in Wissenschaft & Frieden 1995-2: Hiroschima und Nagasaki

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Leitmotive: Vom Punkt zum Fragezeichen

Anmerkungen zu Dr. Tellers Besuch in Frankfurt

von Bernd W. Kubbig

Für die Entwicklung und den Einfluß der A- bzw. H-Bombe auf die internationalen Beziehungen in diesem Jahrhundert steht jeweils der Name eines Physikers: J. Robert Oppenheimer bzw. Edward Teller. Edward Teller war vom 19. bis 22. April 1995 in Frankfurt, bevor er nach Osaka weiterflog, um dort einen nach ihm benannten Preis an Physiker zu vergeben. Es hat viele überrascht, daß die HSFK ausgerechnet den nach wie vor umstrittensten Physiker unserer Zeit als Referenten eingeladen hat. Die folgenden drei Gründe haben uns bewogen, den Frankfurter Vortragszyklus mit Edward Teller zu eröffnen.

What, no sense at all?
No, no sense at all
Or, if there is some sense
It's exceedingly small.“

Edward Teller1

Als einer der einflußreichsten US-Atomphysiker dieses Jahrhunderts ist Teller gleichzeitig ein führender Repräsentant des Atomzeitalters, das es im gesamten Vortragszyklus zu besichtigen galt. Als Physiker und politischer Ratgeber hat er die Geschichte unseres Jahrhunderts maßgeblich mitbestimmt. Sich mit dem Atomzeitalter mit all seiner Abschreckung, seinem Schrecken und seinen Altlasten auseinanderzusetzen, heißt, sich mit der Persönlichkeit und dem Wirken Edward Tellers auseinanderzusetzen. Darüber hinaus bricht sich in seinem Lebensweg – hierin liegt der zweite Grund für die HSFK-Einladung – nicht nur die nukleare Ära, sondern unser gesamtes Jahrhundert. Die deutschen, wie auch später die sowjetischen Anteile daran, sind unübersehbar.

Teller, im Jahre 1908 in Budapest geboren, wächst in der gebildeten Mittelschicht auf, studiert in der naturwissenschaftlichen Aufbruchstimmung der zwanziger Jahre bei Werner Heisenberg in Leipzig und sieht sich bald nach der Machtübernahme Hitlers gezwungen, Göttingen und damit Deutschland zu verlassen. In den fünfziger Jahren macht er negative Erfahrungen mit dem kommunistischen Kadar-Regime in Ungarn, das seine Mutter und seine Schwester erst 1959 in die USA ausreisen läßt. Was den Lebensweg und die Positionen Edward Tellers ab den vierziger Jahren als US-Staatsbürger in der neuen Welt bis heute charakterisiert, hat seinen Ursprung auf dem alten europäischen Kontinent: Tellers schier unendlicher Glaube an die Möglichkeit, mit (nicht-)militärischen Technologien Probleme lösen zu können; seine einstige unerbittliche antisowjetische Haltung; seine Skepsis gegenüber Rüstungskontrollverträgen. Alle diese Aspekte spricht Dr. Teller auch in seinem Frankfurter Vortrag an.

Und schließlich haben wir den US-Physiker ungarisch-deutscher Herkunft eingeladen, weil viele von uns in der Einschätzung der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki diesem entschiedenen Antreiber der Rüstungsdynamik näherstehen dürften als manchem Befürworter der Rüstungskontrolle unter den Physikern des Manhattan-Projekts – auch wenn wir nicht alle Begründungen hierfür teilen mögen.

Wer sich auf Edward Teller als Referenten, noch dazu als Eröffner einer ganzen Vortragsreihe, einläßt, kann bis zum Schluß nicht sicher sein, ob er auch wirklich kommt. Der ehemalige Direktor des Lawrence Livermore National Laboratory (LLNL) ist bekannt dafür, daß er sein grundsätzliches Ja unmittelbar vor Vortragsbeginn in ein Nein abändern kann – auch wenn der Organisator zu diesem Zeitpunkt mit Tellers unermüdlicher Sekretärin Joanne Smith bereits mehr als 50 Faxe gewechselt und alle Details festgeklopft hat. Der Physiker ist gleichermaßen bekannt dafür, daß er seine Teilnahme an einer Veranstaltung gegebenenfalls abrupt abbricht. Ein Grund kann sein, daß ihm das Design des Vortragszyklus' nicht gefällt („zu anti-nuklear“), daß ihm andere Referenten zu liberal sind oder unliebsame Gegner aus der Zeit des Manhattan-Projekts ebenfalls als Referenten auftreten.

Das Programm in Frankfurt mit Überraschungsgästen

Und doch kam der 87-jährige Atomphysiker nach Frankfurt, und er brach den Aufenthalt auch nicht ab. Vielmehr absolvierte er in bewundernswerter Weise ein viertägiges Mammutprogramm. Sein Eröffnungsvortrag war, ob man mit den Inhalten übereinstimmt oder nicht, der historische Auftritt einer historischen Persönlichkeit. „Unheimlich beeindruckend“, so lassen sich viele uns bekannt gewordene Reaktionen der zum Teil von weither angereisten 700 ZuhörerInnen zusammenfassen.

Der offizielle HSFK-Abend mit Herrn Teller verlief spannend. Teller genoß es sichtlich, mit einer Kollegin vom Fach über physikalische Probleme zu plaudern. Die Aura des autokratischen Hauptkonstrukteurs der Wasserstoffbombe wich der des charmanten und charmierenden Causeurs, als der er auch in der Literatur bekannt ist.2 Wer die beiden über ihn geschriebenen Biographien kennt3, erlebt Teller in manchen Äußerungen in stereo, nämlich real und gleichzeitig als Zitat (etwa, wenn er erzählt, daß er bis zu seinem dritten Lebensjahr nicht sprechen konnte, dann aber gleich in ganzen Sätzen parlierte). Teller lebt und inszeniert sich selbst eben längst als Legende. Und so entsteht an einem solchen Abend das unausweichliche Kippbild zwischen dem weltläufig-freundlichen Gesprächspartner und dem US-Erfinder des zerstörerischsten Massenvernichtungsmittels aller Zeiten; es ist in einem Krieg zwar nie zum Einsatz gekommen, aber es hat in Friedenszeiten durch die Tests im Pazifik Menschen und Natur verstrahlt.

Diese Realität holt Teller in den Fragen des Publikums nach seinem Vortrag ein, und auch der Brief eines Zuhörers, den ich ihm übergebe, enthält gräßliche Fotos von den Zerstörungen durch Radioaktivität. Teller betrachtet im Foyer des Hotels die Bilder aufmerksam, bevor er sie in die Jackentasche steckt. „Der Brief und die Photos behandeln das Thema Radioaktivität“, sagt er mir in einer Weise, die nicht dem gängigen (Vor-)Urteil über Teller als Inkarnation des wissenschaftlich-technologischen Zynismus' entspricht. Wie er mit den Photos und dem langen Schreiben umgehen wird, weiß ich nicht.

Bekannt ist indes Tellers Credo in dieser Frage, das sich durch seine schriftlichen und mündlichen Äußerungen zieht: „Nicht der globale Niederschlag (fallout) infolge der Tests ist gefährlich, sondern die Angst vor den Niederschlägen.“ 4 Die gesundheitlichen und ökologischen Auswirkungen der Tests »seiner« Wasserstoffbomben hat er immer verniedlicht: Der radioaktive Niederschlag nach dem Bikini-Test im Jahre 1954 sei „tragisch“ gewesen, aber er „hätte schlimmer sein können“. Die Verstrahlung infolge von Tests „ist sehr gering. Ihre Auswirkungen auf menschliche Wesen ist so niedrig, daß sie, falls sie überhaupt existieren, nicht gemessen werden können“. Die Verstrahlung durch radioaktive Niederschläge nach Kernwaffenversuchen „ist für Menschen vielleicht geringfügig schädlich. Sie ist vielleicht geringfügig positiv (beneficial). Sie ist vielleicht überhaupt folgenlos“.5 Schon damals hatten Tellers Äußerungen einen Sturm der Entrüstung auch unter namhaften Wissenschaftlern hervorgerufen. In seinem Frankfurter Vortrag hat der Physiker dieses Thema in ähnlicher Weise wieder aufgegriffen. Die Schädlichkeit weitverbreiteter radioaktiver Niedrigstrahlung hält er, so seine vor dem Referat verteilten „Sechs Gründe“, auch heute „für nicht bewiesen“.6

Teller und Richard Wagner

In Frankfurt gab es am ersten Abend einen großen Überraschungsgast an der Tafel, der in Tellers bisherigen Biographien nicht vorkommt. Er hieß Richard Wagner. Auf ihn kamen wir zu sprechen, als es um beachtenswerte kulturelle Leistungen Frankfurts ging. Vier Teilnehmer der Runde hatten den »Ring des Niebelungen« gesehen und gerieten ins Loben. Daraufhin geriet Teller ins Schwärmen. Das ganze Libretto des »Parzival« könne er wohl noch auswendig. Er fing an, zu skandieren. Dann wollte er Einzelheiten wissen, etwa, wo im »Parzival« das Schwert stecke. Warum es nur ein Bühnenbild gebe und warum denn ausgerechnet ein Sofa ein so wichtiges Requisit sei. Teller, der gewohnt ist, auf Fragen zu antworten, stellte plötzlich selbst Fragen. Daß er Wagner als einen der ganz wenigen Komponisten gelten läßt, mag auf ein großes Stück Wahlverwandtschaft hindeuten. Am Klavier – Teller gilt als vorzüglicher Pianist – hört die Musik für den spielenden Physiker ebenfalls im 19. Jahrhundert auf. Über Richard Wagner schrieb Thomas Mann 1931: „Wo ist zum zweiten Mal eine solche Vereinigung von Größe und Raffinement, von Sinnigkeit und sublimer Verderbtheit, von Popularität und Teufelsartistik. (…) Der »Ring« bleibt mir der Inbegriff des Werkes. Wagner war, im Gegensatz zu Goethe, ein Mann des Werkes ganz und gar, ein Macht-, Welt- und Erfolgsmensch durch und durch, ein politischer Mensch in dieser Bedeutung.“ 7

Stichwort »Teufelsartistik«. Viele seiner Kollegen und viele Journalisten haben Tellers Persönlichkeitsprofil ausschließlich oder hauptsächlich mit den Kategorien der Psychopathologie zu erfassen versucht. Da ist von den Obsessionen des Physikers die Rede, sei es im Hinblick auf die kommunistischen Regime der Vergangenheit, sei es hinsichtlich seiner technologischen Philosophie, alles sei machbar und alles, was machbar ist, sollte auch gemacht werden. Kein Physiker ist in diesem Jahrhundert so dämonisiert worden wie Teller, der mal als kompletter Mephistopheles phantasiert wird, mal als Faust, der den Pakt mit dem Teufel schließt, und der mal als eine Mischung aus beiden erscheint. Für viele ist er der »Dr. Strangelove« dieses Jahrhunderts, und es ist nicht von der Hand zu weisen, daß Teller durch seine Selbstinszenierungen einen Anteil daran hat, daß ein solches Bild hat entstehen können.

Es hat Momente gegeben, in denen ich mir auch ein solches Bild von ihm gemacht habe – etwa, als Teller, der ungern als »Vater der Wasserstoffbombe« bezeichnet werden will, während unseres Interviews enthusiastisch das Codewort vom gelungenen Test »seiner« Bombe ausrief: „It's a boy!“ (siehe S. 27). Ich stellte mir die Frage, was er wohl, im Umkehrschluß, bei der Geburt seines »boy's« ausgerufen hat.

Aber alle diese Annäherungen und Einschätzungen von Teufelsartistik sind allein deshalb verlogen, weil sie von uns selbst ablenken. Es ist zu simpel, die »Dämonen« in uns bei den Bombenbastlern abzugeben und zu parken. Weiterführender wäre es indes, die Ursachen für ein solches Persönlichkeitsprofil freizulegen. Tellers ausgeprägter Antikommunismus ist hauptsächlich – wenn auch nicht ausschließlich – durch seine persönlichen Erfahrungen mit den entsprechenden Regimes in Ungarn und vor allem in der UdSSR zu erklären.

Den Wurzeln von Tellers naiv-optimistischem wie gefährlichem Verständnis von Technik und ihrer Anwendung ist hingegen schwer beizukommen. Teller selbst hat keine Antwort auf dieses Problem, und die Literatur über ihn führt auch nicht weiter. In einer ersten Annäherung ließe sich sagen, daß in Tellers technischem Weltbild der grenzenlose Technikoptimismus der Wilhelminischen Epoche mit den entsprechenden Traditionen des »American Dream« verschmilzt. Der schutzbedürftige Emigrant paßt sich in den besonders in den USA ausgeprägten Glauben an die Problemlösungsfähigkeit von Technologien mühelos ein. Die USA gewähren ihm Schutz, der Einwanderer bedankt sich mit der Erfindung und Entwicklung von Super-Zerstörungsmitteln, die den gesamten Kontinent verteidigen sollen; gleichzeitig verwandeln sie die Ohnmacht des Immigranten in ungeheuere Exponate der Macht.

Tellers technologischer Extremismus, der nicht nur gefährlich, sondern auch zuweilen lächerlich wirkt (Stichwort: „mit Nuklearexplosionen nach Gold graben“), war zudem bis zum Zusammenbruch des technologischen Konsenses in den USA Ende der sechziger Jahre durchaus zeitgemäß und repräsentativ. Er hatte seine Basis vor allem in den Waffenlaboratorien und drückte deren institutionell-bürokratische Interessen weltanschaulich aus. Der Ost-West-Konflikt war das ideale Laboratorium, in dem sich Antikommunismus und Technikoptimismus anhaltend und zuweilen explosiv vermischten. In seinem ungebrochenen Technologieenthusiasmus wirkt Teller heute, um Günther Anders' Leitbegriff zweckzuentfremden, wie ein »antiquierter Mensch«. Aufs Ganze gesehen ist Teller damit der überangepaßte Emigrant geblieben.

Tellers Persönlichkeitsprofil kommt hinzu: die Lust zu spalten; das Bedürfnis, sich als einsame Ausnahme von der gemeinen Regel zu definieren; das ausgeprägte Machtbedürfnis, das sich möglicherweise aus professionellem Ehrgeiz genauso speist wie aus dem Emigrantenschicksal und der recht frühen Erfahrung eines lebenslangen körperlichen Leidens. Der Bau der »Super«-Bombe, wie die H-Bombe in den USA genannt wird, steht stellvertretend hierfür.

Der Physiker machte während der Pressekonferenz in Frankfurt jedoch auch deutlich, daß die ihn charakterisierende »can-do-philosophy«, das »Alles-Machen- und-Beeinflussen-Können«, in sich nicht völlig stimmig ist. Vielmehr schlägt sie an einem bestimmten Punkt um und zwar dort, wo plötzlich in Tellers Denken »das Wissen« auf den Plan tritt. Es ist akteurlos und nicht zu bändigen. Das militärische »knowledge«, das sich in mehreren Etappen in konkrete Waffen umsetzt, ist keine Ausnahme. Diese eigendynamischen Prozesse, die eine vertraute Denkfigur technokultureller Reflexionen und Weltbilder sind, stellt gleichzeitig eine Exkulpierungsstrategie für den wenn nicht machtlosen, so doch ohnmächtig erscheinenden Forscher dar.

Teller und J. Robert Oppenheimer

Am Abend darauf sitzt ein anderer Gast im Dreierkreis mit an der Tafel. Wer sich mit der Biographie des Physikers auskennt, weiß, daß dieser Gast beständig in und um Teller ist und deshalb auch mit ihm nach Frankfurt gereist ist, bevor er mit nach Osaka weiterfliegt. Teller hat ihn zeitlebens bewundert und wohl auch gehaßt, um seine Gunst gerungen und vielleicht sogar gebuhlt, bis er ihn mit zerstörte. Daß auch er ein Überraschungsgast ist, hat lediglich damit zu tun, daß wir nach einem langen wie produktiven Tag nur kurz zu Abend essen wollen. Doch dann stellt der 87-jährige Teller unvermittelt die Frage seines Lebens. Es ist die Frage des H-Bombenkonstrukteurs nach dem A-Bombenkonstrukteur (und nach der Beziehung zwischen beiden und letzlich nach dem H-Bombenkonstrukteur): „Was halten Sie von Robert Oppenheimer?“

Meine Antwort gibt sich ausweichend: „Ihre Beziehung zu Oppenheimer ist für mich eine der spannendsten Männerbeziehungen in diesem Jahrhundert. Sie ist romantisch und wäre daher am ehesten ein geeignetes Sujet für Komponisten und Dichterinnnen.“ Irgendetwas muß, zumindest vorübergehend, auch aus der Sicht Tellers wahr oder wünschenswert an dieser Einschätzung sein. Denn der greise Physiker strahlt zufrieden und kindlich über das ganze Gesicht; in seinen Frankfurter vier Tagen habe ich ihn so nicht strahlen sehen. Und dann kommen wir auf das in der Literatur breit behandelte Konkurrenzmotiv zwischen ihm und Oppenheimer zu sprechen.

Danach frage ich ihn, ob er die Passage in William Lanouettes Szilard-Biographie kennt8, derzufolge Szilard seinen Freund Teller am Vorabend vor seinem berühmt-berüchtigtem Auftritt in Washington suchte, aber nicht fand; Szilard wollte Teller davor bewahren, vor dem Kongreß gegen Oppenheimer am 28. April 1954 auszusagen. (Am Tag drauf liest Teller die Passage; Frau Szilards Äußerung, die Lanouette zitiert, hält er, wohl zu Recht, für falsch.) Tellers damalige Worte besiegeln Oppenheimers wissenschaftspolitisches Ende in Washington. Er kennt seine eigenen schicksalshaften 45 Worte heute noch auswendig, wie er in einem im Herbst 1993 im »Cosmos Club« zu Washington geführten Interview demonstrierte: „I thoroughly disagreed with him (Oppenheimer, B.W.K.) in numerous issues and his actions frankly appeared to me confused and complicated. To this extent I feel that I would like to see the vital interests of this country in hands which I understand better, and therefore trust more.“ 9

Tellers politischer Einfluß treibt in jenen Jahren seinem Zenith entgegen. Aber persönlich und standespolitisch zahlt der Physiker einen hohen Preis für seinen machtpolitischen Triumph: Von nun an ist er für den größten Teil seiner Kollegen in den USA eine unerwünschte Person. Und entgegen seiner Absicht legt Teller zusammen mit seinen mächtigen Verbündeten vor allem in der Atomic Energy Commission den Grundstein dafür, daß Oppenheimer langfristig als Mythos aus jenem größten wissenschaftlichen Schauprozeß des Westens hervorgeht. Für mindestens eine Generation von US-Physikern der Nachkriegszeit wird der Hauptkonstrukteur der A-Bombe das Symbol für den unberechtigten staatlichen Zugriff und die Autonomie des Naturwissenschaftlers: Zwei der drei »Richter« des Tribunals erklären Oppenheimer zum Sicherheitsrisiko, staatliche Stellen verweigern dem berühmtesten US-Physiker den Zugang zu militärischem Wissen.

Unumwunden gibt Teller an diesem Abend in Frankfurt auch zu, daß zwei Interviews, die er 1952 FBI-Agenten gab, später als Grundlage für die Anklage der Atomenergiekommission gegen Robert Oppenheimer verwendet wurden – er habe nicht damit gerechnet, so Edward Teller mit cleverer Naivität, daß sie später so eingesetzt würden.10 Ohne den Namen Oppenheimer zu erwähnen, hat Teller immerhin in seinem Artikel „Scientists, Not Spies“ 11 indirekt für Oppenheimer Partei ergriffen, als 1994 der KGB-Mitarbeiter Pawel Sudoplatow einige Physiker von Weltrang in unhaltbarer Weise als Atomspitzel in Diensten Stalins bezeichnete (neben Oppenheimer sollten Niels Bohr, Enrico Fermi und Leo Szilard in der Zeit von 1942 bis 1945 der UdSSR die wichtigsten Informationen für den Bau der sowjetischen Atombombe geliefert haben).12

Teller überrascht an diesem Abend in Frankfurt ein weiteres Mal: Heinar Kipphardts Stück „In der Sache J. Robert Oppenheimer“ findet er großartig, sich selbst gut getroffen. Dem Autor habe er das gesagt, als Teller ihm vor vielen Jahren begegnet sei (Oppenheimer hingegen war, wie sein auch auf deutsch veröffentlichter Briefwechsel mit dem Autor unmißverständlich zeigt, mit dem Stück nicht zufrieden).13

Unter Physikern

Das waren Gespräche am Abend nach einem langen Tag, an dem unser Gast die Strapazen vieler Interviews auf sich genommen hatte. Dr. Teller war mit dem Tag vor allem deshalb zufrieden, weil er ihn in Teilen ausschließlich unter Physikern verbracht hatte. „Die Zukunft der Physik“ lautete das Thema, zu dem er am Freitag mittag vor einem Großteil der Physikalischen Fakultät und vielen Physikstudenten der Johann Wolfgang Goethe-Universität sprach. Daran schloß sich ein Essen zu Tellers Ehren an. Später bemerkte der Physiker mit einem Seufzer der Erleichterung: „Ach, war das schön, unter Kollegen zu sein und nur über physikalische und nicht über politische Probleme zu sprechen.“

Auch dieses Aperçu hat Leitmotivcharakter. „Wenn Hitler und Stalin nicht gewesen wären, hätte ich mein Leben lang nur Physik betrieben.“ Auch diesen Satz hat Teller oft gesagt. In ihm mag sich der versteckte Wunsch nach der reinen (Natur-)Wissenschaftlerexistenz ausdrücken. Die Grenzziehung zwischen Wissenschaft und Politik unternimmt er auch in seinem Frankfurter Vortrag und tags darauf in seinen Ausführungen während der Pressekonferenz. Die (Natur-)Wissenschaftler machen Angebote und weisen auf deren Folgen hin – und die politischen Repräsentanten der demokratisch strukturierten Gesellschaft treffen die verbindliche Entscheidung. Dies ist eine von Naturwissenschaftlern oft vertretene – und sicherlich auch legitime – Position, mit den Folgen ihres Tuns konstruktiv umzugehen und Verantwortlichkeit zu definieren.

Die Grenzen dieser Trennung werden am konkreten historischen Gegenstand überaus sichtbar. Denn was sollen die Politiker machen, wenn ihnen »die« Wissenschaftler unterschiedliche Empfehlungen geben? Damals – und oft danach – waren die Wissenschaftler gespalten, ihr Rat wies in gegensätzliche Richtungen. Die führenden Physiker, die in den einflußreichen Gremien saßen, plädierten unmißverständlich für den Abwurf der A-Bombe (siehe Dokument Seite 25). Die gewählten Repräsentanten entsprachen ihrer Empfehlung.

Auch die damalige demokratisch strukturierte Gesellschaft in den USA, auf die Teller abhebt, hätte den nach wie vor begrüßenswerten Vorschlag einer Demonstration der Bombe zu Makulatur gemacht. 85% der Befragten sprachen sich am 8. August 1945 für den Abwurf der Atombomben auf japanische Städte aus, und einen Monat später befürworteten 43% der Bevökerung den Abwurf auf eine Stadt, während 24% soviele Städte wie möglich zerstört sehen wollten. Nur 27% plädierten für eine Demonstration der Bombe über einem unbewohnten Gebiet.14

Diese Ergebnisse, die die Wut der US-Bevölkerung im erbitterten Krieg gegen Japan widerspiegeln, stellen den Hintergrund dar, vor dem die gewählten Repräsentanten ihren Beschluß faßten, die Bombe zu werfen. Der zentrale Aspekt in seiner Frankfurter Rede bleibt wichtig: daß es ein Fehler von seiten der Wissenschaftler war, der politischen Führung kein überzeugendes und durchdachtes Alternativkonzept angeboten haben. Ob die Politiker es angenommen hätten, ist eine ganz andere Frage – wahrscheinlich ist dies nicht.

Abgesehen von dieser historischen Dimension überrascht es, den Vorschlag der Trennung von Naturwissenschaft und Politik aus dem Munde Edward Tellers zu hören. Denn dieser Physiker ist gerade der Prototyp eines Naturwissenschaftlers, in dessen Leben und Arbeit Physik und Politik oft bis zur Unkenntlichkeit verwoben sind. Stehen Vannevar Bush und James Conant für den Typus des Wissenschaftsadministrators in diesem Jahrhundert, so stellt Edward Teller den herausragenden Repräsentanten des Wissenschaftslobbyisten dar.

An die Regel, die Grenze von der Wissenschaft zur Politik als Physiker nicht zu überschreiten, hat er sich selbst an den entscheidenden Weichenstellungen seiner Biographie gerade nicht gehalten: ob es sich um seine Teilnahme am Manhattan-Projekt und seine maßgeblichen Beiträge zur H-Bombe handelt oder ob es um seine Bemühungen zur Inititierung von SDI geht; möglicherweise hat Teller ferner durch seine jahrelange Überbetonung des Röntgenlasers auf dem Reagan/Gorbatschow-Gipfel von Reykjavik 1986 für den Fall Weltpolitik gemacht, daß Reagan dem sowjetischen Präsidenten mit der vermeintlichen Wunderwaffe rüstungskontrollpolitische Konzessionen abzuringen versuchte.15 Mindestens in diesen Fällen hat Teller die Geschichte unseres Jahrhunderts in einem Ausmaß mitgestaltet, das nur wenigen Staatsmännern vergönnt gewesen ist. Ob er unter anderen Umständen bei seinem Temperament, seinen schier unerschöpflichen Energien und seinem stark motivierten weltanschaulichen Impetus wirklich nur reine Physik betrieben hätte, ist nicht beantwortbar. Es ist auch schwer vorstellbar. In die Geschichte der Physik dürfte Teller mit seinen Beiträgen aus der ersten Hälfte seines Lebens ohnehin eingehen.

Der Röntgenlaser ist ein herausragendes Beispiel dafür, daß Teller als Wissenschaftslobbyist den Politikern nicht nur Vorschläge unterbreitete. Vielmehr war er ein Meister, wenn es darum ging, Projekte des Lawrence Livermore National Laboratory vom Energie- oder Verteidigungsministerium finanziert zu bekommen. Was viele Physiker-Kollegen etwa im Kontext von SDI zu Teller auf Distanz hielt, war die von ihm und seinen Schülern oft verwendete Methode der Mitteleinwerbung: die erwarteten technologischen Durchbrüche bei einem bestimmten Waffenprojekt wie dem Röntgenlaser wurden so euphorisch dargestellt, daß vielfach der Eindruck entstand, hier werde die wissenschaftliche Wahrheit bis zum Anschlag gebogen (der zurückhaltend wirkende Physik-Nobelpreisträger Nicolaas Bloembergen in einem Interview: „Teller ist nicht ehrlich; er ist zu clever, um ein Lügner zu sein.“ 16) Teller und seine Kollegen vom LLNL haben mit ihrer Strategie eine unbeabsichtigte Nebenwirkung erzielt, die in der Geschichte der Wissenschaftlergemeinde auf dem Rüstungssektor nach 1945 eine neue Entwicklung eingeleitet hat: durch den im eigenen Laboratorium erzeugten Widerstand haben sie bei Physikern wie Roy Woodruff und Hugh DeWitt einen neuen Wissenschaftlertypus, den Wissenschaftsdissidenten, geschaffen, der die von Teller und seinen Schülern vertretenen Auffassungen öffentlich in Frage stellt.17

Nachträge zum Vortrag

Wer sich auf Dr. Teller als Referenten einläßt, muß auch damit rechnen, daß es kurzerhand in letzter Minute noch Änderungen am Vortragstitel gibt. In unserem Falle bat er am Gründonnerstag darum, den Aussage- in einen Fragesatz abzuändern, was den meisten JournalistInnen und ZuhörerInnen nicht entgangen ist (Von: „Die Atombombenabwürfe waren ein Fehler“ zu: „Waren die Atombombenabwürfe ein Fehler?“). Manche(r) war gekommen, um zu überprüfen, ob es denn wirklich wahr sei, daß »der Teller«, den man bisher als Kalten Krieger und Technologieenthusiasten kannte, ernsthaft gegen die Abwürfe gewesen sei.

Unser mit Tellers Sekretärin abgesprochener Vortragstitel ist ein Zitat aus einem Interview mit dem Physiker. Auf die Frage, ob die USA »die Bombe« auf Japan hätten abwerfen sollen, antwortet Teller: „Ich glaube, daß es ein Fehler war. (…) Ich glaube, daß es besser gewesen wäre, wenn wir zunächst andere Möglichkeiten als die Zerstörung einer Stadt ausprobiert hätten.“ 18

Schon vorher hatte Teller klar geschrieben: „Der erste Akt des atomaren Dramas hat mich zu zwei Überzeugungen gebracht: Es war notwendig und richtig, die Atombombe zu entwickeln. Es war unnötig und falsch, Hiroshima ohne besondere Warnung zu zerstören“ 19 (siehe Kasten Seite 32).

In seiner Frankfurter Eröffnungsrede glaubte der Physiker nicht mehr, daß die Abwürfe ein Fehler waren, sondern die Tatsache, daß die Wissenschaftler für Präsident Truman keine Alternative entwickelt hatten. Dies stellt eine neue Bewertung dar. Warum Teller seine frühere und über Jahrzehnte vertretene Position änderte, (ver)mochte er im Interview nicht zu präzisieren. Vielleicht hilft ein von der »Washington Times« wiedergegebenes Teller-Zitat weiter. Ihm zufolge erkannte er während eines Symposiums über den Atombombeneinsatz zum ersten Mal die positive Wirkung der Bombe, als frühere US-Kriegsgefangene in Japan ihm persönlich dafür dankten, daß er ihr Leben gerettet habe. „Dies waren POWs (Prisoners of War, B.W.K.), die getötet worden wären, wenn Japan erobert worden wäre.(…) Zum ersten Mal hatte ich den starken Eindruck von etwas, das auf die völlige moralische Rechtfertigung für den Einsatz der Bombe hinausläuft.“ 20 Wann Tellers Haltung sich geändert hat, ist nicht klar auszumachen. Eine 1975 in Israel gehaltene und 1979 veröffentlichte Vortragsreihe enthält bereits im Kern die »neue Sichtweise«.21

Die bisher behandelten skeptischen Haltungen Tellers zum atomaren Bombardement betreffen die Zeit nach dem 6. August 1945. Es gibt Gründe für die Annahme, daß der Physiker – entgegen seinen Beteuerungen – vor dem 6. August den Abwurf der Bombe grundsätzlich anders sah. In den siebziger Jahren wurde im Oppenheimer-Archiv in Washington, D.C. und später im Szilard-Archiv in San Diego ein bis dahin unbekannter und auch von Teller nie erwähnter oder zitierter Brief an Leo Szilard vom 2. Juli 1945 gefunden, den der Physiker inzwischen in seine Aufsatzsammlung „Better a Shield than a Sword“ mit aufgenommen hat.22 Die entscheidenden Sätze daraus lauten: „Wenn es Ihnen (Szilard, B.W.K.) gelänge, mich zu überzeugen, daß Ihre moralischen Einwände stichhaltig sind, sollte ich aufhören zu arbeiten. (…) Aber ich bin von Ihren Einwänden nicht wirklich überzeugt. Ich habe nicht das Gefühl, daß es möglich ist, irgendeine Waffe zu verbieten. Falls wir eine geringe Überlebenschance haben, dann liegt sie in der Möglichkeit, Kriege loszuwerden. Je entscheidender eine Waffe ist, desto sicherer wird sie in jedem wirklichen Konflikt eingesetzt werden, und kein Abkommen wird helfen.

Unsere einzige Hoffnung ist, die Tatsachen unserer Ergebnisse in die Öffentlichkeit zu bekommen. Dies mag helfen, jedermann zu überzeugen, daß der nächste Krieg fatal ist. Für diesen Zweck könnte der tätsächliche Kriegseinsatz (!) das Beste sein.“ (siehe Dokument S. 25)

Während Teller auf diese zitierte Passage nicht eingeht, erwähnt er in seinem Frankfurter Vortrag die näheren Umstände der Petition von Leo Szilard und seinen eigenen Brief. Auch hier ist Oppenheimer, von dem er sich verraten fühlt, präsent. Seine (innere) Auseinandersetzung mit dem Abwurf der Bombe wird zu einer Auseinandersetzung mit Oppenheimer. Das Bedauern, die Petition nicht unterzeichnet zu haben, drückt Teller unmißverständlich aus. Es gibt hier eine Ungereimtheit, die der Erklärung bedarf: Szilards Petition, die er Teller zu unterschreiben bat, ist auf den 4. Juli datiert, Tellers Antwortbrief trägt jedoch das Datum des 2. Juli 1945. In einer Fußnote zur Aufsatzsammlung räumt der Physiker diese Ungereimtheit nicht aus, während er in Frankfurt erklärte, eines der Daten – vorzugsweise das der Szilardschen Petition – müsse falsch sein. Früher hatte er gemeint, daß er den Brief in Wirklichkeit einige Tage nach dem 2. Juli verfaßt habe.23

Der Szilard-Biograph William Lanouette bietet eine andere – und angesichts des klaren Briefinhalts – möglicherweise überzeugendere Erklärungsvariante an: Teller wußte bereits von der Petition und schrieb seinen Brief am 2. Juli, bevor er eine schriftliche Version der Bittschrift bekam. Lanouette vermutet, daß Teller die Petition dazu verwandte, um seine Position in der Wissenschaftlergemeinde von Los Alamos und insbesondere bei Oppenheimer zu verbessern.24 Immerhin hat Teller später eingeräumt, daß er damals mit dem wissenschaftlichen Leiter des Manhattan Projekts in gutem Einverständnis sein wollte („I sincerely wanted to be on friendly terms with Oppie.“). Was seine Haltung vom Juli 1945 zu den Bombenabwürfen anbelangt, so gab Teller später durchaus einen selbstkritischen Hinweis, ohne jedoch seine negative Einstellung zu einer Bombardierung in Frage zu stellen („I had not taken sufficient time to think through or discuss the future implications of use versus nonuse.“).25

Hiroshima und die Folgen

Höchst verständlich ist Tellers Verbitterung über Oppenheimers Position, und auch seine Bemerkung ist glaubwürdig, daß mit ganz wenigen Ausnahmen die damaligen Befürworter der Abwürfe später weiteren Atomwaffenprogrammen skeptisch bis ablehnend gegenüberstanden, während mancher Befürworter einer Demonstration später die nukleare Aufrüstung der USA unterstützte. Nicht nur Teller gehört dazu, sondern auch dessen Anfang 1995 verstorbener Kollege und Freund Eugene Wigner. Beide verband über Jahrzehnte vor allem das Plädoyer für alle Varianten militärischer Schutzmaßnahmen und für Abwehrsysteme.26 Die Wurzeln für jene Skepsis oder gar Ablehnung leitet Teller nicht zu Unrecht aus den Schuldgefühlen der Naturwissenschaftler ab. Dieses Thema, das in Tellers Argumentation zeitlebens präsent war, spielte in seinem Frankfurter Vortrag allerdings keine Rolle. Sowohl die Schuldgefühle bei vielen Naturwissenschaftlern als auch die Angst in der Öffentlichkeit vor der Radioaktivität führt Teller auf Hiroshima zurück: „Hiroshima ist das Synomym für Horror geworden(…).“ 27 Die Abwürfe, so Teller an anderer Stelle, vermittelten die „ungerechtfertigte Idee, daß nukleare Explosionen (…) immer Instrumente von Massenvernichtung (sind). Wir haben uns von dieser Idee nie erholt. Die große Mehrheit der Bevölkerung versteht nicht, daß Kernexplosionen defensiv so verwendet werden können, daß sie keinen großen Schaden anrichten“.28

Dies wirft die Fragen auf: Wie ist Tellers Haltung zu Hiroshima in sein damaliges und späteres außenpolitisches sowie technokulturelles Weltbild einzuordnen? Was hat er aus Hiroshima gelernt? Wie geht er mit den Atombombenabwürfen um? Mehr als die meisten seiner Kollegen hat sich Teller in der Öffentlichkeit beständig mit Hiroshima auseinandergesetzt. Sein Bedauern über die Fehler der Naturwissenschafler ist ihm möglicherweise leichter gefallen als seinen Kollegen, denn die A-Bombe war sein Hauptwerk nicht. Bereits in Los Alamos war er darauf aus, »seine« Bombe, die H-Bombe, zu bauen, die er in einer nicht-öffentlichen Äußerung in Frankfurt als »mein Lebenswerk« bezeichnete. Überdies gibt der Hinweis auf das Versagen der Physiker Teller immer auch Gelegenheit, Kritik am Freund-Feind Robert Oppenheimer zu üben. Auch seine geäußerte Selbstkritik, die nicht übersehen werden darf, bleibt an diese beständige Auseinandersetzung mit Oppenheimer gebunden.

Was Teller den Umgang mit der Katastrophe von Hiroshima und Nagasaki erleichtert haben mag, ist, daß er bereits vier Monate nach den Bombenabwürfen konkrete Vorschläge für die Entwicklung von Abwehrsystemen gegen ballistische Raketen machte, um die Wiederholung ähnlicher Infernos zumindest in den USA zu vermeiden (sein Bericht an »Commander Steve Brunauer« vom 29. Dezember 1945, der damals an einem Report in Los Alamos über die Rolle von Atomwaffen für die US-Marine arbeitete, ist erst seit einigen Jahren bekannt). In Tellers Ausführungen drückt sich der Grundzug seiner auch heute noch ungebrochenen »can-do-philosophy«, sicherheitspolitische Probleme durch (militär)technologische Mittel lösen zu wollen, aus – und das in einem Bereich, der ihm zeitlebens zentral bleibt. Mit dieser Forderung stand er damals quer zur Sicherheitsphilosophie fast aller Naturwissenschaftler, die davon überzeugt waren, daß eine Verteidigung gegen die A-Bombe nicht möglich sei.

Teller setzt hingegen andere Akzente in seinem Bericht, der das erste kohärente Forschungsprogramm der Nachkriegsszeit für ein US-Abwehrsystem enthält: „It has often been stated that no defense against the atomic bomb is possible. I do not agree with this statement if taken too literally.(…) I believe that practically for every offensive weapon it will be possible to devise a defensive one, but that the new field opened up by the atomic bomb is likely to develop so rapidly that future offensive weapons will continue to out-strip the possibilities of defense.(…) A powerful navy would greatly add to the defense of our homeland against atomic bombs. Incoming missiles could be detected a thousand miles away at sea. Either home bases could be notified or defensive missiles could be launched from the naval units.(…) Many of the above statements require most difficult scientific developments and some of the suggestions must seem fantastic. But I believe that some program like the one I have described can be carried out with an appropriate research organization.“

Dieser Bericht wie auch sein Statement vor dem Kongreß im Februar 1946, in dem der Physiker das Thema einer aktiven Verteidigung leitmotivisch – wohl erstmals öffentlich – wiederaufnimmt, machen indirekt deutlich: nicht Hiroshima ist die wesentliche Rahmenbedingung für Tellers Denken und Wirken, sondern der sich anbahnende Ost-West-Konflikt. Nach außen hin plädiert er zwar bis 1947/48 für politische Lösungen, um die Nuklearfrage in den Griff zu bekommen; die Forderung nach einer Weltregierung steht an erster Stelle. In Wirklichkeit aber denkt er auch in diesem Kontext ernsthaft über militärtechnologische Lösungsversuche nach, die er in antagonistische militärische Szenarios einbettet. In seinem Bericht an Stephen Brunauer spricht Teller, ohne ihn bereits konkret zu benennen, »vom Feind« und empfiehlt: „In future developments we must not neglect offensive uses (!) of the atomic bomb.“ Der Bau der Superbombe zeigt, daß Teller in Umkehrung seines späteren Buchtitels jedoch zunächst nach der Devise „Better a Sword Than a Shield“ handelt.

Es ist dieser Ost-West-Gegensatz, der bis 1989/90 Tellers Denken und Wirken so früh und so beständig bestimmt. Seine Haltung zu Hiroshima nimmt sich wie eine Insel aus. Dennoch: Es ehrt den Physiker, den Hauptkonstrukteur der Wasserstoffbombe und den homo politicus Edward Teller, daß er in der Frage der Abwürfe auch heute noch den Mut hat, eine Haltung einzunehmen, die unter den US-Naturwissenschaftlern seiner Generation und in der Bevölkerung seines Landes unbeliebt ist und nach wie vor eine Minderheitenposition darstellt. Auch mit dieser Einstellung hat Teller ein Stück Wissenschaftsgeschichte geschrieben. – „What, no sense at all?“

Im Warteraum der Lufthansa

Am Nachmittag des 22. April bleibt noch genügend Zeit, um die gemeinsamen Tage zu bilanzieren. Ein-, zweimal hatte der Referent es bereut, die Strapazen der langen Reise auf sich genommen zu haben. Einige Restzweifel bleiben auch jetzt, aber im großen und ganzen ist er zufrieden. Unzufrieden ist er darüber, daß ihm immer wieder die Frage „Bereuen Sie …“ gestellt wurde. Kaum ein Journalist sei auf die Idee gekommen, den wichtigen Beitrag der Atombombe bei der Implosion der Sowjetmacht herauszustellen (in dieser Frage argumentierte Teller übrigens insofern differenziert, als er die Hauptursache für die Auflösung der UdSSR im sowjetischen Riesenreich sah; SDI spielte für die Induzierung des Zusammenbruchs von außen in Tellers Argumentation erstaunlicherweise kaum eine Rolle.)

Dann kam unser Gespräch im Warteraum der Lufthansa unerwartet auf einen Sachverhalt, der Teller nicht betraf, ihn aber brennend interessierte. Ich hatte seine Einschätzung über einen seiner Kollegen durch den Hinweis auf öffentlich zugängliche Quellen erschüttert. Teller reagierte erschrocken, endlich fand er die Balance wieder. „Schicken Sie mir bitte Ihre Beweisstücke.“ Abgemacht. „Aber“, füge ich beim Verlassen der Wartehalle hinzu, „erschlagen Sie bitte nicht den Boten, der die Nachricht bringt.“

„Ich habe noch nie jemand direkt erschlagen.“

Das sind Dr. Tellers letzte Worte, bevor er in das gelbe Lufthansa-Wägelchen steigt, das ihn zu seinem Flugzeug nach Osaka bringt.

Erleichtert bleibe ich zurück. Der geschichtliche Auftritt einer geschichtlichen Persönlichkeit mit all ihrer Macht und Phantasien von Macht, mit ihrer Verwundbarkeit, ihrem Selbstzweifel, gepaart mit einem faszinierenden Hauch von Unbedingtheit, war ein gelungener Auftakt zu unserem gesamten Vortragszyklus. Vor allem aber hatten sich unsere Befürchtungen glücklicherweise nicht erfüllt. Denn der Mann, der Deutschland schon einmal unfreiwillig verlassen mußte, war in Frankfurt auf ein tolerantes und souveränes Publikum gestoßen.

Dr. Teller möchte wieder nach Frankfurt kommen, diesmal aber nicht in Sachen Atom, sondern um des „Rings des Nibelungen“ willen.

Mein Vorschlag, um einen Ausspruch des braven Soldaten Schweijk zu variieren, ist: Daß wir uns nach „der Götterdämmerung um sechs“ (und nach dieser Auseinandersetzung, zu der vier Tage mit Dr. Teller nun einmal zwingen) zusammensetzen.

Eugene Wiener
Die Atombombe gegen Stalin

Eugene Wigners Motivation für seine Arbeit in Los Alamos

Die Vereinigten Staaten warfen Atombomben über Hiroshima und Nagasaki ab. Am 14. August 1945 kapitulierte auch Japan. Die alliierten Streitkräfte hatten den Zweiten Weltkrieg endgültig gewonnen. Deutschland hatte, einschließlich der von den Nazis ermordeten Juden, mehr als 4 Millionen Menschen verloren, Polen etwa 6 Millionen, von denen mehr als die Hälfte Juden waren. Sowjetrußland hatte 11 Millionen Soldaten und 7 Millionen Zivilisten verloren. Im Vergleich dazu waren die Verluste der Amerikaner gering: etwa 300.000 Soldaten und ein paar tausend Zivilisten.

Schon bald nach dem Krieg empfand Robert Oppenheimer Gewissensbisse wegen seiner Arbeit und des schweren Erbes, das der Welt mit den beiden Bombenabwürfen von Hiroshima und Nagasaki aufgebürdet wurde. Er sprach oft über seine Schuld. Viele andere Wissenschaftler fühlten sich ebenfalls schuldig, aber Oppenheimers Schuldbewußtsein war in der Öffentlichkeit weitaus bekannter, da er es stärker zum Ausdruck brachte.

Das Ende des Krieges machte ein neues Denken erforderlich – diplomatisch, politisch und militärisch. Wie die meisten Physiker dachte ich: „Warum sollen wir weiter an der Verbesserung der Bombe arbeiten? Der Krieg ist vorbei. Die ganz gewöhnliche Physik ist wesentlich angenehmer und interessanter als Wasserstoffbomben.“ Damals dachten so viele Physiker in diese Richtung, daß Los Alamos beinahe aufgegeben wurde. Szilard hatte der Forschung an den Bomben bereits den Rücken gekehrt, als die Atombombe kurz vor der Fertigstellung stand. Sobald der Erfolg eines Projektes gesichert war, verlor Szilard sein Interesse daran. So war er nun mal. Szilard wandte sich dann auch von Los Alamos ab und der Arbeit am Brüterreaktor zu.

Teller verließ Los Alamos, sobald es der Anstand erlaubte. Doch schon bald darauf kehrte er zur Rüstungsforschung zurück. Zwar hatte er der Bombardierung Hiroshimas ohne Vorwarnung ablehnend gegenübergestanden, war aber äußerst beunruhigt über den allgemeinen Exodus aus Los Alamos. Teller glaubte, daß die Verteidigung seines neuen Heimatlandes von dringlicher Bedeutung sei, daß die Wasserstoffbombe perfektioniert werden könne und er die angefangene Arbeit beenden sollte. Also widmete er sich der Weiterentwicklung der Wasserstoffbombe.

Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges ist mir immer wieder die folgende Frage gestellt worden: Wäre ich, mit meinem jetzigen Wissen, noch einmal bereit, die erste Atombombe zu bauen? Ich würde gerne sagen können, daß ich bedaure, an der Bombe gearbeitet zu haben, nur um meine Gesprächspartner zufriedenzustellen. Doch kann ich das nicht, wenn ich ehrlich bin, weder dem Verstand noch dem Gefühl nach. Ich wünschte vielmehr, die Bombe wäre noch früher gebaut worden. Wenn wir 1939 ernsthaft mit der Arbeit an der Kernspaltung begonnen hätten, wäre die Atombombe möglicherweise bis Ende 1943 verfügbar gewesen, als Stalins Armee in Rußland noch um ihr Überleben kämpfte. Als wir dann die Bombe im August 1945 erstmals einsetzten, hatte Rußland bereits einen Großteil Mitteleuropas überrannt. Wenn wir 1944 eine Atombombe gehabt hätten, wäre das Schlußdokument der Konferenz von Jalta wesentlich ungünstiger für Rußland ausgefallen, und selbst Rotchina wäre wahrscheinlich in seiner Entwicklung zurückgeworfen worden. Aus diesem Grund bedaure ich es nicht, daß ich am Bau der Atombombe mitgewirkt habe.

Andererseits wollte ich nie, daß die Bombe über Japan abgeworfen wird. Was für eine schwere und schmerzliche Entscheidung! Als Deutschland kapitulierte, hoffte ich, daß die Öffentlichkeit von der Existenz der Atombombe erfahren würde. Ich glaubte, daß ihre Geheimhaltung unseren politischen Übergangsprozeß bis zu dem Tag, an dem solche Bomben allgemein verbreitet wären, nur behindern würde.

Quelle: Wigner, Eugene Paul: The Recollections of Eugene P. Wigner as Told to Andrew Szanton. New York 1992. S. 248f. (Übersetzung: Helga Wagner.)

Jospeh Rotblat: Ausstieg aus dem Bombenprojekt

Joseph Rotblat war der einzige in Los Alamos an der Entwicklung der Atombombe arbeitende Physiker, der noch vor der Kapitulation Deutschlands das Bombenprojekt verließ. Im folgenden ein Auszug von ihm, in dem er beschreibt, wie es zu der Entscheidung kam und warum andere sich dieser Entscheidung nicht anschlossen.

„Im März 1944 erlitt ich einen unangenehmen Schock. Ich lebte zu der Zeit mit den Chadwicks in ihrem Haus, bevor ich später in das »Big House« umzog, in denen sich die Quartiere für die alleinstehenden Wissenschaftler befanden. General Leslie Groves kam häufig zum Essen und zum gemütlichen Beisammensein zu den Chadwicks, wenn er Los Alamos besuchte. Während eines solchen Gespräches sagte Groves, daß der eigentliche Zweck der Entwicklung der Atombombe natürlich die Unterwerfung der Sowjets sei. (Wie auch immer die genauen Worte waren, seine Aussage war deutlich.) Obwohl ich mir keine Illusionen über das Stalin-Regime machte – im Endeffekt war es der Hitler-Stalin-Pakt, der es Hitler ermöglichte, in Polen einzumarschieren – hatte ich das Gefühl des Verrats an einem Verbündeten. Wir müssen uns vor Augen führen, daß General Groves dieses zu einer Zeit sagte, in der täglich tausende Russen an der Ostfront starben, die Kräfte der Deutschen dort band und den Alliierten Zeit gaben, die Landung auf dem europäischen Kontinent vorzubereiten. Bis zu diesem Zeitpunkt war ich davon überzeugt, daß unsere Arbeit das Ziel hatte, den Sieg der Nazis zu verhindern, und nun wurde mir mitgeteilt, daß die Waffe, die wir entwickelten, gegen die Menschen gerichtet war, die große Opfer brachten, um dieses Ziel zu erreichen.

Meine Bedenken wurden bestätigt durch ein Gespräch mit Niels Bohr. (…) Ich besaß ein eigenes Radio, mit dem ich BBC World Service empfangen konnte. Bohr stand da und sprach mit mir über die sozialen und politischen Folgen der Entdeckung der Atomenergie und über seine Bedenken bezüglich der furchtbaren Folgen eines nuklearen Wettrüstens zwischen Ost und West, welche er vorhersah.

All das und die sich bestätigende Einschätzung, daß der Krieg in Europa vorbei sein wird, ehe das Bombenprojekt vollendet sein wird, machte meine weitere Teilnahme sinnlos. Wenn die Amerikaner noch so lange Zeit brauchten, um die Bombe zu entwickeln, war meine Angst grundlos, die Deutschen würden die ersten sein.

Als gegen Ende 1944 bestätigt wurde, daß die Deutschen ihr Bombenprojekt aufgegeben hatten, gab es für meine Anwesenheit in Los Alamos keinen Grund mehr, und ich bat um die Erlaubnis, das Projekt zu verlassen und nach Großbritannien zurückzukehren.

Warum trafen andere Wissenschaftler nicht die gleiche Entscheidung?

Warum trafen andere Wissenschaftler nicht die gleiche Entscheidung? Es war offensichtlich, daß niemand von General Groves erwartete, daß er dieses Projekt in dem Moment, wo die Deutschen besiegt waren, beenden würde, aber die Deutschen waren der wesentliche Motivationsfaktor für viele Wissenschaftler. Warum beendeten sie nicht ihre Arbeit, als dieser Faktor wegfiel?

Nachdem ich Los Alamos verlassen hatte, durfte ich diese Angelegenheit mit niemandem diskutieren, aber aus früheren Gesprächen und aus Gesprächen, die ich viel später geführt habe, wurden einige Gründe deutlich.

Der häufigste Grund, der genannt wurde, war der der puren wissenschaftlichen Neugierde, der starke Drang herauszufinden, ob die theoretischen Kalkulationen und Vorhersagen bestätigt würden. Diese Wissenschaftler waren der Meinung, daß erst nach dem Test in Alamogordo die Debatte über die Nutzung der Bombe beginnen sollte. Andere waren bereit, die Debatte noch weiter zu verschieben, überzeugt von dem Argument, daß eine große Anzahl amerikanischer Soldaten gerettet werden würde, wenn die Bombe ein schnelles Ende des Krieges mit Japan zur Folge hat. <>Erst wenn der Frieden wiederhergestellt wäre, würden sie sich vergewissern, daß die Bombe nicht noch einmal eingesetzt würde.<>

Andere, die zwar der Meinung waren, daß das Projekt gestoppt werden sollte, wenn der deutsche Faktor wegfiele, waren nicht bereit, daraus Konsequenzen zu ziehen, weil sie negative Auswirkungen bezüglich ihrer Karriere befürchteten.

Die Gruppe, die ich gerade beschrieben habe – Wissenschaftler mit einem sozialen Gewissen – waren eine Minderheit in der Wissenschaftlergemeinde. Die Mehrheit hatte keine moralischen Skrupel; sie waren einverstanden damit, anderen die Entscheidung darüber zu überlassen, was mit den Ergebnissen ihrer Arbeit passierte. Dieselbe Situation haben wir auch heute in vielen Ländern bezüglich militärischer Projekte. Aber es ist die Frage nach der Moral während des Krieges, die mich am meisten verwirrt und berunruhigt hat.

Aus: Bulletin of the Atomic Scientists, August 1985, Vol. 41, No. 7. (Übersetzung: Caroline Thomas.)

Edward Teller zur Atombombe (1962)

Ich kann die Gründe für die unglückliche Entscheidung verstehen, eine Atombombe ohne Warnung abzuwerfen. Die Männer, die sie fällten, glaubten, ein schnelles Kriegsende würde viele japanische und amerikanische Menschenleben retten. Aber ich bedauerte diese Entscheidung dennoch. Ich bin überzeugt, daß dieser tragische Überraschungsangriff nicht nötig war. Wir hätten die Bombe am Abend in großer Höhe über Tokio explodieren lassen können. Dadurch wäre über der Stadt plötzlich furchterregend grelles Tageslicht entstanden, aber es wäre niemand getötet worden. Nach dieser Demonstration hätten wir den Japanern erklären können, was das war und was passieren würde, wenn wir eine zweite Bombe in niedriger Höhe explodieren ließen.

In unserer Entscheidung, die Bombe ohne Warnung abzuwerfen, spielte die Hoffnung eine Rolle, ein Überraschungsangriff dieses Ausmaßes würde die Japaner so entsetzen, daß sie kapitulierten. Aber eine Atomexplosion bei Nacht hoch über Tokio vor den Augen Kaiser Hirohitos und seines Kabinetts wäre genauso furchterregend gewesen und hätte vor allem die richtigen Leute entsetzt. Danach hätten wir Japan in einem Utimatum zur Kapitulation auffordern können, und ich bin sicher, daß sie auch erfolgt wäre. So hätte die Atombombe menschlicher, aber genauso wirksam eingesetzt werden können, um den Krieg zu einem schnellen Ende zu bringen. Soviel ich weiß, wurde jedoch eine solche Demonstration in großer Höhe über Tokio niemals erwogen. (…)

Hätte die Geschichte einen anderen Lauf genommen, wenn wir nur eine Atombombe über Tokio demonstriert hätten? Hätte eine solche Demonstration bei Nacht Kaiser Hirohito und die Opposition im internen Kabinett davon überzeugt, daß sie sofort und bedingungslos Frieden schließen sollten? Hätten wir die Tragödie von Hiroshima vermeiden und das Atomzeitalter mit sauberen Händen beginnen können? Niemand weiß es. Niemand kann das sagen.

Wir wissen jedoch dies: Die Erinnerung an Hiroshima hat viele Wissenschaftler verfolgt und das Urteil mancher amerikanischer Politiker verzerrt. Die Auffassung, daß Atomwaffen Instrumente der absoluten, unterschiedslosen Zerstörung sind, ist in unserem Volk zur fixen Idee geworden.

Das Atomzeitalter bringt uns neue Anforderungen, neue Möglichkeiten, neue Gefahren, Hiroshima steht am Anfang dieses Zeitalters. Diese Tatsache hat unsere Aufgabe noch schwieriger gemacht. 1945 wandten wir zu viel Macht an. Später wandten wir uns zu einem Zeitpunkt von unserer neuen Macht ab, als atomare Waffen für uns und die freie Welt äußerst wichtig wurden.

(…)

Der erste Akt des atomaren Dramas hat mich zu zwei Überzeugungen gebracht:

Es war notwendig und richtig, die Atombombe zu entwickeln. Es war unnötig und falsch, Hiroshima ohne besondere Warnung zu zerstören.

Quelle: Teller, Edward / Brown, A.: Das Vermächtnis von Hiroshima, Düsseldorf/Wien 1963, S. 22f, 26f.

Anmerkungen

1) Mit diesen Zeilen schließt ein Gedicht, das Edward Teller einem Brief an Oppenheimer vom 20. 3. 1947 beilegte (U.S. Library of Congress, Manuscript Division, The Papers of J. Robert Oppenheimer, Box 71, Folder: Teller, Edward). Zurück

2) Siehe z.B. Herbert F. York, The Advisors. Oppenheimer, Teller, and the Superbomb, Stanford 1976, S. 3ff. Zurück

3) Blumberg, Stanley A./Gwinn Owens, Energy and Conflict. The Life and Times of Edward Teller, New York 1976; Blumberg, Stanley A./Louis G. Panos, Edward Teller. Giant of the Golden Age of Physics, New York 1990. Zurück

4) Teller, Edward/Albert L. Latter, Our Nuclear Future … Facts, Dangers and Opportunities, New York 1958, S. 129. Zurück

5) Teller, Edward, with Allen Brown, The Legacy of Hiroshima, New York 1962 (nach dieser Ausgabe wird auch zitiert), S. 180; dt. Ausgabe: Das Vermächtnis von Hiroshima, Wien/Düsseldorf, 1963. Zurück

6) Zum Protest siehe Orear, Jay, u.a., An Answer to Teller, in: Saturday Evening Post, 14. 2. 1962. – Zur heutigen Position des Physikers im Hinblick auf die Gefährlichkeit radioaktiver Strahlung siehe Teller, Edward, Sechs Gründe für die Diskussionen zum 50. Jahrestag der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki (Ms.). Mit diesen sechs Thesen, die Tellers Entschluß, nach Frankfurt zu kommen, im letzten Augenblick erleichterten, reagierte der Physiker auf meine „Sechs Gründe für die Aktivitäten der HSFK zum 50. Jahrestag der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki“ (Ms.). – Seine repräsentative Aufsatzsammlung „Better a Shield Than a Sword. Perspectives on Defense and Technology, New York 1982, S. 124ff., vermischt die Diskussion um Auswirkungen der radioaktiven Niederschläge mit dem medizinisch-therapeutischen Einsatz der Radioaktivität. – Kompetent und informativ zu dieser Problematik ist: Caufield, Catherine, Das strahlende Zeitalter. Von der Entdeckung der Röntgenstrahlen bis Tschernobyl, München 1994. Zurück

7) Thomas Mann, Wagner und unsere Zeit. Aufsätze, Betrachtungen, Briefe, Frankfurt a. M. 1990, S. 60. Zurück

8) William Lanouette, with Bela Silard, Genius in the Shadows. A Biography of Leo Szilard, New York 1992, S. 353 bzw. S. 539, Anm. 27. Zurück

9) Ich zitiere im Folgenden allerdings aus der autoritativen Quelle: U.S. Atomic Energy Commission, In the Matter of J. Robert Oppenheimer. Transcript of Hearing before Personnel Security Board and Texts of Principal Documents and Letters, Cambridge, Mass./London 1971, S. 710. Zurück

10) Lanouette (Anm. 8), S. 352. Zurück

11) Veröffentlicht in: Wall Street Journal, 11. 5. 1994. Zurück

12) Pawel A. Sudoplatow, Der Handlanger der Macht. Enthüllungen eines KGB-Generals, Düsseldorf 1994, Kapitel VII, sowie meine Rezension „Das neuinszenierte Tribunal“ in: Die Zeit, 27. 5. 1994. Zurück

13) Heinar Kipphardt, In der Sache J. Robert Oppenheimer. Ein Stück und seine Geschichte, Reinbek 1989, S. 159ff. Zurück

14) Wittner, Lawrence S., One World or None. A History of the World Nuclear Disarmament Movement Through 1953, Stanford 1993, S. 56f. Zurück

15) Broad, William J., Teller's War. The Top-Secret Story Behind the Star Wars Deception, New York 1992, S. 216f. Zurück

16) Gespräch am 17. 8. 1993 in Cambridge/Mass.; siehe in diesem Zusammenhang auch Teller, Edward, Remarks on the X-Ray Laser, in: Defense Science, Juni 1889, S. 13 Zurück

17) Broad (Anm. 15), passim, sowie Hugh DeWitt, The Selling of a Wonder Weapon, Stanford Alumni Magazine, März 1991, S. 28-33, mit einer Antwort von Edward Teller im gleichen Heft. Siehe auch: U.S. General Accounting Office, Strategic Defense Initiative Program, Accuracy of Statements Concerning DOE's X-Ray Laser Research Program, Washington, D.C., 1988. – In diesen Kontext gehört Tellers nur auf den ersten Blick überraschende leitmotivische Forderung, möglichst viel Wissen der Geheimhaltung zu entziehen. Dieses Plädoyer klingt liberaler, als es in Wirklichkeit ist. Es bezieht sich im wesentlichen auf Grundlagenwissen. Militärisch relevante Forschungsergebnisse wollte Teller immer geheimhalten. Siehe hierzu seine derzeit jüngsten Ausführungen »Prepared Invited Testimony« über »The U.S. Department of Energy« am 31. Januar 1995 vor dem Subcommittee on Energy and Water Development, Committee on Appropriations, U.S. House of Representatives (Ms.). Zurück

18) Interview mit Teller, das »U.S. News & World Report« als Teil seiner Titelgeschichte am 15. August 1963, S.75f., veröffentlichte; Zitat: S. 75. Zurück

19) Teller (Anm. 5), S. 20. Zurück

20) Washington Times, 20. März 1995. Zurück

21) Teller, Edward, Energy from Heaven and Earth, San Francisco 1979, S. 149. Zurück

22) Teller (Anm. 6, Better …), S. 58f. Zurück

23) Ebd., S. 244, Anm. 1. Zurück

24) Lanouette (Anm. 8), S. 270. Zurück

25) Zitate in: Teller (Anm. 6, Better …), S. 59. Zurück

26) Siehe z.B. den bisher unveröffentlichten Briefwechsel zwischen Teller und Wigner Ende der sechziger Jahre: Princeton University Libraries, Department of Rare and Special Collections, Division: Manuscripts, The Papers of Eugene P. Wigner, Box 9, Folder: Civil Defense. Zurück

27) Teller (Anm. 5), S.182. Zurück

28) Interview (Anm. 18), S. 75f. Zurück

Dr. Bernd W. Kubbig ist Projektleiter der Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung.

in Wissenschaft & Frieden 1995-2: Hiroschima und Nagasaki

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