in Wissenschaft & Frieden 1995-4: Menschenrechte und Militär

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Editorial: Mehr als nur eine Zeitschrift

von Caroline Thomas und Peter Krahulec

Im unübersehbaren Blätterwald der Zeitschriften ist »Wissenschaft und Frieden« eine von vielen Publikationsorganen. Sollte man sie mit wenigen Worten beschreiben, so stellt man fest, daß keine eindeutige Kategorie so recht auf sie anzuwenden ist. Sie ist im strengen Sinne keine rein fachwissenschaftliche Zeitschrift, wie die Naturwissenschaftliche Rundschau o.ä., aber auch kein politisches Journal, wie die Blätter für deutsche und internationale Politik. Dieses ist aber nicht das einzige, was »Wissenschaft und Frieden« von anderen Zeitschriften unterscheidet.

»Wissenschaft und Frieden« ist mehr als eine Zeitschrift, mehr als 80 Seiten Interessantes und Lesenswertes. Es ist ein politisches Projekt und ein Netzwerk von WissenschaftlerInnen – friedenswissenschaftlich multidisziplinär und einmalig.

Das Ziel des Projektes ist es, den öffentlichen Diskurs über Friedensfragen mitzugestalten, Vermittlungsarbeit zu leisten, den Mythos der objektiven neutralen Wissenschaft aufzubrechen und Standpunkt zu beziehen. Eine qualifizierte, aktuelle Dienstleistung für die friedenspolitisch engagierte Öffentlichkeit soll durch die Zeitschrift gewährleistet, eine Unterstützung geboten werden für die Fachleute in WissenschaftlerInnengruppen, örtlichen Initiativen oder in den Medien. Durch die Bündelung der friedenswissenschaftlichen Expertise soll dem staatlichen/militärischen »Think-Tank« Konkurrenz gemacht werden.

Neben der Vermittlung der wissenschaftlichen Kompetenz nach außen soll eine Diskussion innerhalb der friedenswissenschaftlichen »Community« ermöglicht werden, die auch nicht an den Instituts- oder Disziplingrenzen halt macht. Für eine engagierte, bewußt subjektive, für den Frieden Partei ergreifende wissenschaftliche Debatte soll »Wissenschaft und Frieden« ein Forum bieten.

Geprägt ist dieses Projekt darüber hinaus von der Erkenntnis, daß die Aufteilung der Wissenschaft in Disziplinen einem übergeordneten Erkenntnisinteresse nicht förderlich ist. Ein Aufbrechen der jeweiligen disziplinären Strukturen ist notwendig, um einen umfassenden Erkenntnisgewinn zu gewährleisten. Dieses gilt insbesondere bei Themen wie Krieg und Frieden, deren Bedingungen und Ursachen weder an nationalen Grenzen noch an disziplinären Grenzen halt machen. Durch die multidisziplinäre Zusammensetzung des Trägerkreises, des Beirates, der Redaktion und des Vorstands, in denen sowohl Naturwissenschaften als auch Geisteswissenschaften, in denen u.a. sowohl die Psychologie als auch die Informatik vertreten sind, soll diesem Anspruch Rechnung getragen werden. Aber die Zeitschrift kann nur das abbilden, was Realität ist. So scheitert der Anspruch der multi- oder auch interdisziplinären Beiträge meist an der herkömmlichen Forschungsorganisation, die für solch Ansätze nicht förderlich ist.

Mit der Realität konfrontiert wurde und wird dieses Projekt auch immer wieder bezüglich der Finanzen. So wenig die InitiatorInnen und TrägerInnen der Zeitschrift von der Neutralität der Wissenschaft halten, desto mehr sind sie von der Notwendigkeit der Unabhängigkeit von Wissenschaft überzeugt. So finanziert sich die Zeitschrift ausschließlich von den Abonnements. Zu einem geringen Teil kommen individuelle Spendengelder, Werbeeinnahmen und Zuschüsse von Trägerorganisationen hinzu.

Diese Konstruktion der finanziellen Unabhängigkeit hat ohne jede Frage positiven inhaltlichen Effekt. Ohne von Parteien, Organisationen oder Personen abhängig zu sein, ist eine unabhängige, diskursive Debatte und aufklärerische Information durch Vermittlung wissenschaftlicher Erkenntnis am sinnvollsten möglich.

Gleichzeitig muß aber auch festgestellt werden, daß eine solche Unabhängigkeit dort immer auf Grenzen stößt, wo Projekte nicht nur mit ehrenamtlichen MitarbeiterInnen durchgeführt werden können, sondern zur Umsetzung der Ansprüche ein gewisses Maß an Professionalität erforderlich wird. Für »Wissenschaft und Frieden« ergab sich immer eine Diskrepanz zwischen minimaler finanzieller Ausstattung und hohen qualitativen Ansprüchen. Diese Diskrepanz konnte bisher nur deshalb aufgelöst werden, weil sie auf sehr viel ehrenamtliche Zuarbeit zurückgreifen kann.

Zuarbeit, die durch die Trägerorganisationen gewährleistet wird, ist die wichtigste Grundlage dieses Projektes und bildet den politischen und inhaltlichen Nährboden. Ohne die historischen Verdienste und die finanzielle Unterstützung des Bundes demokratischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler (BdWi) für die Zeitschrift und ohne den organisatorischen Hintergrund (Vernetzung der Wissenschaftsszene) der Informationsstelle Wissenschaft und Frieden wäre das Projekt nicht denkbar. Aber auch ohne die Naturwissenschaftler-Initiative »Verantwortung für den Frieden«, die größte berufsbezogene kritische friedenswissenschaftliche Organisation, würde ein emminent wichtiger inhaltlicher Aspekt außen vor bleiben. Hier ist insbesondere die Interdisziplinäre Arbeitsgruppe Naturwissenschaft, Technik und Sicherheit zu nennen, die unermüdlich der Zeitschrift zuarbeitet.

Als 1993 das Institut für Friedenspolitik Weilheim zu diesem Projekt stieß, wurde damit das Know-how der Zeitschrift »Mediatus« eingebracht, das seit Jahren eine äußerst anerkannte Vermittlungsarbeit zwischen Wissenschaft und Bewegung geleistet hat.

Aber auch die sog. kleinen Initiativen sind von existentieller Bedeutung, vervollständigen sie doch den o.g. breiten multidisziplinären inhaltlichen Rahmen. Hier ist es insbesondere die Tätigkeit einzelner im Vorstand und in der Redaktion aus den Initiativen wie der Friedensinitiative Psychologie * Psychosoziale Berufe, dem Arbeitskreis Frieden in Forschung und Lehre an Fachhochschulen, die Arbeitsgemeinschaft Friedens- und Konfliktforschung (AFK) und dem Arbeitskreis Atomwaffenfreies Europa, die den inhaltlichen Input dieser Disziplinen und Themen gewährleisten.

Unsere Zeitschrift geht ins 14. Jahr. Jahre, in denen sich vieles verändert hat. Die Friedensbewegung existiert nicht mehr als Massenbewegung wie in den 80ern und die Friedensforschung wird staatlicherseits abgewickelt. Das Konfliktpotential aber ist innergesellschaftlich wie international so groß wie nie zuvor. Wir erleben eine Relegitimierung des Militärischen, wie sie noch vor 10 Jahren undenkbar gewesen wäre. Die »neue Größe« der Bundesrepublik Deutschland dokumentiert sich vor allem militärisch. Außen- und Sicherheispolitik wird immer stärker zur »Domaine Reservé« der politischen Entscheidungselite. Entwürfe und Visionen gibt es kaum noch.

Allen Mitwirkenden und Interessierten gemeinsam ist die Erkenntnis, daß unsere Gesellschaften und das Internationale System von Gewaltstrukturen geprägt sind. Uns gemeinsam ist das Anliegen, im Rahmen unserer Tätigkeit dazu beizutragen, an diesen Strukturen etwas zu verändern und ihnen etwas entgegen zu stellen.

Unser Projekt ist notwendig!

Caroline Thomas

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

seit 13 Jahren erscheint W&F, und wir finden unsere Zeitschrift hat sich gut entwickelt.

Den Werdegang vom »Infodienst« zur interdisziplinären Wissenschaftszeitschrift, die wachsende Zusammenarbeit verschiedener Organisationen, Initiativen und friedensbewegter Menschen hat Caroline Thomas in nebenstehenden Ausführungen noch einmal dargelegt.

Wir könnten also ganz zufrieden sein, wenn das verflixte 13. Jahr uns nicht vor große finanzielle Probleme gestellt hätte. Zwar ist W&F heute die auflagenstärkste friedenswissenschaftliche Zeitschrift im deutschsprachigen Raum, trotzdem konnten aufgrund zurückgehender Mitgliederzahlen in einigen Initiativen die Einnahmen bei W&F nicht mehr schritthalten mit den steigenden Kosten. Das Ergebnis ist ein großes Haushaltsloch und leider ist keine Besserung für 1996 in Sicht.

Nachdem einige anfangs erfolgversprechende Projekte zur Unterstützung von W&F nicht zum Tragen kamen, blieb nur der Griff zum Rotstift. Und da an den Sachkosten nirgendwo mehr Wesentliches gespart werden konnte, mußte dieser bei den Personalkosten angesetzt werden. Das Ergebnis: Wir müssen in Zukunft auf unsere verantwortliche Redakteurin, Caroline Thomas, verzichten. Wir bedauern diesen für die Zeitschrift und für uns tiefen Einschnitt außerordentlich. Wir verdanken Caroline Thomas, daß sie »Wissenschaft und Frieden« zu dem Renommee weiterentwickelt hat, das wir gerne alle gemeinsam vorweisen - für dessen Risiken sie nun aber alleine per Entlassung »haften« muß.

So geht es eigentlich nicht, wenn halt nicht alles so ginge! Wo sind wir Treibende, wo Getriebene ? Der Markt oder wir? War uns nicht allen gemeinsame Uberzeugung, zwar Produkte unserer Verhältnisse, aber auch deren Produzenten zu sein? Anyway: Trotz einschneidender Reduzierung »der Personalkosten« um 50% fehlen uns für einen ausgeglichenen Etat 1996 immer noch annähernd 20.000 DM.

Deshalb unsere dringende Bitte: Helfen Sie uns durch eine Spende und durch die Umwandlung Ihres Abonnements in ein Förderabo, die Weiterexistenz der Zeitschrift zu sichern (siehe beigeheheftete Karte). Vorstand, Herausgeber und Redaktion wollen W&F als parteipolitisch unabhängige, friedenswissenschaftlich engagierte und interdisziplinäre Zeitschrift erhalten. Sichern und weiterentwickeln können wir das Projekt W&F aber nur, wenn uns möglichst viele dabei tatkräftig unterstützen.

Wir sind auf Ihre Hilfe angewiesen!

Peter Krahulec

in Wissenschaft & Frieden 1995-4: Menschenrechte und Militär

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