in Wissenschaft & Frieden 1996-3: Leben und Überleben

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Wissenschaftler-Aufruf – Nachdenken und Handeln

von Friedens- und KonfliktforscherInnen

Die Wirtschafts- und Wachstums-Modelle, die dieses Jahrhundert in den Industrieländern bestimmt haben, sind offenkundig an ihre Grenzen gestoßen. Das Modell der Konsumgesellschaft mit sozialstaatlichen Elementen ist in der Krise. Die neoliberale Theorie einer Entwicklung für alle durch einen ungezügelten »freien« Weltmarkt ist, gemessen an rationalen, sozialen, ökologischen und ethischen Maßstäben, gescheitert. Für wachsende Minderheiten in den Staaten des Nordens bringt ihre Verwirklichung kulturelle und materielle Armut, für die Mehrheit der Menschen in Afrika, Asien und Lateinamerika bedeutet sie die Entwicklung in die Katastrophe.

Die Antwort der wirtschaftlichen und politischen Entscheidungsträger heißt: Deregulierung, Sozialabbau, Entwicklung von Hochtechnologien, Abschottung gegenüber Immigranten und Asylsuchenden, in der Hoffnung, bei der Auseinandersetzung zwischen konkurrierenden Ländern zu den wenigen potentiellen Gewinnern zu gehören. Militärische Gewaltmittel sollen künftig verstärkt eingesetzt werden. Diese werden das internationale System der Ungleichheit und Verelendung eher bewahren als beseitigen. Statt Mittel für Friedens- und Konflikt-Forschung und für die Bekämpfung und Vermeidung der Ursachen von Hunger, Elend, Umweltzerstörung und Konflikten bereitzustellen, werden neue und teure Rüstungs-programme bis hin zu kostenintensiven militärischen Satellitensystemen ausgegeben. Sie sollen Europa neben den USA zur weltweit einsetzbaren und eigenständig agierenden Militärmacht machen. Das ist kein Ausweg aus der Krise, sondern es verstärkt sie nur.

Ein »weiter so« mit Sparpaketen und Einschnitten in das soziale Netz führt in die falsche Richtung. Damit werden der Abbau sozialer Systeme und die Vernichtung von Arbeitsplätzen fortgesetzt. In Deutschland fehlt es an einer phantasievollen geistigen und politischen Alternative.

Unser Ruf richtet sich an WissenschaftlerInnen und KünstlerInnen, SchriftstellerInnen und PublizistInnen, alle, die für sich intellektuelle Kenntnisse und Bildung in Anspruch nehmen: Wir dürfen uns nicht länger darauf beschränken, Seismographen der gesellschaftlichen Erschütterungen und Analytiker sich scheinbar zwangsläufig vollziehender Umbruchsprozesse zu sein, so wichtig dies auch immer bleiben wird. Es genügt nicht, nur die Probleme zu diskutieren, wir müssen auch die Ursachen aufdecken, Wege der Veränderung zeigen und diese öffentlich machen. Wir sind gefordert, den Versuch eines moralischen, geistigen und politischen Aufbruchs zu wagen, der aus der neoliberalen Hegemonie herausführt zu einem neuen Gesellschaftsvertrag, zu Perspektiven der sozialen, kulturellen und moralischen Fragen des Übergangs in das 21. Jahrhundert. Neuer Mut zu konkreten Utopien ist gefordert.

Wir müssen darüber nachdenken,

Engagement für diese Ziele ist notwendig.

Überschreiten wir die Grenzen unseres Fachdenkens. Treten wir miteinander und mit den Betroffenen, mit den Gewerkschaften und Kirchen, mit den sozialen, feministischen, ökologischen und Eine-Welt-Bewegungen ein in den friedlichen Dialog zur gemeinsamen Suche nach und Erarbeitung von Perspektiven und Lösungsansätzen für die Probleme unserer Zeit. Sie werden nicht allein von uns gefunden werden, aber auch keinesfalls ohne uns. Demokratie lebt auch von der Partizipation und der Einmischung in die gesellschaftliche Diskussion. Wir werden eines Tages gefragt werden von der kommenden Generation: »Was habt Ihr getan?«

In der veröffentlichten Meinung sind die neoliberalen Konzepte der gegenwärtigen Politik allgegenwärtig. Sie geben sich als »Sachzwänge« aus, als Festhalten an Bewährtem, als das Vernünftige schlechthin. Entkleiden wir sie des irreführenden Scheins. Tragen wir unsere Ideen für eine geistig-politische Alternative in die Öffentlichkeit. Verstehen wir uns als Initiatoren einer breiten gesellschaftlichen Diskussion über die Zukunftsfähigkeit unseres Landes und der übrigen Staaten in einer sich wandelnden Welt. Wir müssen neue Zukünfte erfinden.

Erstunterzeichnerinnen und Erstunterzeichner:

Dr. Helmut Aichele, Erlangen; Prof. Dr. Ulrich Albrecht, Berlin; Prof. Dr. Silvia Braslavsky, Mülheim / Ruhr; Prof. Dr. Werner Buckel, Karlsruhe; Prof. Dr. Johannes Esser, Lüneburg; Dr. Hans-Jürgen Fischbeck, Mülheim / Ruhr; Prof. Dr. Franz Fujara, Dortmund; Dr. Martin Grundmann, Kiel; Dr. K. Hinsch, Rastede-Loy; Martin Kalinwski, Darmstadt; Dr. Wolfgang Köhnlein, Münster; Dr. Wolfgang Neef, Berlin; Dr. Joachim Nitsch, Stuttgart; Prof. Dr. Joachim Römer, Klein Emmensleben; Erich Schmidt-Eenboom, Weilheim; Prof. Dr. Hans Dieter Söling, Göttingen; Prof. Dr. Dieter von Ehrenstein, Bremen; Dr. Gerhard Weidringer, Wittelshofen; Prof. Dr. Dieter Wöhrle, Bremen; Christa Wolf und Gerhard Wolf, Berlin; Prof. Dr. Jores Wotte, Dresden

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