in Wissenschaft & Frieden 1995-2: Hiroschima und Nagasaki

zurück vor

Die Faszination unserer Arbeit nahm uns gefangen

Auszüge aus den Memoiren von Victor Weisskopf

von Victor Weisskopf

„Für uns war es eine grandiose Periode, aber wir hatten auch das furchtbare Zerstörungspotential unseres Werks zu bedenken.“

„Bohr wich den problematischsten Aspekten unserer wissenschaftlichen Tätigkeit nicht aus – dem Einsatz der Wissenschaft bei Tod und Zerstörung.“

„Nach unserer Überzeugung durften Atomwaffen keines- falls nationaler Kontrolle überlassen werden.“

„Was auch immer in Europa geschah, wir wußten, daß unsere Arbeit vollendet werden mußten.“

„Dennoch habe ich rückblickend oft Enttäuschung darüber empfunden, daß mir damals der Gedanke an Aufhören gar nicht gekommen ist.“

Die spezifische Arbeit, mit der wir in Los Alamos beschäftigt waren, und die dabei dringend gebotene Eile verlangten von uns, auf eine den meisten ungewohnte Weise vorzugehen. Wir pflegten normalerweise allein oder in ganz kleinen Gruppen zu arbeiten. Jetzt aber wurde umfassende Teamarbeit erforderlich, auch unter den theoretischen Physikern. Zum Glück hatten wir uns noch nicht in starren Praktiken und Denkmustern festgefahren, die ältere Wissenschaftler vielleicht behindert hätten. Gruppen von etwa zwölf Personen mußten an einem spezifischen, klar definierten Thema eng zusammenarbeiten. In jedem dieser Teams gab es immer einen oder mehrere, die eine mehr tonangebende Rolle spielten. Sie steuerten die meisten Ideen bei, waren einfallsreicher bei der Umschiffung von Klippen, trieben an, wenn die Probleme unüberwindlich erschienen, und zeigten Führungsqualitäten.

Kooperation verlieh unserem Projekt einen bestimmten Charakter und erhöhte die Herausforderung und Spannung beträchtlich. In den auf Los Alamos folgenden Jahren wurde die Grundlagenforschung in der nicht angewandten Physik häufig in dieser Form betrieben. In den Nachkriegsjahren machten die komplizierten, riesigen neuen Geräte, wie die gewaltigen Beschleuniger, und die schwierige Datenverarbeitung häufig umfangreiche Teams unerläßlich. Unsere Erfahrung half, den Übergang zu erleichtern.

Oppenheimer, ein ungewöhnlich inspirierender Projektleiter, besaß eine außerordentliche Begabung, die Kernpunkte eines Problems zu erfassen, auch wenn es sich um ein ihm fremdes Spezialgebiet handelte. Seine Fähigkeit, die Antwort parat zu haben, bevor man die Frage vollends formuliert hatte, verhalf ihm zu einer umfassenden Kenntnis aller interessanten Vorkommnisse auf dem Hügel. Er war imstande, seine persönlichen Sympathien und Antipathien zu unterdrücken und seine allgemein bekannte Ungeduld zu zügeln bei Leuten, die Gedankengänge nicht so schnell erfaßten wie er.

Wann immer eine wichtige technische Diskussion über ein Problem stattfand, tauchte Oppie aus dem Nichts auf und half bei der Lösung. Wann immer ein Experiment ein entscheidendes Stadium erreichte, war Oppie zur Stelle, selbst um drei Uhr morgens. Jeder spürte seine aufmunternde Art, seine Hilfsbereitschaft und sein Interesse an jeder persönlichen Leistung. (In dieser Hinsicht wurde er für mich zum Modell für meine neue Rolle, als ich viele Jahre später zum Direktor von CERN in Genf ernannt wurde.)

Wir stimmten alle darin überein, daß wir an einer faszinierenden Aufgabe arbeiteten. Die Temperaturen, mit denen man im Zentrum der Explosion rechnete, lagen bei annähernd dreihundert Millionen Grad, etwa das Zehnfache der im Zentrum der Sonne herrschenden. Der Druck war um viele tausendmal größer als ein jemals in einem Labor erzeugter. Wie konnten wir voraussagen, was passieren würde, wie hoch die Expansionsgeschwindigkeit wäre oder wie sich Materie unter diesen Bedingungen verhalten würde? Wir konnten darauf keine Antwort bekommen, indem wir diese Bedingungen im Labor simulierten. Alles, was wir hatten, waren phantasievolle Mutmaßungen. Wenn wir unsere Kenntnisse aufs äußerste extrapolierten, konnten wir uns einigermaßen vorstellen, was geschehen würde. Zusätzlich bemühten wir uns, den Rat der sachkundigsten Spezialisten für Stoßwellen und für Hochdruck- und thermodynamische Erscheinungen einzuholen.

Sir Geoffrey Taylor kam aus London, um mit uns über Explosionen, Stoßwellen und Instabilitäten in der Bewegung von Materie zu reden. Aber kein Experte hatte jemals mit solchen Extremen von Druck und Temperatur zu tun gehabt. Es war die Stunde der theoretischen Physiker. Wir hatten das Verhalten von Materie unter äußerst ungewöhnlichen Bedingungen zu berechnen. Die verfügbare Kenntnis über die Struktur von Materialien aber stellt für die Vorhersage von Werkstoffeigenschaften nur dann eine verläßliche Richtschnur dar, wenn die Bedingungen nicht zu weit von der Norm abweichen.

Deshalb war die theoretische Abteilung in Los Alamos so wichtig. Wir versuchten, die besten Leute zu bekommen. Hans Bethe war Abteilungsleiter, ferner hatten wir Enrico Fermi, Robert Christy vom California Institute of Technology, Edward Teller, Philip Morrison aus Berkeley und später Rudolf Peierls aus England. Mein alter Freund Placzek kam, und Robert Marshak stieß aus Montreal zu uns, wo er an einem britisch-kanadischen Projekt arbeitete.

Richard Feynman war als junger Mann ebenfalls in Los Alamos. Später wurde er einer der ersten theoretischen Physiker unserer Zeit. Ungeachtet seiner Jugend, fiel er bereits durch raschen, kreativen Verstand auf; bei der Lösung schwieriger Probleme erwies er sich als überaus nützlich. Auch mit seinem Charme, seiner Heiterkeit und Warmherzigkeit war er ein Gewinn für unsere Gruppe. Er war äußerst witzig und als Erfinder lustiger Streiche unschlagbar. Zum Beispiel konnte er unsere Rechenmaschinen auf rhythmisches Klappern programmieren, das einen gerade populären Schlager simulierte. Er war auch Experte beim Öffnen von verschlossenen Safes, eine Fähigkeit, die das Militärpersonal gar nicht schätzte. Für unsere Kinder, die ihn anbeteten, war er der spaßigste Mensch der Welt und ihr liebster erwachsener Spielgefährte.

Feynmans spätere Beiträge zur Wissenschaft waren enorm. Die moderne Feldtheorie wäre ohne seine maßgebende Mitwirkung undenkbar. Er lieferte auf fast allen Gebieten der Physik fruchtbare Denkanstöße. Ich wüßte nur einen Theoretiker, der sich mit Feynman vergleichen ließe, nämlich Lew Landau. Was mich an Feynman beeindruckte, war sein intuitives Verständnis für Physik ebenso wie seine Sachkenntnis in mathematischem Formalismus. Nach dem Krieg fuhr ich häufig nach Pasadena, wo er als Professor am California Institute of Technology arbeitete, und bat ihn, mir dieses oder jenes physikalische Problem zu erklären. Er war stets bereit, über alles mit mir zu diskutieren, und schaffte es immer, dafür genau die richtige Sprache zu benutzen, unter Auslassung mathematischer Verschlingungen. Er wußte, was bei mir ankam. Bedauerlicherweise starb er zu früh, ebenso wie Landau. (Feynman starb 1988 im Alter von siebzig Jahren.) Es wird lange dauern, bis wir wieder einen so hochbegabten, schöpferischen Kopf in unseren Reihen haben werden. Über meine Bewunderung für seine wissenschaftlichen Fähigkeiten hinaus hatte ich ihn ins Herz geschlossen und vermisse ihn.

In Los Alamos gab es Schwierigkeiten mit Edward Teller, der hartnäckig verlangte, die Wasserstoffbombe (H-Bombe) gleichzeitig mit der Atombombe, an der wir arbeiteten, zu entwickeln. Oppenheimer mußte ihm schließlich eine Spezialabteilung mit ein paar Mitarbeitern zubilligen für sein Projekt der »Superbombe«, wie wir die H-Bombe damals nannten. Ich hatte einen persönlichen Konflikt mit Teller, als Bethe mich bat, als stellvertretender Abteilungsleiter zu fungieren. Edward behauptete, er sei der bessere Physiker und hätte die Stellung bekommen müssen. Ich versuchte nicht, das abzustreiten, wies ihn jedoch darauf hin, daß Hans vermutlich mich ausgewählt habe, weil ich besser mit Menschen umgehen konnte. Teller wurde politisch immer konservativer, so daß sich unsere Freundschaft auch in späteren Jahren nicht halten ließ.

Wir erwarteten die erste Sendung Plutonium aus Hanford irgendwann 1944. Es handelte sich um ein Körnchen von vielleicht einem Millimeter Durchmesser. Bis dahin waren die von Beschleunigern oder anderen Geräten erzeugten Plutoniummengen so gering, daß die physikalischen Eigenschaften nicht bestimmt werden konnten. Wir waren uns nur über eine Tatsache sicher: Das Plutoniumatom hat vierundneunzig Elektronen. Diese Zahl bestimmt praktisch die meisten Eigenschaften des Atoms. Auf der Grundlage der Quantenmechanik ist unsere Kenntnis der Atomstruktur so weitreichend, daß die Ordnungszahl es im Prinzip ermöglichen sollte zu berechnen, wie sich die Atome zu dem von uns Plutonium genannten Element verbinden, und einige seiner chemischen Eigenschaften abzuleiten. In diesem Sinne bestimmt Quantität die Qualität, doch das trifft nur im Prinzip zu. In Wirklichkeit sind solche Berechnungen äußerst kompliziert und in keiner Weise zuverlässig durchzuführen. Atomphysiker sagten voraus, daß Plutonium ein Metall sein müsse, mit einem spezifischen Gewicht von etwa achtzehn Gramm pro Kubikzentimeter, von bräunlicher Farbe, mit dieser bestimmten Elastizität sowie elektrischen und Wärmeleitfähigkeit usw.

Als das Plutonium eintraf, hielt ich das erste Körnchen, das wir je gesehen hatten, in der Hand. (Ich hätte das der Radioaktivität wegen wohl nicht tun dürfen, aber es war ein derart minimales Quantum, daß es keinerlei schädliche Wirkung hatte.) Es war tatsächlich ein schweres, bräunliches Metall und besaß die Eigenschaften, die meine Kollegen aus der Zahl vierundneunzig abgeleitet hatten. Das bestärkte uns in unserem Vertrauen in die Kraft wissenschaftlicher Erkenntnis.

(…)

Die Faszination unserer Arbeit nahm uns gefangen. Nie zuvor hatten meine Kollegen und ich eine Zeit erlebt, in der wir so viel lernten, so viele neue Erkenntnisse über die Struktur der Materie in all ihren Erscheinungsformen gewannen. Für uns war es eine grandiose Periode, aber wir hatten auch das furchtbare Zerstörungspotential unseres Werks zu bedenken. Wissenschaftliche Untersuchungen basierten auf der Erfahrung mit gewöhnlichen Bomben, so daß schwer vorauszusagen war, was geschehen würde, wenn die Sprengkraft mindestens tausendmal größer wäre.

Wir versuchten, das Ausmaß an Zerstörung zu bestimmen, die Anzahl der Opfer, falls die Bombe über einer Stadt detonierte, und die potentiellen Strahlungsschäden für Menschen, Tiere und Boden. All dies erforderte sorgfältige Untersuchungen in unseren Labors und an unseren Schreibtischen. Unter den gegebenen Umständen vermochten wir es nicht, den moralischen Problemen unserer Arbeit ins Auge zu sehen, auch wenn wir sie erkannten. Es läßt sich nicht leugnen, daß ständige Diskussionen über die durch Feuer und Strahlenkrankheit verursachten Schäden und über die Millionen von Toten eine zunehmende Abstumpfung gegenüber diesen grauenhaften Konsequenzen bewirkte.

Manchmal, vielleicht mitten in der Nacht, wurden sich einige von uns plötzlich des Horrors bewußt, der durch unsere Arbeit ausgelöst werden konnte, doch wir waren auch überzeugt, daß unser Tun wichtig war, um die Welt vor den Schrecken des Nazismus zu retten, und das hielt uns aufrecht. Ich habe mich oft gefragt, wie wir mit dem Problem umgegangen wären, wenn wir gewußt hätten, daß seitens der Nazis kein ernsthafter Wettlauf um die Bombe stattfand.

(…)

Eines Tages wurde ich gebeten, zur nächsten Bahnstation in Lamy, New Mexico, zu fahren und drei britische Wissenschaftler abzuholen. Man sagte mir nicht, um wen es sich dabei handelte, und ich hoffte, daß sie mein leichter österreichischer Akzent nicht stören würde. Als der Zug hielt, stiegen drei Personen aus, die ich auf der Stelle erkannte. Die »Engländer« entpuppten sich als Rudolf Peierls und Francis Simon, beide aus Deutschland stammend, und Egon Bretscher, gebürtiger Schweizer.

Die meisten von uns arbeiteten härter als je zuvor, doch wir hatten auch ein gewisses Maß an Geselligkeit und Unterhaltung. Das Leben in Los Alamos bot mehr als nur die Arbeit an dem Projekt und die Diskussionen über dessen Verästelungen. Ab und zu fuhren wir nach Santa Fe, um in den guten Buchhandlungen herumzustöbern oder im Restaurant La Placita unter dem Sternenhimmel köstlich zu speisen. Unsere Gemeinschaft, dieser internationale Kreis überaus kreativer Menschen, war ungewöhnlich, und auch unsere zwanglosen geselligen Zusammenkünfte gestalteten sich stets höchst anregend und interessant. Hauptthema unserer Gespräche blieb der Kriegsverlauf, aber daneben unterhielten wir uns ausgiebig über Musik, Theater und Sport.

Kinder wuchsen hier unter geradezu idealen Bedingungen auf. Auf den Straßen herrschte nicht viel Verkehr, und der Schutzzaun um das Gelände bewahrte sie davor, sich zu verlaufen. Sie hatten eine Menge gleichaltriger Spielgefährten und die herrlichsten Gelegenheiten zum Wandern, Skifahren und Herumtollen. Die Schule war ausgezeichnet, den Unterricht hatten fast ausschließlich die hochqualifizierten, erfahrenen Ehefrauen der Wissenschaftler übernommen.

(…)

Zu den lebenslustigeren geselligen Veranstaltungen zählten unsere berühmten Abende in den Wohnheimen. Bei diesen Tanz- und Kostümfesten entfalteten wir unsere vielfältigen künstlerischen Talente, von klassischen Musikdarbietungen bis zu ausgefeilten akrobatischen Nummern. Einmal traten Otto Frisch und ich als Diktatorenduo auf: er als Hitler, ich als Stalin. Ich lieh mir von Hans Staub eine echte Schweizer Militärmütze und klebte einen Sowjetstern darauf. In Zürich hätte das einen internationalen Zwischenfall provoziert.

Im Juni 1943 hatte sich Los Alamos zu einer Gemeinde mit spezifischen sozialen Problemen entwickelt, und so wurde ein Gemeinderat gebildet; dessen Mitglieder und der Vorsitzende wurden von den Bewohnern der Stadt gewählt. Er hatte eine rein beratende Funktion für die Militärverwaltung und keine Machtbefugnisse, außer in Bagatellfragen. In erster Linie diente er als öffentliches Diskussionsforum für Gemeindeprobleme und als Vertretung für Verhandlungen mit der Militärverwaltung von Los Alamos. Er war eine Schaltstelle für Diskussionen über Probleme des täglichen Lebens und bot Gelegenheit, Dampf abzulassen wegen mancher militärischer Einschränkungen, die uns sinnlos vorkamen. Die Wahlen zum Gemeinderat fanden zweimal im Jahr statt, und es gelang uns trotz des Mißtrauens gegenüber einem demokratischen Gremium innerhalb eines autoritären Regimes, daß ein Vertreter der Militärverwaltung bei jeder unserer Sitzungen anwesend war.

Unlängst aus Europa emigriert, sah ich es als besondere Auszeichnung an, als Vertrauensbeweis meiner Mitbewohner, für drei Sitzungsperioden in den Rat und für eine als Vorsitzender gewählt zu werden. Natürlich gab es neben mir noch weitere Ausländer in Los Alamos, aber dennoch bot meine Wahl ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie Immigranten in den Vereinigten Staaten als gleichberechtigt akzeptiert wurden (und werden), ganz im Gegensatz zu den vielen Vorurteilen, die Europäer Ausländern gegenüber an den Tag legen.

Unsere Gemeinderatssitzungen stellten ein interessantes Kontrastprogramm zu unseren wissenschaftlichen und technischen Aufgaben dar. (…)

Im Herbst 1944 wurde uns mitgeteilt, daß zwei berühmte europäische Physiker zu uns stoßen würden. Keiner hatte je etwas von Nicholas und Jim Baker gehört. Bei ihrer Ankunft stellte sich heraus, daß es sich um Niels Bohr und seinen Sohn Aage handelte, die aus Sicherheitsgründen Decknamen benutzten. Bohr und seine Familie waren während der deutschen Besetzung Dänemarks nach Schweden evakuiert worden. Zu Anfang der Okkupation betrachteten die Nazis Dänemark als Musterprotektorat und ließen die Juden in Ruhe. Doch als die Untergrundbewegung aktiv wurde und die Besatzer anzugreifen begann, gaben die Nazis den Befehl, die dänischen Juden in Konzentrationslager zu deportieren.

(…)

Seine Beiträge zu unserer Arbeit in Los Alamos hoben das intellektuelle Niveau in mehrfacher Hinsicht. Er beteiligte sich aktiv an der Lösung wissenschaftlicher und technischer Probleme, wozu er eine Anzahl wichtiger Ideen beisteuerte. Doch er schärfte unser Bewußtsein auch noch auf andere Weise. Wir waren uns völlig klar darüber, daß wir durch die Arbeit an diesem Projekt mit einigen der schwierigsten Fragen konfrontiert würden, die es für einen Wissenschaftler geben konnte. Über unsere geliebte Physik waren wir in die grausame Wirklichkeit gedrängt worden und mußten den uns zugefallenen Part durchstehen. Wie ich bereits erwähnte, waren die meisten von uns jung und menschlich noch etwas unreif.

Bohr verwickelte uns unverzüglich in private Diskussionen über die Bedeutung unserer Arbeit. Er wich den problematischsten Aspekten unserer wissenschaftlichen Tätigkeit nicht aus – dem Einsatz der Wissenschaft bei Tod und Zerstörung. Er sah die Notwendigkeit klar und deutlich, doch gleichzeitig half er uns mit seinem Idealismus, seiner Fürsorge und Hoffnung auf Frieden, in all dem Schrecklichen einen Sinn zu erkennen. Er inspirierte viele von uns, schon jetzt an die Zukunft zu denken und uns geistig auf die Aufgabe vorzubereiten, die der Frieden uns stellen würde.

Bohr glaubte, dem unvermeidlichen Blutbad und aller Verwüstung zum Trotz, daß dieser durch wissenschaftliche Erkenntnisse veränderten Welt eine positive Zukunft bevorstünde. Vielleicht würde die im Bau befindliche Superwaffe Weltkriege obsolet machen. (Heute, fünfundvierzig Jahre danach, scheint es, er könnte recht gehabt haben.) Diejenigen von uns, die in der Vergangenheit bei ihm als Schüler und Mitarbeiter waren, hatten von ihm gelernt, daß jede große, tiefgreifende Schwierigkeit ihre eigene Lösung in sich trägt. Bohrs Gespräche mit seinen alten und neuen Freunden warfen manche Fragen auf, die wir unter dem Arbeitsdruck verdrängt hatten. Er regte viele von uns an, über diese Probleme nachzudenken, und animierte uns, regelmäßige zwanglose Diskussionsrunden mit dieser Thematik einzuführen.

Bohrs Grundtendenz ging dahin, das entscheidende Dilemma aufzudecken. Er hatte die Gabe, ein Problem von allen Seiten zu sehen, und vermochte selbst in der vernichtendsten aller Waffen die positiven Möglichkeiten zu erkennen. Sein Denken brachte unseren Diskussionen ein Element der Hoffnung, weil er so oft darauf hinwies, daß die Existenz solch verheerender Waffen demonstrieren könnte, daß Kriege sinnlos und selbstmörderisch sind. Er sah die furchterregende Möglichkeit für einen zukünftigen atomaren Rüstungswettlauf voraus, erkannte aber in dieser drohenden Gefahr auch eine einzigartige Gelegenheit zu einer historischen Kursänderung.

Bohr hoffte, die einstweilige Überlegenheit der Vereinigten Staaten bei Atomwaffen könnte als Argument dienen, andere zu überzeugen, daß internationale Kontrolle über die Herstellung von Atomwaffen und Atomkraft für alle von Vorteil wäre. Dieses Ziel ließe sich seiner Meinung nach am besten durch baldige multilaterale Gespräche, insbesondere mit der Sowjetunion, erreichen, bevor die Waffe tatsächlich entwickelt wäre und eingesetzt würde. Obwohl die Sowjets im Krieg gegen die Nazis unsere Alliierten waren, rechnete man schon damals damit, daß die UdSSR in der Nachkriegswelt als Hauptkonkurrent und Gegenspieler der Vereinigten Staaten auf den Plan treten würde. Bohr war überzeugt, daß sich die zur Herstellung der Bombe erarbeiteten wissenschaftlichen Erkenntnisse nicht geheimhalten ließen, und setzte sich nachdrücklich für eine Politik des freien Wissensaustauschs ein, und zwar so bald als möglich. Er vertrat stets die Ansicht, daß jede nach dem Krieg weiter bestehende nationale Geheimhaltung nur neue Spannungen heraufbeschwören würde.

Ich erinnere mich, in jener Zeit mit Will Higinbotham, Robert R. Wilson, Hans Bethe, David Hawkins, Philip Morrison, William Woodward und anderen verschiedentlich zusammengekommen zu sein. Der Krieg in Europa schien sich Ende 1944 endgültig zugunsten der Alliierten zu wenden, und das veranlaßte uns ebenso wie das stetige Fortschreiten unseres Projekts, uns mehr Gedanken über die Zukunft der Welt nach dem Krieg zu machen. Wir hofften, daß die Alliierten im Frieden auf jede Geheimniskrämerei verzichten und jede militärische und zivile Nutzung der Atomkraft unter internationale Verwaltung stellen würden. Nach unserer Überzeugung durften Atomwaffen keinesfalls nationaler Kontrolle überlassen werden. Bohr hatte in vielen von uns die Hoffnung geweckt, daß die Superwaffen Kriege in Zukunft unmöglich machen würden.

Die Möglichkeiten, Atomenergie in Friedenszeiten zur Stromerzeugung und zu medizinischen Zwecken zu nutzen, stimmten uns ebenfalls optimistisch. An die Gefahren radioaktiver Verseuchung durch Reaktorunfälle oder an die vielen anderen Probleme bei friedlicher Nutzung der Atomenergie dachten wir nicht. Wir prophezeiten, daß diese neue Technologie eine großartige Gelegenheit zu echter internationaler Kooperation bieten würde, in zweifacher Hinsicht – um internationale Konflikte zu verhüten und um den nutzbringenden Einsatz von Atomenergie auszubauen. Die in ihr enthaltenen vielfältigen Möglichkeiten würden, so meinten wir, als Katalysatoren fungieren für die Idee einer supranationalen Wissenschaft und Technologie, sobald der Krieg beendet wäre.

Bohr verbrachte nur einen Teil seiner Zeit in Los Alamos. Er fuhr häufig nach Washington und London und benutzte seinen Ruf und seine engen freundschaftlichen Beziehungen zu vielen einflußreichen Persönlichkeiten dazu, ihre Aufmerksamkeit auf die dringenden Fragen zu lenken, mit denen wir konfrontiert waren. Es war sehr schwierig für Bohr, mit Vertretern der Führungsschicht über diese Dinge zu reden, ohne gegen die Geheimhaltung zu verstoßen, doch er überzeugte eine Reihe von Spitzenpolitikern, daß seine Auffassung den einzigen Weg darstellen könnte, die Welt vor der atomaren Katastrophe zu bewahren. Selbst Roosevelt schienen seine Argumente beeindruckt zu haben. Churchill jedoch vermochte Bohr nicht zu überzeugen, ihre Begegnung war ein tragischer Fehlschlag. Bohr mit seiner ruhigen, etwas ungeordneten Weise zu diskutieren stand in derart krassem Gegensatz zu Churchills apodiktischer Haltung, daß sich die beiden überhaupt nicht verständigen konnten. Churchill verdächtigte ihn sogar, mit den Sowjets im Bunde zu sein.

Rückblickend mutet es unwahrscheinlich an, daß eine internationale Kooperation in atomaren Fragen mit Stalin hätte gelingen können. Überdies argumentierten nationalistische Zirkel in Amerika und England gegen eine Internationalisierung in der irrigen Annahme, die Monopolstellung des Westens würde noch viele Jahre unangefochten bestehen bleiben. Bohr erkannte 1950, daß seine Versuche, ein internationales Abkommen über Atomfragen zu erreichen, fehlgeschlagen waren. Er schrieb daraufhin einen offenen Brief an die Vereinten Nationen, in dem er voraussagte, daß eine solche fehlende Kooperation ein unaufhörlich eskalierendes atomares Wettrüsten erzeugen würde sowie vermehrte Spannungen und Konfrontationen zwischen Ost und West. Seine Voraussagen erwiesen sich als erschütternd richtig. Heute jedoch sieht es so aus, als ob Bohrs Vision von internationaler Zusammenarbeit und einem Ende des Wettrüstens sich verwirklichen könnte. Eine Welt, wie er sie sich erhofft hatte, scheint heute in den Bereich des Möglichen zu rücken, was man in den letzten Jahren kaum erwartet hätte. Ein neuerlicher Beweis für Bohrs tiefe Einsicht in historische Veränderungen, die unvermeidlich waren.

Im März 1945 kamen etwa vierzig von uns zusammen, um die Rolle der Atombombe in der Weltpolitik und der Erzeugung von Atomenergie sowie die Stellung der wissenschaftlichen Gemeinschaft nach dem Krieg zu untersuchen. Ich gehörte zu einem Ausschuß, der diese Beratungen fortsetzen sollte. Da wir bei der Vorbereitung des für Juli 1945 geplanten ersten Bombentests unter enormem Arbeitsdruck standen, fanden weitere Ausschußsitzungen erst nach dem Krieg statt.

Ab Mitte 1944 intensivierte sich unsere Arbeit an der Bombe beträchtlich. Viele neue Leute kamen nach Los Alamos, um die bis zum Abschluß anfallenden Spezialaufgaben zu erledigen. Neue eingebildete oder tatsächliche Schwierigkeiten tauchten auf, darunter so ernsthafte, daß wir bis Anfang 1945 nicht sicher waren, ob die Bombe mit einem einigermaßen hohen Wirkungsgrad detonieren würde. Zum Beispiel bestand die Möglichkeit, daß unkontrollierte Neutronen eine Detonation herbeiführen würden, bevor das Plutonium komplett verdichtet war, was eine relativ geringe Ausbeute zur Folge hätte.

Das waren einige der Probleme, mit denen wir uns herumschlugen, als Hitlerdeutschland am 9. Mai 1945 kapitulierte. Unsere Nachbarskinder, keines davon über fünf Jahre, liefen auf die Straße und veranstalteten eine Siegesparade. Sie schlugen mit Holzlöffeln auf Töpfe und Pfannen, um ihrer Freude lautstark Ausdruck zu geben. So klein sie auch waren, hatten sie doch das instinktive Gefühl, daß es ein großes Ereignis zu feiern galt.

Mit Hitlers Niederlage bestand auch keine Gefahr mehr, daß die Nazis ihre eigene Bombe entwickeln könnten, doch das drang nicht bis an die Oberfläche unseres Bewußtseins. Wir waren da zu sehr in die Arbeit verstrickt, zu intensiv an ihren Fortschritten interessiert und zu stark damit beschäftigt, die vielen Schwierigkeiten zu überwinden. Unsere Bindung an das Projekt beruhte nicht nur auf pragmatischen Gründen, sondern auf der rein wissenschaftlichen Suche nach Antworten. Was auch immer in Europa geschah, wir wußten, daß unsere Arbeit vollendet werden mußte. Nur zwei Kollegen, Volney C. Wilson und Joe Rotblat, sahen sich durch das Ende der Nazibedrohung zum Weggehen veranlaßt. Joe wollte zudem nach Polen fahren und versuchen, seine Familie ausfindig zu machen. Er mußte erfahren, daß die Nazis seine Frau und deren Eltern umgebracht hatten, während einige seiner eigenen Angehörigen den Holocaust überlebt hatten.

Die Reaktion der meisten von uns war teils interessant und zugleich auch etwas deprimierend. Sie zeigte, wie fest wir Wissenschaftler mit der vor uns liegenden Aufgabe und mit der Lösung der verbliebenen technischen Probleme verwachsen waren. Natürlich gab es für die Vollendung der Aufgabe auch einen dringenden politischen Grund. Den Krieg gegen Japan, mit welchen Mitteln auch immer, rasch zu beenden, konnte Millionen von Amerikanern und Japanern das Leben retten, das sie in einem noch länger andauernden Krieg oder bei der zu erwartenden Invasion der Amerikaner mit Sicherheit verlieren würden. Dennoch habe ich rückblickend oft Enttäuschung darüber empfunden, daß mir damals der Gedanke an Aufhören gar nicht gekommen ist.

Oppenheimer war selbstverständlich äußerst interessiert an all den Fragen über die Konsequenzen der Bombe auf die politische Zukunft der Welt und hatte viele Diskussionen mit Bohr. Wie dieser blieb er Versammlungen fern, in denen politische Probleme erörtert wurden. Seiner Meinung nach sollten wir uns nicht auf Fragen einlassen, die Sinn und Zweck der Bombe und der Atompolitik nach dem Krieg betrafen. Er glaubte, solche Entscheidungen müßten den verantwortlichen Politikern in Washington vorbehalten bleiben, und äußerte sein Vertrauen in ihr Urteil. Oppie war unser Held und Mentor. Er beeinflußte unser Denken so stark, daß wir für den Einsatz der Bombe keine anderen Alternativen erörterten als die Zerstörung japanischer Städte. Oppenheimer meinte, nur eine solch schreckliche Lektion über die reale Gewalt der neuen Waffe würde der Welt bewußtmachen, daß sich mit der Bombe ein grundlegender Wandel in der Kriegführung vollzogen habe.

Diskussionsgruppen wie die, an der wir teilnahmen, hatten sich in Chicago und Oak Ridge gebildet, doch vor Kriegsende war keinerlei Kommunikation zwischen uns gestattet. Tatsächlich hatten die meisten von uns, ich eingeschlossen, keine Ahnung, daß im Juni 1945 eine Gruppe unter Führung von Leo Szilard und James Franck dem Kriegsminister einen schriftlichen Antrag unterbreitet hatte, mit dem die Vereinigten Staaten dringend ersucht wurden, die Bombe nicht über bewohntem Gebiet zu zünden. Hätte ich von diesem Antrag gewußt, wäre ich bestimmt in der Gruppe zu finden gewesen, die ihn unterstützt hatte.

Anmerkung

Wir danken dem Scherz Verlag sehr herzlich, daß wir Auszüge aus dem Buch „Mein Leben“, Seite 156<6><|><>ff. abdrucken durften.

Über Victor Weisskopf
Victor Weisskopf, 1908 in Wien geboren, studierte und promovierte bei Max Born in Göttingen. Er arbeitete mit Heisenberg, Born, Schrödinger und Pauli zusammen. 1937 emigrierte er in die USA. Als Stellvertretender Leiter der Theoretischen Abteilung war er maßgeblich am Manhattan-Projekt beteiligt. Nach dem Zweiten Weltkrieg war er Generaldirektor des Europäischen Kernforschungszentrums CERN in Genf. Ab 1965 lehrte er am Massachusetts Institute of Technology (MIT).
Weisskopf gehört zu den bedeutendsten US-Physikern dieses Jahrhunderts. Für seine grundlegenden Forschungen und Entdeckungen auf dem Feld der Elementarteilchen, der Quantenphysik und der Nuklearphysik erhielt der Physiker, der in seinem Fach als Integrationsfigur gilt, hohe Auszeichnungen, darunter 1956 die Max-Planck-Medaille. Daß ihm der Nobelpreis für Physik nicht zuerkannt wurde, ist vielen seiner Kollegen unverständlich. Was Weisskopf ebenfalls auszeichnet, ist, daß er zu den Physikern zählt, die früh vor den Folgen der Atomwaffen warnten. Seine auch auf deutsch erschienenen Memoiren »Mein Leben. Ein Physiker, Zeitzeuge und Humanist erinnert sich an unser Jahrhundert« (Bern/München/Wien 1991, Scherz Verlag) sind ein wahrer Lesegenuß.
(B.W.K.)

in Wissenschaft & Frieden 1995-2: Hiroschima und Nagasaki

zurück vor

weitere Informationen dieses Fenster ausblenden