in Wissenschaft & Frieden 1996-1: Am Tag als der Regen kam

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Fakten: Medizinisch-soziale Folgen: Tschernobyl

von Alexander Belyakov

1995 hat die Republik Belarus einen »National-Report: 9 Jahre nach Tschernobyl« der Öffentlichkeit vorgelegt. Der Bericht befaßt sich mit der radioaktiven Kontamination, den ökonomischen, gesundheitlichen und sozialen Folgen sowie den eingeleiteten Maßnahmen zur Problembearbeitung.

Zu den gesundheitlichen Folgen heißt es in diesem Bericht u.a.:

Die Belastungen des menschlichen Organismus waren besonders geprägt „durch kurzlebige Radioisotopen wie Jod 131 sowie Caesium-, Strontium- und Plutonium-Isotopen. Das Eindringen radioaktiven Jods …führte zu erheblichen radioaktiven Belastungen der Schilddrüse. …Ein Vergleich der Belastung der Schilddrüse in verschiedenen Altersgruppen der Bevölkerung zeigt, daß dabei die Kinder drei- bis zehnfach höheren Belastungen ausgesetzt waren als die Erwachsenen.“

Wie stark insbesondere die Kinder belastet wurden, wird auch in folgenden Zahlen deutlich. In den Gebieten um Gomel waren „23% der Kinder Belastungen von mehr als 100 cGr (…) ausgesetzt. 8% von ihnen erlitten Belastungen von 200-500 cGr, 2% von 500-1.000 und 1% über 1.000 cGr.“ Die allgemeine ökologische Lage verschärft das Problem. „In der Milch stillender Mütter fanden sich neben Caesium-Radionukliden (bis zu 60 Bq/l) in gesundheitsgefährdenden Mengen auch chlororganische Pestizide und Schwermetalle. Bei 25-64% der untersuchten Kinder und Heranwachsenden übersteigt die Bleikonzentration im Urin 50 mg/l, bei 15% von ihnen lassen sich Nitratkonzentrationen von mehr als 100 mg/l finden. Die Kinder und Jugendlichen leiden unter ernsthaften Funktionsstörungen ihres Immun-, Verdauungs- und anderer Systeme wie etwa dem Schutz vor frühzeitigem Altern.“ (Nach Angaben der Gebietskrankenhäuser litten z.B. 1987 nur 3,7 von 100.000 Kindern im Gebiet von Gomel unter Störungen des Immunsystems, 1995 waren es bereits 3.550).

Auch bei den Erwachsenen zeigen die Krankheitsbilder eine deutlich steigende Tendenz. Sie liegen wesentlich „höher als es dem weltweiten Durchschnitt entspricht.“ Es wird hervorgehoben, daß die Zahl der Krankheitsfälle stärker zunimmt, „als es die Experten aus verschiedenen Ländern zu verschiedenen Zeitpunkten für wahrscheinlich gehalten haben“.

Bestätigt habe sich die „Vorhersage zunehmender Fälle von Nieren-, Blasen-, Lungen- und Brustkrebs, die Zahl der Knochentumore.“

Eine auf der Basis der staatlichen Registrierungsdaten vorgenommene Analyse des Gesundheitszustandes der Liquidatoren von Tschernobyl verweist gleichsam auf die Zunahme verschiedener Krankheiten. Fünf Jahre nach der Katastrophe betrafen die Fälle registrierter Krankheiten unter den Liquidatoren 537,7 von 1.000 Personen. In der Gruppe der Liquidatoren nahmen z.B. die Kropferkrankungen „um das 40fache zu… Erkrankungen des Blutes und der blutbildenden Organe traten – hauptsächlich aufgrund von Anämien – 9,4mal häufiger auf.“ Während der letzten fünf Jahre war die Steigerungsrate bei Erkrankungen des Kreislaufsystems, der Atmungs- und Verdauungsorgane in der Gruppe der Liquidatoren höher als in der sonstigen erwachsenen Bevölkerung der Republik. „Hypertonie (Bluthochdruck) tritt unter ihnen 9mal häufiger auf – Stenokardie (Herzkrampf) 3,3mal.“

Als besonders dramatisch wird angesehen, daß einzelne Krankheiten vermehrt bei Jugendlichen auftreten.„Hierzu gehören Diabetes, Herzkrankheiten, erhöhter Blutdruck, Arterienverkalkung usw. Unter den Kindern der Gegend um Gomel wurde eine Häufung von Knochen- und Nierentumoren festgestellt.“

In dem Bericht heißt es weiter, daß „cytogenetische Untersuchungen belegen, daß schwangere Frauen und ihre Föten sowie Kinder und Erwachsene, die in den mit Radionukliden verseuchten Gebieten leben, biologisch wirkenden Belastungsmengen ausgesetzt waren.

Nach dem Tschernobyl-Unfall traten Geburtsfehler in »sauberen« Gebieten um das 1,2fache häufiger auf, in Gebieten, in denen die Kontamination höher als 555 kBq/m lag, um das 1,8fache… Fast 500 Schwangerschaften wurden im Rahmen des Nationalen Programms vorbeugender Maßnahmen gegen genetische Folgen, das nach der Tschernobyl-Katastrophe eingerichtet worden war, aufgrund genetischer Indikationen abgebrochen.“

Bei der Vorstellung des National-Reports erklärte der stellvertretende Botschafter von Belarus in Bonn, Dr. Alexander Ruchlja: Über 100.000 Menschen mußten alleine in Belarus evakuiert werden. Noch größer ist die Zahl derjenigen, die das Land »freiwillig« verlassen haben. Darunter sind die qualifiziertesten Arbeitskräfte: Ärtzte, Lehrer, Ingenieure. Die Folge: Heute sind in den betroffenen Gebieten nur 40 Prozent des Ärztebedarfs gedeckt, die Region verarmt, Produktion und Lebensstandard gehen zurück. Belarus muß 18-20 Prozent des Haushaltes für die unmittelbare Tschernobyl-Folgenbeseitigung aufwenden.“

Alexander Belyakov arbeitet als Umweltjournalist in Kiew

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