in Wissenschaft & Frieden 1994-3: Von Freunden umzingelt

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Kriege der Zukunft: Netwar und Cyberwar

von Ingo Ruhmann

Der Golfkrieg hat das Bild von Computern als Instrument der Kriegsführung verändert und nachhaltig geprägt. Ein von Computern entscheidend gestützter Waffengang ist jedoch nur eine von vielen möglichen neuen Formen der Konfliktaustragung im Informationszeitalter.

Dessen Technologien führen zu neuen Formen des Bewältigens und Austragens von Konflikten, bei denen eine Trennung von politischer Einflußnahme und kriegerischem Akt immer schwieriger wird. Mitarbeiter der amerikanischen RAND-Corporation haben erste Vorstudien zur Nutzung neuer Instrumente bei der Austragung von Konflikten vorgelegt1. Zum neuen Mittel beim Austragen dieser Konflikte wird die per Computer bearbeitete Information, die zur Steuerung von Organisationen und dem dazu sinnstiftenden und motivierenden Organisations-Selbstbild genutzt wird. Diese Vorstudie liefert zwei neue Begriffe für die Konfliktformen der Zukunft: Netwar und Cyberwar, die nur im aktuellen politischen Rahmen zu verstehen sind. Zuerst wird daher auf die Rahmenbedingungen einzugehen sein, bevor die entsprechenden Konzepte vorgestellt werden.

Geopolitische Rahmenbedingungen

Zu den militärischen Rahmenbedingungen gehörten heute, die durch sinkende Militärausgaben erzwungenen Überlegungen zur Effektivität des eingesetzten Personals und Materials stärker als früher zu berücksichtigen. Dies führt zu einem intensiven Einsatz der als Rationalisierungsinstrument erprobten Informationstechnik2. Schwere Einheiten werden ersetzt durch mobile und dazu leichte, die ihren Auftrag jederzeit auf der ganzen Welt ausführen können. Militärstrategisch wurde zudem die Konfrontationsdoktrin aus der Zeit des Kalten Krieges ersetzt durch eine Doktrin der »Power Projection« 3, der Projektion militärischer Macht auf ausgewählte Krisengebiete.

Gleichzeitig kann mit dieser Technik eine verbesserte Anbindung unterschiedlichster Einheiten an die Kommando- und Kontroll-Infrastruktur erreicht werden. Vom einzelnen Soldaten bis zum Gefechtsstand im Pentagon wird ein zwar abgestufter, doch so nie gekannter Überblick hergestellt. Die Mobilität hat ihre bisherige Bedeutung als ausschlaggebender Faktor verloren – sie wird vorausgesetzt. Entscheidend ist heute Information. Maximale Kontrolle und Kommunikation, sowie hohe Schlagkraft, Präzision und Geschwindigkeit sind die Parameter hochtechnologisierter Armeen.

Die unterschiedlichen Interessen und Bedürfnisse der Militärs befördern zwei im Prinzip gegenläufige, doch einander unterstützende Entwicklungen. Die Kommandospitze verlangt nach strategischem Überblick, der bei Bedarf bis auf den einzelnen Soldaten fokussiert werden kann. Soldaten benötigen über das Wissen um ihre direkte Umgebung hinaus zur Koordination ihrer Aktionen mit einer Vielzahl anderer Einheiten auch Informationen über das taktische Geschehen. Die Informationsverarbeitung und -verteilung wird so zur zentralen Ressource im Krieg.

Die Abhängigkeit von der angestrebten Vernetzung ist es jedoch, die ein Ansatzpunkt für neue Konzepte für die Austragung von Konflikten ist. Diese Konzepte sind über den direkten kriegerischen Zusammenhang hinaus in dem Maße erweiterbar, wie die Informationstechnologie für die gesamte Gesellschaft an Bedeutung zunimmt und diese erheblich verändert. Die Informationsgesellschaft ist also erst die Voraussetzung für die Konzepte vom Netwar und Cyberwar, die im folgenden vorgestellt werden.

Netwar

Netwar ist definiert als ein informationsbezogener Konflikt auf der Ebene von Staaten und Gesellschaften: „It means trying to disrupt, damage, or modify what a target population knows or thinks it knows about itself and the world around it. A netwar may focus on public or elite opinion, or both. It may involve public diplomacy measures, propaganda and psychological campaigns, political and cultural subversion, deception of or interference with local media, infiltration of computer networks and databases, and efforts to promote dissident or opposition movements across computer networks.4

Ein Netwar ist – traditionell verstanden – kein Krieg, wird aber als nützliches Vielzweck-Instrument zur Abschreckung verstanden. Abschreckung würde damit nicht länger von Atomwaffen geleistet, sondern auf Computer und ihre Netzwerke verlagert.

Netwar läßt sich zunächst durchaus als eine Weiterentwicklung von Konzepten der psychologischen Kriegsführung und der Desinformation verstehen, die aus Anfängen wie militärischen Radiostationen und ähnlichen Einrichtungen für neue Techniken modifiziert wurden. Diese Bewertung ist zu revidieren, sobald man zu den Akteuren eines solchen Konflikts kommt. Dort werden nicht nur Staaten oder auf staatliche Macht abzielende Gruppen genannt, sondern explizit auch Öko- und Menschenrechtsgruppen und andere Bewegungen: „Or, to the contrary, it may be waged against the policies of specific governments by advocacy groups and movements, involving, for example, environmental, human-rights, or religious issues. The non-state actors may or may not be associated with nations, and in some cases they may be organized into vast transnational networks and coalitions“.

Hier werden also BürgerInnenbewegungen in aller Welt, die sich aus der Einsicht, gegen staatliche Macht nur gemeinsam stark zu sein, unterstützen, großzügig als Akteure in Konflikt- und Kriegsszenarien einbezogen und zugleich zu einer potentiellen Gefahr für Nationalstaaten erklärt: „Some movements are increasingly organizing into cross-border networks and coalitions, identifying more with the development of civil society (even global civil society) than with nation-states, and using advanced information and communications technologies to strengthen their activities. This may well turn out to be the next great frontier for ideological conflict, and netwar may be a prime characteristic5.

Hier wird besonders deutlich, wie sehr das Denken über zukünftige, hochtechnologisierte Konfliktformen mit alten Mustern wie dem Nationalstaat verbunden ist und an seine Grenzen stößt. Besonders die mit der Informationstechnologie möglichen internationalen Querverbindungen können den aus funktionalen und wirtschaftlichen Gründen zu vermutenden Verfall der faktischen Bedeutung von Nationalstaaten beschleunigen6. Höchst agile transnationale, auf informationstechnische Vernetzung begründete Organisationen sind heute bereits Realität. Dies würde auch das Ende staatlicher Institutionen als Konfliktpartei in einem Netwar bedeuten.

Zugeständnisse in diese Richtung enden für die RAND-Planer und andere Denker des Militärs bei low-intensity-conflicts, bei denen statt staatlicher Armeen nun „Terroristen, Banditen und Räuber“ gegeneinander antreten7. Doch ist diese Beschreibung definitiv zu kurzsichtig. Völlig außer acht gelassen werden international operierende Wirtschaftsorgansiationen. Unter den Begriff Netwar läßt sich schließlich problemlos auch die Werbung und der Kampf um Kunden subsumieren. Dies läßt sich – von Wirtschaftsspionage bis zu weit härteren Unternehmenskonflikten – leicht weiterdenken. Dies tun die RAND-Planer nicht. Wer den Netwar predigt, sollte sich jedoch nicht den logischen Konsequenzen verweigern.

Cyberwar

Kaum noch zivil ist das Konzept des Cyberwars, das als neues Paradigma militärischer Auseinandersetzungen gesehen wird: „Cyberwar refers to conducting, and preparing to conduct, military operations according to information-related principles. It means disrupting, if not destroying, information and communication systems, broadly defined to include even military culture, on which an adversary relies in order to know itself: who it is, where it is, what it can do when, why it is fighting, which threats to counter first, and so forth8.

In diesem für alle Konfliktkonstellationen anwendbaren Konzept haben hergebrachte militärische Parameter wie Truppenstärke und Ausrüstung nur noch geringe Bedeutung. Das Wissen über diese Parameter wird selbst zum entscheidenden Faktor, den es zu nutzen gilt. Mit der Vorstellung, das mit computergesteuerten Waffen bevölkerte Schlachtfeld sei keine genügend konsequente Umsetzung der Informationstechnologie, geht dieser Ansatz über bereits länger bekannte Ideen9 hinaus. Die Bedeutung des Cyberwar-Konzepts wird mit der Entwicklung des Blitzkriegs gleichgesetzt.

Der Cyberwar-Ansatz geht davon aus, jede militärische Einheit sei nutzlos, sofern sie nicht in Verbindung mit anderen steht. Das Unterbinden von Kommando und Kontrolle mache es möglich, einen überlegenen, aber führungslosen Gegner mit leichten Expeditionskräften zu bekämpfen.

Doch beschränkt sich die These nicht auf die Anwendung bekannter Techniken der elektronischen Kriegsführung10. Diese Form mache eine Reorganisation militärischer Strukturen ebenso notwendig wie die Entwicklung völlig neuer Taktiken: „Cyberwar may also imply developing new doctrines about the kinds of forces needed, where and how to deploy them, and what and how to strike on the enemy's side. How and where to position what kinds of computers and related sensors, networks, databases, and so forth, may become as important as the question once was for the deployment of bombers and their support functions. Cyberwar may also have implications for integrating the political and psychological with the military aspects of warfare.11

Besonders die letzte Aussage gilt es zu untersuchen. Hier ist zu beachten, daß für einen Cyberwar die Fortsetzung der bereits beschriebenen zweifachen Trends zur dezentralen Kommunikation zwischen Einheiten auf dem Schlachtfeld bei gleichzeitiger verstärkter Kontrolle durch die zentrale Kommandostelle typisch ist. Dabei ist zunächst der organisatorische Aspekt von Interesse.

Notwendig ist hier, die Verarbeitung von Information so zu organisieren, daß sie am richtigen Platz in der richtigen Menge anfällt. Als notwendig erweisen sich dazu enthierarchisierte, netzwerkartige Strukturen, die auf allen Ebenen mit hochqualifiziertem Personal besetzt sind. Cyberwar verhält sich damit zum Militär wie moderne Management-Theorien zur Unternehmenskultur: „Cyberwar is about organization as much as technology. It implies new man-machine interfaces that amplify man's capabilities, not a separation of man and machine.“ 12 Der Mensch und seine Fähigkeiten wird hier als wertvolle Ressource gesehen, die es zu unterstützen gilt. Gleiches verlangen Unternehmensphilosophien, die vom Mitarbeiter Vorschläge zu organisatorischen Verbesserungen und eigenverantwortliche Arbeit erwarten.

Den Bezug derartiger Strategien stellen schon Levidow und Robins dar, die Parallelen zwischen der geforderten Eigenverantwortlichkeit in Mensch-Maschine-Systemen zwischen Betrieben und dem Militär ziehen. Für sie ist die Betonung des intelligent handelnden, aber in informationstechnische Systeme eingebundenen Individuums eine Variante der Entwicklung zum Cyborg, einem gekoppelten Mensch-Maschine-Wesen13. Dieses zur Erfüllung seiner Aufgaben optimierte Wesen jedoch ist ein Paradigma, das von Militärs in den USA seit längerer Zeit verfolgt wird. Der durch Simulator-Training optimal vorbereitete und angepaßte »Warfighter« ist das zentrale Ziel dieser Bestrebungen14.

Neben dem organisatorischen ist der psychologisch-publizistische Aspekt eines Cyberwars von Bedeutung. Da die Kontrolle der gegnerischen Informationen über die eigenen Truppen erklärtes Ziel eines Cyberwar ist, werden hier verschiedene Techniken integriert genutzt. Der Golfkrieg zeigte verschiedene Methoden: Die Kommando- und Kontrolleinrichtungen des Irak waren die ersten Ziele des Krieges, geschickte Verlautbarungen an die Presse sorgten dafür, daß niemals eingesetzte amphibische Landungseinheiten vor der kuweitischen Küste das Sechsfache an gegnerischen Kräften banden und schließlich wurden – gefälschte – Gerüchte über einen angeblichen Computervirus in der Presse gestreut, der in das irakische Kommando- und Kontrollsystem eingeschleust worden sein sollte. Die Kombination von einfach militärisch aufzuklärenden Fakten mit Presseverlautbarungen half, das irakische Militär – aber auch die Öffentlichkeit – in die Irre zu führen.

Die öffentliche Meinung wird im Krieg also nicht nur zum Schutz geheimzuhaltender Operationen zum beiläufigen Opfer, sondern zur notwendigen Ressource bei der Steuerung der Informationen des Gegners. Der Golfkrieg gibt dazu noch viele weitere Beispiele, die durch den Begriff Propaganda nicht vollständig beschrieben werden. Dies deshalb, weil sich Propaganda definitionsgemäß an die Öffentlichkeit wendet. Im Cyberwar jedoch beeinflussen beide Kriegsparteien einander durch Medienaktivitäten und machen diese Aktivitäten damit zu Kriegshandlungen.

Der medial ausgetragene Krieg um die Bilder eines Krieges zeigt, daß auch technologisch wenig gerüstetete Kriegsparteien, die die Medien netzwerkartig für sich mobilisieren, Vorteile im Cyberwar erringen können. Daraus ziehen die RAND-Planer für militärisch-zentralistisch organisierte Institutionen den Schluß: „The lesson: Institutions can be defeated by networks, and it may take networks to counter networks. The future may belong to whoever masters the network form15.

Fazit: Mode oder Signifikante?

Netwar und Cyberwar stellen sich dar als die Abstufungen der aus modischen Seminaren zur Führung eines schlanken Unternehmens bekannten Konzepte. Beide lassen sich unschwer in das Vokabular von Betriebswirten übersetzen. Dies ist nicht als Modeerscheinung, sondern als signifikantes Merkmal der Informationsgesellschaft zu werten.

Ausgangspunkt in beiden Fällen sind schlanke organisatorische Strukturen, die hochgradig flexibel sein sollen und dazu qualifiziertes Personal auf den untersten Ebenen benötigen. Die Bedingungen des Produzierens und der kriegerischen Operation verlieren an Bedeutung gegenüber der Logistik und deren Kontrolle. Kontrollwissen ist nun die Ressource, die bei ähnlichen Ausgangsbedingungen den Ausschlag gibt.

Wie schon die Betrachtung der an Netwars möglicherweise beteiligten Gruppen zeigte, wird im Konfliktfall mit diesen Konzepten die Abgrenzung zwischen Krieg und Frieden immer unmöglicher. Wenn bald die Auseinandersetzung zwischen Menschenrechtsgruppen und Staaten das Führen eines Netwars bedeuten soll, ist der Schritt nicht weit, Konflikte verschiedener politischer Parteien, von konkurrierenden Unternehmen und anderen gesellschaftlichen Gruppen unter kriegerischen Aspekten zu sehen und zu verstehen. Auf der nächsthöheren Eskalationsstufe ist dann der Cyberwar angesiedelt.

Dies würde in letzter Konsequenz zu einer verstärkten Militarisierung der Gesellschaft und der darin notwendig auszutragenden Konflikte hinauslaufen. Gesellschaftliche Konflikte jedoch mit militärischen Metaphern zu sehen und unter diesen zu begreifen, führt zum Ende des demokratischen Staates.

Anmerkungen

1) John Arquilla, David Ronfeldt (International Policy Department, RAND Corp.) Cyberwar Is Coming!; in: Comparative Strategy, Volume 12, Nr. 2, S. 141-165. Zurück

2) Ute Bernhardt, Ingo Ruhmann: Computer im Krieg: die elektronische Potenzmaschine; in: Bolz, Kittler, Tholen: Computer als Medium, München, 1994, S. 183-207. Zurück

3) U.S. Army News Service: Cold War training philosophy gives way to power projection, Alexandria, 7.2.1994. Zurück

4) Arquilla, Ronfeld, a.a.O. Zurück

5) ebd. Zurück

6) Die ideologische Bedeutung faktisch sinnloser Nationalstaaten ist ein Gegentrend, der hier nicht betrachtet werden kann. Zurück

7) Martin Van Creveld: Command in War, Cambridge, 1985. Zurück

8) Arquilla, Ronfeld, a.a.O. Zurück

9) Thomas P. Rona: Weapon Systems and Information War; Boeing Aerospace Co., Seattle, July 1976. Zurück

10) vgl. Ute Bernhardt, Ingo Ruhmann: Der Krieg der unsichtbaren Waffen – Elektronische Kriegsführung; in: Ute Bernhardt, Ingo Ruhmann: Ein sauberer Tod. Informatik und Krieg; Marburg, 1991, S. 113-126. Zurück

11) Arquilla, Ronfeld, a.a.O. Zurück

12) ebd. Zurück

13) Les Levidow, Kevin Robins: Towards A Military Informations Society; in: dies.: Cyborg Worlds. The Military Informations Society, London, 1989, S. 159-177, bes. S. 169ff. Zurück

14) Director of Defense Research and Engineering: Defense Science and Technology Strategy, Springfeld, 1992, S. I-12 Zurück

15) Arquilla, Ronfeld, a.a.O. Zurück

Ingo Ruhmann ist Informatiker und arbeitet im Forum InformatikerInnen für Frieden und gesellschaftliche Verantwortung (FIFF) e.V., Bonn

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