in Wissenschaft & Frieden 1995-2: Hiroschima und Nagasaki

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Editorial

von Peter Krahulec, Bernd W. Kubbig, Caroline Thomas

Dieses Sonderheft wird gemeinsam herausgegeben von Dr. Bernd W. Kubbig von der Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung und von »Wissenschaft und Frieden«.

I.

Wir von W&F freuen uns über solche Bündnisse, die unseren Aktions- und Resonanzradius erweitern; zumal, wenn es sich um einen so prominenten Partner wie die HFSK und ein Jahrhundertthema wie den Atomkrieg gegen Japan und die Menschheit handelt.

Der »Gedenkmarathon« des Jahres 1995 gestattet kein relativierendes Wegverweisen auf universelle Mittäterschaften, sondern beläßt uns vor der Anstrengung der Begriffe und Wertungen im zerrissenen Weltzustande. „Die Befreiung von Auschwitz“, hat Jorge Semprun in der Bonner Oper gesagt, „ist aus einem Lande gekommen, in dem der Archipel Gulag noch aktiv war.“ Und die Verbrechen von Hiroshima und Nagasaki hatten Anteil an der Befreiung der Völker Chinas, Koreas, Burmas, Indonesiens und auf den Philippinen von einer Besatzungsmacht, die keine Gnade kannte.

Uns geht es in dieser Ausgabe um die »Verantwortung der Wissenschaft«. Um insbesondere die subjektive Motivation der einzelnen Atomwissenschaftler von damals zu verdeutlichen, dokumentieren wir auch Aussagen von Teller, Bethe, Seitz u.a., die ein explizit anderes Verständnis von »Wissenschaft« haben. Wir publizieren sie dennoch – obwohl sie der W&F-Redaktionslinie von Verantwortung von Wissenschaft zuwiderlaufen – als einen Ausdruck des Menschenmöglichen in unserem Jahrhundert.

Wenn rituelle Jahrestage ihren Sinn darin haben, Auskunft zu geben, wie staatliche und gesellschaftliche Akteure sich selber sehen, dann macht insbesondere die Debatte um die Ausstellung um den Bombenabwurf in den USA deutlich, daß der Aufklärungsbedarf noch groß ist, bis die Stimmen von Hitoshi Motoshima und Takashi Hiraoka zum politischen mainstream zählen. Auf einer Pressekonferenz im März diesen Jahres erklärten die beiden Bürgermeister von Hiroshima und Nagasaki es zu ihrer „Mission“, allen Menschen klarzumachen, daß der Einsatz von Atomwaffen „niemals gerechtfertigt“ sei und die „unmenschlichen Waffen“ aus den Arsenalen verschwinden müßten. In diesem Sinne mischen wir uns ein.

Wir danken der IPPNW (Ärzte gegen den Atomkrieg), der VDW (Vereinigung deutscher Wissenschaftler e.V.) und INESAP (International Network of Engineers and Scientists Against Proliferation) für die finanzielle Unterstützung dieses Sonderheftes.

Die ansonsten regelmäßig erscheinenden Rubriken dieser Zeitschrift wie die »Blauen Seiten«, das Dossier, Termine und Publikationen entfallen in diesem Sonderheft.

Prof. Dr. Peter Krahulec (Vorsitzender des Herausgebervereins) Caroline Thomas (Redakteurin)

II.

gerade im 25. Jahr ihres Bestehens möchte die Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung (HSFK) drängende Fragen unserer Welt, mit denen sich unser Institut beständig befaßt hat, in eine breite Öffentlichkeit hineintragen. Im Zentrum unserer vielfältigen Aktivitäten steht der Frankfurter Vortragszyklus »Hiroshima und Nagasaki. Geschichte und Gegenwärtigkeit«. Unser inhaltliches Ziel ist es, an die Atombombenabwürfe vom 6. und 9. August 1945 zu erinnern, das Atomzeitalter zu besichtigen und lernend nach vorn zu blicken. Die Hiroshima/Nagasaki-Projektgruppe greift die Möglichkeit gern auf, die Referate geschlossen in einem Sonderheft der anerkannten Fachzeitschrift W&F zu veröffentlichen. Caroline Thomas hat sie redigiert. Danken möchte ich Olaf Cunitz für seine verläßliche wie beständige Mitarbeit in der Projektgruppe. Mein besonderer Dank gilt Bernd Schönwälder, ohne dessen großen und phantasievollen Einsatz wir diese Reihe nicht so erfolgreich hätten durchführen können.

Für diesen Vortragszyklus konnten wir Referenten gewinnen, die als Jahrhundertzeugen das Atomzeitalter mitgeprägt haben, sei es als Teilnehmer am amerikanischen und sowjetischen Bomben-Programm während des Zweiten Weltkriegs (Edward Teller, Victor Weisskopf, Igor Golovin), als Mitkonstrukteure später entwickelter Waffen (Richard Garwin), sei es als in den USA sozialisierter Physiker (Dürr) und als (nuklear-)strategischer Denker und Praktiker (McNamara).

Einer der Referenten, Dr. Hida, ist als Überlebender des nuklearen Infernos von Hiroshima Opfer einer folgenschweren Entscheidung in diesem Jahrhundert. Mit dem Beitrag von Dieter Schulte greift der erste Repräsentant einer großen gesellschaftlichen Organisation dieses auch für die Gewerkschaften wichtige Thema auf. Die Teilnehmer der Podiumsdiskussion „Die Aufarbeitung der Vergangenheit in Japan und Deutschland“ versuchen, sich diesem schwierigen Thema auch im Gedenk- und Erinnerungsjahr 1995 anzunähern (Teilnehmer waren Ignatz Bubis, Ian Buruma, Kenichi Mishima, Jan Niemöller und Wolfgang Schwentker).

Dieses Schwerpunktheft von »Wissenschaft und Frieden« dokumentiert den Frankfurter Vortragszyklus, reichert ihn aber durch weitere Beiträge, Interviews und wichtige, aber teilweise entlegene, Quellen an. Sie schließen notwendigerweise die Positionen der Befürworter der atomaren Bombardements ein, die die meisten von uns ablehnen.

In Hiroshima brennt die Erinnerungsflamme immer noch. Zu Recht, denn selbst nach dem Ende des Ost-West-Konflikts haben sich die Nuklearprobleme nicht erledigt. Atomare Entwarnung zu geben ist derzeit nicht möglich. Gleichzeitig erwächst hieraus der Imperativ, über das Jahr 1995 hinaus die Voraussetzungen für eine nicht-nukleare Welt zu legen, in der auch konventionelle Kriege keine Chance haben.

Dr. Bernd W. Kubbig (Projektleiter der HSFK und Mitherausgeber des Sonderheftes)

in Wissenschaft & Frieden 1995-2: Hiroschima und Nagasaki

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