in Wissenschaft & Frieden 1995-2: Hiroschima und Nagasaki

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Das Uran-Projekt

Handlung, Intention und die deutsche Atombombe

von Mark Walker

Die Geschichte des »Uran-Projektes« ist die ebenso interessante wie frustrierende Geschichte der deutschen Erforschung der wirtschaftlichen und militärischen Ausnutzung der nuklearen Spaltung während des Krieges. Wissenschaftler und Gelehrte sehen es als schwierig – wenn nicht sogar unmöglich – an, sich auf eine Interpretation dieser Forschungsarbeiten zu einigen. Dabei spielt es keine Rolle, wie viele historische Beweise zutage gefördert wurden oder wie sorgfältig sie untersucht wurden. Dieses Kapitel der Geschichte ist politisiert worden, da es zum einen im Schatten des nationalsozialistischen Regimes stattfand und zum anderen wegen des seit Kriegsende angsteinflößenden Gespenstes des Atomkrieges. Das Problem unseres historischen Verständnisses dieser Forschungsarbeiten jedoch liegt tiefer und ist das Ergebnis unserer kollektiven Unfähigkeit, deutlich und konsequent zwischen Intention und Handlung zu unterscheiden – zwischen dem, was hätte geschehen können, und dem, was geschehen ist. Die vorliegende Abhandlung wird diese Unterscheidung vor allem durch eine Darstellung der Geschehnisse während des Krieges deutlich herausstellen; dabei wird auf Spekulationen hinsichtlich der Motivationen einzelner Akteure entschieden verzichtet. Erst nach dieser Beschreibung wird die Frage der Intention, die Frage, was hätte geschehen können, wenn alles anders abgelaufen wäre, behandelt.

Handlung

Die Entdeckung der nuklearen Spaltung durch Otto Hahn und Fritz Straßmann gegen Ende des Jahres 1938 und die darauffolgende theoretische Erläuterung des Phänomens durch ihre frühere Kollegin Lise Meitner und andere überraschte die Wissenschaft. Als dieses Ergebnis veröffentlicht wurde, widmeten sich jedoch sehr viele Wissenschaftler unterschiedlicher Nationalitäten dem Problem mit Enthusiasmus.

Diese übersteigerten Bemühungen, die nukleare Spaltung zu verstehen und zu beherrschen, waren das Ergebnis der üblichen Kräfte, welche Forschung vorantreiben: wissenschaftliche Neugier und beruflicher Ehrgeiz

Das große Interesse an Uran war schwer zu kontrollieren, selbst am Vorabend des Zweiten Weltkrieges. Der Schleier der Geheimhaltung fiel erst auf die Nuklearforschung, als die wichtigsten Ergebnisse bereits veröffentlicht worden waren. Isotopisches 235Uran konnte mit langsamen Neutronen gespalten werden, während isotopisches 238Uran diese gewöhnlich absorbierte. Bei der Spaltung von Urankernen wurden zwei oder mehr Neutronen freigesetzt. Da sich diese Neutronen mit hoher Geschwindigkeit bewegten, war eine energieproduzierende Atomspaltungskettenreaktion möglich. Ein Atomreaktor, bestehend aus Uran und einem Moderator, konnte eine solche Kettenreaktion kontrollieren und so nukleare Energie erzeugen. Bei der Absorption von Neutronen durch 238Uran fand eine schrittweise Umwandlung in transuranische Elemente (Neptunium und Plutonium) statt, die wahrscheinlich ebenso spaltbar waren wie 235Uran.

Schließlich hielten Wissenschaftler aller Staaten eine Veröffentlichung ihrer wichtigsten Ergebnisse zurück. Ihre Forschungsarbeiten wurden jedoch erst durch den Krieg unmöglich gemacht. In der Folge wurde die Arbeit in Frankreich und in der Sowjetunion bis zur deutschen Invasion fortgeführt. Nach dem deutschen Angriff auf Polen im September 1939 wurden die meisten Bereiche der Nuklearforschung in allen Staaten von der jeweiligen Regierung und somit vom Militär kontrolliert. In Deutschland wurden einige Dutzend Wissenschaftler vom Heereswaffenamt verpflichtet, das wirtschaftliche und militärische Potential der Kernspaltung zu untersuchen. Einige dieser Wissenschaftler waren mit der Uranforschung bereits vertraut, andere nicht. Viele der Wissenschaftler wurden zwangsrekrutiert; da das Uran-Projekt jedoch unter der Aufsicht des Heereswaffenamtes stand, waren sie so in der Lage, eine Form des Kriegsdienstes – die Arbeit mit Uran – gegen eine andere einzutauschen. Das Heereswaffenamt übertrug den Wissenschaftlern eine ganz spezielle Aufgabe: Sie sollten ermitteln, ob Atomwaffen – von welcher Seite auch immer – rechtzeitig entwickelt werden könnten, um den Ausgang des Krieges zu beeinflussen. Dieser Auftrag enthielt jedoch ein subjektives Element, da »rechtzeitig« davon abhängig war, wie der Beobachter, und insbesondere das Heereswaffenamt, die Dauer des Konfliktes einschätzte. Während des Blitzkrieges von September 1939 bis zu den letzten Monaten des Jahres 1941 kamen die deutschen Wissenschaftler, die gemeinsam am Uran-Projekt arbeiteten, zu dem Schluß, das nukleare Sprengstoffe in Form von reinem 238Uran und Plutonium durch Isotopentrennung beziehungsweise einen Nuklearreaktor erzeugt werden könnten. Während dieser Phase glaubte die überwiegende Mehrheit der deutschen Bevölkerung – und höchstwahrscheinlich auch die Wissenschaftler – jedoch an ein baldiges Ende des Krieges und einen deutschen Sieg.

Sobald die Beteiligten am Uran-Projekt zu wichtigen Ergebnissen gelangt waren, teilten sie diese dem Heereswaffenamt mit und betonten zugleich die Relevanz der Ergebnisse im Hinblick auf die Herstellung atomarer Waffen. Werner Heisenberg hatte z. B. gegen Ende des Jahres 1939 dem Heereswaffenamt mitgeteilt, daß isotopisches 235Uran ein starker atomarer Sprengstoff wäre. Im Sommer 1940 meldete Carl Friedrich von Weizsäcker an die gleiche Stelle, daß ein spaltbares transuranisches Element (welches die Deutschen in der Folge als Plutonium erkannten) in einem Atomreaktor erzeugt werden könne. Zu einem späteren Zeitpunkt des gleichen Jahres bezog Otto Hahn sich auf die militärische Bedeutung der Arbeit von Weizsäckers, als er dem Heer deutlich machte, daß die Erforschung transuranischer Elemente in seinem Institut Unterstützung verdiente.

Die Arbeit des deutschen Uran-Projektes während des Blitzkrieges war dem amerikanischen Atomwaffenprojekt ebenbürtig. Mit einigen Ausnahmen befaßten sich beide Seiten mit den gleichen Problemen, fanden dieselben Lösungen und kamen zu den gleichen Ergebnissen. Somit teilten nicht nur diese Wissenschafter ihre Ergebnisse dem Heereswaffenamt ohne Verzögerung mit; die gleichen Ergebnisse wurden fast zur gleichen Zeit von ihren amerikanischen Kollegen der Regierung der Vereinigten Staaten mitgeteilt. Es existiert kein Beweis dafür, daß ein deutscher Wissenschaftler seine Arbeit falsifiziert, verzögert oder dem Heer des nationalsozialistischen Staates vorenthalten hätte. Ebenso existiert kein Beweis, daß diese Wissenschaftler während des Blitzkrieges ihre Arbeit als relevant für den in Europa wütenden Konflikt ansahen.

Das Ende des Blitzkrieges verwandelte das Uran-Projekt weder in eine mit aller Kraft vorangetragene Bemühung, atomare Waffen zu entwickeln und herzustellen, noch wurde das Projekt auf die sogenannten friedlichen Nutzungen atomarer Energie beschränkt. Im Januar 1942 fragte das Heereswaffenamt die Wissenschaftler des Projektes zum ersten und letzten Mal, ob Atomwaffen realisierbar seien und wann mit ihnen zu rechnen sei. Die Wissenschaftler stimmten zu, daß Atomwaffen erzeugt werden könnten, daß dies aber mindestens einige Jahre in Anspruch nehmen würde.

Der Leiter der Forschungsabteilung des Heereswaffenamtes Erich Schumann kam zu dem berechtigten Schluß, daß die Nuklearforschung für den Krieg, den Deutschland führte, irrelevant war und gab das Uran-Projekt in zivile Hände.

Die Arbeit wurde im Labor von etwa fünfzig vollzeit- oder teilzeitbeschäftigten Forschern fortgeführt; man untersuchte alle Aspekte der angewandten Kernspaltung. Diese Wissenschaftler waren insbesondere bemüht, die beiden starken nuklearen Sprengstoffe 235Uran und Plutonium zu analysieren und zu erzeugen.

Während die Deutschen bis zum Winter 1941/1942 grundsätzlich mit ihren amerikanischen und britischen Kollegen Schritt halten konnten, fielen sie jetzt rapide zurück, da die Nuklearforschung in den Vereinigten Staaten die Laborebene verließ und in die Industrie wanderte.

Obwohl die Deutschen weiterhin sehr hart an Atomreaktoren und der Isotopentrennung arbeiteten, konnten sie erst am Ende des Krieges die Ergebnisse vorweisen, zu denen Amerikaner und Briten bereits im Sommer 1942 gelangt waren. Die deutschen Wissenschaftler betonten gegenüber dem nationalsozialistischen Staat auch weiterhin den militärischen Aspekt ihrer Arbeit.

Paul Harteck versuchte 1942 das Heereswaffenamt zu überzeugen, daß die Erforschung der Isotopentrennung mehr Unterstützung verdiene, da sie die besten Aussichten auf die Erzeugung nuklearer Sprengstoffe böte. Im Februar desselben Jahres hielt Werner Heisenberg einen berühmten Vortrag über »Die theoretische Grundlage für die Energieerzeugung durch Uranspaltung« vor einem Publikum führender Vertreter der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei, der Staatsbürokratie, der Streitkräfte und der deutschen Industrie. Einerseits teilte Heisenberg dem Publikum mit, daß 235Uran und Plutonium nukleare Sprengstoffe mit einer „vollkommen unvorstellbaren Wirkung“ seien, auf der anderen Seite betonte der Physiker jedoch, daß die Gewinnung dieser Sprengstoffe sehr schwierig sei und daß noch viel Arbeit vor ihnen liege.

Die Mitarbeiter des Uran-Projektes ließen die Arbeit an diesen Stoffen nie ruhen. Als sich jedoch mit fortschreitender Zeit die Lage der Deutschen im Krieg verschlechterte, wurde die militärische Nutzung der Kernspaltung nicht mehr in der Öffentlichkeit diskutiert.

Bei Kriegsende wurden die meisten dieser Wissenschaftler verhaftet und von der Alsos-Mission verhört, einer wissenschaftlichen Geheimdiensttruppe der amerikanischen Streitkräfte. Ironischerweise glaubten die Deutschen, daß ihre Errungenschaft – die vollständige Trennung kleinster Mengen von 235Uran und ein Atomreaktor bestehend aus natürlichem Uran und schwerem Wasser, welche fast kritisch wurde (d.h. er ermöglichte beinahe eine Atomspaltungskettenreaktion und hielt diese aufrecht) – die Alliierten überflügelt hätte. Die Amerikaner hemmten das deutsche Gefühl der Überlegenheit nicht, aber sie erzeugten es ebensowenig.

Die deutschen Wissenschaftler änderten abrupt ihre Meinung, als die Nachricht des Angriffs auf Hiroshima enthüllte, daß die Amerikaner Atomwaffen gebaut und eingesetzt hatten. Zehn dieser Wissenschaftler waren in England interniert. Sie wollten die Nachricht zunächst nicht glauben. Sogar nachdem sie überzeugt waren, daß die Amerikaner eine Atombombe gebaut hatten, hielten die Deutschen in Farm Hall untereinander an ihrer Argumentation fest, daß einige Aspekte ihrer Arbeit der Arbeit der Amerikaner überlegen sein könnten.

Nach und nach, als immer mehr Informationen über das amerikanische Projekt zu ihnen durchdrangen, mußten sie zugeben, daß die Amerikaner sie übertroffen hatten.

Intention

Handlungen sind natürlich nicht alles. Intentionen sind ebenfalls von Bedeutung. Wir wollen wissen, warum etwas getan wurde, nicht nur, was geschehen ist. Intentionen sind jedoch viel schwieriger zu bestimmen als Handlungen; und vor allem sind Intentionen nicht immer relevant. So besteht z.B. zwischen den folgenden Fragenpaaren ein großer Unterschied: (1) „Haben sie die Alliierten vor der Gefahr der deutschen Atomwaffen gewarnt?“ und „Würden sie die Alliierten vor der Gefahr der deutschen Atomwaffen gewarnt haben?“; (2) „Haben sie nur an den friedlichen Einsätzen atomarer Energie gearbeitet?“ und „Würden sie nur an den friedlichen Einsätzen atomarer Energie gearbeitet haben?“; (3) „Haben diese Wissenschaftler vor Hitler Atomwaffen verschwiegen?“ und „Würden diese Wissenschafter Atomwaffen vor Hitler verschwiegen haben?“.

Für die ersten Fragen dieser Paare können Handlungen eine Antwort bieten, Intentionen sind irrelevant. Deutsche Wissenschaftler haben die Alliierten niemals vor der Gefahr deutscher Atomwaffen gewarnt, aus dem einfachen Grund, weil sie wußten, daß keine Gefahr bestünde, daß solche Waffen vor Beendigung des Krieges entwickelt und eingesetzt werden könnten. Einige Beteiligte am Uranprojekt haben ihre Forschungen mit ausländischen Kollegen diskutiert und brachten ihre ambivalente Einstellung im Hinblick auf mögliche Konsequenzen für die Zukunft zum Ausdruck. Sie behaupteten jedoch niemals, daß sie oder ihre Kollegen die Nationalsozialisten mit Atomwaffen versorgen würden – weder zu diesem Zeitpunkt noch in naher Zukunft.

Die deutschen Wissenschaftler konnten nicht ausschließlich an den friedlichen Nutzungen nuklearer Energie arbeiten, da wirtschaftliche und militärische Nutzungen miteinander in Verbindung stehen. Wie alle Beteiligten des Uran-Projektes wußten, konnten die Techniken der Isotopentrennung, die sie verbesserten, sowohl Uran für die Nutzung in einem Uran-Leichtwasserreakor anreichern als auch reines 235Uran, einen Atomsprengstoff, erzeugen; die Kernreaktoren, die sie herstellten, würden Plutonium als Nebenprodukt jeder andauernden Kettenreaktion produzieren.

Schließlich verschwiegen diese Wissenschaftler Atomwaffen nicht vor Hitler. Statt dessen führten sie die Forschungen durch, mit denen man sie beauftragt hatte. Sie machten ihre Arbeit gut, vergleichbar mit der Arbeit der Alliierten, und sie teilten ihre Ergebnisse sofort dem Heereswaffenamt mit. Es war dann die nationalsozialistische Regierung, die beschloß, die Uranforschung auf der Laborebene einzufrieren und so sicherzustellen, daß diese Wissenschaftler bis zur Beendigung des Krieges nur bescheidene Ergebnisse erlangen konnten. Die deutschen Uranwissenschaftler gaben Hitler keine Waffen; dies bedeutet jedoch nicht, daß sie die Waffen vor ihm verschwiegen.

Für die zweite Frage der obengenannten Paare können Handlungen keine Antwort bieten, da sie die Frage stellen, was diese Wissenschaftler getan hätten, wenn alles anders verlaufen wäre. Intentionen sind aus demselben Grund irrelevant.

Ob diese Wissenschaftler die Welt zu warnen versucht hätten, wenn die Gefahr deutscher Atomwaffen bestanden hätte, ob sie sich entschlossen hätten, nur auf der friedlichen Seite dieser Forschung zu arbeiten, wenn es möglich gewesen wäre, und ob sie getan hätten, was nötig gewesen wäre, um Atomwaffen vor Hitler zu verschweigen, wenn die Möglichkeit bestanden hätte, daß er sie hätte bekommen können – diese Fragen liegen außerhalb der Grenzen von Geschichtswissenschaft. Niemand weiß mit Sicherheit, was sie getan hätten; dies bedeutet wiederum, daß niemand leugnen kann, sie hätten das Richtige getan; und niemand kann beweisen, daß sie dies getan hätten. Es ist noch nicht einmal klar, daß man sich darauf geeinigt hätte, was das »Richtige« gewesen wäre.

Es gibt keine Kombinationsmöglichkeit für den Bereich der Handlung und der Intention, die uns helfen könnte, diesen Teil der Geschichte zu verstehen.

Historiker können nach den Motivationen dieser Wissenschafter für ihre Taten fragen, nicht danach, was sie getan hätten, wenn alles anders verlaufen wäre. Selbst in diesem Fall wußte niemand mit Sicherheit, welche Motive sie hatten, aber wir können uns wenigstens der historischen Fakten ihrer Handlungen bedienen, um eine plausible Erklärung ihrer Intention zu konstruieren.

Die Tatsache, daß diese Wissenschaftler ihre Arbeit an der angewandten Kernspaltung ohne Unterbrechung fortsetzten und – in einigen Fällen – ausländische Kollegen über ihre Forschung informierten, läßt darauf schließen, daß wenigstens einige der Wissenschaftler des Uran-Projektes ihrer Arbeit ambivalent gegenüberstanden. Sie sorgten sich nicht genug, um aufzuhören, aber sie waren besorgt. Dies ist in der Tat ein begründeter Schluß – unter der Voraussetzung, daß sie an mächtigen neuen Energiequellen und Sprengstoffen für die nationalsozialistische Regierung während des Zweiten Weltkrieges arbeiteten und daß die überwiegende Mehrheit der deutschen Wissenschaftlergemeinschaft für den Krieg mobilgemacht worden war. Es wäre überraschender gewesen, wenn sie keine Bedenken dem Uran-Projekt gegenüber gehabt hätten oder wenn sie sich ad hoc geweigert hätten, am Projekt teilzunehmen.

Die Tatsache, daß diese Wissenschaftler in ihren technischen Berichten demonstrierten, daß sie die Dualität von Kernenergie und Atomwaffen erkannten und mit einigen Ausnahmen – wie 1942 Heisenberg – gewöhnlich nur von der friedlichen Nutzung der Kernspaltung sprachen, legt nahe, daß sie dem zerstörerischen Potential ihrer Forschung ambivalent gegenüberstanden.

Diese Aussicht sorgte sie nicht in dem Maße, daß sie ihre Arbeiten beendeten; es erfüllte sie jedoch auch nicht mit Enthusiasmus.

Die letzte Frage ist vielleicht die beunruhigendste, da diese Wissenschaftler ohne Ausnahme das taten, was ihre Regierung ihnen befohlen hatte. Sie taten es nach bestem Wissen und leiteten ihre Informationen sofort an die verantwortlichen militärischen und zivilen Vorgesetzten weiter. Es existiert kein Beweis dafür, daß ein Beteiligter des Uran-Projektes eine gestellte Aufgabe nicht erfüllt hätte, weder wegen der Regierung, der er diente, noch wegen des zerstörerischen Potentials seiner Forschung. Es existiert kein Beweis, daß ein Beteiligter bewußt minderwertige Arbeit geleistet hätte oder sie verlangsamt hätte; und es gibt keinen Beweis, daß ein Beteiligter seine Ergebnisse Vorgesetzten vorenthalten hätte.

Wie andere Fragen gezeigt haben, gibt es keinen Grund zu bezweifeln, daß diese Wissenschaftler ihrer Arbeit ambivalent gegenüberstanden, die Frage nach der Ämbivalenz stellt sich hier jedoch nicht, eher die Frage nach dem Gehorsam: Wenn sie Atomwaffen rechtzeitig hätten herstellen können, so daß die deutschen Streitkräfte sie hätten nutzen können, und wenn sie gefragt worden wären oder man ihnen befohlen hätte, dies zu tun, was hätten sie getan? Niemand kann diese Frage beantworten, nicht einmal die Wissenschaftler selbst.

Anmerkung

Dieser Artikel ist ein Vorabdruck aus dem Buch „Der Griff nach dem atomaren Feuer. Die Wissenschaft 50 Jahre nach Hiroshima und Nagasaki“. Herausgegeben von U. Albrecht, U. Beisiegel, R. Braun und W. Buckel, Frankfurt a.M., Berlin, Bern, New York, Paris, Wien 1995. Es wird Ende diesen Jahres im Peter Lang Verlag erscheinen. Wir danken dem Autor, dem Verlag und der Herausgeberschaft für die Abdruckgenehmigung.

Mark Walker studierte Mathematik und Geschichte. Er lehrt am Union College in New York.

in Wissenschaft & Frieden 1995-2: Hiroschima und Nagasaki

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