in Wissenschaft & Frieden 1995-3: Gewitter über Paris

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Die Mitläufer

Die Auswirkungen des Nationalsozialismus auf die Demokratie von heute

von Nadine Hauer

Wie das Kaninchen vor der Schlange erstarren die deutsche und österreichische Gesellschaft vor der zunehmenden Gewalttätigkeit rechtsextremer Jugendlicher. Wie ist es möglich, daß nun die Enkel der NS-Generation längst Vergangenes aufgreifen, wo sich doch ihre Eltern als 68-er so massiv mit dieser Generation auseinandergesetzt haben?

Ganz abgesehen davon, daß von einer tiefgreifenden »Vergangenheitsbewältigung« nicht die Rede sein kann, sind auch die 68er, deren Zahl im Vergleich zur Gesamtbevölkerung auch nur sehr klein war, einem gravierenden Irrtum aufgesessen: auch sie waren überzeugt, es genüge,<14> <18>gegen<14> <>Faschismus, Nationalsozialismus und jegliche Form von Diktatur zu sein und man wäre damit schon automatisch demokratisch (und wir haben ja keine andere Alternative zur Diktatur als die Demokratie). Auch kann von einer wirklichen Auseinandersetzung der 68-er mit der NS-Generation ebenfalls nicht die Rede sein – sie blieb in Anklagen und Vorwürfen stecken.

1989 habe ich ein wissenschaftliches Projekt abgeschlossen, das ich unter der Leitung des Wiener Tiefenpsychologen Hans Strotzka (er ist im Juni 1994 gestorben) durchgeführt habe. Grundlage dieser »Mitläufer«-Studie war eine Lücke in der sogenannten Vergangenheitsbewältigung. Während man sich nämlich sowohl in Deutschland als auch – mit Verzögerung – in Österreich mit den »Kindern« der Opfer der NS-Zeit mehr oder weniger auseinandergesetzt und damit nun auch mit den Nachkommen der Täter begonnen hatte, wurden die Auswirkungen auf die nachfolgende(n) Generation(en) der Mitläufer bisher nicht untersucht, obwohl diese Gruppe als weitaus größter Teil der Bevölkerung die Tragfähigkeit jedes Systems – auch der Demokratie – ausmacht. Es ist kaum vorstellbar, daß die NS-Zeit bei 80 bis 90 Prozent der Gesellschaft keine Spuren hinterlassen hat, auch wenn sie davon selbstverständlich weniger betroffen waren als die Opfer und weniger aktiv als die offensichtlichen Täter.

Tiefgreifende Erfahrungen, die eine Gesellschaft als ganzes betroffen haben, in die also jede(r) einzelne aktiv oder passiv einbezogen war, hinterlassen allgemeine Spuren. Ist diese Erfahrung schwer zu bewältigen, schwer zu verarbeiten, wird sie zu einem gesellschaftlichen Tabu. Auch Tabus lösen eine Reihe von Normen und Ritualen aus, die den Zweck haben, an diese Tabus nicht zu rühren. Das kann eine »Natur«-Katastrophe, die ein ganzes Land betroffen hat (z. B. Tschernobyl), ebenso sein wie eine politische. Zu solchen kollektiven Erfahrungen gehören in den meisten europäischen Ländern Faschismus oder Nationalsozialismus, gehört in den USA der Vietnamkrieg und in den ehemaligen Ostblockstaaten der Stalinismus.

Ich beschränke mich hier auf die wissenschaftlichen Ergebnisse und auf das Resumée meiner Studie, für die ich 150 Tiefeninterviews in Österreich und Deutschland durchgeführt habe. Meine These, daß die tägliche Kommunikation in Familie und Gesellschaft ebenso verläuft wie die Kommunikation über ein individuelles oder gesellschaftliches Tabu, hier also über die NS-Zeit – nämlich gestört oder verzerrt – wurde bestätigt. Wodurch eine Auseinandersetzung mit der NS-Zeit im persönlichen Bereich ebenso unmöglich wurde wie in der gesamten Gesellschaft und in der hohen Politik.

Grundlage für die These und die Auswertung der Tiefeninterviews waren zwei von mir entwickelte Modelle: der »Tabu«-Kreis und fünf grundsätzliche Kommunikationstypen. Wenn es ein Tabu gibt, so löst die Angst davor, das Tabu könnte angesprochen werden, einen ähnlichen unbewußten Mechanismus aus wie der vorauseilende Gehorsam. Man versucht Themen, Begriffen und Wörtern auszuweichen, die mit dem Tabu zusammenhängen oder damit zu tun haben könnten; diesen Teil habe ich das »Tabu-Vorfeld« oder die »Schutzzone« genannt, weil dahinter ja die unbewußte Absicht steht, sich selbst davor zu schützen, mit dem Tabu konfrontiert zu werden. Je stärker ein Tabu – individuell oder gesellschaftlich – wirkt, desto dichter muß die »Schutzzone« sein; die Kommunikation über das Tabu-Thema unterbleibt, verläuft verzerrt oder unterschwellig. Allerdings bleiben auch andere Themen, die dem Tabu als subjektiv nahe empfunden werden, ausgespart oder werden ebenfalls verzerrt vermittelt.

Das betrifft in vielen Fällen – und darin liegt die besondere Tragik des Tabus – auch die Grundlagen zur persönlichen und gesellschaftlichen Orientierung (vor allem Jugendlicher), schließlich also das gesellschaftliche »Klima«, die politische Kultur eines Landes. (Im Unterschied zu einem Familien-Tabu, das durch Hilfe von außen aufgelöst, relativiert oder zumindest abgeschwächt werden kann, ist das bei einem gesellschaftlichen Tabu kaum möglich, weil alle in Frage kommenden »Helfer« an diesem Tabu teilhaben). In die »Schutzzone« fallen nämlich auch Werte und Vorstellungen, die zur persönlichen und gesellschaftlichen Orientierung wichtig wären. Nimmt man Kindern und Jugendlichen aber die Möglichkeit, sich an vermittelten Wertvorstellungen zu reiben, sie in Frage zu stellen, so nimmt man ihnen die Möglichkeit, für sich eine persönliche und gesellschaftliche Orientierung zu finden. Die Folge ist eine »Des-Orientierung« aufgrund mangelnder Wertvorstellungen (»Sinnlosigkeit«).

Schon von Werten zu sprechen, gilt heute als fragwürdig, weil von vornherein als übermäßig konservativ bis reaktionär. Begriffe wie Loyalität, Verantwortung, Leistung, Disziplin, Pflicht, Heimat, Kameradschaft, Autorität, Aggression oder Macht – um nur einige aufzuzählen – lösen vor allem bei allen jenen, die als fortschrittlich gelten wollen, aber auch bei vielen Jugendlichen, negative Assoziationen aus; die Bedeutung dieser Werte auch für eine demokratische Gesellschaft wird nicht vermittelt. Ganz abgesehen davon, daß diese Werte und Begriffe – wie immer man dazu steht – Bestandteile unseres Alltags sind und durch Abwehr oder Verdrängung nicht aus dem gesellschaftlichen Leben verschwinden. Allerdings sind sie durch den Nationalsozialismus so stark in Mißkredit geraten, daß sie auch heute noch nicht ohne Unbehagen ausgesprochen werden können. Dieses Unbehagen ist auch der Grund dafür, daß die 68-er Bewegung in ihrer Auseinandersetzung mit der NS-Generation in Ansätzen steckengeblieben ist. Dazu gehörte auch, daß diese Auseinandersetzung nur mit den Vätern, nicht aber mit den Müttern versucht wurde; als ob die Mütter während der NS-Zeit nicht vorhanden und nur die Soldaten an der Front das NS-Regime repräsentiert hätten – ein weiteres Tabu übrigens, das ebenfalls bis heute nicht aufgelöst wurde.

Durch diese fehlende »Werte«-Auseinandersetzung wurde/wird Kindern und Jugendlichen einerseits die Chance genommen, zu begreifen, was über den Holocaust und den Zweiten Weltkrieg hinaus den Nationalsozialismus bis in die kleinsten Einzelheiten des Tages ausgemacht hat, andererseits aber auch, engagiert – pro oder contra – Stellung zu beziehen, weil man sie »anrennen« läßt. Daß neuere Umfragen zu beweisen versuchen, die heutige Jugend wäre nicht mehr autoritätshörig, sondern aufmüpfig, zwar nicht politisch interessiert, aber vor allem in Umweltfragen engagiert, sei bereit, sich für andere einzusetzen, halte ich für ein durch Wunschfragen manipuliertes Ergebnis. Denn selbstverständlich haben die meisten Jugendlichen schon in der Familie, später in der Schule, an der Universität und allerspätestens am Arbeitsplatz die allgemein üblichen Kommunikationsregeln gelernt. Daher antworten sie, was gesellschaftlich »in« ist, verneinen, was »man« nicht sagt, denkt oder tut, sehen sich so, wie sie (oder die Gesellschaft) sie sehen möchte. Waum sollten Jugendliche schließlich anders werden als die Gesellschaft, in der sie von klein auf leben und sozialisiert werden, mit der sie heranwachsen, in die sie sich integrieren und in der sie erfolgreich sein wollen?

Neben dem »Tabu«-Kreis aus den 150 Tiefeninterviews habe ich daraus fünf Kommunikationstypen entwickelt, die ich in Kurzform wiedergeben möchte:

Ich beschränke mich hier nun auf jene Kommunikationsform, die sich als häufigste (in Deutschland etwa 50 Prozent, in Österreich weit darüber) und als typisch für Mitläufer herausgestellt hat: UDN, also »Unterschwellig-Diffus«-Nebel. Schlagwortartig skizziert ist dafür bezeichnend: keine Orientierung möglich, weil unklar, mehrdeutig; alles stimmt und stimmt auch nicht; Andeutungen, Halb-Erklärungen, Halb-Zugeständnisse bei Gegenargumenten; die (zustimmende oder ablehnende) Interpretation bleibt den anderen überlassen und hängt wesentlich von der jeweiligen (guten oder schlechten) Beziehung ab; autoritär in passiver, unterschwelliger Form; hat »nichts getan«, »nichts gesehen«, »nichts gewußt« und »konnte auch nichts tun, nichts sehen und nichts wissen«; bezieht nicht Stellung, was meistens nicht bedeutet, daß er/sie keine Meinung hat, sondern daß diese Meinung kaschiert oder verschleiert wird – weil man befürchtet, die Meinung könnte möglicherweise unopportun sein und beim anderen eine unerwünschte Reaktion hervorrufen oder in irgendeiner Form schaden, was auch für Nachfragen gilt. UDN kann aber auch bedeuten, daß es dabei so etwas wie ein latentes »Unrechtsbewußtsein«, ein »schlechtes Gewissen« (Scham) gibt, weil die Diskrepanz zwischen Grundeinstellung und Verhalten nicht gelöst wurde. Typisch für UDN ist auch »man« statt »ich« oder »wir«, als Alternative gilt nur »weder-noch«. Gesellschaftlich typisch für UDN ist »Anrennen-Lassen«, wie es Franz Kafka in seinem »Prozeß« als negativen Höhepunkt beschrieben hat. Diese Form der Kommunikation hat verhindert, den Nationalsozialismus in seinem (Un-)Wesen im Alltag zu erfassen und zu zeigen, wie stark jede(r) einzelne, gewollt oder ungewollt, darin verstrickt war. Gleichzeitig wurde damit nicht reflektiertes NS-Gedankengut mehr oder weniger unbewußt weitergegeben, ohne direkt eine NS-Ideologie zu vermitteln.

Tragische Folge dieser UDN-Kommunikation – auch und vor allem für die junge Generation: wer sich nicht in die Mitläufer-Gesellschaft einfügt, wer nachfragt, etwas genau wissen oder verändern will, wem menschliche Grundwerte wichtiger sind als formale »Tabu-Schutzzonen«, muß in dieser Gesellschaft anecken oder zum Außenseiter werden.

Die Alternative dazu ist innere Emigration. Es sind immer die Mitläufer, die Unrecht zulassen und dulden – und es später als »erdulden« interpretieren. Nicht erst in einer Diktatur, auch im Alltag unserer Noch-lange-nicht-Demokratie, denn bisher sind wir in vielen Lebensbereichen auf dem Weg zur Demokratie stecken geblieben. Schon Voltaire sagte: „Wir sind nicht nur verantwortlich für das, was wir tun, sondern auch für das, was wir nicht tun.“

So verständlich es ist, daß die Bevölkerung gesellschaftliches Unbehagen den Politikern anlastet: Politiker sind nur in Ausnahmefällen untypisch für eine Gesellschaft, sie spiegeln die typischen gesellschaftlichen Strömungen und ihre politische Kultur wider.

Aus meiner Studie ist außerdem deutlich geworden, daß das Hauptpotential vor allem jugendlicher Rechtsextremer nicht aus »ewiggestrigen«, sondern aus Familien mit UDN-Kommunikation kommt; daß UDN-vermittelte Ansichten anfälliger für rechtsextremes Gedankengut machen als offen vertretene faschistische oder nationalsozialistische Positionen. In der Mischung von widersprüchlichen Einstellungen und der Unmöglichkeit, (Generationen)Konflikte, auch gesellschaftspolitische, auszutragen, verhindert die UDN-Kommunikation die Ablösung von den verschwommenen Ansichten der Eltern ebenso wie eine persönliche und gesellschaftliche Orientierung. Orientierungslosigkeit aber fördert den Rechtsextremismus – weit mehr, als es durch eindeutig artikulierte rechtsextreme Ansichten geschieht.

Das Mitläufer-Verhalten schlägt sich auch in der Erziehung nieder. Im allgemeinen stellen sich Eltern auf die Seite der sogenannten Autoritäten – auch dann, wenn diese offensichtlich nur autoritär sind –, und sei es nur, um ihren Kindern und Jugendlichen Unannehmlichkeiten, sich selbst aber Auseinandersetzungen zu ersparen. Dadurch wird allerdings vermittelt, daß man gegen »die da oben« sowieso keine Chance hat; ein Teufelskreis, weil das in unserer politischen Mitläufer-Kultur gerade deshalb meistens stimmt. Dazu gehört auch, daß es offensichtlich besser ist, sich auf Diskussionen gar nicht erst einzulassen. In Auseinandersetzungen unter Klassen- und Arbeitskollegen zum Beispiel herrscht die Tendenz vor, sich aus allem herauszuhalten. Wird jemand von anderen schlecht behandelt, so soll das Kind oder der Jugendliche dabei zwar nicht mittun – also nicht Täter werden –, sich aber auch nicht einmischen oder gar auf die Seite des(r) Angegriffenen zu stellen, weil »man nie weiß, was dabei herauskommt«. Für Mitläufer bedeutet Unterlassung, »sauber« und unangreifbar zu bleiben. Was sie vermitteln, ist eine Haltung, die autoritärem Gedankengut und undemokratischen Strukturen Vorschub leistet. Wie sollen da Heranwachsende Demokratie, die ohne Stellungnahme und ohne Einmischung nicht möglich ist, begreifen?

Abschließende Überlegungen zur Demokratie aus politisch-psychologischer Sicht. Während religiöse Institutionen, vordemokratische beziehungsweise autoritäre Gesellschaftsformen und Ideologien Strukturen entwickelt haben, die auch das Denken, Fühlen und Verhalten, also die geistig-seelische Befindlichkeit der Menschen durch vermittelte Normen (positiv oder negativ) prägen, scheint das in der Demokratie bisher nicht gelungen zu sein. Das mag daran liegen, daß die »inneren« Strukturen verhindern, entsprechende Demokratie-Strategien für den Alltag zu entwickeln. Äußere Strukturen sind wegen ihrer Eigendynamik zwar mühsam, aber, weil konkret, doch veränderbar. Innere, sehr oft unbewußte Strukturen sind hingegen viel schwerer zu beeinflussen und wegen ihres Beharrungsvermögens auch nur sehr langsam in Bewegung zu setzen. Daher hinken die inneren Strukturen immer hinter äußeren Veränderungen nach, bleiben sie oft lange Zeit weit hinter diesen äußeren Veränderungen zurück. Das gilt für Einzelpersonen ebenso wie für die Struktur einer Institution oder einer Gesellschaft. Die Stärke totalitärer Denk- und Gesellschaftssysteme liegt offensichtlich darin, daß sie ihre Anhänger mit totaler Versorgung und totaler Sicherheit »belohnen«, wofür Mehrheiten auch bereit sind, dafür den Preis der Unterwerfung und Entmündigung zu bezahlen. Darin liegt auch die Anziehungskraft rechtextremer Gruppen (und Sekten) für desorientierte Jugendliche.

Heute ist vom Ende der Ideologien die Rede – insbesondere für Mitteleuropa. Durch »Tabu-Schutzzonen« sind jedoch viele Inhalte vergangener Ideologien in Form von Alltags-Ritualen zu Alltags-Ideologien geworden: deutlich wird das in alltäglichen Umgangsformen, Verhaltensweisen und in der Alltags-Sprache (vielfach UDN-dominiert). Daß das nicht – oder kaum – wahrgenommen wird, liegt am geringen Stellenwert, der dem Alltags(er)leben in Politik und Gesellschaft, also in der politisch-gesellschaftlichen Kultur, zu Unrecht beigemessen wird. Eine Trennung zwischen öffentlichem gesellschaftlich-politischem Verhalten und privat-familiärem Denken und Sprechen mag für Diktaturen Gültigkeit haben (sie galt auch für das Biedermeier), auf dem Weg zur Demokratie muß sich diese Zweiteilung auflösen, soll eine Gesellschaft schließlich auch wirklich demokratisch werden.

Eine weitere Stärke autoritärer Denk- und Gesellschaftssysteme ist es, daß sie neben der Bedeutung äußerer Strukturen die Notwendigkeit von Symbolen und Ritualen erkannt haben, die wesentlich dazu beitragen, daß die »innere« Struktur zur Selbstverständlichkeit, also unbewußter Bestandteil des Alltags und der politischen Kultur einer Gesellschaft wird. Offensichtlich sind auch Symbole und Rituale durch die NS-Vergangenheit so belastet, daß es der Demokratie bis heute nicht gelungen ist, entsprechende demokratische Symbole und Rituale zu entwickeln; sie hat die Faszination solcher Rituale bisher autoritären Gruppierungen überlassen. Demokratische Gesetze, freie Wahlen, freie Meinungsäußerung und Bürgerinitiativen reichen anscheinend nicht mehr aus, um die Demokratie mit Engagement und Leben zu erfüllen. Wahrscheinlich jedoch werden die Gleichwertigkeit von Mehrheits- und Minderheitenpositionen oder eine »Basisdemokratie«, um nur einige demokratische Aspekte aufzugreifen, ohne eine Beeinflussung der »inneren« Strukturen, unter anderem auch durch (Sprach-)Symbole und Rituale, nicht zu verwirklichen sein. Die weit verbreitete gesellschaftliche UDN-Kommunikation ist jedenfalls ein Symbol für Demokratie-Unfähigkeit.

Im Gegensatz zu mehr oder weniger geschlossenen, hierarchisch strukturierten und stark oder total institutionalisierten gesellschaftlichen Systemen, kann Demokratie nur funktionieren, wenn ihr System weitgehend durchlässig ist; das gilt für ihre »äußeren« Strukturen ebenso wie für ihre »inneren«. Dazu gehört eine demokratische Kommunikationskultur: klar formulierte Wert-Vorstellungen, die laufend hinterfragt und auch verändert werden können – durch Information, offene Auseinandersetzung und Dialog. Das bedeutet jedoch, das kollektive Tabu zu durchbrechen, indem die eigene Verstrickung durchschaut und die UDN-Kommunikation abgebaut wird.

Die Chancen gegen zunehmende rechtsextreme Gewalt liegt nicht in erster Linie im Kampf gegen rechtsextreme Jugendliche (gegen die erwachsenen »Führer« und die intellektuellen Hintermänner können die bestehenden Gesetze ausreichend sein, wenn sie entsprechend angewendet werden), sondern im Einsatz für eine tatsächliche und nicht nur rein formale Demokratie. Das allerdings beginnt im Alltag und in der Art und Weise, wie Gespräche – auch mit Gegnern – geführt werden. Auch die Gesprächskultur ist ein Maßstab dafür, wie weit die NS-Diktatur tatsächlich »vergangen« ist und nicht mehr Bestandteil unserer politischen Kultur ist.

Meine empirische Forschung und die daraus resultierenden theoretischen Überlegungen haben nun auch zu praktischer politischer Bildung geführt. Ein Geschworenenprozeß gegen fünf junge Männer – drei von ihnen zum Zeitpunkt der Tat noch Jugendliche – war im Mai 1993 mit bedingten Freiheitsstrafen zu Ende gegangen. Eine Woche später saß ich mit acht anderen, etwa gleichaltrigen jungen Männern, die als Mitläufer angeklagt waren, im Kursraum einer Volkshochschule. Man hatte ihnen einen Vorschlag unterbreitet: wenn sie bereit wären, an Gruppengesprächen über NS-Ideologie und NS-Geschichte teilzunehmen, würde ihr Prozeß ausgesetzt.

Was sich die acht jungen Männer – fünf von ihnen Lehrlinge, drei bereits ausgelernt – erwarteten, war rasch klar. Sie rechneten mit »Aufklärung« über den Nationalsozialismus, der üblichen moralischen Entrüstung und »Umerziehung«, wie sie es nannten. Daß ich das alles nicht tat, irritierte sie. Ich hielt keine Vorträge, sondern suchte Gespräch, vor allem über Ausländer und Gewalt – ihre wichtigsten Themen.

Ich betonte zwar immer wieder meine strikte Ablehnung ihrer Einstellung, bezeichnete diese aber kein einziges Mal als falsch oder unmoralisch. Es ging mir vor allem darum, die ihnen bekannte Kommunikation über diese heiklen Themen zu durchbrechen und zu vermitteln, daß es möglich ist, eine Meinung klar zu vertreten, ohne die Ansichten anderer abzuwerten oder aggressiv zu werden.

Immer wieder versuchten sie mich zu provozieren. Das gehört zum Schema: vor allem Jugendlichen geht es bei NS-Sprüchen um Provokation und nicht um das Deklarieren einer NS-Ideologie; offensichtlich gelingt es ihnen sonst nicht, Aufmerksamkeit und Reaktionen zu bekommen. Daher blieb ich bei meiner Linie: auf jede Äußerung ruhig und sachlich zu reagieren, nachzufragen und sie dazu zu bringen, mir ihren Standpunkt verständlich zu machen. Damit wollte ich ihnen zeigen, daß ich ihre Ansichten zwar nicht teile, sie aber ernst nehme – ein für sie völlig ungewohntes, sichtlich irritierendes Verhalten, da sie nur UDN- oder »bestenfalls« MA- bzw. EA-Kommunikation gewöhnt sind.

Da mir nur fünf Abende zur Verfügung standen, konzentrierte ich mich auf das Thema »Gewalt«. Durch meine Kommunikationsweise wollte ich vermitteln, daß gewaltfreie Kommunikation möglich ist. Darüber hinaus wollte ich ihnen, ohne ihre Schwächen und Fehler zu bagatellisieren, ihre Stärken bewußt machen, ihre Fähigkeiten anerkennen, und indem ich mit ihnen wie mit Gleichberechtigten sprach, ihr Selbstbewußtsein stärken. Zuerst hielten sie das für einen Trick, um sie »weichzumachen«, bei einigen zeigten sich jedoch allmählich Ansätze erstaunten »Vertrauens« in meine Aufrichtigkeit.

Seit damals habe ich regelmäßig Workshops abgehalten: für Lehrer/innen, Bewährungshelfer/innen, Therapeutinnen und Therapeuten, auch für Gewerkschafter/innen; ich versuche, ihnen meine Methode weiterzugeben, ihnen vor allem aber verständlich zu machen, wie sehr die eigene Verstrickung in die NS-Zeit (sei es auch nur indirekt durch die UDN-Vermittlung der Eltern und Großeltern) zu Projektionen eigener Vorstellungen und Ängste führt und die nötige Distanz erschwert, die gerade im Umgang mit Jugendlichen bei den Themen Rechtsextremismus, Gewalt und Ausländer- bzw. Fremdenfeindlichkeit unbedingt notwendig ist. Und daß Gegenpositionen nur dann eine Chance haben, wenn sie in demokratischer Form (= vor allem emotionales Ernstnehmen der gegnerischen Position), also durch gewaltfreie, offene Kommunikation vermittelt werden.

Anregungen zur »Erinnerungsarbeit«*

Was war oder ist die Haltung meiner Eltern/Großeltern zum Dritten Reich und insbesondere zu dem Unrecht, das den ganzen nationalsozialistischen Alltag mitbestimmte?

Woher und wie zuverlässig weiß ich, was ich diesbezüglich weiß?

Habe ich nachgeforscht, was in dem Ort passiert ist, in dem meine Familie damals lebte? Weiß ich, was meine Eltern/Großeltern von allem mitbekommen haben?

Ob sie sich dagegen gewehrt haben? Und wenn ja, wie das konkret aussah?

Weiß ich, ob meine Eltern/Großeltern eingeschritten sind, wenn Juden oder andere »Volksschädlinge« in ihrer Gegenwart gedemütigt, bedroht oder angegriffen wurden?

Habe ich überprüft, ob meine Eltern/Großeltern nicht zu den zahllosen Tätern gehörten?

Habe ich bei dieser Überprüfung meine eigenen Kriterien von Täter- und Mittäterschaft zugrundegelegt – unabhängig davon, was die Betroffenen mir sagten?

Weiß ich, wo mein Vater/Großvater an der Front war und welche NS-Verbrechen dort passierten – unabhängig von den »normalen« Kriegshandlungen?

Weiß ich, was mein Vater/Großvater davon gesehen bzw. mitgetragen hat?

Haben meine Eltern/Großeltern Trauer, Scham oder Reue über die NS-Vergangenheit gezeigt? Trauer, Scham oder Reue darüber, in dieser Zeit gelebt und sich nicht anders verhalten zu haben?

Haben sie durchblicken lassen, daß sie sich so nicht wieder verhalten wollen?

Wie haben sie diese Absicht gegebenenfalls unter Beweis gestellt?

Bin ich schon einmal dem Gedanken nachgegangen, daß meine Wahrnehmung der politischen Entwicklung, mein politisches Denken und Fühlen, von meinen Eltern geprägt wurde? Daß deren Haltung zum Nationalsozialismus somit auch mich beeinflußt?

Wie fühle ich mich bei diesem Gedanken?

* Vgl. Rottgart, E. (1993), Das Gespenst lebt noch … Einbettung des Rechtsextremismus in Deutschland. Wissenschaft und Frieden, 11, Nr. 1, S. 54

Albert Fuchs

Literatur

Bauriedl, Thea: Die Wiederkehr des Verdrängten. Psychoanalyse, Politik und der Einzelne. Piper 1988.

Bergedrofer Gesprächskreis: Hemmen Tabus die Demokratisierung der deutschen Gesellschaft? 1965.

Ebbingshaus, Angelika (Hg): Opfer und Täterinnen. Frauenbiographien des Nationalsozialismus. Delphi Politik 1987.

Eckstaedt, Anita: Nationalsozialismus in der »zweiten Generation«. Psychologie von Hörigkeitsverhältnissen. Suhrkamp 1989.

Focke, Harald/ Reimer, Uwe: Alltag unterm Hakenkreuz. Rowohlt 1979.

Gravenhorst, Lerke/Tatschmurat, Carmen (Hg): TöchterFragen – NS-Frauengeschichte. Kore Verlag 1990.

Hauer, Nadine: Die Mitläufer Oder die Unfähigkeit zu fragen. Auswirkungen des Nationalsozialismus auf die Demokratie von heute. Leske+Budrich 1994.

Heimannsberg/ Schmidl (Hg): Das kollektive Schweigen. NS-Vergangenheit und gebrochene Idenität in der Psychotherapie. Asanger Verlag 1988.

Heinemann, Karl- Heinz/Schubarth, Wilfried (Hg): Der antifaschistische Staat entläßt seine Kinder. Jugend und Rechtsextremismus in Ostdeutschland. Köln 1992.

Müller-Hohagen, Jürgen: Verleugnet, verdrängt, verschwiegen. Die seelischen Auswirkungen der Nazizeit. Kösel 1988.

Sichrovsky, Peter: Schuldig geboren. Kinder aus Nazifamilien. Kiepenheuer & Witsch 1987.

Westernhagen, Dörte: Die Kinder der Täter. Das Dritte Reich und die Generation danach. Kösel 1987.

Nadine Hauer ist Politologin und Journalistin in Wien

in Wissenschaft & Frieden 1995-3: Gewitter über Paris

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