in Wissenschaft & Frieden 1995-4: Menschenrechte und Militär

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Viel Wind um HEU

Die Kritik am neuen Garchinger Forschungsreaktor verstummt nicht

von Wolfgang Liebert

Die Technische Universität München plant gemeinsam mit Siemens die Errichtung eines neuen Forschungsreaktor (FRM-II). Die Kritik daran ist nicht zur Ruhe gekommen. Nicht die Forschung mit Neutronen wird dabei kritisiert. Zwar wird auch die behauptete aktuelle Notwendigkeit des Neubaus eines weiteren Reaktors angezweifelt, aber der zentrale Kritikpunkt bezieht sich auf die Wahl des waffengrädigen hochangereicherten Uran-Brennstoffs (HEU).

Vor der Erteilung der ersten Teilerrichtungsgenehmigung durch das Land Bayern ist der Streit um den Forschungsreaktor München II, der das alte Garchinger »Atomei« zum Anfang des nächsten Jahrhunderts ersetzen soll, nochmals voll entbrannt. Die bayerische Landesregierung hatte bereits vor Jahresfrist einen Generalunternehmervertrag mit Siemens geschlossen und der Bundesregierung die Vorfinanzierung des mindestens 720 Millionen DM teuren Projektes versprochen. Auch der Wissenschaftsrat (WR) hatte im Mai diesen Jahres grünes Licht gegeben. Während bei den die Projektbetreiber ermutigenden WR-Beschlüssen der vergangenen Jahre immer noch der Vorbehalt bestand, daß die Versorgung des Reaktors mit Brennstoff und die Entsorgung des radioaktiven Abfalls eindeutig geklärt werden müsse, scheint dies nun als unproblematisch angesehen zu werden. Dies könnte sich als kurzsichtig erweisen, da bislang nur für die ersten 10 Betriebsjahre mit einer Brennstofflieferung aus Beständen der EURATOM gerechnet werden kann.

Bedarf für neue Neutronenquellen?

Wieviele Neutronenquellen einer Forschergemeinde tatsächlich zur Verfügung stehen müssen, ist schwer zu beantworten. Fragt man die Nutzer selbst, so ist der Bedarf natürlich immens und gewöhnlich wird der neue Münchner Reaktor befürwortet. Aber auch das Komitee Forschung mit Neutronen (KFN), das als ein Sprachrohr der Nutzergemeinde fungiert, fokussiert nicht ausschließlich auf den geplanten Münchner Reaktor FRM-II. Das Projekt einer europäischen Spallationsquelle mit einem effektiven Neutronenfluß, der höher liegen sollte als jeder bislang weltweit mit Reaktoren erreichte, wurde in einer Stellungnahme aus dem Jahre 1993 sehr positiv bewertet.1 Bei der Entwicklung des Bedarfs wirkt sich auch der folgende Umstand aus: „Die Forschung mit Neutronen ist ihrem Charakter nach angebotsorientiert.“ 2 Dies bedeutet einerseits, daß die Nachfrage mit reduziertem Neutronenangebot nachläßt, aber auch umgekehrt die Nachfrage nach Experimentierzeit mit wachsendem Angebot ebenfalls steigen kann. Die vom Bundesministerium für Forschung und Technologie eingesetzte Komission Grundlagenforschung bedachte in ihrem Bericht von 1992 den FRM-II nur mit wenigen Worten, betonte aber den Bedarf der etwa 500-600-köpfigen deutschen Nutzergemeinde. Neben der Unterstützung der Idee für eine europäische Spallationsquelle wurde ein anderer Reaktor als der FRM-II als Höchstflußquelle empfohlen: „Bei sofortigem Planungsbeginn könnte ein konventioneller LEU-Reaktor in etwa 5 Jahren betriebsbereit sein. Die Ver- und Entsorgungsfrage wäre hier aufgrund der Gesetzteslage europäisch garantierbar.“ 3 Implizit wurde hier gegen die Wahl des waffengrädigen hochangereicherten HEU-Brennstoff argumentiert und die schwach angereicherte LEU-Variante als die aussichtsreichere Lösung der Politik angeboten.

Der Wissenschaftsrat hat in seiner Stellungnahme von 1989 die grundsätzliche Notwendigkeit des Zubaus einer überregionalen Neutronenquelle betont.4 Dort werden auch die erwarteten Laufzeiten der bereits existenten deutschen Neutronenquellen diskutiert. Besondere Bedeutung haben hier der kürzlich umgebaute Berliner Reaktor (BER 2) und der Jülicher Reaktor (FRJ 2), die mit ihren im internationalen Vergleich ansehnlichen Neutronenflüssen von etwa 150 bzw. 200 Billionen Neutronen pro Sekunde und Quadratzentimeter eine Lebensdauer bis mindestens 2010 besitzen. Eine Quelle von herausragender Bedeutung ist auch der trilateral (von Frankreich, Deutschland, Großbritannien) betriebene Höchstflußreaktor in Grenoble (ILL). Mit seinem Neutronenfluß von etwa 1,5 Billiarden pro Sekunde und Quadratzentimeter ist er bislang einmalig in der Welt und wird nach dem erfolgreich durchgeführten Umbau mindestens weitere zwei Jahrzehnte (also bis 2015) zur Verfügung stehen. Leider wird er infolge von Mittelkürzungen nur zu etwa 70<0> <>% ausgenutzt. Der deutschen Forschungslandschaft stehen weiterhin Neutronenquellen in europäischen Nachbarländern offen, darunter die bei den Forschern immer beliebter werdende britische Spallationsquelle ISIS. Hinzu kommen Gastmöglichkeiten in Rußland sowie in begrenztem Umfang auch in den USA.

Natürlich ist die Forschung primär an möglichst hohen Neutronenflüssen interessiert, insbesondere um notwendige Bestrahlungszeiten der zu untersuchenden Proben zu reduzieren bzw. die Validität von Meßergebnissen durch verbesserte Neutronenstatistik zu erhöhen. Der angestrebte Neutronenfluß für den FRM-II liegt mit etwa 800 Billionen Neutronen pro Sekunde und Quadratzentimeter etwa einen Faktor 2 unterhalb der bislang besten Quelle (ILL) und einen Faktor 4-5 oberhalb der bislang besten deutschen Quellen.

Einsatz von waffengrädigem HEU-Brennstoff

Das spaltbare Uranisotop U-235 ist die Quelle für die Zurverfügungstellung von Neutronen durch Reaktoren. Je mehr Uran diesen Isotops in der Volumeneinheit des Brennstoffs innerhalb des Reaktorkerns vorliegt, desto höher kann der Wert des erzeugten Neutronenflusses liegen. Dementsprechend gibt es zwei Strategien zur Erzeugung höchster Flüsse: die Verwendung hochangereicherter Brennstoffe oder die Verwendung hochdichter Brennstoffe. In den fünfziger und sechziger Jahren aber auch noch bis in die siebziger Jahre hinein wurden sehr viele Forschungsreaktoren mit hochangereichertem Uran (HEU) mit einem Anreicherungsgrad von zumeist 90<0> <>% U-235 und mehr ausgelegt. HEU ist zugleich ein hervorragend geeigneter Waffenstoff, der mit vergleichsweise einfacher Waffenkonzeption den Bau einer Kernwaffe ermöglicht. Demgegenüber ist schwach angereichertes Uran (LEU) mit einem Anreicherungsgrad von weniger als 20<0> <>% praktisch nicht für den Bau von Kernwaffen geeignet.

Die mit der Verwendung von HEU verbundenen Gefahren für die weltweite Verbreitung von Kernwaffen wurden bereits Ende der siebziger Jahre auf einer bedeutsamen internationalen Konferenz (International Fuel Cycle Evaluation, INFCE 1977-1980) diskutiert. Empfohlen wurde die Vermeidung von HEU und die Umstellung laufender Forschungsreaktoren auf Verwendung von nicht waffengrädigem schwach angereichertem LEU. Dabei wurde der Vorbehalt gemacht, daß einige existierende Quellen, wie beispielsweise Höchstflußreaktoren, kaum mit geringen Kosten und marginalem Verlust an Neutronenfluß umzurüsten sein werden und somit Ausnahmen bei dem prinzipiellen Wunsch nach Konversion der Reaktoren nötig werden könnten. Ebenfalls seit dem Jahr 1978 läuft ein diesbezügliches Umstellungsprogramm der USA (Reduced Enrichment for Research and Test Reactors, RERTR), das zwischenzeitlich wesentliche Kooperationen mit nationalen Forschungseinrichtungen wie in Japan und Rußland eingegangen ist. Auch in Deutschland existierte für etwa ein Jahrzehnt ein entsprechendes Programm (das sogenannte AF-Programm), das mit knapp 50 Millionen DM überwiegend aus Mitteln des Bundesministeriums für Forschung und Technologie gefördert wurde. Das RERTR-Programm hatte ursprünglich zum Ziel, 42 Reaktoren in der westlichen Welt, deren Leistung oberhalb von 1 Megawatt liegt und deren Versorgung mit HEU-Brennstoff von westlichen Quellen abhängt, auf LEU umzustellen. Mehr als die Hälfte dieser Reaktoren sind inzwischen umgestellt worden und bei fast allen übrigen (mit der Ausnahme von 4 Höchstflußreaktoren) ist die Konversion geplant.

Dies ist möglich geworden, weil seit Ende der siebziger Jahre die Entwicklung von hochdichten Brennstoffen als Alternative zu den hochangereicherten Brennstoffen vorangekommen ist. Besonders erfolgreich war bislang die Entwicklung von Uransiliziden. Statt einer Urandichte von nur etwa 1 Gramm pro Kubikzentimeter und weniger wurden bald Urandichten von 3 möglich. Eine Dichte von 4,8 ist erfolgreich getestet und in Nutzung, während bei einer Dichte von etwa 6 die Möglichkeiten der Uransilizide ausgereizt sein werden. Mit diesen hochdichten Brennstoffen ist ein Rückzug aus der Nutzung von HEU, das ebenfalls für Kernwaffen verwendet werden kann, möglich geworden.

1993 waren von weltweit knapp 300 in Betrieb befindlichen Forschungsreaktoren noch immer 138 Nutzer von HEU-Brennstoff. Nicht alle dieser 138 Reaktoren müssen in Konversionsbemühungen einbezogen werden. Dies kann daran deutlich gemacht werden, daß nur 74 von ihnen eine Leistung oberhalb von 1 Megawatt besitzen und nur 30 HEU-Beladungsmengen von mehr als 5 Kilogramm besitzen und einige Reaktoren keine Neubeladung mit Brennstoff benötigen. Der jährliche Bedarf an HEU ist weltweit bereits auf die Größenordnung von weniger als einer Tonne pro Jahr zurückgegangen, was Hoffnungen nährt, daß ein gänzlicher Verzicht auf HEU im zivilen Bereich durchsetzbar ist. Im Gefolge der restriktiveren Exportpolitik der USA ist der weltweite Handel mit dem waffengrädigen HEU in den neunziger Jahren fast zum Erliegen gekommen. Überdies wurden seit 1980 nur noch zehn kleinere HEU-Reaktoren in einigen Ländern außerhalb der westlichen Welt fertiggestellt, so in China, Rußland, Jamaika, Libyen, Malaysia und Pakistan.

Bei der Planung des FRM-II hat man einen gänzlich anderen Weg beschritten. Beide Möglichkeiten, die Hochanreicherung und die hohe Dichtigkeit des Brennstoffes, sollten simultan für einen stattlichen 20 Megawatt-Reaktor ausgenutzt werden. Nachdem zunächst noch die Nutzung hochdichter Brennstoffe in ihrer niedrig oder 45<0> <>% angereicherten Form in Erwägung gezogen worden war,5 schwenkte man gänzlich um auf die Verwendung hochangereicherten Urans in Form von hochdichtem Uran-Silizid-Brennstoff.6

Um einen sehr hohen Neutronenfluß zu erreichen, der mindestens einen Faktor 3-4 oberhalb der bislang besten deutschen Reaktoren liegt, wäre diese »Doppelstrategie« allerdings nicht nötig. Dies belegt eine Dissertation aus dem Institut der Projektbetreiber.7 Neben der Auslegung des FRM-II mit hochdichtem HEU-Brennstoff wurde auch der erwartbare Neutronenfluß bei Wahl von hochdichtem LEU-Brennstoff untersucht. Bei gleichbleibender thermischer Leistung des Reaktors FRM-II läge der erreichbare maximale Neutronenfluß für den LEU-Brennstoff im Mittel etwa 25<0> <>% unterhalb des hochdichten HEU-Brennstoffes. Auch eine Leistungserhöhung des Reaktors von 20 Megawatt auf ca. 27 oder 28 Megawatt wurde in Erwägung gezogen, um den Verlust an Neutronenfluß bei Verwendung hochdichter LEU-Brennstoffe auszugleichen.8 Die Zykluslänge für den Brennstoff würde dabei etwas reduziert. Die zusätzlichen Kosten für den Bau wurden 1989 auf etwa 40 Millionen DM geschätzt und die zusätzlichen jährlichen Betriebskosten auf 7 Millionen DM. Der zuständige Staatssekretär im BMFT, Bernd Neumann, schätzte im Februar 1994 die anfallenden zusätzlichen Investitionskosten beim Bau eines 30 Megawatt-Reaktors auf etwa 50 Millionen DM und die zusätzlichen jährlichen Betriebskosten auf 10 Millionen DM.

Von unabhängiger Seite wurden die Möglichkeiten der Alternativen zur HEU-Auslegung ebenfalls durchgerechnet.9 Die Ergebnisse der Arbeiten des Argonne National Laboratory, die bereits 1991 und im September diesen Jahres auf der RERTR-Jahreskonferenz in Paris vorgelegt wurden, bestätigen im wesentlichen die prinzipielle Möglichkeit der Nutzung von hochdichtem, nur schwach angereichertem LEU-Brennstoff, um etwa gleiche Neutronenflüsse zu erzielen, wie die mit HEU-Auslegung für erreichbar gehaltenen Neutronenflüsse. Kürzlich konnten die Argonne-Wissenschaftler sogar nachweisen, daß tatsächlich ein thermischer Neutronenfluß von 800 Billionen Neutronen pro Sekunde und Quadratzentimeter erreicht werden kann, also exakt die Flußstärke, die für den FRM-II bislang nur unter Verwendung hochdichter HEU-Brennstoffe möglich erschien.10

Ein weiterer Aspekt ist hinzugetreten. Die Verwendung von hochdichten HEU-Brennstoffen in Forschungsreaktoren ist bislang – aus gutem Grund – ohne jedes Beispiel. Keine Tests dieser Brennstoffe unter Reaktorbedingungen sind bislang erfolgt. Weder das möglicherweise gefährliche Schwellverhalten der hochdichten HEU-Brennstoffe unter höchsten Neutronenflüssen noch die Toleranzen bei der Herstellung dieser Brennstoffe mit vorgesehenem Dichtesprung mit möglichen Auswirkungen auf den sicherheitstechnisch relevanten sogenannten Void-Koeffizienten sind verstanden und experimentell überprüft. Ebenso ist das thermohydraulische Verhalten des Reaktorkerns noch nicht getestet. Demgegenüber sind die hochdichten LEU-Brennstoffe mit einer Dichte von etwa 4,5-4,8 Gramm pro Kubikzentimeter, die vom Argonne National Laboratory für den Einsatz im FRM-II empfohlen werden, in Hinblick auf die dortigen Anforderungen als Stand der Technik anzusehen. Diesen Brennstoffen können weit bessere Chancen hinsichtlich einer sicherheitstechnischen Begutachtung im Rahmen des Genehmigungsverfahrens eingeräumt werden als den von der TU München gewollten hochdichten HEU-Brennstoffen.

Auch wenn das ursprünglich angestrebte Ziel für den Neutronenfluß des FRM-II nicht erreicht würde, ist festzuhalten, daß ein etwas kleinerer Neutronenfluß wohl auch zu verkraften wäre: „Ein Schwellenwert der Neutronenintensität, der zur Durchführung gewisser Experimente nötig wäre, ist nicht erkennbar. Ein etwas geringerer Neutronenfluß kann häufig durch aufwendigere Meßtechnik kompensiert werden oder führt schlimmstenfalls zu geringfügig längeren Meßzeiten. Wenn doch in Einzelfällen ein höherer Neutronenfluß nötig erscheint, könnte auch auf den existierenden, multinational betriebenen Höchstflußreaktor in Grenoble zurückgegriffen werden, der einen höheren Neutronenfluß als den für den Garchinger Reaktor geplanten aufweist.“ 11 Zudem verbessert sich auch die Meßtechnik selbst laufend.

Problematik des geplanten HEU-Einsatzes

Das Problematische an der Auslegung des FRM-II mit HEU ist eigentlich offensichtlich. Ein in der Öffentlichkeit bekannt gewordenes regierungsinternes Papier aus dem Jahre 1988 kommt zu dem Ergebnis: „Nach Ansicht des Auswärtigen Amtes gefährdet die Einrichtung einer neuen Forschungsanlage mit hochangereichertem Uran diese bisherige internationale Zusammenarbeit [gemeint ist die weltweite Umstellung von Forschungsreaktoren von hoch auf niedrig angereichertes Uran], entzieht ihr die Glaubwürdigkeit und läuft möglicherweise auch den dabei erreichten Erkenntnissen zuwider… Schließlich ist das Auswärtige Amt der Meinung, daß die Bundesregierung … ausdrücklich betont hat, daß neue Forschungs- und Testreaktoren nur mit niedrig angereicherten Kernbrennstoffen ausgerüstet werden sollen. Der Vorbehalt in bezug auf Forschungs- und Testreaktoren mit besonders hohen Anforderungen bezog sich nur auf die Umstellung bestehender Anlagen von hoch auf niedrig angereichertes Uran.“12

up>Dieser heute nicht mehr deutlich vertretenen Ansicht des Außenamtes ist wohl zuzustimmen. Tatsächlich wäre der Forschungsreaktor FRM-II weltweit der erste Forschungsreaktor dieser Größenordnung, der seit Anfang der achtziger Jahre mit HEU als Brennstoff konzipiert wurde – trotz internationaler Bemühungen um »Abreicherung«. Die gegenwärtige Brennstoffkonzeption für den FRM-II wäre in dreifacher Hinsicht ein schädlicher Präzedenzfall:

Ein neues »Sonderrecht«, das sich ein Land wie Deutschland herausnähme, wäre jedenfalls kontraproduktiv. Wie sollte man auf Dauer anderen Ländern das verweigern, was man selber für unverzichtbar hält? Außen- und sicherheitspolitisch kann diese Vorgehensweise Deutschlands nicht wünschenswert sein. Dies gilt auch im internationalen Maßstab. Daher wurde auf der diesjährigen Jahrestagung der Pugwash-Konferenz – der Friedensnobelpreisträger des Jahres 1995 – in der zuständigen Arbeitsgruppe über Reduzierung von Proliferationsgefahren das Konzept des FRM-II einmütig und eindeutig negativ beurteilt. Zu bedenken ist, daß der neue Garchinger Reaktor pro Jahr 40 Kilogramm HEU benötigen würde, was theoretisch der erforderlichen Spaltstoffmenge für etwa zwei (oder bei heutiger Sprengtechnik mehrerer) der Hiroshimabombe ähnlichen Kernwaffen entspräche.13 Der Export eines solchen Reaktors in ein Land wie den Iran, das gleichwohl den nuklearen Nichtverbreitungsvertrag unterschrieben hat, würde wohl harsche Kritik und entsprechende Reaktionen in der Weltgemeinschaft hervorrufen.

Auch in den USA war in Erwägung gezogen worden, HEU in neuen hochdichten Brennstoffen zu nutzen, um einen Forschungs- und Testreaktor mit einem neuen Weltrekord an Neutronenfluß errichten zu können. Diese Advanced Neutron Source (ANS) war vom Oak Ridge National Laboratory geplant worden. Eine von der Regierung beauftragte unabhängige Komission hat 1994 die Alternativen – unter Verzicht auf HEU – dargelegt. Daraufhin wurde ein Neudesign ohne HEU-Verwendung von Oak Ridge vorgelegt. Anfang Februar 1995 wurde dann das Projekt vom US-Energieministerium gestoppt. So wäre Deutschland nun der einzige Vorreiter, was die Konstruktion eines neuen HEU-Reaktors – obendrein unter Verwendung der Konversionsbrennstoffe – angeht. Dies ist insbesondere wichtig, da die Forschungsreaktoren die einzig übrig gebliebenen Nutzer von HEU im zivilen Bereich sind. Hier wäre der vollständige Rückzug aus der Nutzung von Waffenstoff im zivilen Bereich organisierbar. Demgegenüber fördern Produktion, Handel, Verarbeitung und Nutzung von waffentauglichen Materialien wie HEU ihre geographische Verbreitung, erweitern den Personenkreis mit entsprechendem technologischem Fachwissen und schaffen die Gefahr der Materialabzweigung und der Weitergabe von Kenntnissen zu Zwecken der Waffenherstellung. Für die Realität dieser Befürchtungen gibt es leider zahlreiche Beispiele.

Wissenschaft und globale Verantwortung

Der geplante FRM-II ist auch in einem weiter gefaßten Sinne ein Präzedenzfall. Es geht auch um den Konflikt zwischen wissenschaftlich-technisch Machbarem und dem, was bei genauerer Betrachtung wissenschaftlich und gesellschaftlich-politisch vernünftig ist. Unsere Wissenschaftskultur – insbesondere im Bereich der Naturwissenschaften – leidet immer noch an einem entscheidenen Mangel: die partielle Ausblendung und Bagatellisierung der Außenwelt korrespondiert mit einer Vernachlässigung der vielfältigen Wechselwirkungen dieser Außenwelt mit der Innenwelt des Labors. Wenn über Verantwortung der Wisenschaft geredet wird, darf es nicht nur um die Exaktheit der wissenschaftlichen Methodik und Resultate gehen, die gesellschaftlichen Folgen der wissenschaftlichen Arbeit müssen mit in den Blick genommen werden.

Die Projektbetreiber führen ins Feld, daß sie eine besonders kostengünstige und technisch optimierte Neutronenquelle bauen wollen. Der Preis für eine globale Sicherheits- und Friedensordnung, die auch die Physiker nicht unberührt lassen kann, wird nicht in Rechnung gestellt. Natürlich ist der HEU-Einsatz unter rein technischen Kriterien in Hinblick auf optimale Neutronenproduktion immer besser als der Verzicht darauf. Aber auch die Physiker müssen bei der Entscheidung über eine technisch mögliche Neuerung abwägen, ob ihre Spezialinteressen im Sinne der Förderung des Weltfriedens nicht zurückstehen können.

Der FRM-II ist insofern ein Paradebeispiel, als tatsächlich Alternativen zur Verfügung stehen, die auch die Interessen der Neutronennutzer befriedigen können. Es ist ganz wesentlich zu sehen, daß die Wissenschafts- und Technikentwicklung tatsächlich so etwas wie eine Alternativenstruktur besitzt, die keine eindeutig und unwiderruflich zu verfolgenden Wege kennt. Beispielsweise stellen die hochdichten Brennstoffe ein Innovationspotential dar, das ursächlich mit der Bemühung um HEU-Vermeidung zusammenhängt. Es ist bedauerlich, daß das deutsche AF-Programm nicht weitergeführt worden ist. Weitere Innovation ist hier möglich. Am Europäischen Institut für Transurane wurde in Kooperation mit der französischen CERCA die Entwicklung von hochdichten Urannitriden vorangetrieben, die noch höhere Dichten anstreben, als mit Uransiliziden erreichbar erscheinen. Diese Arbeiten werden nur fortgeführt, wenn potentielle Abnehmer Interesse signalisieren. Hier sind die Reaktorbetreiber und die Regierungen, die sich um Nichtverbreitung einerseits und wissenschaftlich-technische Innovation andererseits bemühen, aufgefordert, eindeutig Flagge zu zeigen.

Einer der Betreiber des Projektes, Wolfgang Gläser, sieht die Nutzung von hochdichten Brennstoffen in völlig anderem Licht: „Trying, e.g. to replace e.g. the HFR [High Flux Reactor] fuel by a low enriched version is a complete misunderstanding of the issue. … The question which has to be addressed and this is the real scientific issue, is how to improve sources, how to build new and more advanced sources based on our last twenty years of experience and taking advantage of new technological developments. And in this sense the development of higher density fuels was indeed a great help for designing advanced sources for neutron research. If even higher densities will be made available, there will be sooner or later a need for their high enriched version: Basic research has to start with the best state-of-the-art technology available. The higher density fuels used in their highly enriched form offer progress mainly in two directions …“ 14

Gläser ist offenbar überzeugt, daß der Fortschritt der Wissenschaft jegliche sinnvolle und wohlüberlegte Beschränkung der prinzipiellen Möglichkeiten ausschließen muß. Sogar international verabredete konstruktive Alternativen zur wissenschaftlichen Fortentwicklung, die in Distanz zu möglichen Überschneidungen mit Programmen zum Bau von Massenvernichtungswaffen gehen, dürfen und müssen von auf ihren Erfolg bedachten Wissenschaftlern jederzeit daraufhin abgeklopft werden, ob sie nicht bei Verfolgung der alten, noch unreflektierten Pfade der Forschung ausgeschlachtet werden können für gewisse Vorteile, die man sich verschaffen könnte, ohne die von den Kollegen (und Konkurrenten) anerkannten Beschränkungen zu berücksichtigen, die nicht wissenschaftsimmanent begründbar erscheinen. Kann eine solche Haltung, die sich über globale Friedens- und Sicherheitsinteressen hinwegsetzt, akzeptiert werden?

Dies rührt an die alte Frage: „Dürfen wir alles, was wir können?“ Ich denke, die Antwort im Falle der angestrebten Nutzung von HEU-Brennstoff in Form der hochdichten Konversionsbrennstoffe sollte differenziert ausfallen. Das Interesse der Neutronennutzer soll durchaus befriedigt werden, aber bei Rückgriff auf die offensichtlichen Alternativen zur HEU-Nutzung. Dieser »kleine« Verzicht sollte verantwortlich denkenden und handelnden Wissenschaftlern und Politikern nicht schwer fallen, wenn sie die historische Entwicklung bzgl. der Verwendung des hochangereicherten Urans bedenken. Der zivil-militärischen Ambivalenz dieses Stoffes kommt man meiner Ansicht nach nur bei, wenn man seine zivile Verwendung beendet. Wollen wir ein effektives Nichtweiterverbreitungsregime und wirklich ernsthaft eine atomwaffenfreie Welt ansteuern, wie in Artikel VI des Nichtverbreitungsvertrages aufgegeben, und die Atomwaffenfreiheit sowie den Weg dorthin irreversibel machen, dann ist nicht nur der formelle Verzicht auf Atomwaffen wesentlich. Der zivile Bereich, ob dies Forschung oder Energiewirtschaft betrifft, muß seinen Beitrag leisten: dies bedeutet zumindest den Verzicht auf die Nutzung waffengrädiger Nuklearmaterialien in signifikanten Mengen, also insbesondere den international gewollten Ausstieg aus der HEU-Nutzung für Forschungsreaktoren.15

Wissenschaft und Politik kämen ihrer globalen Verantwortung nach durch Konzipieren von Alternativen zum HEU-Einsatz, die nach dem vorliegenden Kenntnisstand tatsächlich verfolgbar sind.

Anmerkungen

1) Komitee Forschung mit Neutronen (KFN), Memorandum zur Forschung mit Neutronen in Deutschland, Juni 1993. Zurück

2) Leserbrief vom Vorsitzenden des KFN, D. Richter, in: Physikalische Blätter 50 (1994), S. 620. Zurück

3) Förderung der Grundlagenforschung durch den Bundesminister für Forschung und Technologie, Empfehlungen der Kommission Grundlagenforschung, Pressedokumentation 12/92 des BMFT, 3. April 1992, S. 64-67. Zurück

4) Wissenschaftsrat, Stellungnahme zur forschungspolitischen Notwendigkeit einer überregionalen Neutronenquelle – Geplanter Neubau eines Forschungsreaktors an der Technischen Universität München, Drucksache 9414/89, 12.5.1989. Zurück

5) K. Böning, W. Gläser, J. Meier, G. Rau, A. Röhrmoser, L. Zhang, Design of a novel compact core with reduced enrichment for upgrading the research reactor Munich FRM, in: K.Tsuchihashi (Hrsg.), Proc. of the International Meeting on Reduced Enrichment for Research and Test Reactors, Japan, 24-27 Oct. 1983, JAERI, May 1984, S. 321-330; K. Böning et al., Status of the compact core design for the Munich research reactor, in: Proc. of the 1984 International Meeting on RERTR, Argonne, 15-18 Oct. 1984, ANL/RERTR/TM-6 CONF-8410173, S. 456-461. Zurück

6) K. Böning, W. Gläser, J. Meier, A. Röhrmoser, E. Steichele, Status of the Munich compact core reactor project, in: G. Thamm, M. Brandt (Hrsg.), Proceedings of the XIIth International Meeting on Reduced Enrichment for Research and Test Reactors, Berlin 10-14 Sept. 1989, Konferenzen des Forschungszentrums Jülich, Band 4/1991, S. 473-483. Zurück

7) A. Röhrmoser, Neutronenphysikalische Optimierung und Auslegung eines Forschungsreaktors mittlerer Leistung mit Zielrichtung auf einen hohen Fluß für Strahlrohrexperimente, Dissertation angenommen von der TU München, 25.7.1991. Zurück

8) K. Böning et al. (1991), op.cit (Anm. 6). Zurück

9) S.C. Mo, Application of the successive linear programming technique to the optimum design of a high flux reactor using LEU fuel, Proc. of the 14th International Meeting on RERTR, Indonesia, 4-7 Nov. 1991, S. 273-284; S.C. Mo, N.A. Hanan, J.E. Matos, Comparison of the FRM-II HEU design with an alternative LEU design, Papier präsentiert beim 1995 International Meeting on RERTR, Paris, 18-21 Sept. 1995. Zurück

10) N.A. Hanan, S.C. Mo, R.S. Smith, J.E. Matos, Attachement to the paper »Comparison of FRM-II HEU design with alternative LEU design«, Argonne National Laboratory, Oct. 1995. Zurück

11) »Offener Brief betreffend den geplanten Forschungsreaktor FRM-II unter Verwendung von hochangereichertem Uran«, unterzeichnet und veröffentlicht von 50 Physikern am 25.5.1994, abgedruckt u.a. in: Forum Wissenschaft 11.Jg. Heft 2/1994, S. 19-21. Zurück

12) »Betrifft Verwendung hochangereicherten Urans in Forschungsreaktoren unter dem Aspekt der Nichtverbreitung – Hier: Neuer Forschungsreaktor der TU München«, gezeichnet von Dr. von Wagner am 3.2.1988. Zurück

13) Die Betreiberseite spricht stattdessen lieber immer wieder über eine erhöhte Plutoniumproduktion im Reaktor bei Einsatz von LEU statt HEU. Dies kann allerdings kaum ernsthaft als die wesentliche Proliferationsgefahr gegen das LEU-Konzept ins Feld geführt werden, da die jährlich produzierten Plutoniummengen mit einigen hundert Gramm im LEU-Fall wie im HEU-Fall (einige zehn Gramm pro Jahr) sehr deutlich unterhalb der Mindestmenge für die etwaige Konstruktion einer Kernwaffe läge. Um an den Waffenstoff heranzukommen, müßte das Plutonium überdies mit aufwendiger Wiederaufarbeitungstechnologie aus den abgebrannten Brennelementen herausgelöst werden – ganz im Gegensatz zur Verwendung von bereits waffengrädigem HEU-Brennstoff für den Reaktor, der direkt für den Waffenbau abgezweigt werden könnte. Zurück

14) W. Gläser, Why does the need of HEU for high flux reactors remain?, in: Thamm/Brandt (1991), op. cit., S. 485-493 Zurück

15) Vergl. ausführlicher W. Liebert, Managing Proliferation Risks from Civilian and Weapon-Grade Plutonium and Enriched Uranium: Comprehensive Cutoff Convention, Commissioned paper, 45th Pugwash Conference on Science and World Affaires »Towards a Nuclear-Weapon-Free World«, Hiroshima, Japan, 23-29 July 1995. Zurück

Wolfgang Liebert ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter bei IANUS an der TH Darmstadt.

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