in Wissenschaft & Frieden 1996-3: Leben und Überleben

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Nachhaltige Entwicklung und Frieden

von Hartwig Spitzer

Ein Großteil der Diskussionen um eine nachhaltige, langfristig tragfähige Entwicklung konzentriert sich auf die Frage der Harmonisierung von Ökonomie und Ökologie. Von einer umfassenderen Perspektive erscheint nachhaltige Entwicklung als eine Ko-Evolution von Menschheit und Biosphäre, die deren Lebensfähigkeit langfristig sichert, getrennt wie auch in ihrer Wechselwirkung. Diese Sichtweise schließt die Lebensfähigkeit der sozialen Systeme und des kulturellen Lebens der Menschheit ein. Mediation, friedensschaffende Maßnahmen und gewaltfreie Konfliktlösung werden wesentliche Elemente der sozialen Überlebensfähigkeit sein, von der Familie bis hin zu zwischenstaatlichen Beziehungen. In diesem Beitrag möchte ich zunächst verschiedene Denkschulen zur nachhaltigen Entwicklung vorstellen. Anschließend werde ich Ansätze diskutieren, die auf kommunaler Ebene Nachhaltigkeit fördern und die dabei soziale und kulturelle Belange mit Ökonomie und Ökologie gleichstellen.

Die Vision einer nachhaltigen Entwicklung

Das Konzept einer nachhaltigen Entwicklung ist voll visionärer Kraft. Wie von der Brundtland-Kommission 1987 festgestellt, geht es dabei darum „die Bedürfnisse der heutigen Generation zu befriedigen, ohne die Fähigkeit zukünftiger Generationen zu beeinträchtigen, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen“ (Hauff 1987). Das Konzept zielt auch darauf, ein neues Gleichgewicht mit der Natur zu finden. Das heißt, es umfaßt sowohl einen sozialen Traum wie auch die Vision eines Friedens mit der Natur.

Was bleibt von dieser Vision, wenn wir sie mit der Realität und unserer kritischen Analyse als Wissenschaftler und Praktiker konfrontieren? Erstens müssen wir feststellen, daß dieses Konzept sich erst in den letzten 25 Jahren entwickelt hat. Verschiedene Autoren verwenden unterschiedliche Definitionen des Begriffs »nachhaltige Entwicklung«. Verschiedene Machtgruppen versuchen, das Konzept für die Durchsetzung ihrer Interessen zu instrumentalisieren. Zweitens ist die Sache sehr komplex. Es ist nicht einfach, zu einer umfassenden Analyse sowie glaubwürdigen und umsetzbaren Durchführungsstrategien zu gelangen. Daher möchte ich verschiedene Vorstellungen zur Nachhaltigkeit diskutieren.

Drei Denkschulen

Ich sehe drei Denkschulen zur nachhaltigen Entwicklung:

a) »schwache« Nachhaltigkeit (Nachhaltigkeit auf zwei Ebenen),

b) Nachhaltigkeit auf drei Ebenen (Ökonomie, Umwelt, Soziales),

c) erweiterte Nachhaltigkeit.

Schwache Nachhaltigkeit

Schwache Nachhaltigkeit fordert eine »Ehe zwischen Ökonomie und Ökologie«. Das Konzept definiert Grenzwerte und Richtlinien, die einen Kompromiß zwischen den Erfordernissen der Umwelt und wirtschaftlichen Kosten darstellen sollen. Es zielt auf eine Optimierung der Ressourceneffizienz und eine Minimierung von Abfällen. Da die Bewertung üblicherweise auf ökonomische Kosten-Nutzen-Analysen gestützt ist, wird der tatsächliche Wert der Umwelt hier systematisch zu niedrig angesetzt. (Friends of the Earth 1995, S. 9). Zudem wird die soziale Dimension weitgehend ausgeklammert.

Diese abgeschwächte Nachhaltigkeit ist im Norden in weiten Kreisen, insbesondere in der Industrie, immer noch die vorherrschende Denkrichtung. Ich möchte dazu ein Beispiel nennen:

Der deutsche Bundestag hat eine Enquete-Kommission »Schutz des Menschen und der Umwelt« eingesetzt, die sich mit der Umsetzung von Strategien einer nachhaltigen, »zukunftsverträglichen« Entwicklung befassen soll. Diese Kommission stellte verschiedenen Experten die folgende Frage: „Was verstehen Sie unter nachhaltiger Lebensweise in Zusammenhang mit Bauen und Wohnen?“ Eine typische Antwort lautete: „Nachhaltig wäre eine Lebensweise, die zu einer deutlichen Reduktion der zum Zwecke des Bauens und Wohnens eingesetzten Material- und Energiemengen führen würde.“ (Umweltbundesamt 1996, S. 32).

Nachhaltigkeit auf drei Ebenen

Hier werden die Anforderungen der Wirtschaft, der Umwelt und des Sozialen gleichberechtigt behandelt, wie in Abb. 1 gezeigt. Die Brundtland-Komission ebnete den Weg zur Einbeziehung der sozialen Bedürfnisse. Auf der Konferenz der Vereinten Nationen zu Umwelt und Entwicklung (UNCED) in Rio de Janeiro 1992 wurde dies offiziell akzeptiert. Die Interpretation nachhaltiger Entwicklung als ausgewogene wirtschaftliche, ökologische und soziale Anstrengung entstand als Kompromiß zwischen den Forderungen des Südens nach sozialer und wirtschaftlicher Entwicklung und den Umweltschutzinteressen zahlreicher nördlicher Staaten.

Das Drei-Ebenen-Konzept nachhaltiger Entwicklung wurde in Europa in den Pionierstudien »Sustainable Netherlands« (Milieu Defensie 1992), »Towards a Sustainable Europe« (Friends of the Earth 1995) und »Zukunftsfähiges Deutschland« (BUND/Misereor 1996) erarbeitet. Danach basiert Nachhaltigkeit auf zwei grundlegenden Prinzipien:

Die natürliche Umwelt wird in diesem Konzept vornehmlich als Ressourcenbasis gesehen, die im Interesse menschlichen Lebens effizient genutzt werden sollte.

Erweiterte Nachhaltigkeit

Ich schlage vor, erweiterte Nachhaltigkeit als eine Sicht der Welt zu verstehen, die den Menschen eine bescheidenere Rolle zuschreibt. Nachhaltige Entwicklung wird hier als Ko-Evolution von Menschheit und Biosphäre verstanden, die deren langfristige Lebensfähigkeit gewährleistet, sowohl einzeln als auch in ihrem Zusammenspiel (INES 1996). Pflanzen und Tieren wird ein eigenes Lebensrecht zugewiesen. Die Menschen sind aufgefordert, anderen Arten (insbes. höheren Tieren) einen Raum zum Leben zu überlassen, auch wenn sie nicht als Lebensgrundlage des Menschen dienen.

Erweiterte Nachhaltigkeit schließt auch die bewußte Pflege der kulturellen Sphäre als Grundlage für nachhaltige Lebens- und Wirtschaftsweisen mit ein. Ich werde auf dieses Thema noch einmal zurückkommen.

Versuche, nachhaltige Entwicklung zu operationalisieren

Bisher blieben die dargestellten Konzepte und Prinzipien sehr allgemein. Noch ist nicht geklärt, wie die Prinzipien in die Praxis umgesetzt werden können. Wir können aber einige Orientierungspunkte aus der Tatsache ableiten, daß sowohl die Tragfähigkeit lebensnotwendiger Ökosysteme als auch der Vorrat nicht-erneuerbarer Ressourcen begrenzt sind. Es gibt »Wachstumsgrenzen«. Diese Grenzen können quantifiziert und zu politischen Richtlinien gemacht werden. Diese Absicht liegt politikorientierten Ansätzen zur nachhaltigen Entwicklung zugrunde. Lassen Sie mich einige dieser Ansätze erwähnen.

Konzepte für umweltverträgliche Produktion und umweltverträgliche Materialkreisläufe

Viele verschiedene Konzepte und Analyseintrumente für umweltverträgliche Produktion sind in den letzten Jahren entwickelt worden, und sie werden jetzt auch von innovativen Unternehmen und von einigen Verwaltungen in Ländern des Nordens eingesetzt. Hierzu gehören

Das Rahmenwerk für Industriestandards ISO 14000 setzt Standards für umweltverträgliches Management. Erste Erfolge sauberer und ressourcenschonender Produktion werden sichtbar. Jedoch merken die Kritiker an, daß auch eine »grünere« Produktion die Umwelt nicht notwendigerweise entlastet, wenn gleichzeitig das Konsumniveau steigt. Ein erweiterter Ansatz, der auch die Nachfrageseite beachtet, ist notwendig. Seine Vertreter schlagen der Industrie vor, Dienstleistungen statt stofflicher Güter zu verkaufen. Stellen wir uns ein Energieversorgungsunternehmen vor, das sich entscheidet, »den Komfort eines warmen Zimmers« zu niedrigsten Umweltkosten zu verkaufen und nicht nur Gas oder Fernwärme. Eine solche Gesellschaft würde wahrscheinlich auch Isolierungslösungen für Häuser anbieten (siehe z.B. BUND/Misereor 1996).

Kriterien zur Bestimmung der Tragfähigkeit der Umwelt (Umweltraum)

Die für die Umwelt verkraftbaren Verbrauchsgrenzen werden für die meisten nicht-erneuerbaren Rohstoffe nicht durch die Tatsache bestimmt, daß es sich um begrenzte Ressourcen handelt, sondern durch die Belastbarkeit der Ökosysteme. Die Umweltbelastungen, die bei der Gewinnung von Rohstoffen und durch Emissionen verursacht werden, sind das Problem. Erste Schätzungen deuten an, daß der Rohstoffdurchsatz der Weltwirtschaft auf die Hälfte vermindert werden müßte, wenn ein nachhaltiges Niveau des Verbrauchs erreicht werden soll (Friends of the Earth 1995, S. 38).

Die Gruppe um F. Schmidt-Bleek am Wuppertal-Institut entwickelte eine Methode dafür, den durch menschliche Wirtschaftsaktivitäten verursachten Materialfluß zu ermitteln. Dieser Materialfluß ist etwa zweimal so groß wie der „natürliche“ Materialfluß in der Lithosphäre (Bewegung fester Materialien oder Partikel, z.B. durch Erosion der Gebirge, Staubstürme etc.). Abb. 2 zeigt Beispiele transportierter Mengen aus den Bereichen Steinkohlebergbau und Baumaterialien in Deutschland. Die über die verkauften Materialmengen hinausgehenden Materialflüsse (z.B. durch Abraumbewegung) gelten als »ökologischer Rucksack«. Abb. 3 zeigt die ökologischen Rucksäcke verschiedener nach Deutschland im Jahre 1989 importierter Rohstoffe. Die Rucksäcke sind weitaus größer als die tatsächlich importierten Mengen. Im Herkunftsland hinterlassen sie Wunden in der Umwelt. Ein weiteres Beispiel: Die Niederlande nutzen im Ausland für ihren Verbrauch und ihre Futtermittelimporte eine landwirtschaftliche Fläche, die siebenmal größer ist wie die gesamte kultivierte Fläche innerhalb ihrer Grenzen (60<0> <>% der Oberfläche der Niederlande werden landwirtschaftlich genutzt (Besselink 1994, S. 57)).

Gestützt auf die früheren Arbeiten in den Niederlanden (insbesondere von H. Opschoor) verwendet die Studie von (Friends of the Earth 1995) den Umweltraum als ein Maß für Tragfähigkeit und Konsumziele. Der Umweltraum bezeichnet die Menge an Energie, Wasser, Land, nicht-erneuerbaren Rohstoffen und Holz, die wir nutzen können, ohne die Tragfähigkeit der Ökosysteme zu überfordern. Alle Staaten Europas, unabhängig von ihrem jeweiligen Lebensstandard, sollen sich derzeit weit jenseits der Grenzen eines umweltverträglichen Ressourcenverbrauchs befinden.

Die Tabelle zeigt den durchschnittlichen Umweltraum pro Kopf und Jahr für ganz Europa (vom Atlantik bis zum Ural). Verglichen mit dem derzeitigen Pro-Kopf-Verbrauch ergeben sich erforderliche Verbrauchsverminderungen um 50 bis 90<0> <>% für viele nicht-erneuerbare Ressourcen. Der verfügbare Umweltraum hängt von verschiedenen Annahmen hinsichtlich der Aufnahmefähigkeit der regionalen Ökosysteme, des Grads regionaler Selbstversorgung usw. ab. Weitere Details finden sich in (Friends of the Earth 1995).

Obwohl dieser Ansatz noch sehr schematisch ist, wird er inzwischen in Detailstudien eingesetzt, die die besonderen Bedingungen von 31 europäischen Staaten von Portugal bis Georgien berücksichtigen (Spangenberg 1996 a). Aus mehreren außereuropäischen Regionen liegen bereits Anfragen nach Kooperation bei der Erstellung ähnlicher Studien für ihre Länder vor.

Ich habe mich hier auf einige Ansätze, die aus Europa kommen, beschränkt. Es gibt darüberhinaus auf der globalen Ebene ein ganzes Spektrum an Arbeiten zu quantitativen Werten und politischen Richtlinien, z.B. bei den Vereinten Nationen (UNEP, UNDP etc.) und der Weltbank (siehe z.B. van Dieren 1995).

Indikatoren für soziale Nachhaltigkeit

Was ist soziale Nachhaltigkeit? Welche sozialen »Gewebe« und Interaktionen sind notwendig, wenn die Bedürfnisse gegenwärtiger und zukünftiger Generationen gleichermaßen berücksichtigt werden sollen? Auf der einen Seite muß jede Gesellschaft und jedes Individuum einen Weg finden, grundlegende menschliche Bedürfnisse nach Nahrung, Kleidung, Unterkunft usw. zu befriedigen. Von gleicher Bedeutung ist die Befriedigung emotionaler Bedürfnisse z.B. nach Anerkennung, Kommunikation und Teilhabe sowie nach persönlicher Entwicklung.

Es gibt weitere wichtige Elemente der sozialen Nachhaltigkeit, insbesondere

Wouter van Dieren sieht die soziale Nachhaltigkeit als eine soziales Rahmenwerk menschlicher Organisationen, die Selbstbestimmung und einen selbstkontrollierten Zugang zu natürlichen Ressourcen ermöglichen. Ressourcen sollen derart genutzt werden, daß eine gerechte Verteilung und die Förderung nach sozialer Gleichberechtigung erreicht werden, so daß soziale Unruhe vermindert wird. „Soziale Nachhaltigkeit kann nur entstehen bei hoher und systematischer Teilhabe der Gemeinschaft oder in einer Zivilgesellschaft. Soziale Strukturen, die kulturelle Identität, Institutionen, die Liebe, ein allgemein gültiger Standard an Ehrlichkeit, Recht, Disziplin etc. sind Teil des sozialen Kapitals, das i.d.R. nicht berechnet wird, aber für die soziale Nachhaltigkeit wahrscheinlich von größter Bedeutung ist.“ Dieses »Moralkapital« muß aus religiösen und gesellschaftlichen Einrichtungen gespeist werden. Ohne eine solche Basis wird das soziale Kapital zerfallen und – ähnlich wie das Naturkapital – verbraucht (van Dieren 1995).

Für die politische Ebene wurden mehrere, in Abb. 3 dargestellte Sozialindikatoren vorgeschlagen wie

Eine detailliertere Diskussion der Sozialindikatoren findet sich in (van Dieren 1995). Sozialindikatoren können als Maßstab für die Entwicklungs- und Sozialpolitik dienen.

Soziale Nachhaltigkeit und Frieden

Wie oben gesagt, ist soziale Nachhaltigkeit auf allgemein gültige und tragfähige Prozeduren der Entscheidungsfindung, der Rechtsprechung und der friedlichen Konfliktregelung angewiesen. Dies gilt für alle Ebenen der Gesellschaft und ebenso für zwischenstaatliche Beziehungen. Jede Gesellschaft und die Weltgemeinschaft der Staaten befinden sich in einem ständigen Prozeß der Anpassung und Neuverhandlung der Rechtssysteme und der Rahmenwerke für Standards, Werte und Rechte. Veränderungen setzten sich in diesem Jahrhundert schnell durch. Z.B. hatten 1913 nur drei Länder den Frauen das volle Wahlrecht zuerkannt (Australien, Neuseeland und Norwegen).

Für die Zukunft sehe ich die folgenden Probleme, was Konflikte und Konfliktlösung betrifft:

Glücklicherweise entwickeln sich neue Instrumente, soziale Fertigkeiten und Organisationen (insbes. Nichtregierungsorganisationen, (NGOs)), die zur Lösung einiger der oben genannten Probleme beitragen können. Ich möchte nur einige Beispiele (insbes. aus dem europäischen Kontext) nennen:

Der relative Erfolg der NGO-Friedensarbeit und der Vermittlung durch Dritte zeigt sich im Baltikum, in Rumänien und in Mazedonien, wo ein offener Krieg oder exzessive interethnische Gewalt verhindert werden konnte, obwohl es in allen drei Fällen ein beachtliches Konfliktpotential gibt.

Diese neuen Formen nicht-gewaltsamer konstruktiver Konfliktbearbeitung sind Signale der Hoffnung. Aber wir können nicht sicher sein, daß sie ausreichen, Bürgerkriege und grenzübergreifende Konflikte in den kommenden Jahren zu verhindern. Friedensschaffung und Konfliktvermeidung bleiben weit oben auf der Tagesordnung.

Ansätze zur Nachhaltigkeit auf der kommunalen Ebene

Wer sind die Akteure und Initiatoren der Durchsetzung nachhaltiger Entwicklung? Ich sehe drei Richtungen für Ansätze:

a) Top-down,

b) Zwischenoptionen,

c) Bottom-up.

Top-down-Ansätze

Top-down-Ansätze (wie Entwicklungsprogramme der Weltbank, nationale Nachhaltigkeits-Programme, Studien wie »Towards Sustainable Europe« oder Unternehmensprogramme für Umweltmanagement) beginnen mit umfassenden konzeptionellen Analysen. Anschließend erstellt eine Kerngruppe Umsetzungsprogramme und Richtlinien. Die erfolgreiche Umsetzung solcher Programme und Richtlinien hängt weitgehend von der Unterstützung durch die (politische) Führung auf höchster Ebene ab. Dies gilt insbesondere für Unternehmen. Die Umsetzung scheitert auch dann, wenn die Mitarbeit von Akteuren des mittleren Managements bzw. der Wählerschaft und der Medien nicht gewonnen werden kann.

Zwischenoptionen

Zwischenoptionen zielen auf die Mediation eines weitgehend selbstorganisierten Prozesses in einer Stadt oder einer Region. Die Initiatoren eines solchen Vorgehens versuchen eher, einen Prozeß zu katalysieren, an dem wichtige regionale Mitspieler (wie führende örtliche Industrievertreter und Geschäftsleute, Umweltgruppen, Lokalpolitiker, die öffentliche Verwaltung) beteiligt sind, als einen Masterplan zu entwerfen, der von oben nach unten durchgesetzt wird. Während eines solchen Prozesses entsteht eine gemeinsame Vision. Die Projekte und Programme zur Förderung der Nachhaltigkeit werden partizipativ, d.h. durch Teilnahme, erarbeitet. Letztendlich hängt ihre erfolgreiche Umsetzung aber wieder von der Zustimmung der politischen und industriellen Eliten und von der Zusammenarbeit der wichtigen Akteure ab.

Die Akademie für Technikfolgenabschätzung in Baden-Württemberg und der »Ulmer Initiativkreis für nachhaltige Wirtschaftsentwicklung« haben in Deutschland interessante Pilotprojekte initiiert. In meiner Heimatstadt Hamburg wurde im März 1996 von einem lockeren Bündnis, dem Umwelt- und Menschenrechtsorganisationen, Vertreter der Kirchen und höherer Bildungseinrichtungen und Mitglieder der örtlichen Geschäftswelt angehören, ein Zukunftsrat gegründet. Der Rat fördert die Arbeit für eine lokale Agenda 21 für Hamburg.

Bottom-up-Ansätze

Bottom-up-Ansätze konzentrieren sich auf die Gemeinschaftsbildung als Bindemittel und Energiequelle für einen Prozeß, der die Entwicklung nachhaltiger Lebensweisen zum Ziel hat. Solche Gemeinschaften streben nach einem Gleichgewicht zwischen wirtschaftlicher, ökologischer, sozialer, kultureller und spiritueller Nachhaltigkeit.

Zur spirituellen Basis einer Gemeinschaft gehören die gemeinsamen Visionen, die Bereitschaft zur Mitarbeit, ein gemeinsamer Wertekanon und gemeinsame Feste. Dutzende oder Hunderte solcher Gemeinschaften entstanden in den letzten 10 oder 20 Jahren. Die bekanntesten sind die Findhorn-Gemeinschaft in Schottland (150 Mitglieder und etwa 400 assozierte Fördermitglieder), Auroville in Indien (mehrere Hundert Mitglieder) und die »Farm« in den USA (mehr als 1000 Mitglieder). Ich finde Initiativen besonders interessant, die versuchen, in Städten ein an Nachhaltigkeit orientiertes Leben und Arbeiten zu entwickeln, wie im Eco-Village Los Angeles (in Downtown Los Angeles). Eine nähere Beschreibung von gemeinschafts-orientierten Initiativen wird in einer Studie des Gaia-Trust gegeben (Gaia Trust 1994).

Ich muß zugeben, daß ich nur wenig über ähnliche Ansätze außerhalb Europas weiß. Ich bin sicher, es gibt sie, und sie haben eine zukunftsweisende Bedeutung.

Abschließende Bemerkung

Wenn ich zurück und in die Zukunst schaue, komme ich zu der Überzeugung, daß das Ziel einer nachhaltigen Entwicklung eine der größten kulturellen Herausforderungen ist, mit denen die Menschheit jemals konfrontiert wurde. Es gibt einen offensichtlichen Weg, auf dem wir und zukünftige Generationen lernen werden, „im Einklang mit der Natur“ zu leben. Aber dieser Weg ist gekennzeichnet von Katastrophen und Knappheit. Gibt es andere Wege, auf denen wir lernen können, in einer Welt mit begrenzten natürlichen Ressourcen umwelt- und sozialverträglich zu leben. Wir wissen es nicht. Aber es ist den Versuch wert. Der INES-Kongreß »Challenges of Substainable Development« in Amsterdam (22.-25. August 1996) war ein solcher Suchschritt. Dort manifestierte sich ganzheitliches Denken, technische Expertise, ethische Verankerung und vielseitige Kreativität, wie wir sie für die Zukunft brauchen.

Jetziger Pro-Kopf-Verbrauch von Ressourcen (Europa Durchschnitt) und umweltverträgliche Zielwerte (Environmental Space).
Resource Present use
per cap.p.a
.
Environmental space
(Per cap p.a.)
Change needed (%)
CO2 emissions 7,3 t 1,7 t -77
Primary energy use 123 GJ 60 GJ -50
<+><+>Fossil Fuels(a) 100 GJ 25 GJ -75
<+><+>Nuclear 16 GJ 0 GJ -100
<+><+>Renewables(b) 7 GJ 35 GJ +400
Non-renewable raw materials + + +
<+><+>Cement 536 kg 80 kg -85
<+><+>Pig iron 273 kg 36 kg -87
<+><+>Aluminium 12 kg 1.2 kg -90
<+><+>Chlorine 23 kg 0 kg -100
Land use pattern + + +
<+><+>Built-up land 0.053 ha 0.051 ha -3.2
<+><+>Inland waters 0.009 ha as now 0
<+><+>Protected Sites 0.003 ha 0.061 ha +1933
<+><+>Woodland 0.164 ha 0.138 ha -16
<+><+>Arable land(c) 0.237 0.100 ha -56
Wood 0.66 m3 0.56 m3 -15
Water Regional and national estimates neede, European targets not adequate
(a) coal, lignite,oil, gasw; (b) Wind, hydropower, fuelwood, biomass incineration, solar heating, etc.; (c) incl. pernnial crops,excludin permanet meadows and pasture land.
Quelle: Spangenberg 1996, S. 7

Literatur

Besselink, Kas 1994: The Netherlands and the World Ecology, Netherlands Committee for IUCN, Plantage Middenlaan 2B, NL 1018 DD Amsterdam, 116 S.

BUND/Misereor (Hg.) 1996: Zukunftsfähiges Deutschland, Studie des Wuppertal-Instituts für Klima, Umwelt, Energy, Birkhäuser, Basel, 453 S.

Friends of the Earth Europe (Hg.) 1995: Towards Sustainable Europe, Brüssel, ISBN 1 85750 2531, 347 S.

Hauff, Volker 1987: Unsere gemeinsame Zukunft, der Brundtland-Bericht der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung, Eggenkamp-Verlag, Greven, 421 S.

Gaia Trust 1994: Eco-Villages and Sustainable Communities, Gaia Trust, Skyumsvej 101, 7752 Snedsted, Denmark 1994, 213 S.

INES 1996: International Network of Engineers and Scientists for Global Responsibility, Statement of Intent of the International Congress »Challenges of Sustainable Development«, Amsterdam 22.-25. August 1996, c. o. INES Postfach 101707, Dortmund.

Renn, Ortwin 1995: A regional Concept of Qualitative Growth and Sustainability, Center for Technology Assessment in Baden-Württemberg, Discussion Paper No. 2, Februar 1995. ISBN 3-930241-05-6, c. o. Industriestr. 5, 70565 Stuttgart.

Spangenberg, Joachim H. (Ed.) 1996: Sustainable Europe: The Linkage of Economic, Environmental and Social Criteria, Executive Summary of »Towards Sustainable Europe«, A Study for Friends of the Earth Europe, Wuppertal-Institute, Postfach 100480, 42004 Wuppertal.

Spangenberg, Joachim H. 1996 a: Private Mitteilung

Umweltbundesamt 1996: Stellungnahme zur Öffentlichen Anhörung »Soziale Entwicklungen im Lebensbereich Bauen und Wohnen«, Deutscher Bundestag, Enquete-Kommission Schutz des Menschen und der Umwelt«, Kommissionsdrucksache 13/2a Bonn, 21.Mai 1996, 53113 Bonn, Bundeshaus.

Van Dieren, Wouter 1995: Mit der Natur rechnen, Birkenhäuser, Basel, 330 S.

Hartwig Spitzer ist Professor für Physik an der Universität Hamburg. Er ist Sprecher der Arbeitsgruppe Naturwissenschaft und Internationale Sicherheit in der Universität Hamburg (CENSIS) und Vorsitzender des Exekutivkommittees des International Network of Engineers and Scientists for Global Responsibility (INES).

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