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Conversion Survey 1996

von Martin Grundmann

Conversion Survey 1996. Global Disarmament, Demilitarization and Demobilization, Bonn. International Center for Conversion. Oxford, Oxford University Press 1996. 281 S., 45,- DM

Zwei Jahre nach seiner Gründung hat das Bonn International Center for Conversion(BICC) sein erstes Jahrbuch, das „Conversion Survey 1996“, vorgelegt. Erstes grundlegendes Konstruktionsprinzip des Buches ist, daß auf (fast) jeder Seite(mindestens) eine Graphik, Tabelle oder „Box“ – ein thematischer Kasten– zu finden ist. Zweites Prinzip: Zweifarbigkeit in Blau- und Grauschattierungen.Drittes Konstruktionsprinzip ist die klare Gliederung, die graphisch angezeigt wird und sich an den Arbeitsbereichen des BICC orientiert. Das Jahrbuch bietet Zahlen, Daten und Fakten für die Jahre 1985 bis 1994 (der „ersten Abrüstungsdekade“) zu sechs Bereichen:

Alle Kapitel enthalten ein umfangreiches Literaturverzeichnis. Ein Tabellenanhang dokumentiert Daten nach Ländern und Regionen zu Militärausgaben, Hauptwaffensystemen,Beschäftigten beim Militär und in der Rüstungsindustrie.

Aus diesen vier Datenbereichen wird – als arithmetisches Mittel – der"BIC3D-Index« (Conversion, Disarmament, Demilitarization and Demobilization) berechnet– begrifflich offensichtlich angelehnt an den rüstungstechnologischen C3I-Faktor(Command, Control, Communication, Intelligence). Der BICC-Index erfaßt die prozentuale Abweichung des Jahres 1994 vom Durchschnitt der Jahre 1985-1993. Der Index ist ein sehr grober Indikator, gibt aber ein Gefühl für quantitativ meßbare Ab- bzw. Aufrüstung.Mit der Richtung des Meßergebnisses wird auch eine politische Nachricht vermittelt.Während Abrüstung gewöhnlicherweise als negative Abweichung gemessen wird, ermittelt der BIC3D-Index Abrüstung als positives Ergebnis politischen Handelns: je höher der Indexwert, desto größer die Reduzierung militärisch genutzter Ressourcen und viceversa. Eine Liste mit 153 Staaten (S. 24ff.) zeigt die abrüstungsintensiven (angeführt von Nicaragua und Irak) und die abrüstungsfaulen (an letzter Stelle Sudan) Staaten auf.Mit einem Wert von -15 wird Bosnien-Herzegowina geführt. An diesen Beispielländern wird auch das Dilemma des Indizes deutlich: Nicaraguas herausragende Stellung verdankt sich im wesentlichen dem Ende des Bürgerkrieges, das schlechte Abschneiden Bosnien-Herzegowinas resultiert wiederum daraus, daß dort ein Krieg tobte. Politisch aussagekräftig ist der Index auf der staatlichen Ebene also im wesentlichen für Länder, die sich nicht in einer heißen Konfliktphase befanden. Nützlicher ist demgegenüber die Aufstellung nach Regionen. Hier ist zu erkennen, daß Westeuropa mit einem Wert von +38 deutlich vor Nordamerika mit +18 rangiert, und daß die asiatischen Regionen deutlich negative Tendenzen erkennen lassen (Ostasien +3, Zentralasien -2, Südasien -8).

Fazit: Das „Conversion Survey 1996“ hat praktischen Nutzwert. Es ist eine reichhaltige Kollektion verfügbarer Daten und Fakten zur Konversion militärisch gebundener Ressourcen und bietet einen Überblick über den Forschungsstand zu den jeweiligen Themenbereichen. Es ist ein Handbuch für alle, die Informationen zu globalen Entwicklungen benötigen und länderbezogene Analysen beispielhaft nutzen möchten:ManagerInnen oder BetriebsrätInnen in Rüstungsunternehmen, die eine realistische Einschätzung globaler Trends benötigen; PolitikerInnen, die Orientierungsdaten und visualisierte Informationen suchen; WissenschaftlerInnen mit Bedarf nach komprimiertem Überblick. Details und feingliedrige Analysen kann man realistischerweise nicht erwarten.

Kritik: Das Buchkonzept ist konsistent. Zwei Kritikpunkte seien dennoch erlaubt.Erstens inhaltlich: Dominierend sind etablierte politik- und wirtschaftswissenschaftliche Sichtweisen, von denen bekannt ist, daß sie aufgrund ihres neutral-informativen Gewands vom Handeln befreien, da das Sachzwangargument vorgeschoben werden kann. Notwendig wäre z.B., den fast erratischen Hinweis „the hardest thing to change was people'sminds“ (S. 103) systematisch auszuformulieren: etwa zur Bedeutung der handelnden Akteure und zur Relativierung von Strukturfaktoren (»Zwänge«) durch aktive politische Gestaltung. Zweitens formal: Die Fülle an visualisierten Informationen erschlägt. Was zur Auflockerung des Textes gedacht ist, gerät streckenweise zu einem graphischen Häckselwerk für geschriebene Information. Möglicherweise wäre eine Mischung zwischen Textauflockerung und kapitelweisem Anhang sinnvoller. Auf jeden Fall sollte das BICC einen Graphikservice anbieten: So anschaulich die Graphiken und Karten auch sind, die Farb- und Schattierungskomposition macht sie kopierunfreundlich und damit unbrauchbar für die foliengestützte Nutzung – und hierfür sollten sie doch auch verwendet werden können!

Wünsche: Da das Survey politikwirksam sein möchte, sind in künftigen Jahrbüchern Projektionen in die Zukunft – etwa zur Entwicklung der Militärausgaben – sowie(deutlichere) Vorschläge für praktische Politik – etwa zur Forschungs- und Entwicklungspolitik – absolut wünschenswert. Hilfreich im Sinne des empirisch gestützten Positionsbezugs wären etwa zugespitzte Schlußfolgerungen aus fremder und eigener Forschungsarbeit. Wissenschaftliche Autorität greift, wenn konkrete Vorschläge für politisches Handeln in die Diskussion gegeben werden – diese Chance zu nutzen hat sich das BICC durch eigene Aussage selbst verpflichtet: „Conversion does notarise on its own – it requires actors to pursue and optimize the benefits itproduces.“ (S. 20) Das Projekt „Conversion Survey“ bietetMöglichkeiten, in diesem Sinne politischer zu sein.

Martin Grundmann

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