in Wissenschaft & Frieden 1996-1: Am Tag als der Regen kam

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War die »Hanau Option« real?

Militärisches Nuklearmaterial in den zivilen Brennstoffkreislauf?

von Annette Schaper

Die Debatte darüber, ob russisches Plutonium in der MOX-Anlage in Hanau verarbeitet und damit militärisches Nuklearmaterial in den zivilen Brennstoffkreislauf überführt werden soll, hat im letzten Jahr Schlagzeilen gemacht und zu einer Polarisierung unter Friedensforschern geführt. Im folgenden Artikel legt Annette Schaper dar, was aus ihrer Sicht für die »Hanau-Option« gesprochen hätte und wo die Probleme lagen. In W&F 2/96 vertritt Wolfgang Liebert die Gegenposition zur »Hanau-Option«.

1. Das Problem

Zum ersten Mal seit dem Ende des Kalten Krieges ist eine erhebliche Reduzierung der nuklearen Arsenale der USA und Rußlands möglich geworden. In den START-Verträgen wurde vereinbart, daß beide Seiten ihre Arsenale von mehr als 50.000 auf 7.000 Sprengköpfe reduzieren. Ein großer Teil davon soll demontiert werden, wobei Hunderte von Tonnen hochangereichertes Uran (HEU= „highly enriched uranium“) und Plutonium frei werden. Hierdurch entstehen neue Probleme: Es muß verhindert werden, daß auch nur kleine Bruchteile dieser riesigen Mengen von waffenfähigem Material abgezweigt werden und in die Hände von Kriminellen oder Staaten mit Nuklearambitionen geraten. Eine weitere Gefahr ist, daß das Material infolge von unglücklichen politischen Entwicklungen in die Hände eines Diktators vom Typ Schirinowski geraten und doch wieder militärisch verwendet werden könnte. Eine Lösung, die die militärische Wiederverwertung erschwert, sollte daher möglichst schnell angestrebt werden. Eine Langzeitlagerung wird von den meisten Experten für unzureichend gehalten. Die Menge des freiwerdenden russischen Waffenplutoniums wird auf 100 Tonnen geschätzt. Kürzlich sind von der amerikanischen National Academy of Sciences zwei Studien erschienen, die die möglichen Entsorgungsoptionen im Detail untersuchen.1

Für das waffenfähige Uran existiert eine vergleichsweise einfache Lösung: das HEU, das über 90% U-235 enthält, wird mit Natururan oder abgereichertem Uran, von dem große Mengen zur Verfügung stehen, verdünnt. Dadurch wird es für Waffenzwecke unbrauchbar, aber es kann noch zivil in Leichtwasserreaktoren verwendet werden. Aus diesem Grund ist zwischen den USA und Rußland ein Handel abgeschlossen worden, der den Kauf des russischen HEU vorsieht, mit dem Ziel, es langfristig in den zivilen Kreislauf zu überführen.

Eine ähnlich einfache Lösung gibt es für Plutonium nicht, da alle Isotopengemische von Plutonium, die man aus vorhandenem Matrial herstellen kann, für Waffenzwecke verwendet werden können.2 Trotzdem kann man die militärische Wiederverwertung erschweren. Um die verschiedenen Möglichkeiten, die vorgeschlagen worden sind, zu beurteilen, ist es hilfreich, einen Begriff zu benutzen, den die National Academy of Sciences (NAS) definiert hat: den sogenannten „Standard der abgebrannten Brennelemente“: Entsorgungsoptionen sollten das Plutonium mindestens ungefähr so unzugänglich machen wie das Plutonium, das in gewöhnlichen, zivilien abgebrannten Brennelementen enthalten ist. Abgebrannte Brennelemente sind hochradioaktiv und schwer, beides zusammen erschwert eine illegale Abzweigung und damit auch die Wiedergewinnung von Plutonium. Weit über diesen Standard hinauszugehen, wäre für Waffenplutonium nur dann sinnvoll, wenn man gleichzeitig auch eine Entsorgung für das in noch viel größeren Mengen vorhandene Plutonium in zivilen Brennelementen findet. Da es eine solche derzeit nicht gibt, beschränkt sich die Diskussion auf die Frage, wie das Waffenplutonium in den Standard der abgebrannten Brennelemente überführt werden kann. Die NAS kommt zu dem Schluß, daß es zur Zeit zwei Möglichkeiten gibt, die eine realistische Aussicht hätten, praktisch umgesetzt zu werden:

Diese beiden Optionen würden den Standard erfüllen und sind technisch schon so ausgereift, daß sie in einer einigermaßen absehbaren Zeit technisch realisiert weren könnten. Alle anderen Lösungen würden entweder den Standard nicht erfüllen, wären zu teuer oder zu umweltgefährdend oder hätten eine viel zu lange Vorlaufzeit, so daß das Material doch viele Jahrzehnte gelagert werden müßte.

Es taucht jedoch ein neues Problem auf, und dies sind die völlig unterschiedlichen und sich widersprechenden Auffassungen der USA und Rußlands über Nuklearpolitik und Plutoniumwirtschaft: Die amerikanische Nuklearpolitik hat sich seit der Carter-Regierung von der Plutoniumwiederverwertung abgekehrt. Aus diesem Grunde gibt es in den USA keine MOX-Fabrikation und keine Erfahrung mit MOX in Leichtwasserreaktoren. Wegen der Proliferationsgefahren, die sie in einer Plutoniumwirtschaft sehen, versuchen die USA sogar, andere Länder davon abzubringen, und unterstützen keinen Technologietransfer von Elementen eines geschlossenen Brennstoffkreislaufes. Trotzdem werden sich die USA wahrscheinlich zu dem Bau einer MOX-Anlage ausschließlich für Abrüstungszwecke entschließen.

Die russische zivile Nuklearpolitik ist ganz anders. Die Russen sehen in dem Plutonium einen wertvollen Rohstoff, den sie am liebsten in Schnellen Brütern verwerten wollen. Hierfür fehlen ihnen jedoch die finanziellen Mittel. Sie lehnen die Verglasungsoption völlig ab, aber an der MOX-Technologie wären sie interessiert, da sie einen geschlossenen Brennstoffkreislauf aufbauen wollen und MOX-Technologie hierbei ein wichtiges Element wäre. Langfristig wollen sie auch Wiederaufbereitung und Entsorgung für ausländische Kunden anbieten. Bislang haben aber auch die Russen keine praktischen Erfahrungen mit MOX.

2. Die »Hanau-Option«

Die Minimierung der Gefahren durch separiertes Plutonium ist auch im deutschen Interesse. Es gibt daher Bestrebungen, sich an den internationalen Bemühungen um Abrüstung und Entsorgung zu beteiligen. Da es in Deutschland Erfahrungen mit der Herstellung und der Verwendung von MOX gibt, ligt es nahe, auch auf diesem Gebiet zu kooperieren. Weitere Zusammenarbeit soll es bei Materialkontrolle-, -schutz, – buchhaltung und beim Bau einer Lagerungsanlage geben.3

Im letzten Jahr ist vor allem ein Vorschlag intensiv diskutiert worden: die sogenannte »Hanau-Option«. Dieser Vorschlag hätte ein Kompromiß zwischen den gegensätzlichen amerikanischen und russischen Vorstellungen sein können, und er hätte den Abrüstungsprozeß vermutlich stark beschleunigt. Danach wäre das russische Plutonium in der fast fertiggestellten MOX-Anlage in Hanau verarbeitet worden, und anschließend in deutschen oder ausländischen Leichtwasserreaktoren oder kanadischen Candu-Reaktoren bestrahlt worden. Dieser Vorschlag ist jedoch gescheitert, weil die Inbetriebnahme der Hanauer Anlage extrem unpopulär gewesen wäre und die Bundesregierung die damit verbundenen Schwierigkeiten vermeiden wollte. Diese Option, ihre Vor- und Nachteile und die Diskussion, die 1995 stattgefunden hat, sollen im folgenden erläutert werden.

Die Hanau-Option besteht aus zwei Schritten: im ersten Schritt würde der Brennstoff produziert, im zweiten in Kernreaktoren eingesetzt. Hierfür wären deutsche und/oder ausländische Reaktoren in Frage gekommen. Tabelle 1 gibt einen Überblick über die derzeitige Genehmigungslage und den Plutoniumverbrauch für den MOX-Einsatz in den deutschen Druckwasserreaktoren.4

Die Tabelle verdeutlicht, daß die maximale Menge an Plutonium, das die deutschen Reaktoren verbrauchen würden, insgesamt ungefähr 50 t wären, vorausgesetzt sie würden bis an das Ende ihrer Betriebszeit laufen, was eher unwahrscheinlich ist. Dies ist nicht ausreichend. Der Bau neuer Reaktoren ist wegen fehlender öffentlicher Akzeptanz nicht möglich. Es gibt außerdem einige deutsche Siedewasserreaktoren, die keine MOX-Genehmigung haben, weil dies wegen mangelnder Plutoniummenge nicht nötig war. Theoretisch könnten diese Reaktoren auch MOX verwenden. Tabelle 2 gibt einen Überblick:

Die zusätzliche Verwendung dieser Reaktoren würde auch nicht ausreichen. Eine andere Möglichkeit bestünde darin, ausländische Reaktoren zu verwenden. In den USA und in Kanada wird zur Zeit darüber diskutiert, kanadische Candu-Reaktoren für die Abrüstung zu verwenden. Diese werden mit Natururan betrieben, das 0,72% U-235 enthält. Wenn dieses durch MOX ersetzt würde, kann man grob schätzen, daß der Brennstoff ungefähr 0.5 % Plutonium enthalten würde. Kanadas jährlicher Verbrauch ist ungefähr 1.900 Tonnen Natururan. Eine 100 prozentige Beladung mit MOX wäre technisch möglich. Daraus ergibt sich, daß ein Verbrauch von 9,5 t Pu pro Jahr möglich wäre.

Die Hanau-Option hat verschiedene Vor- und Nachteile und einen komplizierten Hintergrund deutscher Nuklearpolitik. Die Gegner der Option waren der Ansicht, daß sie die Plutoniumwirtschaft in Deutschland weiter zementiert hätte. Das Gegenteil wäre jedoch der Fall gewesen, da der Bedarf an zusätzlicher Produktion von zivilem Plutonium reduziert oder ganz abgeschafft worden wäre. Auch der Betrieb der deutschen Reaktoren bis an das Ende ihrer Betriebszeit wäre keine notwendige Folge gewesen, wenn man zum Beispiel die Candu-Option genutzt hätte.

3. Die Entwicklungen der deutschen Nuklearpolitik

Seit einigen Jahrzehnten gibt es Erfahrung mit der Wiedergewinnung von Plutonium. Zunächst lag das Ziel vor allem bei Schnellen Brütern, später verlagerte sich der Schwerpunkt zum MOX-Einsatz in Leichtwasserreaktoren.

Bis vor kurzem verlangte das Atomgesetz die Wiederaufarbeitung abgebrannter Brennelemente und die Wiederverwendung des Plutoniums in einem geschlossenen Brennstoffkreislauf. Im Mai 1994 wurde das Gesetz geändert. Nun ist die direkte geologische Endlagerung als gleichwertige Alternative erlaubt. Da es noch keine Endlagerstätte gibt, bedeutet dies zunächst, daß eine Zwischenlagerung, bei der die endgültige Entscheidung offen bleibt, möglich geworden ist. Alle früheren nuklearpolitischen Entscheidungen waren stark durch die Verpflichtung zu einem geschlossenen Brennstoffkreislauf beeinflußt.

Da es weder eine deutsche Wiederaufarbeitung noch genügend Lagerkapazität gibt, haben die deutschen Energieversorger Wiederaufarbeitungsverträge mit ausländischen Firmen abgeschlossen, zunächst mit Cogema und dann mit BNFL (British Nuclear Fuel Limited). Diese Verträge verlangen, daß die Unternehmen das wiederaufbereitete Plutonium und die radioaktiven Abfälle zurücknehmen. Sie sind für den Zeitraum zwischen 1990 und 2000 abgeschlossen und sehen die Wiederaufarbeitung von ungefähr 8.500 t abgebrannter Brennelemente vor. Die meisten davon sind bereits angeliefert, und ein Teil ist bereits verarbeitet. 1988-89 wurden weitere Folgeverträge unterzeichnet. Sie sehen die Wiederaufarbeitung von weiteren 3.000 Tonnen vor.

Nachdem das Atomgesetz geändert wurde, begannen die Energieversorger, ihre Verträge für die Zeit nach 2000 zu kündigen, da sie die Wiederaufbereitung für teurer als die direkte Endlagerung halten. Daraufhin haben Cogema und BNFL neue Verträge angeboten, die eine längere Zwischenlagerung vorsehen und die Entscheidung über die endgültige Entsorgungsart noch aufschieben. Über diese Verträge ist noch nicht endgültig entschieden worden, da die Entscheidung für eine direkte Endlagerung von den Aussichten auf die Lagerstätte in Gorleben abhängt, deren Realisierung wegen des Widerstandes der Bevölkerung ebenfalls unsicher ist. Trotzdem ist es wahrscheinlich, daß die Nutzung von MOX in deutschen Kernkraftwerken und die Nachfrage nach MOX-Brennstoff nachlassen wird.

Die Hanauer Anlage gehört der Firma Siemens AG (früher der Alkem GmbH) und ist zu 95% fertiggestellt. Sie sollte im Jahr 1993 in Betrieb gehen. Dies ist jedoch nicht geschehen, weil die rot-grüne Hessische Landesregierung die Inbetriebnahme bisher erfolgreich verhindert hat. Obwohl die Bundesregierung die Landesregierung anweisen kann, Genehmigungen zu erteilen und dies auch geschehen ist, haben in den meisten Fällen erst Gerichtsverfahren stattgefunden, bevor eine Teilgenehmigung wirksam wurde. Dies hat die Inbetriebnahme stetig verzögert und verteuert. Deshalb, und wegen der unsicheren Aussichten auf eine zukünftige MOX-Nutzung hat sich die Besitzerfirma im Juni 1995 entschlossen, die Anlage aufzugeben.

In dieser speziellen Situation wäre es theoretisch möglich, die nun einmal vorhandene Anlage als Abrüstungsfabrik zu nutzen.

4. Diskussion der Vor- und Nachteile

4.1. Proliferationsrisiken

Die Anlage hat eine ausgefeiltes Überwachungssystem, das zusammen mit Spezialisten des Los Alamos Laboratoriums entwickelt worden ist und den Anforderungen der IAEO (Internationalen Atomenergie-Organisation) und der Euratom entspricht. Es gibt eine Eingangs- und eine Ausgangsöffnung. An verschiedenen Punkten innerhalb der Anlage kann der gesamte Materialfluß gemessen und überprüft werden. Um internationalem Mißtrauen zu begegnen und die technischen Vorgänge so transparent wie möglich zu gestalten, sollte man als Betreiber ein internationales, nicht nur deutsches Konsortium wählen. An diesem sollten mindestens Russen, Amerikaner und Europäer beteiligt werden.

Im Vergleich zu Deutschland ist die Situation in Rußland viel schlechter. Es gibt zwar Verhandlungen zwischen den USA und Rußland über eine gegenseitige Überprüfung des Abrüstungsprozesses, aber eine baldige Einführung von internationalen Safeguards oder eine Beteiligung der IAEO ist eher unwahrscheinlich. Rußland hat überhaupt keine zentrale Materialbuchhaltung. Die Erfassung des deutschen Materials wird im europäischen Rahmen zentral von Euratom betrieben. Es gibt kein zusätzliches nationales deutsches System. Der Bau einer MOX-Anlage in Rußland wäre daher mit viel höheren Proliferationsrisiken verbunden, umso mehr, als er die zusätzliche Produktion von zivilem separiertem Plutonium motivieren würde.

Obwohl die Politik der USA das Prinzip verfolgt, keine geschlossenen Brennstoffkreisläufe im Ausland zu unterstützen, trifft dies aus den eben beschriebenen Gründen noch viel stärker auf Rußland als auf Deutschland zu. Die Geschichte eines geschlossenen Brennstoffkreislaufs in Deutschland neigt sich ohnehin ihrem Ende zu. Wenn ziviles Plutonium durch militärisches ersetzt würde, würde sich dieses Ende noch beschleunigen. Es wäre dann auch zu empfehlen, das Atomgesetz noch einmal zu ändern und die Wiederaufbereitung als Entsorgungsoption ganz abzuschaffen.

Die Transporte können auch eine gewisse Proliferationsgefahr darstellen. Es ist vorgeschlagen worden, daß ein »Mastermix« von 30 % Plutonium und 70 % Uranoxid über die Ostsee verschifft würde. Dies würde den Transport durch mehrere osteuropäische Länder vermeiden. Der Mastermix würde in russischen Wiederaufarbeitungsanlagen produziert. Das unmittelbare Risiko, das durch den Transport von metallischem Plutonium entstehen würde, würde dadurch vermindert. In Deutschland würde das Material wie bisher auch über die Schiene transportiert.

4.2. Kosten

Man muß davon ausgehen, daß Rußland nur Optionen akzeptieren würde, die ihm einen wirtschaftlichen Vorteil bieten.

Die deutschen Energieversorger sind erklärtermaßen nicht bereit, irgendwelche zusätzlichen Kosten zu akzeptieren, d.h. einen höheren Preis für MOX als für gewöhnlichen Uranbrennstoff. Sie haben auch erklärt, daß es technisch allerdings für sie keinen Unterschied macht, welche Brennstoffsorte sie verwenden.

Es gibt ein Kostenszenario, das zu dem Schluß kommt, daß ein kommerzieller Gewinn für Rußland ohne Zusatzkosten für die deutschen Energieversorger möglich ist. Die ursprünglichen Kosten der Anlage waren 750 Mio. DM. Infolge der Betriebskosten der letzten Jahre sind die Gesamtkosten inzwischen auf 1,1 Milliarde DM aufgelaufen. Um die Anlage vollständig fertigzustellen, würden weiter 250 Millionen gebraucht. Die Stilllegung nach einer Laufzeit von 20-25 Jahren würde noch einmal 550 Millionen DM kosten. Abschreibungskosten brauchen nicht angenommen zu werden, da Siemens die Anlage sowieso aufgeben will. Wenn man annimmt, daß das Plutonium zunächst kostenfrei zur Verfügung stehen würde, würden weitere Kosten nur durch den Betrieb und durch die Transporte entstehen. Ohne Zinsen wird hierfür DM 2.115 pro kg angegeben. Wenn man den Vergleichspreis für Uranbrennstoff ausrechnen will, muß man die Kosten für Natururan, chemische Verarbeitung, Anreicherung und Brennstofffabrikation berücksichtigen. Insgesamt würde sich für Uranbrennstoff ein Preis von 2.500 pro kg ergeben. Die Differenz wären fast 400 DM pro kg Brennstoff, die als Gewinn an Rußland ausbezahlt werden könnten, falls der Brennstoff in deutschen Reaktoren verwendet würde. Ähnliche Kostenszenarios sind auch denkbar, wenn statt deutscher ausländische Reaktoren genutzt würden.

4.3. Zeitskala

Theoretisch könnte die Hanau-Option die schnellste Entsorgungsoption von allen sein, die zur Zeit diskutiert werden. Die Produktion könnte in zwei bis drei Jahren beginnen, während der Bau einer neuen Anlage in Rußland mit erheblichen Unsicherheiten behaftet ist. Bei fünf Tonnen Plutonium pro Jahr würde es ungefähr 20 Jahre dauern, bis die schätzungsweise 100 Tonnen verarbeitet wären. Begänne die Bestrahlung in den Reaktoren parallel, könnte die Umwandlung in ungefähr 25 Jahren abgeschlossen sein.

Für die Verglasungsoption sind dagegen noch einige Jahre Forschung und Entwicklung nötig, da noch nicht geklärt ist, wieviel Plutonium das Glas aufnehmen kann. Je mehr es ist, desto kostengünstiger könnte diese Option sein. Die Finanzierung der Verglasungsoption ist auch sehr viel unsicherer, da man nicht wie beim MOX Gewinne durch den Verkauf von Brennstoff machen kann.

In der Realität könnte die Umsetzung der Hanau-Option wegen der fehlenden Akzeptanz jedoch erheblich verzögert werden. Wegen des unterschiedlichen Isotopenvektors des russischen Plutoniums könnten unter Umständen einige neue Genehmigungsverfahren nötig werden. Die existierenden Genehmigungen gelten nur für eine Isotopenzusammensetzung bis maximal 95% Pu-235. Bei jedem Genehmigungsverfahren sind wieder öffentliche Einsprüche möglich, die zu weiteren Verzögerungen führen. Als Alternative wäre es möglich, das Plutonium noch in Rußland während der Herstellung des Mastermix mit etwas Reaktorplutonium zu vermischen, so daß der Isotopenvektor im genehmigten Rahmen bleibt.

4.4. Akzeptanz

Die Option wäre nur machbar, wenn sie im In- und Ausland akzeptiert würde. Die erste Voraussetzung wäre die russische Zustimmung. Diese hängt entscheidend von den wirtschaftlichen Parametern ab. Aber es gibt auch weitere Faktoren, die berücksichtigt werden müssen: Das russische Plutonium ist z.B. ein wichtiges Statussymbol für die russische Stellung als Supermacht. Eine Verarbeitung gerade in Deutschland könnte besondere Empfindlichkeiten wecken. Ein wichtiger Aspekt für die Russen ist vor allem ihr Ziel, in ihrem Land eine zivile Plutoniumwirtschaft aufzuziehen, und ihr damit zusammenhängendes Interesse an einem MOX-Technologietransfer. Eine Lösung, die die Verarbeitung in ihrem eigenen Land vorsieht, ist für sie daher stets viel attraktiver als eine Verarbeitung im Ausland. Im Frühsommer 1995 sah es zeitweilig so aus, als ob für die internationale Gemeinschaft eine Verarbeitung in Deutschland unter Umständen in Betracht käme, ein Technologietransfer erschien jedoch äußerst unrealistisch. Für die Russen erschien die Hanau-Option daher als die einzige relativ realistische Möglichkeit, wenigstens noch einen kommerziellen Gewinn aus ihrem Plutonium zu ziehen. Wenn deutlich geworden wäre, daß nur diese Option von der internationalen Gemeinschaft akzeptiert würde, und der Bau einer MOX-Anlage in Rußland nicht in Frage käme, hätte man sich wahrscheinlich mit den Russen einigen können. Als sich jedoch abzeichnete, daß aus Bonn keine weitere Initiative kommen würde, und die Hanau-Option unrealistischer erschien als ein MOX-Technologietransfer nach Rußland, schwenkte Moskau natürlich wieder um und erklärte, daß eine Verarbeitung seines Plutoniums im Ausland nicht in Frage käme.

Die zweite wichtige Voraussetzung wäre die Zustimmung der EU und die Kooperation von Euratom gewesen. Diese wäre auch nicht selbstverständlich gewesen, da die französischen und britischen Wiederaufbereiter ein starkes Interesse daran haben, daß in Deutschland die Plutoniumwirtschaft mit zivilem Plutonium weiterbetrieben wird. Es wurde sogar befürchtet, daß einflußreiche Kreise der Option einen starken Widerstand entgegengebracht hätten, wenn sie weiter verfolgt worden wäre, insbesondere wenn eine Bedingung das Ende der Wiederaufbereitung als Entsorgungsoption gewesen wäre. Von französcher Seite wurde bereits erklärt, daß man Interesse an einer Zusammenarbeit hätte, vorausgesetzt, französische Interessen würden nicht gefährdet.

Als dritte Voraussetzung wäre die Zustimmung der USA erforderlich gewesen. Die Hanau-Option ist in der US-Regierung diskutiert worden und auf viel Sympathie gestoßen. Einige Gegner haben befürchtet, daß diese Option die zivile Plutoniumindustrie gestärkt hätte. Der Entscheidungsfindungsprozeß in Washington wurde abgebrochen, als klar wurde, daß die Option von Bonn nicht weiter unterstützt wurde.

Die fehlende Unterstützung in Deutschland war der entscheidende Grund, warum die Idee gescheitert ist. Für die Umsetzung wäre die Kooperation der Wiesbadener Landesregierung erforderlich gewesen. Für Wiesbaden stellte die Idee, die Hanauer Anlage für die Abrüstung zu nutzen, ein großes Problem dar: der Wahlerfolg der Hessischen Grünen ist nicht zuletzt auch damit zu erklären, daß sie der Nuklearindustrie den Kampf angesagt hatten und als Symbol für ihre Kernenergiegegnerschaft die Inbetriebnahme der Hanauer Anlage erfolgreich verhindert hatten.

Andererseits war aber auch immer das Engagement für nukleare Abrüstung ein Teil der grünen Identität. Daß diese beiden unterschiedlichen Ziele miteinander in Konflikt geraten sollten, war eine Zwickmühle, mit der niemand gerechnet hatte, und die, wenn der Plan weiter verfolgt worden wäre, ein wirklich unangenehmes Dilemma dargestellt hätte, da die relativ komplizierten Gründe, die für die Verwendung der Hanauer Anlage sprechen, auch nicht einfach zu vermitteln sind. Eine naheliegende typische Reaktion aus der Bevölkerung ist die Frage, warum wir und nicht die Russen selbst die Probleme lösen sollen, die durch ihre Nuklearrüstung verursacht worden sind. Daß durch die Option die Plutoniumwirtschaft eher abgeschafft worden wäre als ohne sie, leuchtet auch nicht unmittelbar ein, wenn man nicht die Hintergründe genauer studiert. Es ist daher nicht verwunderlich, daß die Hanau-Option in der Öffentlichkeit zu einigen panikartigen Reaktionen führte. So verabschiedete zum Beispiel der Hessische Landtag am 31. Mai 1995 eine Erklärung, in der die Idee abgelehnt und als „absurd und gefährlich“ bezeichnet wurde. Als Begründungen wurden genannt:

Ähnliche Spontanreaktionen der Ablehnung kamen zunächst auch von der SPD in Bonn. In den folgenden Wochen und Monaten konnte jedoch beobachtet werden, daß sich Grüne und SPD stärker zurückhielten. Positionen, die später in der Öffentlichkeit geäußert wurden, waren differenzierter, und, obwohl sie nach wie vor nicht von Sympathie zeugten, wurde doch die Bereitschaft deutlich, sich gründlicher und auch ehrlicher mit dem ungeliebten Thema auseinanderzusetzen. Es ist nicht auszuschließen, daß es vielleicht doch möglich gewesen wäre, zwischen allen vier Parteien und der Hessischen Landesregierung einen Kompromiß auszuhandeln, der eine Kooperation unter bestimmten Bedingungen möglich gemacht hätte.

Dies hätte jedoch vorausgesetzt, daß jemand die Initiative zu solchen Verhandlungen oder Konsensgesprächen ergriffen hätte. Hierfür wäre die Bundesregierung selbst zuständig gewesen. Eine solche Initiative blieb jedoch aus, die einzige Partei, die sich für die Hanau-Option engagierte, war nur die FDP. Die Gründe für das fehlende Engagement seitens der CDU kann man sich denken: Auch wenn ein parteiübergreifender Konsens erreicht worden wäre, hätte mit starken Protesten und Widerstand gerechnet werden müssen. Die Zugeständnisse, die man der antinuklearen Opposition hätte machen müssen, hätten im Widerspruch zu den Interessen der französischen und britischen Wiederaufbereiter gestanden, was mit ziemlicher Sicherheit zu internationalen Verstimmungen geführt hätte. Die Bemühungen um einen Energiekonsens wären weiter verkompliziert worden, da auch hier Widersprüche aufgetaucht wären. Auch die Leitung der Firma Siemens, die die Anlage bereits abgeschrieben hatte, fürchtete – im Gegensatz zum Siemens-Betriebsrat in Hanau, der sich vor allem für die Arbeitsplätze interessiert hatte –, daß sie sich mehr Schwierigkeiten als Vorteile einhandeln würde. So haben sich fast alle Beteiligten entschlossen, das unangenehme Problem stillschweigend auszusitzen. Inzwischen wird das MOX und auch weiterhin das dafür nötige Plutonium für die deutschen Kernkraftwerke in Frankreich produziert, und ein Ende ist nicht abzusehen. Proteste sind bisher ausgeblieben.

Der einzige Vorteil, den eine Initiative für die Hanau-Option der Bundesregierung gebracht hätte, wäre ein positiver Beitrag zur nuklearen Abrüstung gewesen, der bei einigen internationalen Beobachtern auf Anerkennung gestoßen wäre. Dies hat als Motivation nicht ausgereicht.

5. Schluß

Die Hanau-Option ist gescheitert, der ehemalige Leiter der Anlage ist nun Direktor einer MOX-Fabrik in Frankreich, die MOX für deutsche Kernreaktoren herstellt. Die Plutoniumwirtschaft in Deutschland wird noch weiterlaufen, in Frankreich und Großbritannien wird weiter ziviles Plutonium für Deutschland produziert. Das Plutonium aus russischen Kernwaffen lagert in Rußland, und die Einführung von internationalen Kontrollen ist nicht abzusehen. Eine Entsorgungsoption für dieses Plutonium ist nicht in Sicht. Die Russen streben nach wie vor den Bau Schneller Brüter und den Aufbau einer zivilen Plutoniumwirtschaft in ihrem Lande an. Wahrscheinlich wird viele Jahrzehnte lang nichts passieren. Das einzige Realistische, was derzeit möglich ist, ist den Russen zu einer besseren Sicherheitstechnik, zur Materialkontrolle und zu Materialbuchhaltung nach westeuropäischen Standards zu verhelfen und sich am Bau einer Speicheranlage zu beteiligen, um zumindest die unmittelbaren Gefahren illegaler Abzweigung einzudämmen.5 Weiterhin ist es dringend zu empfehlen, sich für internationale Safeguards auch in Kernwaffenstaaten einzusetzen. Aber hier ist auch der amerikanische Enthusiasmus nicht besonders groß.

Anlage Genehmi- gungsstand Max. mittl. Pu- fiss.- gehalt Anzahl MOX-BE pro Nach- ladung Anzahl MOX-BE im Kern Anteil MOX-BE im Kern % Max. Rest- laufzeit / Jahre Mittlere Entladung / Tonnen Gesamter Pu- Verbrauch
Brockdorf erteilt, angew. 4.0 –(*) –(*) –(*) 21 32
Emsland erteilt 3.8 16 48 25 23 34 5
Grafenrhein- feld erteilt, angew 3.07 16 64 33 16 29 4.6
Grohnde erteilt, angew 3.2 16 64 33 19 27 5.4
Isar2 erteilt 4.0 24 96 50 23 28 13
Neckarwest- heim 1 erteilt, angew. 3.04 16 9 11 17 0.5
Neckarwest- heim 2 erteilt 3.8 72 37 24 30 10
Obrigheim erteilt, angew. 3.8 8 28 26 3 30 0.8
Philippsburg erteilt, angew. 3.5 72 37 19 28 5.2
Unterweser erteilt, angew. 3.28 16 48 25 13 28 3.5
Biblis A beantragt 3.5 24 80 42 9 28 3.7
Biblis B beantragt 3.5 24 80 42 11 28 4.5
Mühlheim Kärlich umstritten Betrieb unwahr- scheinlich 24 84 39 21 22
(*) im Umfang der Eigenerzeugung
Anlage Leistung/MWe + Inbetriebnahme
(brutto) (netto)
KWW Würgassen 670 640 1975
KKB Brunsbüttel 806 771 1976
KKP-1 Phlippsburg 900 864 1980
KKI-1 Isar 907 879 1979
KKK Krümmel 1316 1260 1984
KRB B Grundremmingen 1300 1240 1984
KRB C Grundremmingen 1308 1248 1985

Anmerkungen

1) National Academy of Sciences, Committee on International Security and Arms Control, Management and Disposition of Excess Weapons Plutonium, Washington 1994; National Academy of Sciences, Committee on International Security and Arms Control, Management and Disposition of Excess Weapons Plutonium: Reactor Related Options. Washington 1995. Zurück

2) E. Kankeleit, C. Küppers, U. Imkeller, Bericht zur Waffentauglichkeit von Reaktorplutonium, Report IANUS-1/1989, and C. Mark: Explosive Properties of Reactor-Grade Plutonium, Science & Global Security, Vol. 4, pp.111-128, 1993. Zurück

3) Kürzlich ist eine Studie zu Möglichkeiten deutsch-amerikanischer Zusammenarbeit erschienen, die eine ganze Reihe verschiedener Maßnahmen empfiehlt: National Academy of Science and German- American Academic Council: U.S.-German Cooperation in the Elimination of Excess Weapons Plutonium, July 1995. Zurück

4) Wolf-M. Liebholz (Ed.), Jahrbuch der Atomwirtschaft 1994 (Yearbook of the Atomic Economy), G.J. Schlosser, D. Bender, Plutoniumrückführung in Druck- und Siedewasserreaktoren, Atomwirtschaft März 1995, S. 170. Zurück

5) E. Merz, The Challenge: Safeguarded Plutonium Storage, Paper presented at the Pugwash Meeting No. 206, Moscow, February 1995. Zurück

Dr. Annette Schaper ist wiss. Mitarbeiterin in der HSFK, Frankfurt

in Wissenschaft & Frieden 1996-1: Am Tag als der Regen kam

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