Zeit des Kalten Krieges einen Cray Großrechner von den USA geliefert bekommen. Zwischen Frankreich und den USA gibt es ein Kooperationsprogramm für Kernwaffenforschung, in dessen Rahmen die USA auch Hilfe bei der Entwicklung von Simulationsverfahren angeboten hat.

Es kann nicht ausgeschlossen werden, daß spezielles Wissen und Technologien, die zur Ersetzung unterirdischer Tests geeignet sind, auch in Länder gelangen, die nicht zum Kreis der fünf offiziell anerkannten Kernwaffenstaaten gehören. Die zunehmende Entwicklung von Hard- und Software für die Simulation von Kernwaffen hat also negative Folgen auf die horizontale Proliferation von Kernwaffen. Entsprechend kündigte die USA Anfang Oktober 1995 an, neue Exportkontrollbestimmungen für Computer zu erlassen. Staaten Westeuropas sind demnach lizensfähig für Computer mit maximal zehn Gigaflops, für schnellere Computer gelten verschärfte Beschränkungen. In »terroristische« Länder (genannt wird z.B. Nord-Korea) darf gar keine Computertechnologie exportiert werden.

Bei alledem sollte man aber nicht übersehen, daß die Kernwaffenstaaten mit diesem Abkommen auch dem öffentlichen Protest entgehen wollen. Sie wollen, ohne daß unabhängige Seismographen es registrieren können, nicht wahrnehmbar für eine kritische Öffentlichkeit weiter testen: leise und sauber im verborgenen Labor.

Fazit

Den Laborexperimenten und Computersimulationen ist es vielleicht zu verdanken, daß die Kernwaffenstaaten bereit waren, den wichtigen Umfassenden Kernwaffenteststoppvertrag zu verhandeln. Mit dem vorliegenden Vertragstext wird aber der fast schon verlorene Geist des Vertrages, wonach die Weiterentwicklung von Kernwaffen gestoppt werden soll, ganz begraben.

Mit verstärkter Simulationstechnik wird auch eine Entwicklung ermöglicht, die vom Ziel einer kernwaffenfreien Welt her höchst unerwünscht ist. Am Ende der Ära des ingenieurtechnisch beeinflußten Vorgehens und des vergleichsweise primitiven Ausprobierens durch einzelne Tests wird nun eine Revolution eingeleitet, an deren Ende der Triumpf des theoretischen Durchdringens der Kernwaffenentwicklung stehen soll. Mit ihr soll einerseits die präzise Entwicklung und das parametrisierte Studieren vielfältigster Modifikationen von Kernwaffen in der virtuellen Realität möglich werden. Andererseits soll der systematisierte Erhalt des für Kernwaffen relevanten Wissens unabhängig vom Erfahrungswissen der in Rente gehenden Kernwaffenbauer und -tester erhalten bleiben.

Um diesen Entwicklungen entgegentreten zu können, hätte eigentlich in der Präambel des Teststoppvertrags das Ziel festgeschrieben werden müssen, daß keine neuen Kernwaffen entwickelt werden dürfen. Von dieser Forderung darf aber das weitere Schicksal des CTBT nicht abhängen.

Von den Kernwaffenstaaten ist zu fordern, daß sie parallel zur Unterzeichnung des CTBT eine Erklärung abgeben, daß sie bereit sind, über einen Zeitplan für die nukleare Abrüstung zu verhandeln. Nach dem Richterspruch des Internationalen Gerichtshofes in Den Haag über die Völkerrechtswidrigkeit eines Kernwaffeneinsatzes ist offensichtlich, daß eine Lücke im internationalen Recht geschlossen werden muß. Es muß eine Kernwaffenkonvention ausgehandelt werden, die die Biologische und Chemische Waffenkonvention ergänzt und alle Kernwaffen verbietet.

Canberra-Kommission gegen »atomare Abschreckung«

Am 14. August hat die 17-köpfige »Canberra-Kommission zur Eliminierung von Atomwaffen« der australischen Regierung ihren Bericht vorgelegt. Der Kommission gehören Friedensnobelpreisträger Joseph Rotblat, der ehem. US-Verteidigungsminister Robert McNamara, der frühere französische Premier Michel Rochard, Militärs, Diplomaten und Wissenschaftler an. Zu diesem Kommissionsbericht erklärt der Trägerkreis der deutschen Kampagne »Atomwaffen abschaffen!«:

Zum ersten Mal hat eine mit den USA verbündete westliche Regierung eine Expertise unterstützt, die sich ausdrücklich für die baldige Abschaffung aller Atomwaffen ausspricht. Nachdem erst vor wenigen Wochen der Internationale Gerichtshof umfassende atomare Abrüstung eingefordert hatte, kam die hochrangige Expertengruppe, die vom damaligen australischen Premier Paul Keating Ende letzten Jahres bestellt worden war, nun zu dem Schluß, daß sich atomare Abschreckungspolitik nicht mit der Sicherheit der Staaten verträgt. Dies ist innerhalb kürzester Zeit erneut ein Schlag ins Gesicht der Atompolitiker! Wörtlich heißt es in dem Bericht u.a.: „Die Annahme, daß Atomwaffen bis in alle Ewigkeit erhalten und dabei nie eingesetzt werden – unabhägig davon, ob ein Einsatz unabsichtlich oder per Befehl geschieht – entbehrt der Glaubwürdigkeit. Die einzige umfassende Verteidigung ist die Eliminierung von Atomwaffen und die Sicherheitsgarantie, sie nie wieder herzustellen.“

Der australische Außenminister Alexander Downer hat den Kommissionsbericht begrüßt. Der Trägerkreis fordert die deutsche Bundesregierung auf, dem Beispiel Australiens zu folgen und sich für die Abschaffung aller Atomwaffen stark zu machen. Am besten sind dazu nach Ansicht des Trägerkreises Verhandlungen für eine Nuklearwaffen-Konvention geeignet. Von den deutschen Regierungsvertretern bei der diesjährigen UN-Vollversammlung und der Genfer Abrüstungskonferenz – denen der Kommissionsbericht vorgelegt wird – fordert der Trägerkreis, sich entschieden dafür einzusetzen, daß die im Bericht enthaltenen Abrüstungsschritte vor der UNO diskutiert werden und ein neuer Sonderausschuß für atomare Abrüstung ins Leben gerufen wird, der 1997 seine Arbeit aufnehmen und so einer Nuklearwaffen-Konvention den Weg bereiten soll.

Trägerkreis der Kampagne »Atomwaffen abschaffen!«:

Deutsche Sektion der Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges (IPPNW), Juristinnen und Juristen gegen Atomwaffen (IALANA), Deutsche Sektion des International Network of Scientists and Engineers against Proliferation (INESAP), Netzwerk Friedenskooperative, Naturwissenschaftler Initiative „Verantwortung für den Frieden“, Komitee für Grundrechte und Demokratie, Pax Christi, Ohne Rüstung Leben, Atomteststopp-Kampagne, Evangelische StudentInnengemeinde in Deutschland (ESG), Initiative für Frieden (IFIAS), Künstler in Aktion, Helsinki Citizen's Assembly

Anmerkungen

1) Im Budgetplan der USA sind unter der überschrift »Weapons Stockpile Stewartship« Gelder ausgewiesen für den Bereich »Conceptual Design and Assessment«. Konkret heißt es:„Current areas of interest include, but are not limited to, advanced electromagnetic radiation, stealth, …“. Eine weitere Idee besteht in sogenannten Minikernwaffen, die eine wesentlich geringere Sprengkraft haben, als heute üblich: statt 20 bis 150 sollen sie weniger als eine Kilotonne TNT haben. Die Vorstellung besteht darin, daß diese sich für weltpolizeiliche Operationen gezielt und begrenzt einsetzen ließen. Zurück

2) Siehe Martin Kalinowski: Subkritische unterirdische Tests. Eine neue Untergrabung des Umfassenden Teststoppvertrages? In Wissenschaft und Frieden 2/96, Seiten 58/9. Zurück

Martin B. Kalinowski ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter bei IANUS an der TH Darmstadt

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