in Wissenschaft & Frieden 1996-1: Am Tag als der Regen kam

zurück vor

»Perpetuum solare« ist möglich

von Hermann Scheer

Viele Jahrzehnte galt im politischen Alltagsbewußtsein Energiepolitik als ein unpolitisches Thema. Sie stand außerhalb des ideellen oder tagespolitischen Parteienstreits. Über die beiden Grundziele der Energieversorgung bestand bei allen Einigkeit, ob Sozialdemokrat oder Christdemokrat, ob in »West« oder in »Ost«: Es galt, eine kontinuierliche und möglichst billige Energieversorgung sicherzustellen. Diese Aufgaben wurden an die Energiewirtschaft delegiert, und diese formulierte sachverständig die Rahmenbedingungen, die von der Politik dann gesetzlich festgelegt wurden. Die Energiepolitik war eine Angelegenheit nur der energiewirtschaftlichen Fachleute. Es gab »Energiekonsens«.

Dieses innenpolitische Verständnis von Energiepolitik stand in merkwürdigem Kontrast zu den energiepolitischen Konflikten früherer Jahrzehnte und der außenpolitischen Behandlung der Energiefrage, die stets hochpolitisch war. Innenpolitisch gab es in den ersten Jahrzehnten unseres Jahrhunderts massive Auseinandersetzungen zwischen den Kommunen, die mittels ihrer Stadtwerke eine eigene kommunale Energiewirtschaft betrieben (und daraus auch – insbesondere in ihrer Finanzkrise in der Weimarer Republik – teilweise erhebliche kommunale Einnahmen erzielten) und den sich herausbildenden Großunternehmen der Stromversorgung. Dieser Konflikt wurde mit dem Energiewirtschaftsgesetz von 1935 – tatsächlich eine Art Ermächtigungsgesetz – zugunsten letzterer entschieden. Und in der internationalen Politik stand die, notfalls erpresserische, Sicherung der Energiequellen stets im Vordergrund von außenpolitischen Strategien, was jedoch in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg aus den innenpolitischen Konsensidyllen über die Energieversorgung verdrängt wurde.

Letzteres änderte sich schlagartig seit den Konflikten um die Atomenergie, die Mitte der siebziger Jahre entbrannten und die den Start der Ökologiebewegung markierten. Der Konflikt eskalierte: anfangs zwischen der Anti-AKW-Bewegung und den Parteien und politischen Institutionen; danach in den Parteien und zwischen den Parteien, besonders nach dem Einzug der Grünen ins Parlament; danach auch zwischen den Institutionen. Er spitzte sich weiter zu, als mit der seit Mitte der achtziger Jahre aufkeimenden Klimadebatte auch die fossilen Energieträger mehr und mehr grundsätzlich infragegestellt wurden. Je konfliktreicher die Energiedebatte wurde, desto mehr erschallte die Forderung der Energiewirtschaft an die Politik, doch endlich wieder einen Energiekonsens sicherzustellen. Sie meinen damit, daß sie doch bitte wieder in Ruhe gelassen werden sollten. Sie wollen endlich wieder als »Fachleute« unter sich sein, beanspruchen das Monopol des Sachverstandes und verwahren sich gegen »ideologische«, vermeintlich sachfremde und irrationale Interventionen einer irregeleiteten Öffentlichkeit.

Doch ein Konsens wird erst wieder möglich sein, wenn die grundlegende Weichenstellung zu den Energiequellen definitiv und unumkehrbar eingeleitet ist, die als einzige die Bezeichnung »Zukunftsenergien« verdienen: die erneuerbaren Energien. Der Grund ist eindeutig: Da die Gefahren der Atomenergie und der fossilen Energien keine eingebildeten, sondern höchst reale sind, wird sich die Infragestellung der sich auf diese Ener<~>gien stützenden Unternehmen der Energiewirtschaft und der Strukturen der Energieversorgung zuspitzen – einhergehend mit den sich dadurch zuspitzenden Gefahren. Irrational und »ideologisch« ist nicht die Forderung nach einer Ablösung des atomar/fossilen Energiesystems, sondern das Festhalten daran.

Die Politik steht damit immer deutlicher vor der Wahl, ob sie sich weiterhin zum Sachverwalter einer strukturkonservativen Energiewirtschaft macht, und damit eine zunehmende Entfremdung zwischen Bürgern und politischen Institutionen riskiert – oder ob sie sich zum Entscheidungsträger für die Durchsetzung der erneuerbaren und ökologisch verträglichen Zukunftsenergien macht, und dafür den unvermeidlichen Konflikt mit der gegenwärtigen Energiewirtschaft auszuhalten bereit ist. Sie steht damit vor der Frage, ob sie bereit ist, das öffentliche Interesse vor das Interesse eines monopolisierten Wirtschaftszweiges zu stellen. Denn eines ist sicher: Die verheerenden Konsequenzen der atomar/fossilen Energiewandlung sind weltweit unübersehbar geworden, und mit dem wachsenden Energiebedürfnis einer wachsenden Menschheit breiten sich die unbezahlbaren Hypotheken für die kommenden Generationen und die Verwüstungen der Umwelt rapide aus. Gleichzeitig drohen, wegen der dabei zusehends knapper werdenden Energieressourcen, dramatische internationale Konflikte.

Die erneuerbaren Energien sind angesichts dessen eine einzigartige Chance: kein »deus ex machina«, sondern ein »deus ex sole«. Es ist nachvollziehbar, warum sich die Energiewirtschaft in einer breiten Ablehnungshaltung befindet. Ihre Investitionen in die herkömmlichen Energieträger und in die darauf zugeschnittenen Versorgungsstrukturen stehen bei einem grundlegenden energiepolitischen Prioritätenwechsel in einem Ausmaß zur Disposition wie es bei keinem Wirtschaftszweig bisher auch nur annähernd der Fall war. Die Energiewirtschaft befindet sich in der Situation eines selbstentfesselten Dinosauriers. Doch nicht nachvollziehbar ist, warum die Politik die sich mit den erneuerbaren Energien ergebenden handgreiflichen Zukunftschancen nicht schon lange mit vollen Händen ergriffen hat. Diese zeigen, daß – bei konsequenter Nutzung und forcierter Weiterentwicklung der Technologien zur Umwandlung der erneuerbaren Energien in nutzbare Energien – ein »Perpetuum solare« möglich ist, das die Eigenschaften eines »Perpetuum mobile« erfüllt, wenn wir uns die von der Natur kostenlos angebotene Sonnenenergie hinzudenken.

Die Sonnenenergie, so erklärte uns bereits der Chemienobelpreisträger Wilhelm Ostwald Anfang des 20. Jahrhunderts in seinem Buch über „Die energetischen Grundlagen der Kulturwissenschaft“, ist das einzige wirkliche Zusatzeinkommen, das die Erde regelmäßig hat. Demgegenüber ist die Nutzung der in der Erde gelagerten Energiespeicher nichts weiter als eine riesige Umverteilung vorhandener Ressourcen, und bekanntlich geht jede Umverteilung zu Lasten anderer. Wirtschaftliches Wachstum, aufbauend auf atomarer und fossiler Energienutzung, ist deshalb ein endliches Konzept für die Zivilisation – endlich in bezug auf die Verfügbarkeit der Ressourcen und auf die ökologischen Umwandlungsfolgen, die uns eine »Ökonomie des Todes« bescheren. Es ist naturwisenschaftlich eindeutig, daß dauerhaftes Wirtschaften nur mit dem »perpetuum solare« möglich ist – und damit eine Perspektive für die Menschheit ohne fatale Folgen und fatalistische Rücksichtslosigkeiten. Deshalb sind die erneuerbaren Energien weit mehr als nur alternative, umweltfreundlichere Energietechniken – sie sind eine neue Basis für ein tragfähigeres Zivilisationsmodell, ein neues politisches Grundlagenprogramm für Wirtschaft und Gesellschaft.

Dennoch überwiegen immer noch Einstellungen bei politischen Repräsentanten, das gute Einvernehmen mit den Interessen der strukturkonservativen Energiewirtschaft einem neuen Einvernehmen mit dem öffentlichen Interesse vorzuziehen, das heute ohne konsequenten ökologischen Bezug nicht mehr zu definieren ist. Was auch immer die Gründe dafür sind (in meinem Buch „Sonnenstrategie“ mit dem Untertitel „Politik ohne Alternative“ habe ich sie zu beschreiben versucht ), sie sind nicht hinnehmbar, vor allem nicht von den politischen Akteuren selbst.

Hermann Scheer ist Mitglied der SPD-Bundestagsfraktion und Präsident der Eurosolar

in Wissenschaft & Frieden 1996-1: Am Tag als der Regen kam

zurück vor

weitere Informationen dieses Fenster ausblenden