in Wissenschaft & Frieden 1994-3: Von Freunden umzingelt

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Patriot gegen Scud – Scheingefechte im Lichte der Medien

von Jürgen Scheffran

Allen dürfte das himmlische Duell zwischen der irakischen Scud-Rakete und der amerikanischen Patriot-Abwehrrakete im Golfkrieg noch in Erinnerung sein. Zu deutlich konnte die Weltöffentlichkeit am Bildschirm verfolgen, wie Patriot sich für die gerechte Sache auf den Angreifer Scud stürzte und beide in zuckenden Lichtblitzen verglühten. Die von den Medien verbreitete offizielle Botschaft: von 47 Scud-Raketen, die durch Patriot unter Beschuß genommen wurden, seien 45 (96<0> <>%) erfolgreich abgefangen worden. Wo Scud-Raketen unbehelligt durchdrangen, wurden der Fernsehöffentlichkeit verheerende Schäden gezeigt.

Was alle sahen, war jedoch mehr Schein als Sein: weder hatte Scud die suggerierte Schadenswirkung, noch konnte Patriot einen nachweislichen Beitrag zur Schadensverminderung leisten. Dies belegen die verfügbaren Informationen, die mittlerweile in verschiedenen Veröffentlichungen ausgewertet wurden. Einige Ergebnisse sollen hier zusammengefaßt werden.

Maßgeblichen Anteil an der Erschütterung des Patriot-Mythos hatten zwei Physiker am Massachussetts Institute of Technology (MIT), Ted Postol und George Lewis (Lewis/Postol 1993). Schon im April 1991 konnte Postol bei einer Kongreßanhörung die regierungsoffizielle Desinformation entschleiern. Er hatte nichts anderes getan, als die verfügbaren Videoinformationen der Fernsehanstalten zu sichten und zu interpretieren. Sorgsam ausgewertet sind sie eine wichtige Informationsquelle über die Leistungsfähigkeit der Patriot, die von der US-Armee ignoriert wurde.

Diese Videos zeigen viele Beispiele von Patriots, die ihre Scud-Ziele verfehlen, aber auch einige Fälle, in denen Patriots eine Scud-Rakete treffen, aber den Scud-Gefechtskopf nicht zerstören können. Die Erfolgsrate war sehr gering, vielleicht sogar gegen Null. Auf den Videos gab es keinen eindeutigen Nachweis, daß Patriot auch nur einen Scud-Gefechtskopf zerstört hat. Dies weicht stark ab von den ursprünglichen weit überzogenen Angaben der US-Armee.

Im Detail untersucht wurde die Schadenswirkung der Scud-Rakete in Israel und der Beitrag der Patriot zur Schadensverringerung in einer Studie von Steve Fetter, Lisbeth Gronlund und George Lewis von 1993. Von den 39 Scuds, die Israel erreichten, wurden 27 abgefeuert, nachdem die Patriot einsatzfähig war. Von diesen wurden 17 tatsächlich von der Patriot angegriffen (S. 16). Nach den von der US-Armee wiederholt revidierten Schätzungen der Patriot-Effektivität waren von 17 Abfangvorgängen nur 40<0> <>% erfolgreich, 40<0> <>% davon allerdings auch nur mit „höchster Vertrauenswürdigkeit“. Es bleiben also insgesamt nur 3 sicher abgewehrte Raketen.

Allerdings konnte gegenüber den nicht-erfolgreichen Fällen keine Schadensverringerung festgestellt werden, was selbst diese Schätzung der Armee noch als übertrieben erscheinen läßt. Der eventuell, aber nicht nachweisbar vermiedene Schaden muß in Relation gesetzt werden zu dem zusätzlichen Schaden, der durch wenigstens vier Patriot-Raketen angerichtet wurde, die in Israel am Boden explodierten. Hinzu kommen die Schäden durch Trümmer von Patriots, die über Städten explodierten.

Dies wird auch durch die Schadens- und Opferstatistiken bestätigt. Die 39 modifizierten Scud-Raketen, die Israel erreichten, töteten unmittelbar zwei Menschen und verletzten weitere 229, die meisten davon leicht, einen schwer (Lewis/Fetter/Gronlund, S.13). Die Zahl israelischer Toter und Schwerverwundeter durch Scud-Raketen liegt damit deutlich niedriger als bei früheren Angriffen durch ballistische Raketen, insbesondere den V2-Angriffen gegen London im Zweiten Weltkrieg und den Scud-Angriffen gegen Teheran im ersten Golfkrieg.

Von den 231 direkten Opfern (Tote und Verwundete) durch Scuds gab es allerdings 52 bevor die Patriot einsatzbereit war (4,3 pro Scud) und 179 danach (6,6 pro Scud).

In der gleichen Studie wird auch der Frage nachgegangen, wie angesichts der geringen Erfolgsrate der Patriot die offensichtlich geringen Opfer durch Scud-Angriffe zu erklären sind. Dabei zeigt sich, daß andere Faktoren weitaus mehr zur Schadensverringerung beigetragen haben als die Abwehr durch Patriot. Bedeutsam waren z.B. die geringe Zielgenauigkeit der Scud von mehreren Kilometern und die niedrige Explosionswirkung des Sprengkopfes. Dadurch war die Zerstörungsfläche der Scud um mehr als die Hälfte geringer als bei der V-2-Rakete gegen London. Die direkten Gebäudeschäden waren in Tel Aviv vergleichbar mit denen in London, doch konnte durch israelische Baupraktiken der Einsturz vieler beschädigter Gebäude vermieden werden.

Ein wesentlicher Faktor war die Warnung durch Satelliten der USA, die jeden Start einer Scud rasch feststellen konnten. Zudem zwangen die Luftangriffe der Koalition den Irak, seine Scud-Raketen nach Einbruch der Dunkelheit zu starten. Dieses erleichterte es der israelischen Bevölkerung, ihre Schutzräume aufzusuchen. Schließlich dürfte auch Glück eine Rolle gespielt haben. Ein schwerer Treffer, wie der auf eine Barracke in Dharan (Saudi-Arabien), in der 28 Soldaten ums Leben kamen (ein Software-Fehler verhinderte den Patriot-Einsatz), konnte in Israel vermieden werden.

Daß die Abwehrwirkung der Patriot praktisch bei Null gelegen hat, der erfolgreiche Einsatz zumindest aber nicht belegbar ist, und andere, mehr passive Schutzmaßnahmen wirkungsvoller waren, paßte denen nicht ins Konzept, die den vermeintlichen Erfolg der Patriot zur Wiederbelebung des Raketenabwehrprogramms SDI benutzen wollten (siehe Kubbig et al. 1992, Scheffran 1994). Zu sehr war die Patriot-Rakete zum Symbol für den ersten High-Tech- und Weltraumkrieg der Geschichte geworden. Besonders der Patriot-Hersteller Raytheon bemühte sich, die Glaubwürdigkeit der Kritiker zu erschüttern. Kernpunkt der Gegenkritik war der Versuch, die Informationen von öffentlichen Videofilmen als untauglich abzuqualifieren. Auch die von Raytheon bereitgestellten Videos höherer Bildfrequenz konnten jedoch die Argumentation von Postol/Lewis nicht entkräften.

Offizielle Untersuchungen des US-Kongresses, des Congressional Research Service und des General Accounting Office (GAO), beklagten die unzureichende Datenbasis und bestätigten, daß aufgrund der vorhandenen Daten ein Abwehrerfolg der Patriot nicht belegbar sei. Postol/Lewis forderten aufgrund der unzureichenden Datenbasis die Offenlegung auch der militärischen Quellen und eine unabhängige Begutachtung aller verfügbaren Informationen durch eine angesehene, unabhängige Organisation wie die National Academy of Sciences oder die American Physical Society (APS). Tatsächlich wurde Ende 1993 in der APS eine Ad-Hoc-Arbeitsgruppe eingerichtet, die in einem Bericht die Durchführung detaillierter Studien zur Wirksamkeit der Patriot und zum Thema der taktischen Raketenabwehr empfiehlt, unter Ausnutzung geheimer Informationen.

Die Patriot-Debatte ist ein gutes Beispiel, wie naturwissenschaftlich-technisch fundierte Argumente den Schleier der Hochtechnologie-Kriegführung durchdringen und in der politisch-öffentlichen Diskussion wichtige Anstöße liefern können. Es zeigt sich, mit welchen Tricks ein Gefühl von Sicherheit durch Rüstungstechnik suggeriert und zur Durchsetzung neuer Rüstungsprogramme benutzt wird. Auch wenn die Patriot im Golfkrieg im militärisch-technischen Sinne versagte (selbst gegen die völlig veraltete Scud), hatte sie doch eine enorme politische-psychologische Wirkung, die zur Begründung neuer Raketenabwehrprogramme führte und Patriot zum Verkaufsschlager machte. Aller Kritik zum Trotz wurden Patriots in Südkorea aufgestellt, um einer vermeintlichen Aggression aus dem Norden zu begegnen. Es wäre fatal, wenn in Krisenregionen das Vertrauen auf fragwürdige Raketenabwehr die Hoffnung auf Kontrollierbarkeit eines Krieges nähren und somit die Bereitschaft zu abenteuerlichen Militäraktionen fördern würde.

Literatur

B.W. Kubbig, J. Scheffran, J. Altmann, W. Liebert, G. Neuneck, Von SDI zu GPAL, Dossier, in: Wissenschaft und Frieden 2/1992.

<>G.N. Lewis, T.A. Postol, Video Evidence on the Effectiveness of Patriot during the 1991 Gulf War, Science and Global Security, 1993, Vol.4, pp. 1-63.<>

G.N. Lewis, S. Fetter, L. Gronlund, Casualties and Damage from Scud Attacks in the 1991 Gulf War, Cambridge: MIT, Center for International Studies, DACS Working Paper, March 1993.

G.N. Lewis, T.A. Postol, The Patriot Missile Fuze in the 1991 Gulf War, Paper for the 5th Annual Symposium on Science and World Affairs, Cambridge: MIT, July 23, 1993.

J. Scheffran, Raketenabwehr contra Proliferation, Wissenschaft und Frieden, 1/1994.

Patriot Missile Defense, Software Problem Led to System Failure at Dharan, Saudi Arabia, Washington: General Accounting Office, GAO/IMTEC-92-26, February 1992.

Report of the POPA Ad Hoc Panel on Patriot and Theater Missile Defenses, Washington, DC: American Physical Society, 6 November 1993; Revised.

Dr. Jürgen Scheffran arbeitet bei IANUS in Darmstadt

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